Einzelbild herunterladen
 

Zulöaer /lnzeiger

Erscheint jeden werktag.Bezugsprels: monatlich 2.20 RM. Bei Liejerungsbchinderungen durch höhere Gewalten", Streiks, fluosperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, Fulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver- leger. Postscheckkonto: Frankfurt a. HL Nr. lüooy

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

Reüaktion und GeschästssteUe: Mühlenstraße 1» Zernsprech-Rnschluß Hr.9$9

Nachdruck der mit versehenen Artikel nur mit Quellenangabe. Zuldaer finzeiger'geflaaet.

Knzelgenpreks: Für Behörden, Genossenschaf, ten,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.Z0Mk., für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark * Bei Rechnungsstel- fang hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol. gen Tag- und platzvorschristen unverbindlich.

Nr. 169 1929

Fulda, Montag, 22. Juli

K. Jahrgang

Wird der Kellogg-Pakt helfen?

Die Vermittlungsaktion

im Ostasientonflikt.

Die Parteien stehen Gewehr bei Fuß.

Die Zuspitzung in dem Ostbahnstreit zwischen Ruß­land und China hat jetzt zu einem Vermittlungs- schritt von feiten der V e r e i n i g t e u S t a a t e n von A m e r i k a geführt. Im amerikanischen Staatsdeparte­ment erklärte Staatssekretär S t i m s 0 n , die Regierung habe bereits formell Schritte unternommen, um den Kriegsausbruch zwischen der Sowjetunion und China zu verhüten. Im einzelnen erfährt man zu diesem Vermitt- lungsschritt noch folgendes:

Vorbereitend hat das Staatsdepartement sowohl mit dem chinesischen Gesandten als auch mit den Bot­schaftern jener drei Mächte verhandelt, die im Jahre 1922 1 den Viermächtevertrag, das sogenanntePazifik ab- i k 0 m m e n", unterzeichnet haben, nämlich Großbritannien, [ Frankreich und Japan. In diesem Abkommen haben sich die Mächte verpflichtet, einander zu beraten und ihre Meinungen auszutauschen, wenn das Vorgehen anderer Mächte

den Frieden im Fernen Osten bedrohe. Gleichzeitig hat das Staatsdepartement den Mitverfasser des Kellogg-Paktes. Außenminister Briand, er­sucht, der Sowjetunion ebenfalls die Erklärung zu über­mitteln, daß China und Rußland Signatarmächte des Kellogg-Paktes seien und daß es sich soweit man aus Grund der dürftigen Nachrichten übersehen könne auf beiden Seiten um Ansprüche juristischer Natur handele, die

durch einen Schiedsspruch erledigt werden können.

Staatssekretär S t i m s 0 n beabsichtigt weiter, die Vermittlung so einzuleiten, daß Frankreich den ersten diplomatischen Schritt bei der Sowjetregierung unternimmt, da Amerika mit ihr keine diplomatischen Be­ziehungen unterhält Dagegen wird den Vermittlungs­schritt bei der N a n k i n g e r Regierung Amerika selbst ; unternehmen.

Die beiden Schöpfer des Kellogg-Paktes also, Frankreich und die Vereinigten Staaten, wollen den ersten Friedensschritt tun. Vorausgesetzt, daß China und Rußland sich mit dem Vermittlungsschritt einverstanden erklären, sollen an der eigentlichen Losung des Konfliktes ' alle diejenigen Staaten teilnehmen, die an Ostasien inter­essiert sind und zu den Hauptmächten des Kellogg-Paktes . gehören.

In Amerika hofft man, daß bis zum 24. Juli, an dem der Kellogg-Pakt in Kraft gesetzt werden soll, bereits

ein Erfolg dieser Ausgleichsaktion zu verzeichnen sein und dieser Tag Anlaß zu der Feier des ersten wirklich bedeutsamen Erfolges dieses Paktes geben wird.

Inzwischen kommen aus dem bedrohten Gebiet die widersprechendsten Nachrichten. Während auf der einen ' Seite von Besetzungen von Grenzorten und Über­schreitung der Grenzlinie sowie von Vorposten­gefechten berichtet wird, wird von der anderen Seite jedes kriegerische Zusammentreffen dementiert. Die beider­seitigen Aufmärsche scheinen daher vorläufig hauptsächlich den Zweck zu verfolgen, den diplomatischen Verhandlun­gen, die man erwartet,

. den nötigen militärischen Nachdruck zu geben.

Erklärungen der chinesischen Regierung.

Schanghai. Die Regierung von Nanking veröffentlicht ein zehr umfangreiches Kommuniquè, in dem die Verantwortung für die Krise in Ostasien der Sowjetunion zugeschoben wird, deren kriegerische Vorbereitungen den Geist des Kriegs­ächtungspaktes verletzten und China zu Gegenmaßnahmen ge­zwungen hätten. Durch die Unterbrechung des Betriebes auf der sibirischen Bahn sei dem internationalen Verkehr ein großer Schaden zugefügt worden. In ähnlichem Sinne ist eine Mitteilung der Presseabteilung des Ministeriums des Äußern gehalten. In dieser Verlautbarung heißt es, die Unterbrechung des Verkehrs auf der sibirischen Bahn bedeut tatsächlich eine Kriegserklärung an die ganz«. Well, ferner wird in der Mitteilung der Presseabieilung an- gekündigt, daß das im Sowjetkousulat in Charbin gefundene kommunistische Propagandamaterial veröffentlicht werden soll.

Die Vermittlung Amerikas.

Der Staatsrat von Nanking hat beschlossen, dir Bc- ziehungen zur Sowjetunion abzubrechen und alle chine- sischen diplomatischen Beamten aus Rußland zurückzu­berufen. Gleichzeitig werden alle russischen Beamten er­sucht werden, China zu verlassen.

Der französische Botschafter in Washington, Claudel, überreichte dem Staatsdepartement die Antwortnote Briands, in der dieser seine völlige Übereinstimmung mit der Ansicht Stimsons über die Notwendigkeit, einen Krieg zwischen Rußland und China zu vermeiden, ausdrückt und mitteilt, daß er Moskau alsbald entsprechend ver­ständigt hätte, bisher aber noch keine Antwort erhalten habe. Auch Nanking habe noch nicht geantwortet. Eine Übernahme des Schiedsrichteramts durch die Vereinigten Staaten sammt wie verlautet, nicht in Frage. Da mit Rußland keine diplomatischen Beziehungen bestehen, ist man nach in Paris vorliegenden und durch Botschafte« Claudel übermittelten Nachrichten zuversichtlich, daß es zu einem Krieg nicht kommen werde.

Schlacht bei Charbin?

Nach einer angeblich zuverlässigen Meldung soll es in der Nähe von Charbin zu einer Schlacht zwischen rus­sischen und chinesischen Truppen gekommen sein, bei bev die Chinesen geschlagen worden sein sollen. Die chine­sischen Truppen sotten sich, verfolgt von russischen Fliegern, in wilder Auslösung zurückziehen.

In Südchina soll ein kommunistischer Auf- st a nd gegen die Nankinger Regierung ausgebrochen sein. Es sind bereits Truppen zur Niederwerfung des Auf­standes entsandt worden.

Der mnerikauischc SmatssÄretär des Äußern. Stünssn, der die Vermittlungsaktion Amerikas im russisch-chine­sischen Konflikt in die Wege geleitet har.

Die Bewegungen der Sowjettruppen.

Wie Reuter aus Tokio meldet, werden in dortigen -amtlichen Kreisen die Meldungen über Scharmützel an der russisch-mandschurischen Grenze mit großem Vorbehalt aus­genommen, obgleich bestätigt wird, daß elf Sowjetflug­zeuge Pogranitschnaja überflogen haben und vie-° Kanonenboote am Zusammenfluß des Amur- und Sun- gari-Flusses erschienen sind. Der Generalstab nimmt an, -» sich eine Sowjetdivision mit Kavallerie gegenüber von Mandschuli befindet und ein Armeekorps auf Pogranitsch­naja vorrückt.

wtb. Peking. Der Generalkonsul der Sowjetunion in Charbin Melinikoff und das Konsulpersonal wurden von chinesischen Behörden, als sie sich nach Dairen begeben woll­ten mit der Begründung zurückgehalten, daß russischer seits Angriffe auf Mandschuli und Progranitschnaya erfolgt seien.

Petit Parisien" zur Lage in China.

wtb. Paris, 22. Juli. Der Korrespondent desPetit Parisien" in Schanghai berichtet: Die Gerüchte von einem Kampf an der chinesischen Grenze entsprechen nicht den Tatsachen. In der Gegend von Sui-Fen-Ho sei es zu einer Schießerei gekommen, die jedoch unbedeutend gewesen sei, da die Truppen weit von einander entfernt in Stellung gelegen haben. Auch in der Mandschuligegend trete die Ruhe wieder ein. Die Sowjets senden zur Aufklärung Flugzeuge aus, zeigen sich jedoch nicht angriffslustig. Auch nehmen Sowjetsflugzeuge Erkundungsflüge vor u. seien da­bei bisher ergebnislos von den chinesischen Truppen unter Feuer genommen worden. Der Generalkonsul der Sowjets in Charbin und seine Mitarbeiter, die seit 10 Tagen ver­haftet seien, seien gestern wieder freigelassen worden und haben die Erlaubnis erhalten, nach Dairen zu reisen. 800 Russen, die bei her ostchinesischen Eisenbahn und ihren Zweigunternehmungen angestellt waren, haben ihren Dienst gekündigt und bereite ebenfalls ihre Abreise nach Dairen vor. Ebenso haben 400 Lehrer die in den ver­schiedenen russischen Schulen längs der ostchinesischen Eisen­bahn Unterricht erteilen, ihre Abreise nach Dairen vor­bereitet. Der neue Direktor der ostchinesischen Eisenbahn erklärt: er betrachte diese Kündigungen als Streik und werde dementsprechend vorgehen.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Der Bericht des Reparationsagenten über die wirtschaft­liche £aae Deutschlands stellt fest, daß trotz ungewöhnlicher wirtschaftlicher Schwierigkeiten Deutschland seine Reparations- Verpflichtungen erfüllt Hal.

* Die letzte Außenhandelsbilanz zeigt ein neues Anwachsen der Passivität des deutschen Außenhandels.

* c^m Kaschauer Zigeunerprozeß wurden zwei Angeklagte zu lebenslänglichem Zuchthaus, mehrere andere zu mehr- jährigen Zuchthaus- oder Kerkerstrafen verurteilt.

* Die amerikanische Vermittlungsaktion im russisch chine- fischen Konflikt stützt sich auf den Kellogg-Pakt und das Pazifikabkommen.

Reifende Saat.

Auf den Feldern reift die Ernte aber große Teile der deutschen Bauernschaft werden des Segens nicht froh, der dort herangewachsen ist. Schon seit Jahren nicht mehr. Die Sorgen wuchsen, wuchsen schneller noch als das, was auf den Feldern heranreiste. Die Steuerlasten, der Druck einer weit über die Absatzmöglichkeiten hinaus­gehenden Welternte und dann immer wieder die bange Frage: Sind nicht allzu viele deutschen Bauern genötigt, die Erzeugnisse ihres Ackers allzu schnell auf den Markt zu bringen, um dringendste Schulden abzuzahlen? Was man vor dem Kriege nicht kannte, ist jetzt zum wichtig­sten argrar politischenProblem geworden: die Finanzierung der Ernte. Erst ein paar Jahre ist es her, daß man dieses Problem von Staats wegen anpackte, staatliche Kreditinstitute für diese Ernte­finanzierung schuf, aber leider bald feststelleu mußte, daß das, was eingerichtet wurde, bei weitem nicht genügte. Getreidekreditbanken, Rentenbankkreditanstalt. Preußische Zentralgenossenschaftskasse usw. taten, was sie konnten, aber doch blieb es immer noch viel zuwenig. Ein neues Mittel ist jetzt eingeführt worden, das vielleicht weitere Erleichterung schaffen wird, nämlich der vom Reichstag beschlossene Vermahlungszwang der deutschen Mühlen für inländischen Weizen. Vom 1. August bis 30. November müssen ja die Mühlen 40 Prozent ihrer Gesamtvermahlung in deutschem Weizen verarbeiten, wird also das Angebot diesmal auf eine kräftigere Nachfrage stoßen als in den vergangenen Jahren, wird also nicht zu einem Überangebot werden und damit preisdrückend wirken. Man hofft weiter, daß diese erhöhte Nachfrage dazu führen wird, die Erzeugnisse der neuen Ernte mög­lichst rasch auf den Markt zu bringen, wenigstens soweit es den Weizen angeht, aber damit ist noch nicht die andere Schwierigkeit behoben, wie nämlich das Haupierzeugnis des deutschen Ackers, der Roggen, nun kreditpolitisch zu sichern ist. Erfreulicherweise stehen aber auch in diesem Jahre größere Mittel zur Verfügung, die Roggenernte zu lombardieren, so daß auch hier der Bauer nicht mehr wie früher gezwungen ist, unbedingt verkaufen zu müssen.

Deswegen bleiben ihm aber immer noch Sorgen genug. Längst hat man zwar eingesehen, wie verhäng­nisvoll die Landflucht für das Wachstum der Gesamt­bevölkerung wirkt, man spricht und schreibt viel, allzuviel über Siedlungsnotwendigkeit, Neuerschließung deutschen Bodens usw. aber die agrarpolitischen Verhältnisse sind nun einmal derart, daß sich der Landflucht auf diesen Wegen kaum begegnen läßt. Die Erntezeit nicht allein etwa, sondern die in Deutschland herrschenden klimatischen Bedingungen verlangen schwerste körperliche Arbeit, die sich an eine achtstündige Arbeitszeit nicht binden läßt. Erst ganz im Anfang stehen noch die betriebs­wissenschaftlichen Untersuchungen darüber, was der Bauer selbst, was außerdem die Frau und die Kinder an Arbeit unberechnet in den Acker stecken. Eine solche Untersuchung, die über württembergische Verhältnisse dieser Art statt­gefunden hat, zeigte, daß zwölsstündiger Arbeitstag die Regel ist, der in den Erntemonaten sogar auf 14 bis 15 Stunden anschwillt. Der überall herrschende Mangel von Angeboten an Arbeitskräften zwingt namentlich den Mittel- und Kleinbauer zur schärfsten Anspan­nung der eigenen Kraft, zu einer nicht minder scharfen Ausnutzung der Kräfte seiner Familie. Man hat auch berechnet, welch ein Stundenlohn auf den Bauern entfällt, wenn man nur eine Kapitalverzinsung von fünf Prozent annimmt. Fast überall ist dann dieser Lohn, den der Bauer für die eigene Arbeit erhält, nur etwa die Hälfte, ja ein Drittel so groß als das, was der Land­arbeiter auf Grund des Tarifvertrages empfängt. Wirt­schaftlich ist das also eine Arbeit, die praktisch fast umsonst geleistet wird, es außerdem erklärt, daß der Mangel an Arbeitskräften gerade beim Mittel- und Kleinbauern schon seit Jahren sich fast zu einer Katastrophe herausgewachsen hat. Trotz der über 700 000 Arbeitslosen, die wir jetzt in Deutschland haben, ruft die Landwirtschaft immer noch nach Arbeitskräften, vielfach aber vergeblich. Die R ü ck - ! Wanderung aus den Städten auf das Land I gerät schon immer sehr bald ins Stocken, vermag längst

1 nicht den Bedarf der Landwirtschaft zu decken.

! Die übermäßige Arbeit und die finanzielle Bedräng- i nis, unter der der deutsche Bauer nun schon eigentlich feit j 1924 zu leiden hat, ist letzten Endes auch die Ursache dafür, i daß es weniger bei den Großbetrieben, wohl aber bei den Mittel- und Kleinbauern mit der Modernisierung der Wirtschaft so langsam vorwärtsgeht. Der Bauer hat einfach keine Zeit dazu, sich mit den Fort­schritten der Betriebswissenschaft zu befassen, hat auch kein Geld dazu, seinen Kindern nach dieser Richtung hin die geistigen Fortbildungsmöglichkeiten in dem Ausmaß zu verschaffen, wie dies wünschenswert ist. Außerdem die Stadt zieht und lockt. Vor kurzem erst wurde wieder ein­mal festgestellt, daß der deutsche Osten immer weiter ver­ödet, daß es ganze Kreise gibt, wo die Bevölkerungszahl nicht etwa stehengeblieben ist, sondern sich erheblich ver­minderte.

Stan kann diese kredit- und bevölkerungspolitische Entwicklung nicht ernst genug nehmen! Es nützt nichts, dem deutschen Bauern immer nur zuempfehlen", seinen Betrieb zu rationalisieren; die Mittel dazu fehlen ihm. Nur zögernd ist man ja auch auf dem Wege der Gesetz­gebung an die Hilfeleistung herangegangen. Aber immer wieder muß man daran denken, daß die deutsche Handels­bilanz deswegen so stark passiv ist, weil sie durch die Mil­liardeneinfuhr von Lebensrnitteln belastet wird.

Koblenz, 20. Juli. Die Rheinlandkommission hat jetzt den Mitgliedern der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in dem von den französischen Truppen besetzten Gebiet das Tragen von Uniformen und sonstigen Ausrüstungsgegenständen verboten. Für das von den englischen Truppen besetzte Gebiet ist dieses Verbot bereits schon im Monat Mai ausgesprochen worden.