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Zulöaer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

Zulöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

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Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mH chueUenangab» .Zuldaer flnzelger'geslattet.

Nr. 168 1929 «I, na w iHmnriwr*

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6. Jahrgang

Fulda, Samstag, 20. Juli

Schwelender Kriegsbrand.

Der Konflikt in Ofiafien.

Kriegszustand in der Mandschurei.

Die Nachrichten über den Konflikt im Fernen Osten lauten einigermaßen verworren und widerspruchsvoll, was bei der weiten Entfernung und der großen Ausdehnung des Operationsgebietes nicht wundernehmen kann. In­wieweit sich Dichtung und Wahrheit vermischen, ist von hier aus nur schwer festzustellen. Vor Übertreibun­gen nach der einen wie nach der anderen Seit« hin wird man sich jedenfalls hüten müssen. Im großen und ganzen ist der Eindruck jedenfalls der, daß die Lage im Fernen Osten

außerordentlich gespannt

bleibt. Beide Parteien, Rußland sowohl wie China, rüsten mit Feuereifer und vollziehen weiter die Auf­märsche an der Grenze. Wenn auch bisher bei beiden Regierungen der Wunsch vorwiegend sein mag, einen offenen Konflikt zu vermeiden, so wissen wir doch aus traurigen Erfahrungen, die wir in ähnlichen Sommer- tagen im Jahre 1914 gemacht haben, wie leicht, wenn mit geladenen Flinten zwei kriegerisch gesonnene Parteien ein­ander gegenüberstehen, auch ohne besonderen höheren Befehl

die ersten Schüsse losgehen, wie aus dem Vorpostengeplänkel sich leicht ein blutiger Krieg entwickeln kann.

Im K e l l 0 g g - P a k t, der am nächsten Mittwoch in Kraft treten wird, haben sich die unterzeichneten Mächte, zu denen auch Rußland und China gehören, verpflichtet, von dem letzten Hilfsmittel des Krieges abzusehen und ihre politischen Streitigkeiten, wenn möglich, auf dem Wege diplomatischer Verhandlungen und Anrufung von Schiedsgerichten auszutragen. Die Bestrebungen des Völkerbundes gehen bekanntlich aus ähnliche Ziele hinaus. Wenn es diesen beiden Institutionen nicht ge­lingen sollte, den russisch-chinesischen Konflikt auf friedlich- schievliche Art zu bereinigen, so wäre das ein trauriges Zeichen dafür, daß die internationalen Friedensabmachün- gen nichts weiter geblieben sind als ein S t ü ck P a p i e r, das von dem ersten Aufflackern eines Kriegsbrandes in Rauch und Asche aufgeht.

Vorläufig hat sich noch keiner der zunächst inter­essierten Staaten, sei es Amerika oder Japan, bereit erklärt, eine Intervention in die Wege zu leiten.

Die deutsche Regierung hat sich zur strengsten Neutralität verpflichtet, als sie jetzt dem Ersuchen der Sowjetregierung und der nationalen Regierung der Chinesischen Republik nachaekommen ist und den Schutz

der Sowjetstaatsangehörigen in China sowie den Schutz der chinesischen Staatsangehörigen im Gebiet der Sow­jetunion übernommen hat.

Im einzelnen besagen die Meldungen über

die kriegerischen Rüstungen

der beiden Gegner, daß der russische General Bud­jonny, der den Oberbefhl über die russischen Streit­kräfte übernommen hat, im Begriff ist, an der mandschu­rischen Grenze ein starkes Luftgeschwader zusammenzu­ziehen und die Infanterie-, Kavallerie- und Tankabteilun­gen in den Grenzgebieten zu verstärken. Für diesen Zweck wurde alles verfügbare Eisenbahnmaterial beschlag- nahnit. Die Garnisonen in Leningrad und Moskau sind bedeutend verstärkt worden. Den Oberbefehl über säurt liche chinesischen Streitkräfte in der Nordmandschurei hat Marschall Tschanghsueliang übernommen. Er hat längs der chinesischen Ostbahnlinie den Kriegszustand verhängt und jeden Streik auf der chinesischen Ostbahn unter strengste Bestrafung gestellt.

Die beiderseitigen Regierungen versichern trotz der starken Rüstungen und Kriegsvorbereitungen nach wie vor, daß sie

einen friedlichen Ausgleich wünschen.

Aber die Kriegsstimmung der beiden Völker scheint bereits einen außerordentlich hohen Grad erreicht zn haben, wie die Nachrichten über die Massenversammlungen und Demonstrationen in Rußland sowohl wie in Chin a anzeigen. In solchem Falle liegt, wie die Ge­schichte zeigt, stets die große Gefahr vor, daß, wenn auch noch bei den leitenden Stellen der Wunsch nach fried­

licher Einigung besteht, die Parteien ungewollt in einen Krieghineinschliddern*.

Vormarsch der russischen Truppen.

Wie aus Osaka gemeldet wird, sollen die russischen Truppen die Offensive ergriffen und die Grenzstädte Pogranitschnaya und Manschuli eingenommen haben.

Newyork, 19. Juli. (WB.) Nach einem Telegramm aus Manila sind dort heute abend Depeschen aus Nanking einge­troffen, wonach der Gouverneur die Nankinger Regierung tele-

Die gegnerischen Befehlshaber

sind der russische General Budjonny (links), der von der Sowjetregierung den Auftrag erhielt, an der mand­schurischen Grenze starke Truppen jeder Waffengattung zu- sammenMiehen, und Tschanghsüliang, der Gouverneur und Oberbefehlshaber in der Mandschurei. graphisch um Instruktionen gebeten habe im Hin­blick auf die Tatsache, daßSowjetruppen anscheinend bestimmte Bewegungen tnganmn, durch die Manschuli in große Gefahr gebracht werde".

Amtliche Erklärung der chinesischen Regierung.

Schanghai, 19. Juli (WB.) In einer offiziösen Erklärung heißt es: Die russische, den Abbruch der Beziehungen anzeigende Note, sei angesichts der versöhnlichen Haltung Chinas unnötig gewesen. In wirtschaftlichen Kreisen glaubt man, die Sowjets wünschten, eine dem durch die Stabilisierung Chinas im Auf­schwung begriffenen chinesischen Handel schädliche Krise herbei­zuführen. Die Befürchtung, die in den Kreisen der Ausländer geherrscht habe, daß China gegen andere fremde Interessen

ähnlich vorgehen werde, wie gegen die ostchinesische Bahn, sei durch die Erklärung Tschiang Kaiffchecks beseitigt, daß die Abschaffung der ungleichen Verträge auf Grund angemessener vernünftiger Maßnahmen erfolgen werde. Die in China ansäs­sigen Weißrussen billigten das Vorgehen Nankings vollkommen. 30 000 Weißrussen seien bereit, Kriegsdienste gegen die Sowjets zu nehmen. Die Erklärung betont zum Schluß, daß Nanking den Zwischenfall weiter auf dem Wege von Verhandlungen zu er­ledigen wünsche.

Amerika macht Sowjetrußland und China auf den Kelloggpakt aufmerksam.

Die amerikanische Regierung wies die Sowjetregierung und die chinesische Regierung darauf hin, daß beide den Kelloggpakt unterzeichnet hatten. Dieser Schritt ist mit Hinsicht auf die drohende Kriegsgefahr zwischen Rußland und China unternommen worden.

Washington und die chinesisch-russischen Disserenzen.

Washington, 19. Juli. (WB.) Im Staatsdepartement wurde heute erklärt, die Regierung habe bereits formelle Schritte un­ternommen um den Kriegsausbruch zwischen der Sowjetunion und China zu verhüten. Das Staatsdepartement verhandele sowohl mit dem chinesischen Gesandten als auch mit den Dot- Aaftern jener drei Mächte, die im Jahre 1922 den Vier-Machte- Vertrag der China betraf, unterzeichneten, nämlich Großbri­tannien,' Frankreich und Japan. Gleichzeitig habe das Staats- devartcment den Mitverfasser des Kellog-Paktes, Außenminister Briand, ersucht, der Sowjetunion ebenfalls die Erklärung zu l

übermitteln, daß China und Rußland Signatare des Kellogg- Paktes jeieni, und daß es fich fowiet man auf Grund der dürf­tigen Nachrichten übersehen könne auf beiden Seiten um Ansprüche juristischer Art handele, die durch ein Schiedsgericht erledigt werden könnten.

Kundgebung gegen das chinesische Konsulat in Newyork.

Newyork, 19. Juli (W.V.) Mehrere hundert Personen, worunter zahlreiche Kommunisten sich befunden haben sollen, veranstalteten heute mittag in der Arbeitspause eine Kundgebung vor dem chinesischen Konsulat, das seine Geschäftsräume in einem Gebäude am Astor-Platz im Zentrum der Stadt hat. Teilnehmer trugen Plakate mit Inschriften wie:Nieder mit China!",Verteidigt das Vaterland!",Wir protestieren gegen die Teilnahme der internationalen Mächte an der Verrufserklärung g^en Rußland!" Gegen die vor dem Konsulat versammelten Chinesen wurden Drohungen ausgestoßen: die Demon­stranten versuchten aber nicht, in das Gebäude einzu­dringen. Die Kundgebung hatte etwa 1500 Personen angelockt. Ein Polizist wurde bei dem Versuch, die Menge zu zerstreuen, verprügelt. Die von der Polizei aufgebote­nen Verstärkungen zerstreuten schließlich die Menge unter Anwendung des Knüppels. Reun Personen wurden ver­haftet, unter ihnen ein Sekretär der Kommunistischen Arbeiterpartei.

Der chinesisch-russische Konflikt.

Washington, 19. Juli. (W.V.) In einer weiteren Havasmeldung aus Washington wird über den amerikani­schen Schritt bei China und Sowjetrußland erklärt, daß dem Vernehmen nach der französische Botschafter in Washington der französischen Regierung zur Weitergabe an Rußland den Hinweis des Staatchekretärs Stimson übermittelt habe, daß Rußland als Unterzeichner des Kelloggpaktes diesen Pakt respektieren müsse. Ein ent­sprechender Hinweis sei dem chinesischen Gesandten in Washington zugegangen. Staatssekretär Stimson, so wird weiter erklärt, ist obwohl offizielle Nackrickiten über den russisch-chinesischen Streitfall nicht vorliegen der Auffassung ' er ohne bewaffneten Konflikt geregelt werden kann.

Französische Kammer.

Finanzminister Chèron über die Schuldenfrage.

In der Nachmittagssitzung der Kammer wurde die all­gemeine Aussprache über die Abkommen von Washington und London fortgesetzt. Der linksrepublikanische Abge­ordnete Pietri erklärte, seine Partei habe bereits vor drei Jahren, aber unter besseren Bedingungen, eine Regelung der interalliierten Schulden gefordert. Er sprach den Wunsch aus, daß man in Amerika die Haltung der franzö­sischen Oeffentlichkeit und das Schwanken des Parlaments »erstehen möge, auf dem die schwerste Verantwortung seit 1919 laste. Das vom Kriege heimgesuchte Frankreich, dessen Steuerzahler den übermäßigen Lasten erlägen, wäre vielleicht, wenn es keine Vorbehalte mache, gezwungen, von den Steuerzahlern ungeheuere Summen zu verlangen. Pietri hält es für das Beste, die Ratifizierung in einem einzigen Gesetzentwurf auszusprechen und in einem ande­ren Gesetz die Vorbehalte. Hierauf legte Fingnzminister Chëron noch einmal den Standpunkt der Regierung dar. Wenn man nicht ratifiziere, werde das französische Budget in anderer Weise belastet, wozu noch in Aussicht stehe, daß alsdann auch England mit der gleichen Forderung von zehn Milliarden Franken an Frankreich herantrete.

Die Kammer beschloß, um 21 Uhr zu einer Nacht­sitzung zusammenzutreten.

Im weiteren Verlauf seiner Rede hob Chëron in der Kammer den Vorteil hervor, der für Frankreich in der durch den Poung-Plan gewährten Sicherheit liege, Devisen zur Bezahlung von Devisen zu erhalten. Wenn Frankreich nicht ratifiziere, breche das ganze Werk der Sachverständigen zusammen, und es werde der französi­schen Regierung unmöglich gemacht, an der bevorstehenden internationalen Konferenz teilzunehmen. Er führte die gleichen Gründe wie Poincarë für die Ratifizierung ohne Vorbehalte an. Er forderte die Kammer auf, die am Vorabend der Regierungskonferenz die Liquidierung des Krieges vornehmen müsse, die Schwierigkeiten, aus denen man gerade herausgekommen sei, nicht wieder aufleben zu lassen. Die Kammer stehe vor einer sehr ernsten Ent­scheidung nicht nur für Frankreich, sondern auch für die internationalen Beziehungen überhaupt. Die Ratifizie­rung des Abkommens liege im Interesse Frankreichs und des Friedens. Justizminister Barthou forderte die Kam­mer namens der Regierung auf, die Diskussion so rasch wie möglich fortzuführen. Darauf wurde beschlossen, heute abend, morgen vormittag und morgen abend, erforder­lichenfalls auch am Sonntagvormittag, Sitzungen abzu- halten.

Die Nachtsitzung der Kammer.

Die Nachtsitzung begann um 21 Uhr mit Ausführungen des Vertreters der sozialrepublikanischen Fraktion Frederic Brunet.

In der Nachtsitzung der Kammer äußerte der Abgeord­nete Frëdëric Brünet der sich auch für die Ratifizierung aussprach, Zweifel über die Zuverlässigkeit des Poung- Planes. Finanzminister Chöron bat ihn, den Wert der Obligationen, die im Augenblick seiner Inkraftsetzung ausgegeben werden würden, nicht von vornherein heraö zusetzen. Der keiner Fraktion angehörende Abg. Henry Haye wandte sich gegen die Ratifizierung. Man wage es in Frankreich nicht mehr, dem leisesten Verlangen,' das im Auslande geäußert werde, zu widerstehen. Die Sitzung dauert an.