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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 158 — 1929 to^^ss®®«^^
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6. Jahrgang
Fulda, Dienstag. 9. Juli
Tributpflichtig bis ins fünfte Glied.
Vor einem Ausverkauf
der deutschen Wirtschaft?
Die rheinisch-westfälische Wirtschaft zum Young-Plan.
Die Spitzenorganisation der rheinisch-westfälischen Wirtschaft, der Verein zur Wahrung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen in Rheinland und Westfalen, hatte seine Mitglieder und Freunde zu einer außerordentlichen Mitgliederversammlung nach Düsseldorf ein- geladen, um sie über die Ergebnisse der P a r i s e r Neparationskonferenz zu unterrichten und zu diesen Stellung zu nehmen. Zu der Tagung fanden sich etwa 1200 Teilnehmer ein. Die führenden Männer der Wirtschaft waren fast ausnahmslos versammelt. Die Tagung erhielt ihre besondere Prägung durch die Anwesenheit der deutschen Sachverständigen aus der Pariser Reparationskonferenz, der Herren Dr. Vogler, Geheimrat K a st l und Dr. M e l ch i 0 r. Tie Tagung wurde eingeleitet mit der Eröffnungsansprache von P a u l Rensch-Oberhausen, der u. a. folgendes ausführte:
„Mit der im Young-Plan vorgeschriebenen Festlegung der Tributpflicht auf weitere 59 Jahre kann und wird sich nach meiner Ansicht das deutsche Volk nicht abfinden. Wer — wie ich — Enkelkinder hat, welche bereits die Schulbank drücken, muß bei Durchführung des Abkommens mit der geradezu erschütternden Tatsache rechnen, daß seine Nachkommen
bis in die fünfte Generation tributpflichtig bleiben. Daß die Höhe der vorgesehenen Annuitäten für die deutsche Wirtschaft untragbar ist, haben sämtliche Sachverständigen zum Ausdruck gebracht. Kein verständiger Mensch glaubt daran, daß diese Annuitäten aus Ausfuhrüberschuß aufgebracht werden können.
Die Folge wird sein, daß, wenn der Noung-Plan in Kraft treten sollte, ein c r s ch r c ck e n d e r A u s v e r k a u f der deutschen Wirtschaft einsehen wird. Bon diesem Ausverkauf, der bereits begonnen hat, wird insbesondere die deutsche Industrie betroffen werden. Ausländer werden einen erheblichen Teil der deutschen Industrie beherrschen. Bei konsequenter Durchführung des Noung-Planes würde das deutsche Volk bald auf- hören, eine Nation zu fein; Deutschland würde zu einem geographischen Begriff herabsmkcn.
Der Herr Reichsinnenminister hat in Kiel gesagt: „Verbilligung der Produktion und Erhöhung der Kaufkraft der Massen sind unsere Ziele!" Mit diesen Zielen können auch wir uns einverstanden erklären. Die bisherigen Maßnahmen unserer Regierung haben jedoch das erstere Ziel in keiner Weise erreicht. Erfolgt im Rahmen unserer gesamten Wirtschafts-- u n b Sozialpolitik nicht bald eine grundlegende Umkehr, so muß ein Teil unserer Wirtschaft verküm- mern. Ich habe diese Ausführungen
nicht gemacht, um die Arbeitnehmer anzugreifen, für deren Bestreben nach besserer Lebenshaltung im Rahmen des Möglichen jeder sozial denkende Mensch Verständnis haben mutz, sondern aus dem Bedürfnis heraus, Negierung und gesetzgebende Körperschaften zu warnen, auf dem in den letzten Jahren beschrittenen Wege fortzufahren, ein Weg, der auf die Dauer das Ziel einer besseren Lebenshaltung nicht erreichen kann, sondern zur Verelendung des Volkes führen
BeZ-eiLelierGiaäfireich in Nnmänèen
Massen Verhaftungen von Offizieren.
Der rumänischen Regierung war seit einiger Zeit bekannt, daß gewisse Militärkreise einen Staatsstreich beabsichtigten. Um diese Kreise einzuschüchtern, sprach Ministerpräsident Maniu in seiner Siebe am Freitag davon, daß jeder, der verfassungsmäßige Zustände des Landes nicht respektiere, auf die eherne Gewalt des 'Staates stoßen werde.
In der Nacht auf Montag sollte der Staatsstreich verübt werden. Der ehemalige Kriegsminister und Hof- marschall Angelescu war als Ministerpräsident ausersehen. Die Regierung hat jedoch schneller zugeschlagen und noch im Laufe dieser Nacht uub am Montag vormittag zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Bis jetzt sind etwa 200 aktive und Reserveoffiziere ins Militärgefängnis eingeliefert worden. Darunter befinden sich General Brosteanu, Oberst Sturdza, Oberst Stoica sowie zahlreiche andere höhere Offiziere. General Angelescu, der Leiter der Bewegung, ist vorläufig mit Hausarrest bestraft worden. Die Regieung ist Herrin der Lage. Im ganzen Lande herrscht Ruhe.
Für Montag abend ist ein außerordentlicher Minister- rat einberufen worden, der über die weiteren Maßnahmen Beschlüsse fassen wird. Den Zeitungen ist es bisher ver- boten, über die Ereignisse zu berichten.
Hamborn in Trauer.
Am Montag wurde für fünf Minuten zum Protest gegen die Eingemeindung Hamborns nach Duisburg der Verkehr stillgelegt. Da der Strom ausgeschaltet war, mußten die Straßenbahnen stillstehen. Der Fuhrwerk- Verkehr stand ebenfalls fünf Minuten still. Die Läde»«- wnrden für dieselbe Zeit geschlossen. Mehrere hundert Menschen sammelten sich auf den Straßen und beobachteten ^ie Verkehrsstille. Auf den Schächten wehen die Flaggen nalbmast und die Friedrich-Thyssen-Hütte hat schwarz geflamt.
muß. Ich glaube nicht an die Möglichkeit der Durchführung des Young-Plans. Ich kann nicht glauben an
eine Versklavung des deutschen Volkes
für den Rest dieses Jahrhunderts. Ich glaube an eine göttliche Gerechtigkeit."
Nach Generaldirektor Reusch sprach Geheimrat Professor Dr. Weber -München über das Ergebnis der Pariser Konferenz und führte u. a. folgendes aus:
Allgemein ist die Erkenntnis vorgedrungen, daß letzten Endes die breiten MassenderBevölke- r u n a die Last der Tribute zahlen müssen. Suchen sich
Paul Reusch-Oberhausen, der bekannte Grobindustrielle.
die Arbeiter durch künstliche Hochhaltung der Löhne zu wehren, dann werden sic dafür Minderung des Kapitals und damit
vergrößerte Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen müssen. Die davon ausgehende soziale Beunruhigung muß der Ausbreitung des bolschewistischen Giftes Vorschub leisten. Auch aus diesem Grunde bedeuten die Kriegsentschädigungen eine ernste Gefahr für Europa.
Deutschland hätte auf Grund feiner gewaltigen bisherigen Leistungen — unsere Bar- und Sachlieferungen machen bis jetzt allein mindestens 40 bis 50 Milliarden Mark aus —, namentlich aber deshalb, weil das Fundament der Kriegsentschädigungen, die Kriegsschuld- lüge, nicht mehr zu halten ist, theoretisch das beste Recht auf seiner Seite, wenn e8 weitere Tribute verweigern würde. Aber es gibt keinen Gerichtshof auf der Welt, vor dem Deutschland seinen Fall anhängig machen könnte.
Die Länder der Welt dürfen nicht übersehen, daß, wenn Deutschland untergeht, wenn man den Bogen zu straff gespannt hat, unser Untergang gleichbedeutend wäre mit dem
Untergang der ganzen europäischen Herrlichkeit, und das würde auch für den amerikanischen Geldbeutel eine äußerst empfindliche Einbutze bedeuten.
Kriegervereine und Vaterländische Verbände
Kiel. Auf dem 14. Abgeordnetentag des Preußischen Landeskriegerverbandes, der hier abgehalten wurde, kain der Erste Vorsitzende des Kyffhäuser-Bundes, General a. D. von Horn, in seiner Begrüßungsansprache auch auf das Verhalten De™ Landeskriegerverbandes zu den Vaterländischen Verbände,», insbesondere zum Stahlhelm, zu sprechen, wobei er erklärte, es liege eine Gefahr darin, daß diese Verbände bestrebt seien, .^ie Kriegervereine vor ihren Wagen zu spannen. Die Bil- -oung von Stahlhelmgruppen innerhalb der Kriegervereine müsse aufs schärfste bekämpft werden Wer da glaube, in den Reihen der Kriegervcreine Stahlhelmpolitik treiben zu können, der sei auf dem falschen Weg. Er warnte die prominenten Führer in den Kriegervcrbänden, ihre Namen für die Stahl- Helmbewegung herzugeben, da daraus leicht der Schluß gezogen werden könne, daß die Kriegerverbände hinter dieser Sache stünden. Die Stahlhelmer sollten ihren Weg, die Kriegervereine aber wollen ihren Weg gehen. In den Satzung gen des Kyffhäuser-Bundes sei klar zum Ausdruck gebrachr, daß sich jeder innerhalb der Organisation und jede Organisation als solche der Pa r t e i p 0 l i t i s ch e n Tätigkeit zu enthalten habe.
„Ferntagung" der Elektrotechniker.
Ein merkwürdiges und, wie von vornherein gesagt werden mag. durchaus gelungenes Experiment haben die Elektrotechniker gemacht. In A a ch e n sand eine Tagung des Verbandes 'Deutscher Elektrotechniker statt mit telephonischem Anschluß der Elektrotechnischen Vereine in Holland, Österreich und Ungarn, die gleichzeitig Tagungen abhielten. Geredet wurde herüber und hinüber, und Aachen hörte, was in Budapest, im Haag und in Wien verhandelt wurde. Lautsprecher, Lautverstärker, Mikrophone und andere elektrische Einrichtungen besorgten die Übermittlung der Vorträge.
Während der Reden der ausländischen Verbandsvor- sitzenden erschien im Sitzungssaale zu Aachen deren Bild auf der Projektionsleinwand, wodurch der Eindruck der durch den Lautsprecher vernommenen Reden noch erhöht wurde.
„Ehrliche Arbeitsgemeinschaft"
Die Programmrede des neuen englischen Ministerpräsidenten Macdonald hat mit dem, was sie — nicht sagte oder nur sehr zurückhaltend andeutete, wieder einmal bewiesen, welch ein Abgrund klafft zwischen Parteiprogramm und Wirklichkeit. Richt einmal so weit will man in England gehen, wie das in Deutschland bereits seit langen Jahren durchgesührt ist: die Kontrolle der Preispolitik im Bergbau durch ein öffentlich-rechtliches Institut, wie es der Deutsche Reichskohlenrm ist. Seine Wirksamkeit stellt eine starke Einschränkung des Unternehmertums dar, hat Parallelen in der Kali- und der Eisenindustrie und bedeutet außerdem den Anfang einer gegensätzlichen Entwicklung zu dem, was, sich in den anderen großen Industriestaaten der Welt abspielt. Doktor Pönsgen, der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes für den Bezirk der nordwestlichen Gruppe des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, hat vor kurzem auf der Jubiläumstagung dieses Verbandes so manches gesagt über die Stellung des Unternehmers im heutigen Staat, über das Verhältnis zwischen Arbeitgeber nnd Arbeitnehmer, was vielsach auf Ablehnung, andererseits aber auch wieder auf Billigung weiter Kreise gestoßen ist. Man erinnert sich ja kaum noch daran, daß wir vor zehn Jahren die Zentralarbeitsgemcinschaft der Arbeitgeber und Arbeitnehmer besaßen, unb daß der verstorbene Hugo Siinnes und der gleichfalls nicht mehr am Leben befindliche Karl Legien, einst Vorsitzender des Verbandes der Freien Gewerkschaften, es waren, die diese Zentralarbeitsgemeinschaft im November 1918 zusammenzubringen vermochten. Davon ist nicht mehr viel übriggeblieben; der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital oder zwischen Arbeiter- und Unternehmerschaft hat sich zu wachsender Schärfe zugespitzt, wobei es Dr. Pönsgen ganz besonders beklagt, daß sich das Unternehmertum politisch fast völlig zurückgezogen Hal. Alles das, was vor zehn Jahren eingeleitet worden ist und unzweifelhaft auch viel dazu beitrug, die wirtschafts- und sozialpolitischen Folgen der Revolution, der beginnenden Inflation und all der sonstigen damaligen Schwierigkeiten zu mildern, scheint jetzt vergessen zu sein, und es ist leider nur eine Hoffnung, wenn Dr. Pönsgen die Überbrückung der Kluft zwischen Arbeit und Kapital dann erst für möglich hält, wenn „der Geist ehrlicher Arbeitsgemeinschaft, wie schon einmal in Zeiten tiefster Not, wieder zu freier Ver- ständigung zwischen den Parteien der Arbeit führt".
An die Stelle jener Zentralarbeitsgemeinschaft ist eine „Entfremdung der Parteien" getreten, wie Dr. Pönsgen das noch sehr vorsichtig bezeichnet. Streitigkeiten zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft werden befriedet nicht durch ein Übereinkommen, sondern durch einen Schiedsspruch des Staates, der hinter die Entscheidung die Staatsgewalt stellt. Nur der Machtkampf hat Platz gegriffen, nicht aber die Einsicht, datz Unternehmertum und Ärbeiterfchaft letzten Endes doch gemeinsame Interessen um so mehr haben, als der deutschen Gesamtwirtschaft jetzt wieder durch den Young-Plan gewaltige Lasten auferlegt worden sind. Nicht etwa aus dem Munde Dr. Pönsgens, sondern aus dem des auch in Deutschland sehr bekannten englischen Wirtschaftlers Keynes stammt das Wort, daß Deutschland nur dann in der Lage sei, die ihm auferlegten Lasten zu tragen, wenn es „die Löhne für Spezialarbeiter im Verhältnis zu den im Ausland herrschenden Speziallöhnen wird herabdrücken können".
Man spricht von einer Entwicklung zum Hochkapitalismus, den die Jahre der Nachkriegszeit herbeigeführt haben. Kaum mit Unrecht; all die Hoffnungen auf Sozialisierung und dergleichen sind gescheitert und außerhalb Deutschlands haben Unternehmer größten Stils — gleichgültig, ob man dabei an Amerika, England, Schweden oder Frankreich denkt — maßgebenden Einfluß erlangt auf den Gang der internationalen Politik. In Deutschland hingegen, wo an die Stelle der Einzelpersön- lichkeit die Macht der Organisation trat, haben wir diesen Unternehmertyp kaum noch zu verzeichnen. Wir sind aber auch nicht so weit wie etwa in England, wo Arbeitgeber- unb Arbeitnehmerschaft durch ein freiwilliges Schlich- tungssystem das Jnteressiertsein beider Seiten, sowohl der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer, am Ertrage der Wirtschaft zum Ausdruck bringen. In Deutschland wirkt statt derartiger Übereinkunft, die von gemeinsamem Interesse diktiert ist, ausgleichend lediglich die Staatsgewalt, — ein Zustand, der durchaus nicht als erfreulich zu bezeichnen ist
Dr. Pönsgen erinnert noch an ein zweites Wort von Keynes: Deutschlands Leistungsfähigkeit bei der Er- füllung des Young-Plans wird auch dadurch bestimmt, ob die übrige Welt bereit ist, deutsche Waren an- zuneh m en. Leider ist diese Bereitwilligkeit überaus gering entwickelt, ist vielmehr festzustellen, daß gerade die wichtigsten Gläubiger Deutschlands sich durch immer höhere Zollmauern gegen die deutsche Wareneinfuhr ab- sperren. Trotzdem ist die Streitfrage uw die Richtung, die der Ertrag der deutschen Wirtschaft zu nehmen hat, durch unsere Stellung als tributzahlender Staat schon entschieden. Es liegt im gemeinsamen Interesse der Unternehmer und der Arbeiter, die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft im Auslande durch eine „ehrliche Arbeitsgemeinschaft" zu stützen, sie in mancher Beziehung überhaupt erst möglich zu machen.
5. Kongreß der Internationalen Handelskammern.
wtb. Amsterdam, 9. Juli. Der 5. Kongreß der Internationalen Handelskammern wurde gestern feierl. eröffnet. Von den 1100 Kongreßteilnehmern sind 250 Deutsche.