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Iul-aer Anzeiger

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Nr. 167 1929

Fulda, Freitag, 19. Juli

6. Jahrgang

Erste MstWMie der M-eismtkM.

Deuischland

soll Rußland und China verireien.

Die Sowjetregierung hat die Reichsregierung gebeten, während der Dauer des Abbruchs der Beziehun­gen zwischen Rußland und China die Wahrnehmung der russischen Interessen in China zu übernehmen. Auch der Berliner chinesische Gesandte hat beim Auswärtigen Amt einen Schritt unternommen mit der Bitte, die Wahr­nehmung der chinesischen Interessen in Rutzland zu über­nehmen.

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Deutschland als Wahrer der russischen und chinesischen Interessen.

DieGermania" schreibt zu der Betrauung Deutsch­lands mit der Wahrnehmung der russischen und der chinesi­schen Interessen u. a.: Das Ersuchen Moskaus und Nankings um Schutz ihrer Interessen durch Deutschland bedeutet einen Akt von symbolischer Bedeutung und Trag­weite. Deutschland hat sich seit Kriegsende sowohl Ruß­land wie China gegenüber äußerst loyal verhalten. Deutschland hat sich in China durch den freiwilligen Ver­zicht auf seine sämtlichen Konzessionen und Vorrechte ein hohes Maß von Vertrauen und Hochachtung erworben. Und es hat Rußland in einer Zeit, als sich noch keine abendländische - Macht um die Sowjets bemühte, bereits weitgehende Zugeständnisse, Arbeitskraft und Anleihe- summen gewährt. Umso mehr Anlaß wird Deutschland jetzt haben, in dem unheilschwangeren Konflikt, dessen gordischer Knoten nicht mit einem Schlagwort zu lösen ist, Zurückhaltung und strickte Neutralität zu üben und zu wünschen, daß der unheilverkündende Streit nicht zwei ebenso zukunftsreiche wie selbstbewußte Nationen in einen Krieg stürzt.

DieD. A. Z." sagt u. a.: Es ist mit Genugtuung fest- ^zustâeu, daß sowohl die chinesische wie auch die Sowjet,-, regierung an Deutschland mit der Bitte herangetreten sind, den Schutz der Chinesen in Rußland und der Russen in China zu übernehmen. In dieser Tatsache ist eine Aner­kennung der Friedensarbeit Deutschlands zu sehen, die es auf seine eigenen Kosten und zugunsten des Weltfriedens in den letzten Jahren geleistet hat. Und in der Tat hat Deutschland nur das eine Interesse, mit allen Kräften daran mitzuarbeiten, daß, wie jeder andere Krieg, so auch der Krieg zwischen der Sowjetunion und China ver­hindert wird.

Die ersten Schüsse?

In Peking wird von chinesischer Seite ein Bericht ver­breitet, wonach Sowjettruppen den Versuch machten, den Amurslutz in der nördlichen Mandschurei zu überqueren. Die Russen seien zurückgeschlagen worden.

Von japanischer Seite in Peking verlautet, daß die russischen Truppen mit beträchtlichen Mengen von Flug­zeugen und chemischen Kriegsmitteln ausgerüstet wurden.

Die Truppenbewegungen in der Mongolei umfassen vor allem Kavallerie. Rein zahlenmäßig sind die an der Grenze zusammengezogenen chinesischen Truppen wett stärker, doch ist ihre Ausrüstung nicht annähernd so gut als die der russische« Truppen.

Neutralität Englands im russisch-chinesischen Konflikt.

Der diplomatische Vertreter desDaily Telegraph" berichtet zu dem'russisch-chinesischen Konflikt amtlich: Groß- Britannien nehme die Lage in China für wirklich ernst an und sei der Meinung, daß es außerordentlich töricht von

Demonstratio« vor der chinesischen dipkmmMsthe« Vertretung m Moskau.

Rußland sei, China in dem Augenblick anzugreifen, in dem Moskau eine Versöhnung mit Groß-Britannien herbeizu­führen gedenke. Wie halbamtlich gemeldet wird, steht England dem Konflikt streng neutral gegenüber.

Verhängung des Belagerungszustandes in Charbin.

wtb. Tokio, 19. Juli (Reuter). Wie aus Charbin ge­meldet wird, ist dort sofort nach dem Abbruch der chinesisch- russischen Beziehungen der Belagerungszustand verhängt worden. Starke chinesische Truppenabteilungen versehen den Patrouillendienst in den Straßen. Eine Proklama­tion des Gouverneurs droht, für die Verbreitung von Ge­rüchten, die Todesstrafe an. Alle Zeitungen find unter Zensur gestellt. Das Geschäftsleben ist zum Erliegen ge­kommen. Im japanischen Konsulat drängen sich die sowjetrussischen Staatsangehörigen die ein Visum zu er­halten wünschen um nach Dairen zu gehen.

Keine Kriegsbefürchtungen in amerikanischen Finanzkreisen.

Newyork, 18. Juli. (W.V.) Dem Newyorker Vertre­ter des W. T. B. wurde von Finanzkreisen erklärt, daß der russisch-chinesischen Spannung bisher wenig Bedeu­tung beigemessen werde, da man erwarte, daß der Krieg verhütet werden könne.

In her Sitzung des japanischen Kabinetts erklärte der Kriegsminister, daß nach amtlichen Mitteilungen des japa­nischen Außenministeriums die Sowjetregierung an der russisch-chinesischen Grenze 80 000 Mann gutbewaff­neter Truppen zur Verfügung habe. Die chinesische Regierung besitze gegenwärtig an der Ostbahn 150 000 Mann kampfbereiter Truppen. Der Kriegsminister schil­derte die Lage in der Nordmandschurei als sehr bedrohlich und betonte, daß Japan nunmehr vor die Notwendigkeit ge­stellt sei, zum russisch-chinesischen Streit Stellung zu nehmen.

*

Kurz vor Inkrafttreten des Kellogg-Paktes scheint es so, als ob seine Wirksamkeit gleich zu Beginn auf eine ernste Probe gestellt werden sollte. Rußland hat die diplomatischen Beziehungen zu China abge­brochen, seine Vertretungen aus China abberufen und dem chinesischen Geschäftsträger in Moskau die Pässe zu­gestellt. Auf Grund des Kellogg-Paktes, den Rußland und China unterzeichnet haben, wären die Großmächte ge­zwungen, einen vermittelnden Schritt in dem Konflikt zu unternehmen. Die zweite Möglichkeit zu einer friedlichen Beilegung des Streites wäre durch ein Ein- schreiten des Völkerbundes gegeben. Hierzu muß aber von irgendeinem Mitgliedsstaate ein Ersuchen an den Völkerbund gerichtet werden. Jedenfalls stehen jetzt sowohl Kellogg-Pakt wie Völkerbund vor einer unmittel­baren großen Verantwortung, der sie sich nicht entziehen können. In politischen Kreisen besteht allgemein der Ein­druck, daß man nunmehr im Fernen Osten vor außer­ordentlich weittragenden Ereignissen siebt.

Karachan, Wang,

der das russische Ultimatum der Leiter der Außenpolitik an China unterzeichnete. der Nankingregierung.

ImB. B. C." wird erklärt: Es darf aber schon jetzt angenommen werden, daß Deutschland sich durch dieses ehrende Vertrauen keinesfalls zu einer Stellungnahme oder auch Vermittlertätigkeit wird verleiten lassen, die über die einfache Wahrnehmung der einmal übernomme­nen humanitären Pflichten hinausgeht.

Konferenz der chinesischen Regierungsführer.

Nanking, 18. Juli. (W.B.) Der Wortlaut der Sowjet- note, durch die die Beziehungen mit China abgebrochen werden, ist heute abend hier eingetroffen, und der Mini­sterpräsident hat eine Konferenz der Führer der Regie­rung einberufen. Der Präsident des gesetzgebenden Rates Huhanmin erklärte nach der Konferenz, die Regierung sei nicht beunruhigt, denn die Note sei erwartet worden, und man sei der Ansicht, daß nichts Ernstes daraus folgen werde. Ein Krieg zwischen China und Rußland sei ganz unwahrscheinlich. Aber aufgrund der Pekinger Aus­sprache zwischen Tschiang Kai-scheck und Tschang Hsy-liang sei die Regierung für alle Entwicklungen, die sich ergben könnten, vorbereitet.

Die Abreise des russischen Generalkonsuls in Peking.

Daily Mail" berichtet aus Peking: Der russische Generalkonsul in Peking wird voraussichtlich heute nach Dioskau abfahren. Der deutsche Gesandte wird dann die russischen Interessen wahrnehmen.

Kammerdebatte über die Ratifizierung der Schuldenabkommen.

Sie Grundlage für die Ordnung SmopaS.

Ein Bündnis zwischen Deutschland und Frankreich.

In seiner großen Kammerrede erinnerte der frühere Ministerpräsident Herriot am Schluß seiner Ausfüh­rungen an die Vergangenheit und an den Dawes- Plan, dem niemand habe zustimmen wollen, als er ihn aus London mitgebracht habe. Damals sei die Idee der gemeinsamen Interessen zwischen dem Sieger und demBesiegten entstanden. Herriot fährt fort:Man sagt, daß die Ruhrbesetzung Deutschland gezwungen habe, den Dawes-Plan anzunehmen. Ich glaube das nicht. Man sagt weiter, daß die Ruhrbesetzung uns Milliarden Frank eingebracht habe. Aber wieviel Haß hatsie gesät? Deutschland nahm den Dawes- Plan an, es hat freiwillig bezahlt, well man es zu den Beratungen Luließ. Der Koung-Plan enthält kein Gegen­gewicht für den Fall, daß Deutschland Frankreich nicht be­zahlen werde. Was wir wollen? Wir wollen den Frie­den! Wenn es möglich ist, einen französischen Frieden, d. h. einen Frieden, der nach den Überliefe­rungen Frankreichs abgeschlossen wird! Wir wollen, daß Frankreich, das einst die Rechte der Menschen proklamierte, heute die Grundlage für die Rechte der Völker legt. Deshalb fordern wir, daß die Grundlage unserer Politik die Idee einer Annäherung der europäischen Staa­ten sei. Es handelt sich nicht um einen europäischen Block gegen Amerika, es handelt sich vielmehr um den Versuch, Ordnung in die Angelegenheiten Europas zu bringen. Ein vertrauensvolles Bündnis zwischen Frankreich und Deutschland ist die Unter­lage für die europäische Solidarität. Stresemann hat im Reichstag eine Auffassung vertreten, über die er sich noch näher aussprechen sollte. Denn gerade wir, die wir die Schwierigkeiten der deutschen Republi­kaner verstehen, fordern, daß sie ebenso aufrichtig sind wie wir. Frankreich verlangt Vorbehalte» die die Interesse« Frankreichs sichern sollen.

Die Bilanz der Duhrbefetzung.

Später griff Herriot noch einmal in die Aussprache über die R u h r b e s e tz u n g ein und erklärte von neuem, sie sei vom militärischen Standpunkt aus kein Unterpfand gewesen. Für Marschall Foch habe die Ruhrbesetzung nicht im Zusammenhang mit der Sicherheit Frankreichs gestanden. ,

In diesem Augenblick erscheint Briand im Saale und spricht sein Bedauern darüber aus, daß man die Meinung der M i l i t ä r s den Handlunaen der R e a l e -

rung entgegensetze. Der Abgeordnete Bergery legte dar, daß die ganze Politik, die der Ruhrbesetzung voraus- gegangen sei, Schiffbruch erlitten habe. Der französische Ruhrbesetzungsplan sei an und für sich undurchführbar gewesen, da von Deutschland 132 Milliarden Goldmark ver­langt worden seien. Die Ruhrbesetzungsziffer« für 1923 seien folgende: Ausgaben 863 Millionen Frank, Einnahmen 1369 Millionen Frank, Überschuß 506 MU- lionen Frank oder 130 Millionen Goldmark.

In der Nachmittagssitzung der Kammer setzte der Ab­geordnete Bergery seine Rede über die Ratifizierung der Schuldenabkommen fort und erklärte, daß er für eine Rati­fizierung der Schuldenabkommen unter Vorbehalten sei. Der Ministerpräsident habe selbst gesagt, daß eine Nicht­ratifizierung den Poung-Plan gefährden würde. Er be­dauere, daß Frankreich alles in allem 42 Millionen Franken erhalten solle. Die französischen Unterhändler müßten auf der bevorstehenden Konferenz unabhängig sein. Wenn Deutschland tatsächlich seine Zahlungen em- stelle, werde Amerika nicht bestreiten können, daß Frank­reichs Zahlungsfähigkeit verringert sei. Der Abgeordnete beklagte weiter das Uebergreifen der amerikanischen Finanz auf Industrie und Handel Frankreichs. Die Ver­treter des Landes hätten die Pflicht, die finanzielle und wirtschaftliche Unabhängigkeit Deutschlands zu schützen. Die Amerikaner hätten zwar auf den Krieg als ein In­strument der Diplomatie verzichtet, aber sie wollten nicht auf das Gold als ein Instrument der internationalen Macht verzichten.

Nach dem Abgeordneten Bergery ergriff der soziali­stische Abgeordnete Vincent Auriol das Wort. Er er­innerte, daß alle Entäuschungen, über die man sich beklage, aus dem Versailler Vertrag herrührten. Im Augenblick der Friedensverhandlungen wäre es möglich gewsen, durch ein direktes Abkommen unter den Alliierten eine gerechte Verteilung der Kriegslasten vorzunehmen.

Man habe versucht, die Enttäuschung des Volkes durch die heuchlerischen Abkommen, die sich an den Versailler Vertrag angeschloiien hätten "i beruhigen,

aber man habe im Jahre 1922 großartige Verständigungs­möglichkeiten übersehen. Gegen die Sozialisten habe man eine Verleumdungskampagne geführt. Man habe ihnen vorgeworfen, die Deutschen begünstigen zu wollen. Auch während der Ruhrbesetzung hätten die Sozialisten einen Plan vorgelegt. Auriol, der der Kommission angehörte, die über die Schuldenabkommen in Washington oerhan-