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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Iulöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt
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Nr. HO — 1929
Fulda, Montag, 13. Mai
6. Jahrgang
Deutschland und Ruhland.
Seutsche Beschwerden in Moskau.
Teilweise Entschuldigung.
Zum zweitenmal in kurzer Zeit hat die deutsche Regierung Veranlassung, sich über deutschfeindliche Demonstrationen in Ruhland sowie über versuchte Einmischungen in innenpolitische deutsche Angelegenheiten zu beschweren. Wegen der Verhöhnung deutscher Minister bei Moskauer Umzügen am 1. Mai und der damaligen Rede des Volkskommissars Woroschilow erhob der deutsche Botschafter Dr. v. Dirksen Vorstellungen bei den Sowjet- führern. Trotzdem fand jetzt wieder vor dem deutschen Generalkonsulat in Leningrad eine Kundgebung gegen die deutsche Regierung statt. Es nahmen Zivilisten, Soldaten in Uniform, Matrosen und Polizeimannschaften daran teil. Im Zuge wurden Schilder getragen, die Tympathicäußcrungcn für die Berliner Maiaufrührcr und Verachtungserklärungen gegen die Berliner Polizei trugen.
Nach russischen Mitteilungen seien diese letzteren Vorkommnisse aus der Volksmenge heraus ganz plötzlich entstanden und von keiner behördlichen Stelle gebilligt worden. Der deutsche Generalkonsul in Leningrad protestierte bei dem Leiter der Polizei. Eine Untersuchung der Angelegenheit soll durchgeführt werden.
Woroschilow entschuldigt sich.
Auf die Anfrage des deutschen Botschafters in Moskau wegen der Äußerungen in der Rede des Sowjetkommissars für das Heerwesen, Woroschilow, am 1. Mai hat die Sowjetregierung erklärt, daß dem Kriegsminister jede Einmischung in innendeutsche Verhältnisse vollkommen ferngelegen habe. Der Wortlaut enthalte keine Wendung, die als solche Einmischung gedeutet werden könnte. Weiter hat die Sowjetregierung erklärt, daß sie eine Verl^ung deutscher Hoheitszeichen auch bei Massendemonstrationen nicht zulasten, sondern dagegen Vorgehen werde. '
Der stellvertretende russische Autzenkommissar, Litwinow, der sich zurzeit auf der Rückreise nach Moskau befindet, hatte auf der Durchreise in Berlin eine Unterredung mit Dr. Stresemann, in der vielleicht die Sache auch erwähnt worden ist.
Eingeworfene Fensterscheiben.
Ganz selten kommt es vor, daß irgendein Staat durch seine diplomatische Vertretung den maßgebenden Instanzen, bei denen er akkreditiert ist, Vorstellungen macht über Dinge, die von dieser Regierung als rein innenpolitisch betrachtet werden. Aber cs gibt doch Beispiele, daß irgendein Staat — nennen wir ihn in diesem Zusammenhang Deutschland — cs sich doch nicht gefallen läßt, daß die offiziell guten Beziehungen, die gegenseitig unterhalten werden, durch allerhand Machenschaften zum mindesten getrübt werden. Bisniarck ist's gewesen, der einmal von den zertrümmerten Fensterscheiben sprach, deren Kostenrechnung bezahlt werden müßte durch die
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die Reichsregierung legte beim Parlament eine Doppcl- vorlage über die 500-Millionen-Anlcihe vor; einmal die eigene Fassung, zum anderen diejenige des Rcichsrats, die besondere Wünsche der Länder berücksichtigen will.
* Aus die Beschwerde des deutschen Botschafters in Moskau über die deutschfeindliche Rede des russischen Kriegskommissars am 1. Mai haben die Sowjetbehörden eine entschuldigende und zurücknehmende Erklärung gegeben.
* Aman Ullah, der frühere Herrscher Afghanistans, scheint an Aussichten zu verlieren, den verlorenen Thron wiedcr- erobcrn zu können. Der Gegcnköuig Habib Ullah hat die Truppen Aman Ullahs geschlagen und befestigt seine Herrschaft.
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Für die Reisezeit.
Erleichterung der Paßbeschaffung.
Die im Reichsinnenministerium vorbereitete Neuordnung des P a ß w e s e n s wird voraussichtlich erst zum l. Januar 1930 in Kraft gesetzt werden können. Um jedoch den Paßbewerbern bereits bei der bevorstehenden R c r s e- z e i t die Erlangung von Pässen zu erleichtern, werden schon jetzt die neuaufgestellten Verzeichnisse der zur Ausstellung von Pässen und zur Erteilung von Srchtver- merken ermächtigten Behörden veröffentlicht. Während hinsichtlich des Kreises der Sichtvermerksbc- h ö r d c n gegen früher keine Veränderungen cingctrcten sind, ist der Kreis der Paßbehörden wesentlich erweitert worden, so daß nunmehr überall die Erlangung von Reisepässen der Bevölkerung ohne große Schwicrig- keitcn, insbesondere ohne Zeitverlust und umständliche Fahrten, möglich sein wird. Die nenerscheinenden Paßbehörden haben ihre Tätigkeit am 1, Jimi anfzunchmen.
Für P r c u ß e n sind Paßbehörden: der Minister des Innern, die Regierungspräsidenten, die staatlichen Polizeivcrwaltungen, die Landräte und die landrätlichen Hilfsbeamleu in Neuenhaus (Grafschaft Bentheim), Norderney und Borkum, die Polizciverwaltungen der Städte sowie ferner die Polizcidistriktskommissarc uniu zahlreiche ländliche Ortspolizcioèhörden.
Völker selbst, und er hat es mit ganz besonderer Betonung gemeint Rußland gegenüber.
Man mag in Moskau das Bedürfnis empfunden haben, den Tag der Maidemonstration ganz besonders zu feiern. Man mag auch des Willens gewesen sein, in dem Land, in dem man diese Maidemonstrationen zu mehr als nur zu Demonstrationen machen wollte, die Revolution vorwärtszutreiben — aber es bleibt der Rest übrig, daß die maßgebenden Leute der Sowjetrepublik es unzweideutig zu verstehen gaben, wie sehr sie sich mit innenpolitischen deutschen Angelegenheiten beschäftigen und sie kritisieren. Das hat sich der deutsche Botschafter in Moskau verbeten. Aber das hat nicht genügt, denn neuerdings haben vor dem deutschen Generalkonsulat in Moskau Demonstrationen stattgefunden, die nur geeignet sein können, die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reiche und Rußland zu trüben.
Vor Jahren hat man es an manchen Stellen mit gewisser Genugtuung begrüßt, daß das Russische Reich den wirtschaftlichen Anschluß an Deutschland gesunden hat. Es soll auch nicht verschwiegen werden, daß die Vereinbarungen, die man wirtschaftlich zwischen Deutschland und Rußland getroffen hat, von Moskau aus in der Form innegehalten worden sind, die man bei uns verlangen mußte. Aber man hat bei jedem Schritt gemerkt, daß die Russen glaubten, der deutschen Wirtschaft einen besonderen Gefallen zu tun, wenn sie den ihnen gewährten Kredit von 360 Millionen dazu benutzten, um über augenblickliche Schwierigkeiten hinwegzukommen. Die russische Handelsvertretung in Berlin hat es sogar fertiggebracht, den Austauschverkehr zwischen Rußland und Deutschland in einer Weise darzustellen, als ob Rußland nur der gebende, Deutschland aber nur der verdienende Teil sei. Dabei wissen wir ganz genau, daß Moskau stark mit der Meinung rechnet, die bei den amerikanischen Finanzleuten herrscht. Es kommt darauf an, ob die Amerikaner Rußland als ein Land betrachten, mit dem man Geschäfte machen kann. Fast das gleiche bedeutet es, wenn englische Wirtschaftskommissionen nach Rußland reisen und dort zwar keine Anfträge erzielen, aber Versprechungen für die Zukunft erhalten.
Deutschland ist das erste Land gewesen, das die offiziellen Beziehungen zu der damals noch jungen Sowjetrepublik aufnahm. Auf Dankbarkeit darf man im politischen Leben nicht rechnen, aber untragbar erscheint es, wenn eine gewisse Art der Hemdärmeligkeit in dem Verkehr der Völker untereinander einreißen würde. Das darf sich kein Volk gefallen lassen, das auf seine Würde hält. Die russische Wirtschaft ist so hilfsbedürftig, daß man in Moskau es sich überlegen sollte wieviel man für diese Hilfe geben kann. Es hat einmal in Moskau einen deutschen Botschafter gegeben, der den innenpolitischen russischen Auseinandersetzungen zum Opfer fiel. Noch heute ist der Mord an dem Frecherrn von Mirbach nicht gesühnt worden. Hart und klar sprechen in dem Verhältnis der Völker zueinander die realen Tatsachen. In Moskau denkt man sehr hart und real. Wenn infolgedessen das Deutsche Reich Veranlassung nimmt, die dortigen Mai- ereignisse ein wenig unter die Lupe zu nehmen, so geschieht das nur aus dem Grunde heraus, damit auch zwischen Deutschland und Rußland der Standpunkt gelten kann: Gibst du mir, so geb' ich dir.
Reue polnische Schikanen.
Ungerechtfertigte Liquidationsverfahren.
Amtlich wird mitgèteilt: „Zu den schon gemeldeten 33 Fällen von Liquidationen deutschen Grundbesitzes in Polen sind inzwischen zehn neue Fälle hm- zugekommen, so daß seit Dem 29. April d. Js. nach den Veröffentlichungen im „Monitor Polski" bis heute insgesamt 43 Liquidationsverfahren durchgeführt sind. ^n allen diesen Fällen handelt es sich um einen Besitz von wenigen Hektar bei den einzelnen Eigentümern. Diese werden dadurch besonders hart getroffen, daß der Liquidationserlös gering ist und keinerlei angemessenes Entgelt darstellt für die jahrelange Arbeit, die sie ihrer Scholle gewidmet haben. Erschwerend fällt ferner ins Gewicht, daß in einer Reihe von Fällen das Liquidationsverfahren nach deutscher Ansicht unzulässig ist. In diesen Fällen haben die Betroffenen am 10. Januar 1920 die polnische Staatsangehörigkeit besessen bzw. besitzen sie noch heute, so daß ihr Besitz nicht der Liquidation unterlag. Hieraus ergibt es sich, daß die Liquidationen vonseiten der polnischen Regierung als pol'tisch es Mittel zum Kampf gegen die deutsche Minderheit benutzt werden."
Die Eisenbahner rufen den Schlichter an.
Vorläufig kein Streik.
Die vertragschließenden Organisationen der Eisenbahner haben sich erneut mit dem Stand der Lohn- bewegung beschäftigt. Sie wollen, bevor ein Elfen- b ahn erstreik beschlossen wird, noch der Anregung von Reichsregierung und Spitrcnorganisationcn Nachkommen und den RcichSarbeitsministcr um die Einleitung eines Schlichtungsverfahrens ersuchen. An diesen Beicklus? >vird die bestimmte Erwartung geknüpft, daß der Ausgang des Schlichtungsverfahrens den berechtigten Er- wartungen der Mitgliedschaft der beteiligten Organisationen Rechnung trägt.
Deutschlands Pariser Vorbehalte.
Der umstrittene Schlußbericht.
In der Sitzung des Amerikaners Owen Boung mit den alliierten Sachverständigen, die am Freitag stattfand, hat Owen Voung nach französischen Berichten über die in den letzten Tagen zwischen ihm und dem deutschen Vertreter, Dr. Schacht, geführten Besprechungen Bericht erstattet. Die alliierten Sachverständigen sollen hierbei beschloffen haben, den Engländer Stamp, der bekanntlich mit der Ausarbeitung des Schlußberichts betraut ist, zu ersuchen, sich mit Dr. S ch a ch 1 in Verbindung zu setzen, um die deutschen Vorbehalte in den Schlußbericht aufzu- nehmen. Nach Beendigung der Vorarbeiten — voraussichtlich am Dienstag — würden die Sachverständigen der Gläubigerländer eine neue Sitzung abhalten, um über den Schlußbericht, die Wünsche der einzelnen Delegationen und die deutschen Vorbehalte zu beraten.
Die französische Presse ist ziemlich mißtrauisch und zeigt lebhafte Besorgnis, die deutschen Einwendungen über eine zu große und nicht erträgliche Belastung könnten doch noch Beachtung finden und die weit ausgreifenden Begehrlichkeiten Frankreichs etwas einschränken.
Dr. Schacht und Dr. Vogler in Essen.
Der Führer der deutschen Abordnung, Reichsbankpräsident Dr. Schacht, hat über Wochenende eine Dienst-- reife in das Industriegebiet angetreten und weilte am Samstag vormittag in E s s e n. In seiner Begleitung befindet sich Generaldirektor Dr. V ö g l e r. Die beiden Delegierten hatten mit dem ersten Direktor der Reichsbankstelle Essen, Karl Rambeau, eine Zusammenkunft. Die Besprechungen galten offenbar der Frage, wie weit im Rahmen der bekannten Krediteinschränkungs» Politik die besonderen empfindlichen Interessen des rheinisch-westfälischen Industriegebiets gewahrt werden können. Die genannten Maßnahmen, die dem unmittelbaren Schutz unserer Währung dienen, sind bekanntlich nach Verfügung des Reichsbankdirektoriums individuell zu führen Dementsprechend verdient das wirtschaftliche Herz Deutschlands ganz besondere Berücksichtigung und pflegliche Behandlung bei Abbau der gewährten Kredite. Stillegungen wegen Kreditbeschneidung müssem allein schon aus sozialpolitischen Rücksichten vermieden bleiben. Dr. Schacht und Dr. Vögler sind aus Essen wieder abgereist.
Das „Heilige Feuer" Bulgariens.
Bulgarische Nationalfeiern.
In S o f i a haben die Feste begonnen, die zur Tausendjahrfeier der Regierung des Zaren Simeon des Großen und zur Feier des 50. Jahrestages derBefrei - ung Bulgariens stattfinden werden. Die Tausendjahrfeier beginnt mit der Einweihung einer Kirche und eines Denkmals zu Ehren der Heiligen Cyrill und Methodius in Prjeslav. Die Feier wird in Gegenwart des Königs, der Mitglieder der Regierung, der örtlichen Behörden, hoher Beamter und vieler Zuschauer, die aus allen Teilen des Landes herbeigeströmt sind, veranstaltet werden.
Das Fest des f ü n f z.i g st e n I a h r es t a g e s der Befreiung Bulgariens wird am 15. Mai in Sofia gefeiert werden. Vorgesehen sind ein historischer Trachtenzug, Volksbelustigungen und ein Fackelzug. Laufer, Reiter, Radfahrer und Automobilisten des Sportverbandcs werden aus der alten in die neue Hauptstadt das „H e i l i g c Feuer" einholen, das im Augenblick der Einweihung der neuen Kirche in Prjeslav entzündet werden wird. In der Basilika von Zar Simeon angezündete Fackeln werden am Mittwoch dem König im Schloß in Sofia feierlich überreicht werden. Durch diese symbolische Handlung soll er aufgefordert werden, über dem Eifer des bulgarischen Volkes beim Wiederaufbau der nationalen Wohlfahrt zu wachen. Sofia hat reichen Flaggenschmuck angelegt.
Das Nationalscst zu Ehren der Jungfrau von Orleans.
Am Sonntag fand in ganz Frankreich die Feier deS Nationalfestes der Jungfrau von Orleans statt. In Paris veranstaltete die Regierung eine militärische Feier mit Vorbeimarsch am Denkmal der Jeanne d'Arc, an der die Minister, insbesondere Kriegsminister Painlevè, teilnahmen.
Aman Allah unterliegt.
Ter neue König hält s i ch. —
Nach allen einlaufenden Nachrichten scheint der Nachfolger Aman Ullahs, der in Kabul sitzende ehemalige Stammeschef Habib Ullah, sich zu behaupten. Er brachte dem gegen Kabul ziehenden Nadir Khan im Logartal eine schwere Niederlage bei und konnte seine Vorhut weiter vorwärtsschieben.
Habib Ullahs Erfolg deutet darauf hin, wie weiter berichtet wird, daß er trotz der Stärke Nadir Khans sowie Aman Ullahs seine Macht als König festigen wird. Die Streitkräfte Aman Ullahs unter Nadir Khan sind schwer geschlagen und mußten sich in Unordnung zurückziehen. Habib Ullah hat auch den Angriff eines Hazaraheeres, das vorrücktc, um Kabul anzugrcifen. abgeschlagen. Die.Hazaras mußten sich unter Zurücklassung zahlreicher Toten und Verwundeten zurückziehen. Habib Ullah hat DaUc^ seine Stellung verstärkt und scheint Kabul gegen alle Feinde halten zu können. In gut unterrichteten Kreisen herrscht die Ansicht vor, daß augenblicklich niemand vorhanden ist. Der Habib Ullah aus der Hauptstadt vertreiben kann.