Zul-aer Anzeiger
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Nr. 108 — 1929
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal >Zu!-aer Kreisblatt
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6. Jahrgang
Fulda, Freitag, 10. Mai
Schwierige Einigung in Paris.
Sie Pariser SachverstcindiMirmserenz.
Der amerikanische V e r t e i l u n g s p l a n.
Am Mittwoch hat Owen Young den verschiedenen Sachverständigengruppen den neuen Verteilungsplan der deutschen Zahlungen übergeben. Nach diesem soll, wie von französischer Seite verlautet, England, das bisher mit der völligen Deckung seiner Schulden zuzüglich einer Milliarde Goldmark rechnete, auf diese eine Milliarde verzichten; Belgien solle sich mit einer Herabsetzung seiner Forderung auf 1150 Millionen einverstanden erklären, während der französische Anteil von 8,4 auf 7 Milliarden und der italienische von 1,3 auf eine Milliarde Goldmark herabgesetzt werde. Daneben blieben die Alliiertenschulden in vollem Umfange bestehen.
Die Lage innerhalb der Reparationskonferenz scheint sich nicht geändert zu haben. Die Frage der Verteilung unter den Gläubigern steht nach wie vor im Vordergrund der Erörterungen. Diese Diskussion, an der die deutsche Delegation nicht beteiligt ist, dürfte voraussichtlich noch einige Tage in Anspruch nehmen.
Die Kritik, die von alliierter Seite und besonders von Frankreich an der Haltung der Vereinigten Staaten einsetzte, da diese weder in der Frage der interalliierten Schulden noch in der der Besatzungskosten Zugeständnisse machten, hat sich bis zur Erbitterung gesteigert. Diese äußert sich in heftigen Presseangriffen auf den Vorsitzenden Owen Young, dem die Franzosen den Vorwurf einer Politik mit doppeltem Boden machen, da er den Gläubigern Deutschlands Herabsetzung ihrer Forderungen zumute, ohne das gleiche Verlangen an die Vereinigten Staaten zu stellen.
Englische Stimmen zu den Pariser Neparationsverhand- lungen.
wtb. London, 10. Mai. Reuter meldet aus Paris: MuerM-gs heiää daß reta, G^c »Vorschläge â Youngs Verteilungsplan aufgestellt werden, von denen vermutlich jeder anders lauten wird. Dies nötigt aber durchaus nicht, mit einem unbedingten Fehlschlag der Konferenz zu rechnen, es weist vielmehr logischerweise auf eine Lösung hin, die der britischen Auffassung entspricht, wonach die Konferenz nicht zuständig zur Erörterung einer Abänderung der bestehenden Prozentsätze ist. Es bleibt durchaus möglich, daß der endgültige Bericht des Ausschusses einschließlich der deutschen Annuitäten entsprechend dem Youngplan und einschließlich mehrerer Sicherungen für Deutschland, die Dr. Schacht vorschlägt, einstimmig ange- nommen wird. Damit würde die Konferenz ihre Aufgabe, die deutsche Schuld endgültig festzusetzen, gelöst haben. Was die Frage der Verteilung betrifft, so würde es zweifellos mindestens eine Mehrheit (Großbritannien, die Vereinigten Staaten Italien und Japan) geben, die einen Anhang annehmen würden, wonach die Verteilung einer späteren Erörterung unter den alliierten Regierungen überlassen bleiben sollte. Falls auch Frankreich und Belgien zustun- men, würde die Annahme des Anhangs ebenso einstimmig sein,' wie die des Berichtes selbst.
Churchills Unterhauserklärung.
London, 9. Mai. Heute vormittag fand eine Kabinettssitzung statt, die sich mit Owen Youngs Reparationsvorschlägen befaßte. Anschließend erklärte Schatzkanzler Churchill tut Unterhaus, die Vorschläge Owen Youngs für die Neuverteilung der Reparationszahlungen seien nach Ansicht der Regierung unannehmbar.
Der englischen Regierung ist es damit Vorbehalten geblieben, auf die ausdrücklich als unabhängig bezeichneten Sachverständigen in einem Maße öffentlich und direkt einzuwirkcn, wie dies bisher noch keine Regierung gewagt hat.
Fnanzminister Churchill erklärte in Beantwortung^ von Anfragen der Abgeordneten Gretton und Wedgwood, daß die Regierung keine endgültigen Instruktionen an die englischen Mitglieder des Sachverftändigenkomitces in Paris gesandt habe. Sie beabsichtige auch nicht, dies zu tun, sondern es müsse dein Sachverständigen-Komitee überlassen bleiben, eine Entscheidung in dieser Frage selbst zu treffen. Wie diese auch immer aus- fallen werde, so könne sie doch nicht die Hände der englischen Regierung binden, die völlige Freiheit habe, die Entscheidung ihrer Vertreter im Sachverständigen-Komitee abzulehnen.
Um jedoch Mißverständnisse außerhalb Englands zu vermeiden, fei es auch wünschenswert, zu sagen, daß die Vorschläge, wie sie in der Presse angckllndigt worden seien, nach Ansicht der Regierung unannehmbar wären. D'e britische Regierung werde sich unter keinen Umständen damit einverstanden erklären.
Die Erklärungen Churchills wurden auf den Regierungs- bäukeu mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Der Abg. Wedgwood, der durch den neuen Verteilungsschlüssel einen Verlust von rund hundert Millionen Pfund für England befürchtet, übertrumpfte die Regierungserklärung noch mit der Frage, ob Churchill eine Garantie geben wolle, daß England unter keinen Umständen sich zu einem Geschenk an Frankreich verpflichten werde, selbst wenn dieses weniger als hundert Millionen Pfund betrage.
Churchill fügte seiner wohlerwogenen Antwort nichts hinzu, und der Sprecher mußte Wedgwood an weiteren Fragen verhindern. . ______ — . _ ________ r._____,______u____U
Londoner Vlätterstimmen zur Erklärung Churchills.
wtb. London, 10. Mai. Churchills gestrige', Unterhauserklärung wird von der gesamten Morgenpresse an hervorragender Stelle gebracht und nachdrücklich unterstützt.
„Times" sagt in einem Leitartikel: Eine so deutliche und unzweideutige Erklärung sollte dazu beitragen, den Sachverständigenausschuß zu veranlassen, diese ziemlich unglückliche Einmischung in eine diplomatische Nebenfrage, für die er tatsächlich nicht zuständig ist, aufzugeben, aber trotz aller noch bestehenden Schwierigkeiten liegt guter Grund zu der Hoffnung vor, daß zum mindesten in der Hauptfrage der deutschen Annuitäten eine Vereinbarung erreicht werden kann. Auf jeden Fall ist eine offene und ehrliche Meinungsverschiedenheit einer unbilligen Regelung entschieden vorzuziehen.
Etwas vorsichtiger äußert sich „Financial Time s", die erklärt, der Krieg liegt noch nicht fo weit zurück, daß irgendein Engländer neue Zugeständnisse an Deutschland begrüße, aber diese Zugeständnisse mögen der Mühe wert sein, wenn dadurch eine allgemeine Vereinbarung erreicht wird, die alle Aussicht hat, ausgeführt zu werden. Unter diesen Umständen verlangt die gesunde Vernunft, daß alle etwa nötigen Opfer gemeinsam getragen werden.
Der Pariser Korrespondent der „Times" kommt zu dem Ergebnis, daß unter den gegenwärtigen Umständen die einzige Hoffnung in einer Abtrennung der Frage der Verteilung von der Frage der Zahlungen liege. In dieser Richtung arbeiten, so sagt das Blatt, die britischen Delegierten.
Das Echo der Churchill-Erklärung in Paris.
wtb. Paris, 10. Mai.. Zu den gestrigen Erklärungen des englischen Schatzkanzlers Winston Churchill im Unterhaus nimmt die Morgenpresse ausführlich Stellung.
„M a t i n" kommt zu dem Ergebnis, daß ohne eine neue Bemühung zum allgemeinen Entgegenkommen der Erfolg der Konferenz, der einen Augenblick lang vorauszusehen war, aufs neue gefährdet sein würde.
.. . ^ die Amerikaner die ersten sein, die anerkennen würden, daß sie ein wenig zu weit gegangen seien.
„Echo de Paris" erklärt, besonders bemerkenswert sei, daß man in England Frankreich für die Enttäuschung der englischen Delegation verantwortlich mache. Sir Josiah Stamp habe doch voraussehen können, daß, als er der Annuität Youngs von 2 050 Millionen zustimmte, Gefahr bestand, daß die englischen Forderungen hinsichtlich der Dominiens fallengelassen werden würden.
„P e t i t P a r i s i e n" tritt der von einigen Engländern geäußerten Meinung entgegen, die Ziffernskala Youngs anzunehmen und die Frage der Verteilung offenzulassen und die späteren Verhandlungen zwischen den Alliierten vorzubehalten.
Das „Petit Journal" schreibt, die Unzufriedenheit der englischen Delegierten sei gewiß verständlich, aber wenn sie der Ansicht seien, daß der Bericht Youngs in seiner gegenwärtigen Form unannehmbar sei, so bedeute das nicht, daß seine Durchführung unüberwindliche Schwierigkeiten hervorrufe.
Lloyd George für Meinlandräumung.
Als nach einer Rede Lloyd Georges in der gegenwärtigen englischen Wahlkampagne die Aussprache begann, wurde dem Führer der Liberalen auch die Frager vorgelegt, ob er als Premierminister die Zurückziehung der englischen Truppen aus dem Rheinland durchsetzen würde. Lloyd George antwortete: „Gewiss und ohne Aufschub. Ich habe cs verschiedentlich bei der jetzigen Regierung durchzusetzen versucht. Ich verstehe wirklich nicht, wozu unsere Truppen überhaupt noch dort sind."
Friedensappell Lloyd Georges an die Frauen.
wtb. London, 10. Mai. Lloyd George hielt gestern abend in der Albert Hall vor einer Versammlung von liberalen Frauen eine Wahlrede. Die Ausführungen Lloyd Georges bezogen sich zum Teil auf die Notwendigkeit der Abrüstung zur Sicherung des Friedens. Er sagte unter anderem: Heute morgen habe ich in einem bemerkenswerten Buch, dem Tagebuch eines deutschen Soldaten (gemeint ist vermutlich das kürzlich in englischer Uebersetzung erschienene Buch von Remarque) folgenden Satz gelesen: „Die Menschen haben immer aus irgendwelchen dummen Gründen miteinander Krieg geführt." Lloyd George sagte: Das ist richtig. Der Mann ist ein streitsüchtiges Tier. Wenn die Männer das nächste Mal Zuschlägen wollen, dann sollten die Frauen sie zum Teppichklopfen schicken. Es gibt genug nützliche Dinge, an denen der Mann seine Tatkraft austoben kann. Mit der Sache des Friedens ist es rückwärts gegangen. Den Männern ist in dieser Beziehung nicht zu trauen. Die Frauen müssen sich darum kümmern.
Die Ansicht der britischen Konservativen über Fakultativ- klausel und Rhcinlandräumung.
wtb. London, 10. Mai. Premierminister Baldwin hat an Lord Cecil eine Note gesandt, in der die „wohlerwogenen Ansichten der Konservativen Partei" über verschiedene Fragen mitgeteilt werden, die in einer Denkschrift der englischen Liga für Völkerbund aufgeworfen worden waren. Baldwin sagte unter anderem: Das Vorhandensein des Kellog-Paktes hat die Unterzeichnung der Fakultativklausel des Statuts des ständigen internationalen Gerichtshofes weniger dringend gemacht. Auch die Frage der Rheinland- räumung wird erwähnt und zwar wird die Zustimmung der Konservativen zur Regierungserklärung vom 3. Dezember v. I. ausgesprochen, wonach die britische Regierung eine baldige Räumung ohne Rücksicht auf das legale Recht der vormaligen alliierten Regierungen auf Fortsetzung der Besetzung bis zum Ende der Bertragsfrist begrüßen würde.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die Pariser Reparationskonferenz soll angeblich bU Pfingsten dauern, da Schwierigkeiten unter den Gläubigerstaaten wegen der Verteilung der deutschen Zahlungen sich entwickelt haben.
* Die geplante Reichsanleihe von 500 Millionen Mark ist bereits dem Reichsrat zugeleitet worden und man hofft auf seine alsbaldige Zustimmung.
* Der Bericht über die Arbeitsmarktlage zeigt eine Fortsetzung der Entlastung. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger dürfte aber immer noch 1,1 Millionen betragen.
Soldaten des Geistes.
Die Wissenschaft — und ihre Lehre — ist frei. So steht es in der deutschen Reichsverfassung. So steht es aber auch niedergeschrieben in der geistigen Verfassung aller Kulturvölker. Oder — sollte zum mindesten an dieser „Freiheit" festgehalten werden.
Fernab vom Getriebe der Tagespolitik, aber auch fern dem Lieben und Hassen der Völker untereinander verrichtet der Wissenschaftler feine Arbeit. Und leistet sie doch für sein Volk, in dem er wurzelt, bent er entsprossen ist. Aber nicht nur für sein Volk — darüber hinaus für die gesamte Menschheit. Und es bedeutete einen besonders häßlichen Flecken in der Geschichte der Wissenschaft, daß man nach dem Kriege bis vor kurzer Zeit, vereinzelt selbst noch jetzt deutsche Wissenschaftler nicht zuließ zu internationalen Gelehrtenkongreffen. Wer aber will abschätzen, welches Volk durch seine Wissenschaftler am meisten beigetragen hat zum Aufbau der menschlichen Kultur?
Auch das deutsche Volk hat mit vollen Händen geben dürfen für die Fort-, die Höherentwicklung menschlicher Erkenntnis, menschlichen Wissens und Könnens. In allen Ländern schöpfte man tief aus diesem Born deutscher Wissenschaft. Schlecht genug hat man es uns gelohnt und schnell schleuderte man uns das Schimpfwort „Barbaren" ins Gesicht. Jetzt nur noch selten: denn trotz größter Not unseres Volkes, trotz schwerster Hemmungen, trotz der zeitweisen Unmöglichkeit, die wissenschaftlichen Fortschritte und Entdeckungen anderer Völker kennenzulernen — so mußte in der Inflationszeit z. B. die Staatsbibliothek in Berlin den Bezug fast aller wissenschaftlichen Zeitschriften des Auslandes anfgebcn, weil einfach das Geld hierfür nicht da war —, hat die deutsche Wissenschaft sich im Kreis der Völker den Rang wiedererobern können, den sie einst bekleidete.
Durch eigene Lei st ungen allein vermochte sie sich gegen jene Hindernisse durchzusetzen. Mit Stolz denkt man noch heute daran zurück, wie in nicht minder schwerer Notzeit 1810 Preußen die Berliner Universität gründete. Auch jetzt engt, wie es klagend immer wieder auf der Festsitzung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft anläßlich der Eröffnung des „Harnack-Hauses" aus allen Reden hervorklang, die Not unseres Volkes überall die Forschungstätigkeit aller jener wissenschaftlichen Institute ein, die in jener Gesellschaft zusammengeschlossen sind, überall mangelt es an Mitteln, überall sicht man mit Neid und Bitterkeit auf die Ricsensummen, die in anderen Ländern für derartige Zwecke bercitstehen oder freiwillig bereitgestellt werden. überall spürt die deutsche Forschungstätigkeit die finanziellen Gebundenheiten, die das Ausland dem deutschen Volk auferlegt hat. Sie ist — u n f r e i geworden. Äußerlich, nicht innerlich. Ist abhängig geworden von dem Schicksal des deutschen Volkes selbst.
Aber eine Entschädigung dafür ist der in der Stille forschenden, neue Wege suchenden Wissenschaft geworden: immer mehr erkennt das deutsche Volk, daß diese Wissenschaft die stärk ste Waffe im Kampf ums Dasein geworden ist, zu einer Macht, mit der alle verlorenen Gebiete wiedercrobert, neue hinzn- gcwonncn werden können. Das Verständnis für die stille Arbeit der reinen Forschungstätigkeit wächst und immer weitere Kreise werden von der Zuversicht erfaßt, daß, wie der Reichsinncnministcr Severing sich in seiner Rede bei jener Festveranstaltung drastisch ausdrückte, cs „mit dem Teufel zu gehen müßte, wenn wir Deutsche nicht in kurzer Zeit wieder vorwärlskommcn sollten".
Ein anderes Wort — Dr. Stresemann sprach es aus — ist bei dieser Gelegenheit gefallen, das den Willen zum Vorwärtskommen zum Ausdruck bringt, das der deutschen Wissenschaft, der deutschen Forschungstätigkeit gilt: „Wenn auch Sic vor Schwierigkeiten stehen, fürchten Sie sich nicht vor ihnen." Die militärische Kraft im Kampf um das Dasein unseres Volkes hat man uns zerbrochen; nun sind deutsche Forscher, deutsche Wissenschaftler zu Soldaten geworden für diesen Kampf.
Aber dieser Kampf ist ein W c t t st r e b c n , ein friedliches Ringen, wenn man ihn mit einem höheren, geistigen, die Knlturentwicklung überschauenden Blick betrachtet. Einst hat man von einer „Republik der Geister" gesprochen, wo nur die Leistung Ehre und Anerkennung schafft. Sic ist zerstört worden, als die Völker aufeinanderprallten. An ihrer Wiedererrichtung arbeitet gerade die deutsche Wissenschaft: denn die Wissenschaft ist das stärkste Mittel, um zu einer Annäherung und Verständigung der Völker zu kommen. Hier fallen die Grenzen, die von Zufälligkeiten geschichtlicher Entwicklungen gezogen wurden, und nur den Menschen, der ebenso wie er selbst um Erkenntnis ringt, sieht ber wahre Wissenschaftllcr in dem andern, gleichgültig, welchem Volke dieser angehört.
Gewiß — ein Ideal, während überall noch Menschlich Allzumcnschlichcs waltet. Aber ein Ideal, zu dem sich das Menschengeschlecht emporzuringen bemüht ist. lind so möchte man über die Schaffung des „Harnack"-Hauses das Goctbeschc Wort setzen:
„Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben;
Bewahret sie!"