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Nr. 126 — 1929
Fulda, Samstag, 1. Juni
6. Jahrgang
I Die Pariser Verhandlungen.
Völlige Einigung in Paris.
I. Verhandlungen wahrscheinlich abgeschlossen.
Am Freitag wurde zwischen den deutschen Sachverständigen bei der Neparationskonferenz und den Vertretern der Gläubigerstaaten in allen Fragen, deren 3lege= lung noch ausstand, eine völlige Einigung erzielt, also irr der Hauptsache bei den sogenannten Vorbehalten. Es sind nur noch die einzelnen Formulierungen der getroffenen Vereinbarungen festzulegen. Die Regelung der belgischen Markforderungen steht noch aus, doch dürfte diese tsum noch das Endresultat wesentlich belasten. Die Verhandlungen sind als abgeschlossen zu betrachten.
{ Die Einzelherten der Pariser Einigungen.
; wtb. Paris, 1. Juni. Ueber das Ergebnis der gestrigen Reparationsverhandlungen, die zu einer grundsätzlichen Einigung in der Frage der Vorbehalte führten, wird unter anderem mitgeteilt: Die Höhe der ungeschützten Annuität soll einschließlich des Zinsendienstes für die Dawes-Anleihe 'konstant 660 Millionen Mark betragen. Zur Tilgung der 21 letzten Annuitäten für die Schuld bei Amerika soll die Bank für internationale Zahlungen 80 Prozent ihres Gewinnes in einem für diesen Zweck bestimmten Fonds an- sancmoln. Ein weiterer Beitrag zur Deckung dieser Annuitäten wird sich aus einer eventuellen Herabsetzung der amerikanischen Schuldenforderungen ergeben können. Das Ka- .pital der Bank für internationale Zahlungen soll 400 Mil
Der Sieg der englischen Arbeiterpartei.
Die UnLerhauswahlen.
‘ wtb. London, 1. Juni. Nach einer Reutermeldung von 19.40 Uhr abends verteilen, sich die 597 Mandate, über die bisher entschieden wurde, wie folgt: Arbeiterpartei 287, Konservative 251, Liberale 52, Unabhängige 7.
wtb. London, 1. Juni. Es wird für sicher angesehen, daß Baldwin beschließen wird, am 25. Juni vor das neue Parlament zu treten und den Liberalen die Verantwortung zu überlassen, ihn durch ihre Abstimmung zu stürzen.
Koalition mit den Liberalen?
Baldwin, der bisherige konservative Prcmicr- 1 minister, soll schon vor der Wahl angekündigt haben, er ( werde sofort seine Demission geben, wenn seine Partei in ; die Minderheit gerate. Ob bann Macdonald an seine 1 Stelle tritt, dafür ist auch ausschlaggebend die Stärke der , Liberalen unter Lloyd George. Sie können sowohl mit den Arbeitern eine Regierungskoalition schließen wie sie andererseits in der Lage sind, mit den Konservativen eine Vereinigung zu bilden und damit die absolute Mehrheit : im Unterhaus hcrzustellen.
Die weiblichen Wähler.
I Eine wesentliche Neuerscheinung bei den jetzigen , Wahlen bildete die Beteiligung der Frauen zwischen 21 und 30 Jahren, die zum erstenmal das ihnen verliehene Wahlrecht ausübten. Viele von ihnen sollen konservativ i gewählt haben, obwohl auch die Arbeiterpartei erheblichen - Zuzug von ihnen erhielt. Die Konservativen hatten in . London einen groß eingerichteten Automobilschlepperdienst । organisiert, der vorzüglich funktionierte. Manche konservativen Führer, so mehrere Minister, blieben auf der Strecke und wurden nicht wiedergewählt. Bis Freitag abend waren für die Arbeiterpartei etwa 3%, für die Konservativen 3, für die Liberalen 1X> Millionen gezählt. Macdonald erklärte seine große Zufriedenheit. Ministerpräsident Baldwin hat für Montag eine Kabinettssitzung einberufen, die Stellung zu dem Wahl- resultat nehmen soll.
j Englische Vlätterstimmen.
! , wtb.London, 1. Juni. Die liberale „Daily News" führt zum Ergebnis der Unterhauswahlen aus: Das hervorragendste Merkmal der Neuwahlen ist der gewaltige Triumph der Arbeiterpartei. Das Ergebnis der Neuwahlen wird eine gesündere, ehrlichere Politik zur Folge haben, las Blatt erklärt, es sei ein Ende der zur verhüllten Cëin* Ehrung des Schutzzolles eingefädelten Intriguen und die offizielle Annahme einer weit energischeren Friedenspolitik von Seiten Englands zu erwarten. Es scheine sicher, daß die kleine liberale Partei das Schicksal der anderen beiden Parteien in ihrer Hand halten wird. Trotzdem könne kein Liberaler die Wahlen ohne aufrichtige bittere Enttäu- bhung betrachten. Das Blatt hält es für sehr wahrschein- uch, daß das neue Unterhaus kein sehr langes Leben haben wird.
. Auch die liberale „Daily Ehronicle" tröstet sich w«, daß die liberale Partei im Unterhause das Züng- ; Q|t der Waage sein wird. Das Blatt ist der Ansicht, aß auch die Arbeiterpartei darauf Anspruch hat, das Wort 61 führen. Niemand brauche anzunchmen, daß, weil das
lionen Mark betragen, wovon Deutschland zinslos 100 Millionen Mk., stammend aus den beim Kommissar für die Reparationszahlungen durchgehenden Summen, einzahlen soll. Die geplante Regelung sieht Abschaffung aller Kontrolle vor. Die Eisenbahn- und Jndustrieobligationen werden verschwinden. Die Reichsbahngesellschaft zahlt aufgrund besonderer Abmachung mit dem Reich 645 Millionen Mark im Jahre in Form einer Steuer. Weiter hören die Liquidationsmaßnahmen innerhalb eines Jahres auf. Ueber die in Deutschland angesammelten Beträge soll die Reichsbank hinsichtlich ihrer Anlegung freie Hand behalten. Alle noch bestehenden Diskriminierungen werden ab- geschafft.
Verhandlung im Reichstag.
Die dcutschnationale Fraktion hat im Reichstage eine Anfrage über die Reparationskonferenz eingebracht, in der sie die am 29. Mai in Paris getroffene Vereinbarung über die deutschen Zahlungen für unannehmbar erklärt. Es wird gefragt, ob die Reichs- regierung geneigt sei, die Vereinbarungen abzulehnen. Der Reichskanzler möge Erklärungen noch vor der Abreise des Reichsaußenministers Dr. Stresemann zur Völkerbundtagung nach Madrid abgeben. Reichskanzler Müller hat zugesagt, die deutschnationale Anfrage sofort nach Abschluß der Pariser Verhandlungen im Plenum des Reichstages zu beantworten.
Haus keiner Partei eine absolute Mehrheit gibt, seine Tage gezählt seien.
„Daily Expreß" weist auf die gewaltige Verantwortung hin, die die Arbeiterpartei auf sich nehme. Das Blatt fordert, daß alle Parteien die Nation über die Partei stellen.
„T i in e s" stellt zwei Tatsachen fest: Den unzweifelhaften Triumph der Arbeiterpartei in gewißen Teilen des Landes und den vollkommenen Fehlschlag des liberalen Versuches, eine stärkere Vertretung im Unterhaus zu erzielen. Die Prophezeiung eines „sensationellen Wiederauflebens der liberalen Stärke und Vitalität" und der „Wille der Begeisterung für die liberale Sache", die Lloyd George, am Vorabend der Wahlen verkündete, habe sich als vollkommene Täuschung erwiesen. Die Lage bietet große verfassungsmäßige Schwierigkeiten und die Oeffent- lichkeit müsse erkennen, daß Lloyd George ' dafür verantwortlich ist. Trotzdem die liberale Partei als Zünglein an der Waage den Ausschlag geben werde, habe sie so viel Ansehen verloren, daß es ihr schwerfallen werde, diese Tatsache zu ihrem eigenen Vorteil zu verwenden. „Times" weist weiter auf die schwere Niederlage der Kommunisten hin, die nur eine.verschwindende Stimmenzahl erhielten. Laut „Daily Telegraph" wird Baldwin nächste Woche eine Kabinettssitzung einberufen.
Was die Pariser Presse sagt.
wtb.Paris, 1. Juni. Die Morgenpresse nimmt ausführlich Stellung zu dem Ergebnis der englischen Wahlen.
„M a t i n" hebt ihre außenpolitische Bedeutung hervor, Frankreich könne nicht die unverändert freundschaftliche Haltung und die aufrichtige Unterstützung vergessen, die es bei Chamberlain gefunden habe. Die Zusammenarbeit mit Macdonald werde sich unter einer anderen Form in einem neuen Rahmen zeigen, aber die Gedanken und die Absichten Briands hinsichtlich des Wiederaufbaues und der Pazifizierung Europas konnten bei Macdonald nur ein sehr sympathisches Echo finden, wenn man sich die Mühe nehme, sie ihm zu unterbreiten.
Der sozialistische „Populaire" schreibt: Man kann nicht mehr darauf hoffen, daß die Arbeiterpartei die absolute Mehrheit der Sitze erlangt. Unter diesen Umständen wird das Kabinett, das Macdonald bilden wird, keine stabile Mehrheit haben . Es wird wahrscheinlich binnen kurzem durch die Koalition der beiden Parteien des bürgerlichen Kapitalismus gestürzt werden.
„E r e N 0 u v e l l e" fragt: Wer hat Herriot, als dieser 1924 seine große Politik der Pazifizierung Europas einleitete, sofort unterstützt? Macdonald. Die Völker haben dies nicht vergessen und daher begrüßen sie den Sieg der Arbeiterpartes als ein Unterpfand des Friedens.
„Echo de Paris" schreibt, in dem Falle, daß Mac- donald die Kabinettbildung übernehmen sollte, werde er an der Kandare gehalten werden. Werde aber Macdonald nicht den Auftrag zur Kabinettbildung ablehnen? Das wäre eine verführerische Taktik. Angesichts eines schwachen konservativen Kabinetts, das durch die halb paralysierten Liberalen unterstützt werden würde, würde sich die Arbeiterpartei in der Opposition stärken können.
„I 0 u r n é e Industriell e" schreibt, Madonald könnte nötigenfalls dem Frieden ein Opfer bringen, indem er das Rheinland räume und gleich darauf, wie er dies eines Tage., mit Herriot getan habe, die Parade der großen
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die Zeichnungsfrist für die aufgelegte Retchsanleihe, die zunächst Ende Mai abschließen sollte, ist bis 8. Juni einschließlich verlängert worden.
* Der Sozialdemokratische Reichsparteitag ist, nachdem die Vorstandswahlen vorgenommen waren, am Freitag abgeschlossen worden.
* Die Wahlen zum Englischen Unterhaus brachten der Arbeiterpartei starke Gewinne, den Konservativen bedeutende Verluste.
* Bei einem Erdbeben in Argentinien fanden zwanzig Personen den Tod.
Flotte abnehmen. Darüber würde sich niemand wundern, weil diese beiden Dinge innerhalb der Linie der englischen Politik liegen. Man würde sich auch nicht wundern, wenn er in der Schuldenfrage dem sehr ausgeprägten nationalen Gefühl nachgeben würde, wonach England zu hohe Lasten zu tragen habe, einem Gefühl, dessen Auswirkungen die jetzige Regierung loyal gemäßigt habe.
„E x e l s i 0 r" schreibt, Frankreich habe ein Kriterium, um die wirklichen Absichten Macdonalds, der wahrscheinlich der neue englische Premierminister sein wird, gegenüber Frankreich kennenzulernen: Das sei die Wahl des Schatzkanzlers. Würde Snowden nach seinem heftigen Angriff auf Frankreich wegen der Nichtratifizierung des Caillaux- Churchill-Abkommens Schatzkanzler werden, so wäre das gewiß geeignet, jenseits und diesseits des Kanals die treuen Anhänger der Entente cordials zu beunruhigen.
„Figaro" schreibt: Tie Sozialisten würden vor allem versuchen, eine Diplomatie des Pazifismus und der Abrüstung heranzuziehen, die den Nationen zum Nutzen gereichen werde, die geschickt genug seien, sich ihrer zu bedienen, ohne sich durch sie täuschen zu lasten. Die Entente cordiale werde durch den Zwang der Lage aufrechterhalten. Werde sie aber stärker sein als die gefährlichen Kombinationen des Internationalismus?
Lord Robert Cecil in Frankfurt.
Seine Ansicht über den Völkerbund und den Sieg der Arbeiterpartei.
Frankfurt a. M., den 31. Mai 1929.
Der Vertreter von „Wagners Südwestdeutschem Nachrichtendienst" hatte heute nachmittag eine Unterredung mit Lord Robert Cecil, der in Frankfurt a. M. als Gast der Liga für Völkerbund, Rhein-Mainische Gruppe, weilt und in der Universität einen Vortrag über das Thema „Der Geist des Völkerbundes" hielt. Lord Robert Cecil, jetzt 65 Jahre alt, hat eine hohe, etwas gebeugte Gestalt und magere, außergewöhnlich durchgeistigte Züge. Man fühlt sogleich, daß man einer hervorragenden Persönlichkeit aus dem Kreis prominenter europäischer Staatsmänner gegenübersteht. Gern erinnert er sich der Tage, da er mit seinem Vater zur Kur in Bad Homburg weilte. Auch später war er wiederholt in Deutschland, aber, wie so viele Engländer, spricht er kein Wort Deutsch. Nach seiner Meinung über eine eventuelle Reform und möglichste Stärkung des Völkerbundes gefragt, antwortete er mit einem altenglischen Sprichwort: „Man soll niemals eine Pflanze aus dem Boden ziehen, um zu sehen, wie sie wächst." Der Völkerbund sei ein noch viel zu junger Organismus, um irgendwie einschneidende Aenderungen zu vertragen. Die Hauptsache bleibe zunächst, daß er âls internationale Organisation der Völker besteht und von den meisten der Kulturnationen, abgesehen von vier oder fünf, darunter Sowjetrußland und Ü. S. A„ anerkannt ist. Hauptsache sei für die Zukunft die Universalität des Völkerbundes. Den Kollogg-Pakt hält Lord Robert Cecil trotz aller oppositionellem Bedenken für ein, wenn nicht vollkommenes, so doch im Sinne der Aufrechterhaltung des Weltfriedens nützliches und brauchbares Instrument. Doch ist Lord Robert Cecil ein Gegner von Eruppenpakten, die er ebenso wie militärische Pakte als gefährlich für den Frieden ansieht. Hauptziele der Arbeit des Völkerbundes müßten sein: 1. Ein allgemeiner Weltschiedsgerichtsvertrag, vertreten durch ein besonderes Schiedsgerichtsgremium des Völkerbundes, dessen Entscheidungen bindend und zwingend für alle Nationen sein sollen. 2. eine wirkliche, sichtbare, vom guten Willen getragene schrittweise Abrüstung, und 3. ein internationales Kontrollamt im Rahmen des Völkerbundes zur Verhinderung des Ausbruchs von Kriegen. In letzterer Beziehung müßten die Nationen dieselbe Pflicht haben wie jeder gute Staatsbürger, der z. B. nach altenglischem Gesetz verpflichtet sei, bei Ausbruch von öffentlichen Unruhen der Polizei zwecks Herstellung der Ruhe zu helfen. Er, Lord Robert Cecil, habe ürigens bei einer Gelegenheit in Genf vorgeschlagen, daß ein gewißer Prozentsatz der Luftstreitkräfte aller Militärmächte dem Völkerbund im Falle notwendig werdender Herstellung des Friedens zur Verfügung stehen müße. Dagegen habe sich damals vor allem Frankreich gewehrt.
Mit Bezug auf den Ausgang der englischen Wahlen meinte Lord Robert Cecil, daß sich die britische Außenpolitik wohl kaum ändern werde. Jede neue britische Regierung müsse energisch für die Rheinlandräumung eintreten. Er stehe einer Arbeiter- regierung freundlich gegenüber, aber auch sie werde nicht alle ihre Reformen in der Innenpolitik durchsetzen können. Vielleicht würde die Arbeiterregierung allerdings zuviel Geld ausgeben.
In seinem vor einer großen Versammlung in der Universitätsaula gehaltenen Vortrag gab Lord Robert Cecil zunächst einen geschichtlichen Ueberdlick über die bisherigen Versuche zur Herstellung eines dauerhaften Weltfriedens. Alle diese Versuche seien fehlgeschlagen, da sie sich nicht auf eine permanente internationale Körperschaft hätten stützen können. Solch eine Organisation sei nun in Gestalt des Völkerbundes vorhanden. An den Völkern selbst liege es. ihre Regierungen zu zwingen, den Völkerbund auszubauen und ihn zu einem wirklichen universalen Friedensinstrument zu machen. Dem Redner wurde zum Schluß lebhafter Beifall gezollt.
Von Frankfurt fährt Lord Robert Cecil am Samstag"nâch Berlin, wo er in der britischen Botschaft als East weilen wird Am Dienstag hält er vor einem eingeladenen Kreise einen Vortrag im Reichstagsgebäude über den Völkerbund. Er wird am kommenden Mittwoch nach England zur ückreisen.