Zul-aer MnZeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 115 — 1929
Fulda, Samstag, 18. Mai
6. Jahrgang
Ms Welin" gestern Bend bei Lnnlvn notgelandet.
Die Hilfsmatznahmen.
Alle Motoren bis auf einen defekt.
Wenn Lorbeeren des Ruhmes je unter Schweiß und unsäglichen Mühen errungen worden sind, so bei den Luitschiffbauten und Luftschiffahrten, die mit dem Namen des Grafen Zeppelin verknüpft sind. Von den Widerständen an, die der alte Graf am Bodensee zu überwinden hatte, von der Katastrophe bei Echterdinaeu, den zahlreichen technischen, finanziellen und politischen Schwierigkeiten, die sich seinem Nachfolger im Werk ent- negentürmten, bis zu der Havarie auf der ersten Amerikafahrt und jetzt zu dem Maschinendefekt, der Dr. Eckener zwang, auf seinem zweiten Ozeanflug umzu- kehren. Leicht wird ihm dieser Entschluß nicht gefallen sein. Aber in dem Widerstreit zwischen P r e st i g e und V e r a n t w o r t l i ch k e i t s g e f ü h l siegte, wie nicht anders zu erwarten war, das letztere, und nachdem Dr. Eckener seinen Passagieren mitgeteilt hatte, daß er die Verantwortung für eine Ozeanüberquerung, die er bisher freudig getragen hatte, nach Eintritt des technischen Defektes nicht mehr übernehmen könnte, wendete er sein stolzes Schiff und steuerte es dem Heimathafen zu. ü vermut wäre es gewesen, die Fahrt fortzusetzen, Mut war es, daß er die Kraft zu dem Entschluß fand, den Pflicht und Verantwortung dringend machten. Mag jetzt vielleicht auch hämische Kritik unverantwortlicher Stimmen einsetzen, es kann nur eine richtige Meinung und eine Stimme der gerechten Beurteilung geben und die lautet: Die Technik mag in dem einen Fall versagt haben, aber Ä
der Geists in dem baJJlB^^^
die energischc Tatkraft, die alles hintansetzt, wenn es gilt, die Pflicht der übernommenen Aufgabe zu erfüllen!
Nachdem das Luftschiff an der Pforte des Atlantischen Ozeans vor Gibraltar kehrtgemacht hatte, schlug es wieder nördlichen Kurs ein und flog an der spanischen Ostküste entlang bis zur R h o n e m ü n d u n g. Dann ging es das R h o n e t a l aufwärts.
Widrige Winde erschwerten das Fortkommen und verlangsamten die Fahrt. Dazu kam, daß als Antriebskraft nur noch drei Motoren zur Verfügung standen, von denen zeitweise einer auch noch ausgesetzt zu haben scheint. Aber
die Stimnâng an Bord scheint trotz einer gewissen verständlichen Enttäuschung nach wie vor gut gewesen zu sein, weil alle das Vorgehen Dr. Eckeners billigten und die Gewißheit hatten, daß der Schaden an sich nur eine Geschwindigkeitsverminderung, aber
keine Gefährdung der Sicherheit bedeutete.
Dr. Eckeners Aotrus.
Frankreichs Hilfsbereitschaft.
Wie Havas aus Lyon berichtet, hat Dr. Eckener um 15 Uhr 18 Minuten unweit von Valence eine an einem Sandsack befestigte Botschaft in deutscher Sprache abgeworfen, die lautet: Wollen Sie bitte durch die Garnison von Valence die Stelle mir angeben, o,c am besten für eine Landung des Zcppclinlustschiffcs geeignet ist. Dr. Eckener. — Das Luftschiff befand sich, als es diese Botschaft abwarf, in 400 Meter Höhe und hatte gegen starken Nordwind anzukämpsen. Infolgedessen wurde es in Richtung auf S a i l l a u s abgetrieben. Die Radiostation von Valence bemüht sich bisher vergeblich, ihre Apparate auf die Wellenlänge der Funkeinrichtung des Luftschiffes einzustcllcn.
- Der Präfekt des Departements D r o m e hat auf die Nachricht hin, daß der „Graf Zeppelin" abgetrieben wird, Anweisung gegeben, in dem ganzen ihm unterstellten Verwaltungsgebiet die Starkstromleitungen abzustellen. r 1
Um 17.30 Uhr veröffentlicht das französische Luftfahrt- ministerium folgende Nachricht: Um 17.15 Uhr befindet sich das Luftschiff „Gra? Zeppelin" im Take des Flußes D r â m e und bewegt sich nach Osten. Es befindet sich zurzeit in einer geschützten Zone unweit von S a i l l a n s. Die Geschwindigkeit des Luftschiffs scheint 30 Kilometer zu betragen. Havas berichtet aus Valence, daß das Luftschiff, nachdem es v e r s u ch t hatte, bei Portcs-les-Valeuce zu landen, in s ü d ö st l i ch e r Richtung a it f S a il- lans abgetrieben wurde.
Das Ministerium für Luftschiffahrt meldet, daß alles versucht werde, was menschenmöglich sei, um dem Zeppelin Hilfe zu leisten. Man habe sich mit sämtlichen Präfekten und sämtlichen amtlichen Stellen in Verbindung gesetzt und die Anweisung gegeben, wenn möglich, Hilfe zu bringen und eine Landung des Luftschiffes zu ermöglichen. So seien sämtliche Luftschisferab- teilungen der Garnison von Lyon bereits alarmiert und technisches Personal für die Landung zur Verfügung gestellt worden.
Funkspruch des französischen Luftfahrtministeriums an Dr. Eckener.
Das Luftfahrtministerium teilt mit, daß es um 17.50 Uhr Dr. Eckener durch Funkspruch die Landung des „Graf Zeppelin" in einer der beiden französischen Luftschiffbasen Orly oder Cuers-Pierrefeu je nach Wahl freigestellt hat. Der „Graf Zeppelin" hat bis jetzt noch keine Antwort gegeben. Das Ministerium hat jedoch alle notwendigen Anweisungen für eine Landung ergehen lassen. Orly liegt in der südlichen Umgebung von Paris, Cuers-Pierrefeu etwa fünfzehn Kilometer nordöstlich von Toulon.
Wieder in westlicher Richtung.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin", das gen Osten nach den Alpen zu abgetrieben wurde, hat die Richtung nach Westen eingeschlagen und flog über Montölimar.
Das Luftschiff folgt dem Rhünetal, jedoch soll der „Gras Zeppelin" in einem Winkel von 45 Grad s ch r ä g l i e g e n. Die Truppen folgen dem Luftschiff auf Transportautos.
Ein Flugzeug der Deutschen Botschaft unterwegs.
Ein Flugzeug mit dem Mitglied der Teutschen Botschaft, Gcsandtschaftsra Dr. Clodius, ist nach der Gegend, in der „Graf Zeppelin" kreuzt, übgeflogen.
„Graf Zeppelin" treibt südwärts.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" hat an den Luftschiffbau um 18.20 Uhr einen Funkspruch gerichtet, in dem es mitteilt, daß es nach dem Luftschiffhafen Cuers bei Toulon gehen werde.
Nach einer Meldung aus Lyon treibt das Luftschiff auf Avignon zu und scheint die Richtung Jstres (Flughafen von Marseille» einzuschlagen. Es ist jedoch fraglich, ob er bis dorthin wird 'gelangen können. Obwohl der Wind weniger heftig wehte, ist er noch stark genug, um die Navigation des Zeppelins zu behindern. Der Zeppelin hat das Zeltlager von Ane Ho ne überflogen, wo Truppen warteten, um ihm seine Landung zu erleichtern; aber das Luftschiff hat keinen Versuch gemacht, niederzugehen.
Das Luftschiff über Toulon.
Nach einer Meldung aus Toulon manövriert das Luftschiff feit einiger Zeit über dem dortigen Flugplatz, um die Landungsvorbcreitungcn abzuwarten. Der Zeitpunkt der Landung ist noch unbestimmt.
Die Landung.
Wie die Werftleitung mitteilt, ist das Luftschiff „Gras Zeppelin" um 8 Uhr abends in Cuers bei Toulon glatt gelandet und um 8.15 Uhr abends aus dem Flugplatz Cuers in der Flughalle untergebracht worden. Das französische Luftfahrt- ministerium erhielt von der Leitung des Luftschiffbaues ein Telegramm, in dem diese dem Ministerium für die guten Dienste und die Hilfeleistungen, die dem Luftschiff „Graf Zeppelin" gewährt worden sind, ihren Dank ausspricht.
Nach Znsormationen des Blattes „Petit Bar" sprach Dr. Eckener den an den Landungsmanövern beteiligten Ossizieren und Mannschaften sowie dem Flugplatz-Personal den lebhaftesten Dank für die bereitwillige Hilfe und für den herzlichen Empfang aus. Die Landungsmanöver, an denen sich auch 500 Soldaten beteiligten, feien geradezu vorzüglich ausgeführt worden. Passagiere und Mannschaften sind in einem Hotel in der Nähe des Flugplatzes untergebracht und werden heute nach Toulon kommen.
Ueber die Vorbereitungen zur Landung und über die näheren Umstände bei der Landung berichtet eine Havas-Depesche aus Cuers-Pierrefeu: Sofort nach Be- kanntwerden, daß die Landung des Zeppelins in Cuers bevorstehe, wurden 500 Mann aus Cuers, 200 aus Toulon und 300 aus Hyères abkommandiert. Eine Stunde nachher erschien der Zeppelin, der nur noch mit einem Motor arbeitete, über dem Flugplatz. Einwohner halsen bei der Landung mit. Das Lust- schifs fuhr einmal um den Flugplatz und ging dabei langsam nieder. Da ruhiges Wetter herrschte, konnten die unten ausgestellten Mannschaften die Fall-Leinen faste« und das Luftschiff vertäuen. Dr. Eckener stieg als erster aus. Er drückte dem französischen Kommandanten Hamont sehr herzlich die Hand und sprach einige deutsche Worte, in denen er sich entschuldigte, sich nicht in französischer Sprache ausdrücken zu können. Er dankte den Truppen und hob mehrfach die Wirksamkeit der von ihnen geleisteten Hilse hervor. Er gab auch seiner Befriedigung Ausdruck über den herzlichen ihm zuteil gewordenen Empfang. Diese Ansprachen wurden von einem Mitreisenden ins Französische übertragen. Sämtliche Pastagiere erklärten, daß sie während der Reise nicht gelitten hätten. Die Amerikanerin zeigte sich außerordentlich begeistert und erklärte, daß sie niemals auch nur einen Augenblick in Gefahr gewesen sei. Dr. Eckener gab über die Motorschäden folgende Einzelheiten: Der erste Unfall (Bruch einer Kurbelwelle) hat sich ereignet, als der Zeppelin sich über Spanien befand. Drei andere Kurbelwelle» lockerten sich nach und nach. Als man nur noch über einen Motor verfügte, faßte Dr. Eckener den Beschluß, zurückzukehren und in Richtung Rhone-Mündung zu fliegen.
Die Abendstunden in Toulon.
Wie Havas aus Marseille meldet, ist die offizielle Benachrichtigung der in Betracht kommenden Dienststellen seitens der Marinepräsektur Toulon, in der bekanntgegeben wurde, daß Dr. Eckener um die sofortige Alarmierung der Mannschafte« des Flugplatzes von Cuers-Pierrefeu ersucht habe, um 6 Uhr erfolgt. Um 7.30 Uhr wurde das Luftschiff selbst gemeldet. Um 8 Uhr war es bereits in der Halle der ehemaligen Dixmuiden fest vertäut. Während der Landungsmanöver waren große Scheinwerfer in Betrieb. Das offizielle Kommunique beglückwünscht das Personal der französischen Luftflotte zu der Geschicklichkeit, die es bei dieser Gelegenheit bewiesen habe. Dr. Eckener hat gleich nach der Landung den Korvettenkapitän Hamont, den Leiter des Flughafens, ebenfalls zu dem prachtvollen Manövrieren feiner Leute beglückwünscht.
Nach einer weiteren Havas-Meldung war, als der Zeppelin die Gegend von Toulon erreichte, die Tageshelligkeit noch ausreichend, um der Bevölkerung eine eingehende Beobachtung der Landungsmanöver zu ermöglichen. Das Luftschiff sei in geringer Höhe aber ziemlich schnell gefahren. Ueber Cuers habe es Kehrt gemacht und die Richtung nach Pierrefeu eingeschlagen. Da man daraus ohne weiteres entnehmen konnte, daß die Landung auf dem ehemaligen Landungsplatz für Luftschiffe stattfinden würde, setzten sich gewaltige Menschenmassen dorthin in Bewegung. Truppen und Gendarmerie mußten einen Cordon ziehen, um die von Minute zu Minute wachsende Menschenmenge zurückzuhalten.
Unterredung Dr. Eckeners mit einem Vertreter der Agentur Havas.
Dem Vertreter der Agentur Havas erklärte Dr. Eckener, der in einem Hotel in Toulon abgestiegen ist, folgendes: Niemals habe ich eine so schwierige Fahrt gehabt. Ich bin außerordentlich befriedigt von der tadellofen Landung. Die Anordnungen, die ich in deutscher Sprache gab, wurden unten auf der Erde französisch übersetzt und mit einer geradezu bewunderungswürdigen Präzision ausgeführt. Sie wisten, daß die Landung eines Zeppelins immer ein außerordentlich schwieriges Manöver ist. Ich höre nunmehr, daß das Personal, das uns zu Hilfe gekommen ist, in keiner Weife geschult war, deshalb bin ich besonders begeistert über die Durchführung der Landung. Sie beweist die technischen Fähigkeiten der Flugplatzleitung, der ich besondere Hochachtung zolle. Sagen Sie auch, daß ich der fran- zösischen Marine sehr dankbar bin, daß sie uns zu Hilfe kam. Der Vertreter der Agentur Havas fragte alsdann nach den Ursachen des Abbruchs der Reife. Dr. Eckener, der außerordentlich ermüdet zu fein schien, habe nur ausweichend geantwortet. Einer der Mechaniker jedoch habe ihm, dem Havas-Bertreter, später erklärt: Als der erste Motor über Spanien aussetzte, ließ man die übrigen vier Motoren schneller laufen. Bald jedoch stellten sich auch bei einer anderen Maschine Anzeichen der Ueber« beanspruchung ein. In diesem Augenblick wurde beschlossen, umzukehren. Nur ein einziger Motor ist intakt geblieben. Heute nachmittag hat uns der sehr heftige Wind abgetrieben. Ich muß ausdrücklich erklären, daß wir niemals in ernster Gefahr waren.
Wie Havas aus Toulon berichtet, erwartet Dr. Eckener Er- fatzstUckc, die er in Friedrichshafen angefordert hat. Er fei der Ansicht, daß der Zeppelin etwa 8 Tage in der Halle von Pierrrefeu verbleiben müße.
Es ist bereits ein Güterwagen bestellt, der mit vier Ersatz- motoren dem nächsten nach Toulon abgehenden Schnellzug an« gehängt wird. Es steht zur Stunde noch nicht fest, ob die Fahrt des „Graf Zeppelin" von Toulon aus fortgesetzt werden wird, oder ob eine Rückkehr nach dem Heimathafen erfolgt. Dr. Dürr wird sich mit Prof. Milarch-Bonn heute Nacht im Auto nach Toulon begeben zur Leitung der Znstandsetzungsarbeitcn. Die Kurbclwellenbrüchc gleichzeitig bei zwei Motoren werden hier in Fachkreisen als technisches Rätsel bezeichnet.