Zul-aer Anzeiger
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Nr. 142 — 1929
Fulda, Donnerstag, 20. Juni
6. Jahrgang
Dr. Stresemann in Paris.
Konferenz zu drift.
Aussprache zwischen Stresemann, Poincarè und Briand.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann ist am Mittwoch in Paris zu der beabsichtigten Aussprache mit Poincarè und Briand eingetroffen. Zur Begrüßung auf dem Bahnhof hatten sich außer dem deutschen Botschafter v. Hoesch und den Mitgliedern der deutschen Botschaft auch der Kabinettschef des Außenministers Briand sowie der spanische Botschafter eingefunden. Auch die Staatssekretäre v. Schubert und Pünder sind in Paris eingetroffen. Dr. Stresemann begab sich mit dem deutschen Botschafter nach dem Botschaftsgebäude. Mittags fand am Quai d'Orsay ein von Außenminister Briand zu Ehren Dr. Stresemanns veranstaltetes Frühstück statt, an dem Vertreter der deutschen und der französischen Diplomatie teilnahmen. Poincars selbst war d urch Amtsgeschäfte verhindert, hatte jedoch seine Anwesenheit nach der Beendigung des Frühstücks zugesagt.
Nach dem Frühstück war eine Aussprache zwischen Stresemann, Poincarè und Briand vorgesehen. Natürlich zerbricht man sich in politischen Kreisen Frankreichs den Kopf darüber, worüber sich diese drei Staatsmänner unterhalten haben. Während ein Teil der Presse die Meinung vertritt, dass die Besprechung einen ganz allgemeinen Charakter trug, behaupten andere sonst gut unter- richtete französische Blätter, dass die Unterredung einen hochpolitischen Charakter hatte. Und zwar sollen bei dieser Aussprache zu dritt die kommende Dnplomatenkonferenz und die mit ihr zusammenhängenden politischen Fragen erörtert worden sein. In diesem Zusammenhänge ist es von besonderer Wichtigkeit, daß, wie jetzt bekannt wird, Dr. Stresemann bei seinen Besprechungen mit Briand den letzteren darauf hingewiesen hat, daß die Annahme des Young-Planes und seine Inkraftsetzung für Deutschland nur dann einen Sinn haben wird, wenn mit dieser wirtschaftlichen Liquidierung des Krieges auch die potitifche verbunden würde. Stresemann soll , weiterhin Briand darauf hingewiesen haben, daß Deutschland eine sofortige Räumung der besetzten Gebiete und die Lösung der Saarfrage auf der Konferenz zur Entscheidung bringen wolle.
In dem französischen Ministerrat, der die Annahme des Young-Planes beschloß, wird Briand ausführlich über die Madrider Tagung berichtet haben. Der Ministerrat soll übrigens nach wie vor an der Forderung der sogenannten Kontrollkommissionen, die nach der Räumung des Rheinlandes eingesetzt werden sollen, festhalten, so daß damit zu rechnen ist, daßPoincarè und Briand den französischen Standpunkt auch Stresemann gegenüber , vertreten haben werden. Deutschlands Stellung zu dieser Forderung ist bekannt: Die deutsche Regierung wird diesen französischen Vorschlag, der eine Verewigung der Militär- kontrolle sein würde, nie akzeptieren.
Amerika unterzeichn ei den Houng-pLan nicht.
Aber Ermäßigung der deutschen Verpflichtungen.
Präsident Hoover erklärte auf. eine Anfrage, die Regierung der Vereinigten Staaten sei am Young-Plan nicht beteiligt und werde daher das hierauf bezügliche Abkommen der anderen Regierungen nicht unterzeichn e n. Die einzige Ermächtigung, die d,e Regierung vom Kongreß zu erbitten habe, sei die Zustimmung zu der Ermäßigung der deutschen vertraglichen Verpflichtungen auf Grund der Entscheidung der Gemischten Kommission sowie bezüglich des kleinen Teiles der Besatzungs- ^^Diese Erklärung stellt, das wichtige, Einver- st ä n d n i s mit den Abstrichen dar, die m Parrs an den Amerika zufließenden Beträgen gemacht wurden.
Prilsideill $wer md die Wüstung zur See.
wtb. London, 20. Juni. Der Washingtoner Korrespondent der „Times" meldet: Es ist sicher, daß Präsident Hoover gegenwärtig nicht wünscht oder beabsichtigt, eine internationale Konferenz für die Frage der Seerüstungen einzuberufen. Auch dem Gedanken der Einberufung einer solchen Konferenz durch eine andere Macht scheint er nicht zustimmend gegenüberzustehen, zum mindesten solange nicht durch einen Meinungsaustausch zwischen den Regierungen eine Uebereinstimmung der Ansichten festgc- stellt worden ist, die einen Erfolg sicherstellen würde. Präsident Hoover wünscht, daß so schnell wie möglich vorgegangcn werde, aber er wünscht auch, vorher die Sicherheit dafür zu haben' daß sich der Genfer Mißerfolg nicht wiederholt. Der Korrespondent meldet ferner, in Marinekreisen wird erklärt, daß der bereits neulich erwähnte .„aßstab für die Berechnung der Kampfstärke der Kreuzerflotte (2 Kreuzer von je 6000 Tonnen mit bzölligen Geschützen gleich einem Kreuzer von 10 000 Tonnen mit bzölligen Geschützen) nicht unkorrekt ist. Senator Borah, der das Problem der Verminderung der Seerüstung gern mit einer Erörterung des Seekriegsrechts und des Rechtes der Neutralen verbinden möchte, gibt jetzt zu, daß Präsident Hoover in diesem Punkte nicht mit ihm überemstimsE-.
Das Resultat der Besprechung.
m Der französische Außenminister Briand gab den Pressevertretern folgende Erklärung, über die Besprechung mit Dr. Stresemann: „Die heutigen Verhandlungen sind nur die Fortsetzung des Gedankenaustausches, den ich in Madrid mit Dr. Stresemann hatte. Vor dem Frühstück hatte ich mit Dr. Stresemann eine erste Unterhaltung, die dann mit Poincarè fortgesetzt wurde. Wir haben die besten Bedingungen geprüft, unter denen die interessierten Regierungen die Verhandlungen über den Sachverständigenplan einleiten könnten. Dr. Stresemann wird nach Berlin zurückkehren, um seine Regierung über unsere Unterhaltung zu unterrichten. Darauf werden die Unterhandlungen durch die Staatskanzleien fortgesetzt werden, um sobald wie möglich O r t u n d Z c i t' tunst für den Zusammentritt der Regierungskonferenz festzusetzen, d.h. diese Konferenz wird vom kommenden Monat ab stattfinden können.
Matin zur PariseriUnterredung Stresemanns.
wtb. Paris, 20. Juni. Zu der Unterredung, die Reichsaußenminister Dr. Stresemann gestern mittag am Quai d'Orsay hatte, schreibt „Matin": Die ftanzösischen Minister sprachen sich während der kurzen Unterredung in bestimmter Weise für eine beschleunigte Methode aus, also für die Abwicklung aller die Nachkriegsprobleme betreffenden Vorschläge vor den großen Ferien. Sie baten ihren deutschen Kollegen, auf diese Beschleunigung auch seinerseits hinzuarbeiten und sich ebenso wie die französische Regierung bei der englischen, italienischen und belgischen Regierung, die an der politischen Konferenz teilnehmen sollen, im Sinne dieser Beschleunigung einzusetzen. Briand habe nach der Unterredung erklärt, die Kanzleien würden unverzüglich arbeiten und die Konferenz werde im Juli stattfinden. Es sei sogar notwendig, so erklärt das Blatt, daß sie in den ersten 10 Tagen des Juli zusammentrete, damit die Ergebnisse der Konferenz zwischen dem 20. und dem 25. Juli dem Parlament vorgelegt werden konnten und die Debatte in Frankreich vor dem 1. August abgeschlossen werden könne, also vor dem Zeitpunkt, der die äußerste Grenze für die Ratifizierung des Mellon-Vërangcr-Abkommens darstellt.
Danktelegramm Stresemanns an Primo de Rivera
Reichsminister Dr. Stresemann richtete beim Verlassen Spaniens an den spanischen Ministerpräsidenten ein Telegramm, in welchem er den Dank der deutschen Delegation und seinen eigenen für die liebenswürdige Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft aussprach. Das Telegramm schließt mit den Worten: „Ich kehre nach DeuZch land zurück in der Erinnerung an schöne Tage und in de. Zuversicht auf eine weitere glänzende Zukunft Spaniens und die dauernde Freundschaft unserer beiden Länder."
Der Zeitpunkt der neuen Neparationskonferenz
wtb. London, 20. Juni. Der Pariser Korrespondent der „Times" schreibt, es spricht alles dafür, die neue Reparationskonferenz so bald wie möglich abzuhalren und e^ bestehen ernste Bedenken gegen eine Konferenz im August. Die größte Schwierigkeit bereitet die Tatsache, daß die französische Dcputicrten- kammer wahrscheinlich gegen eine Ratifizierung des Young- Planes sein wird, wenn nicht die anderen Mächte gleichzeitig ratifizieren. Wenn also der Plan am 21. September in Kraft treten soll, müssen alle vorbereitenden Schritte mit großer Schnelligkeit erledigt werden.
Die Erörterung der englischen Thronrede.
wtb. London, 20. Juni. Der diplomatische Korresvondcnt des „Daily Herald" meldet, daß der Premierminister von Schottland wahrscheinlich auf dem Luftwege nach London zurückkehren wird. — Wie verlautet, wird morgen das Kabinett die Thronrede erörtern, die am 1. Juli verlesen werden soll. Die Thron- rede stellt eine Neuerung insofern dar, als sie sich voraussichtlich auf die ganze Session von Anfang Juli 1929 br zum Juli 1930 beziehen wird. Es wird also keine Herbst-Set wn geben, sondern das Unterhaus wird sich Ende Juli vertagen und Ende Oktober oder Anfang November wieder zusammentreten.
Kenworthy zum englischen Botschafter in Moskau ausersehen.
wtb. London, 20. Juni. „Daily Telegraph" glaubt zu wissen, daß das sozialistische Unterhaus-mitglied, Kapitänleutnant Kenworthy, für den Fall einer Wiederaufnahme der englischrussischen diplomatischen Beziehungen für den Moskauer Botschafterposten ausersehen ist. Es hatte einiges Aufsehen erregt, daß. Kenworthy keinen Posten in der neuen sozialistischen Regierung erhalten hatte.
Neichsfinanzminister a. D. Köhler Finanzamtspräsident?
Als Präsident des Finanzamtes für Württemberg und Hohenzollern soll nach dem „Vorwärts" der frühere Finanz- minister Köhler in Vorschlag gebracht werden.
Weder Agrarsozialismus noch Staatsmonopol.
Um die Rentabilität der Landwirtschaft.
In Köln trat der Beirat der rheinischen Zentrums- Partei für Landwirtschaft, Garten- und Weinbau zu einer Tagung zusammen. Auf der Tagung hielt u. a. Reichsminister a.D. Dr. Hermes einen längeren Vortrag über das Rentabilttäts- Programm der Spitzenverbände. Er führte u. a. aus: In dem vorgelegten landwirtschaftlichen Notprogramm seien die Richtlinien festgelegt, die den Rettungsweg für die Landwirtschaft aufzeigen würden. Man könne jedoch der Neichsregierung nicht den Vorwurf ersparen, daß sie es an der nötigen Aktivität habe fehlen, lassen.
Aus dem Agrarprogramm beleuchtete sodann der Redner die einzelnen Punkte. Er stellte zunächst die Notwendigkeit eines durchgreifenden Zollschutzes besonders in den Vordergrund. Es gehe nicht an, daß ein gedrücktes Volk entgegen der Haltung der ganzen übrigen Welt die Fahne des Freihandels vorantragen zu können glaube. Die Landwirtschaft verlange nicht den Abbau der st e u e r l i ch e n und sozialen Belastung, doch wehre sie sich dagegen, daß diese Lasten einem Bauerntum auferlegt würden, dessen Einkünfte es in keiner Weise gestatteten, diese Summe zu zahlen. Die Wirtschaftspolitik des Staates müsse der Landwirtschaft die Möglichkeit geben, rentabler zu arbeiten. Der Redner beschäftigte sich sodann eingehend mit den Zollsätzen beim Getreide. Andere Länder schützten sich mit hohen Zollmauern. Mit unseren autonomen Sätzen sei die Katastrophe nicht abzuwenden. Hier müsse eine zusätzliche Regelung einsetzen, die in der mengenmäßigen Erfassung der ausländischen Getreideeinfuhr zu erblicken sei. Dies bedeute weder Agrar- Sozialismus noch Befürwortung eines Staats- monopols. Es solle erreicht werden, daß das Auslandsgetreide derselben Belastung unterworfen wird wie das Inlandsgetreide.
Neben einer strengen Seuchenschutzgesetzgebung sei Ute Anpassuna der Lebendviehzölle an die F l e i s ch z ö l l e zu fordern. Auch die Eier- und Ge- jlügelwirtschaft bedarf des Schutzes. Die Reform der Arbeitslosenversicherung sei unbedingt notwendig. Zu einer Entschließung wird von der Zentrumsfraktion des Reichstages gefordert, alle Kräfte einzusetzen, daß unverzüglich noch vor der Ernte alle geeigneten Maß. nahmen ergriffen werden, um die Existenzgesährdung der Landwirtschaft in letzter Stunde abzuwcnden. Besondere Hilfe wird für die bedrängten Bauern in, den Grenz- landen verlangt.
Trauerfeierim die abgestürztenSegelfiieger
„Ferdinand Schulz, der Mann der Pflichttreue."
Für die verunglückten Segelflieger Ferdinand Schulz und Bruno Kaiser fand in Marien- bürg eine Trauerfeier statt, an der Vertreter der Behör- den, der Reichswehr, der Schutzpolizei n. a. teilnahmen. Der Bürgermeister von Marienburg nannte Ferdinand Schulz den Mann der eisernen Pflichttreue, der im idealsten Sinne den ostpreußischen Typ verkörpert habe Das Andenken an ihn und seinen treuen Begleiter werde in den Herzen der Bevölkerung stets lebendig bleiben. In ähnlichem Sinne sprachen die anderen Redner. Bürgermeister Dr. G ö r d c l e r - Königsberg bezeichnete Schulz als den
volkstümlichsten Mann der Heimat.
Der Sarg mit der Leiche von Ferdinand Schulz wurde sodann zum Bahnhof geleitet, um nach Heils- berg übergeführt zu werden. Ein fast unübersehbarer Trauerzug folgte dem Sarge. Bruno Kaiser wurde in Marienburg bestattet.
Oie Wettfahrt des „Graf Zeppelin".
Der Neubau der Luftschiffhülle in Friedrichshafen.
Über den Zeitpunkt der Weltfahrt des „Gras Zeppelin" äußerte sich Dr. E ck e n c r dahin, daß der Start am 1 5. Juli stattfinde, falls keine besonderen Umstände cinträten, die eine Verschiebung des Starts notwendig erscheinen lassen würden. Was die Amerikafahrt anbelange, so solle diese mit der Wettfahrt verbunden werden.
Auf der Luftschiffwcrft in Friedrichshafen wird inzwischen eifrig an dem Hallenneuban gearbeitet. Die neue Halle soll 275 Meter (gegen 240 Meter der größten dort befindlichen Halle, in der „Graf Zeppelin" unter- gebrachl ist) lang, 80 Meter breit (gegen 42,5 Meter) und 52 Meter hoch (gegen 38,5 Meter) sein. Die Hallenrore, für die eine neue Anordnung getroffen wurde, werden sämtlich ausdrehbar sein. Von der Bauleitung der neuen Halle wird es abhängen (wenn sic die neue Halle bis zum Spätsommer fertigstellt), ob noch in diesem Herbst mit dem
Bau des neuen Luftschiffes „L. Z. 128"
begonnen werden kann. Der Rauminhalt dieses Luftschiffes soll 150 000 Kubikmeter betragen. Ausgerüstet wird cs mit acht Maybachmotoren, die insgesamt 5000 Pferdestärken haben. Die Motoren werden paarweise in vier Gondeln nntergcbracht werden. Das Luftschiff soll 230 Meter lang sein gegen 236,8 des „L. Z. 127".
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