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Zulöaer /lnzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 170 1929

Fulda, Dienstag, 23. Juli

6. Jahrgang

Zn ErdmkW der ReiGänzlers Müller.

; Das Befinden des Reichskanzler-.

Montag um 5 Uhr nachmittags wurde in Heidel­berg von ärztlicher Seite erklärt, das: der Verlauf der Krankheit des Reichskanzlers normal sei. Der Zustand des Patienten sei jedoch nach wie vor ernst.

Von privater Seite wurde mitgeteilt, daß das Be­finden des Kanzlers zufriedenstellend sei, soweit am ersten Tage nach einer schweren Operation ein derartiges Urteil abgegeben werden könne. Der Patient befinde sich in guter Stimmung und mache einen durchaus zuversichtlichen Ein­druck. Das Krankenzimmer darf außer den Ärzten nur die Gattin des Kanzlers betreten. Es muß betont werden, daß die kritischen Tage noch bevorstehen. Erst am Mittwoch dürften die Ärzte in der Lage sein, mit einiger Zuversicht die Prognose zu stellen.

Zur Ergänzung des Krankheitsberichts wird mitge­teilt, daß bei der Operation keine Gallensteine vorgefunden wurden, sondern daß lediglich eine Infektion der Gallen­blase vorlag. Infolgedessen war eine Beseitigung der Gallenblase nicht erforderlich. Die Ärzte beschränkten sich auf Öffnung des Abszesses, tim dem Krankheitsstoff einen Abzug zu verschaffen.

wtb. Heidelberg, 23. Juli. Der Reichskanzler verbrachte eine ruhige Nacht. Der Zustand des Patienten wird von den Aerzten weiter als leidlich gut bezeichnet.

*

Die Anfänge der schweren Erkrankung des Reichs­kanzlers Müller, die zu einer durchgreifenden Opera- tion in Heidelberg durch Geheimrat Professor D t. Enderle geführt haben, liegen schon einige Zeit zurück, bekanntlich litt der Reichskanzler bereits seit einiger «n einem schmerzhaften Gallen- und Leber" leiden, das ihn zwana. das Bett zu hüten.

Genesungswünfche des Michspfäsiventen.

Reichspräsident von Hindenburg hat butt* Staatssekretär Meißner dem Kanzler telegraphisch bis ' besten Wünsche für einen günstigen Verlauf der Krank­heit und für eine möglichst baldige Genesung ausge­sprochen, ebenso Reichswehrminister Gröner, der die Wünsche der Reichsregierung telegraphisch übermittelte.

Die lebhafte Anteilnahme der Außenwelt am Ergehen des Reichskanzlers kommt in der großen Zahl von Tele­grammen zum Ausdruck, die bisher eingingen.

Wer wird vermitteln?

Die Frage des Schiedsrichters im Ostasienkonflikt.

Deutschland oder Japan

In dem Konflikt zwischen Rußland und China spielt zurzeit die Frage, wer das S ch i e d s r t ch t e r a m t zwischen den beiden streitenden Parteien übernehmen soll, eine Hauptrolle. Auf der einen Seite scheint sich I a p a n als der natürliche Vermittler zwischen China und Sowjet- rußland zu betrachten, indem es glaubt, daß der Völker­bund, wenn er die Vermittlung übernehmen sollte, ohne Japans Beistand nichts Wirksames tun könne. Anderer­seits ist man in amtlichen amerikanischen Kreisen der Ansicht, daß

Deutschland der Schiedsrichter

sein müsse, da es zu beiden Mächten freundschaftliche Be­ziehungen unterhalte. Amerika könne die Schiedsrichter­rolle nur dann übernehmen, wenn es von allen Mächten dazu aufgefordert werde. Japan käme wegen seiner Interessen in der Mandschurei nicht in Fra»ze. Die Nanking-Regierung hat an die Mächte eine gleichlautende Note gesandt, in der

Henderson zur Räumungvfrage.

Im Englischen Unterhause wurde an den Staats­sekretär des Auswärtigen die Frage gestellt, ob er eine Ab­ordnung der unter dem NamenFriedensrat der Frauen" bekannten nichtparteilichen Organisation empfangen habe, und ob er, wenn dies der Fall sei, angesichts der von der Deputation zum Ausdruck gebrachten Bedenken der engli­schen Frauen dagegen, daß die britische Regierung sich be­reitfinden könne, die Frage der Räumung der Rheinlands unabhängig v o n d e r Re p a r a t i o n s f r a g e zu lösen, eine weitere Erklärung abgeben wolle, um die Be­sorgnis in diesem Punkte zu zerstreuen.

Henderson erwiderte, er habe die Abordnung empfan­gen und ihr das gleiche milgeteilt, was er schon häufig dem Unterhause mitgeteilt habe, nämlich, daß die britische Re­gierung sich v ö l l i g e Handlungsfreiheit be­wahrt habe, die britischen Truppen aus dem Rheinlande zurückzuziehen, falls und wann es ihr angebracht erscheine. Dieser Erklärung habe er nichts hinzuzusttgcn.

Politische Folgen.

Die Verschärfung in der Erkrankung bedeutet politisch im günstigsten Falle, daß für die nächsten Monate mit der Arbeitskraft des Reichskanzlers nicht gerechnet werden kann.

So wird er Deutschland auf der Reparations- konfcrcnz nicht vertreten können. Und auch die poli­tischen und parlamentarischen Vorarbeiten dazu werden in die Hände eines anderen Ministers gelegt werden müssen. Die a u st c n p o l i t i s ch c Führung in den kommenden kritischen Tagen dürfte also allein ans den Schultern des Ncichsanstcnministers Dr. Stresemann lasten.

Reichskanzler Prof. von Enderle»,

Müller. der den Kanzler operierte

Dr. Stresemann Führer der deutschen Delegation.

wtb. Berlin, 23. Juli. Infolge seiner Erkrankung wird Reichskanâ Müller an Der geplanten Konferenz zur In- krastsetzung des Poungplanes nicht teilnehmen können. Die deutsche Abordnung wird somit lediglich aus den Reichsministern Stresemann, Helferding, Curtius und Wirth bestehen. Dr. Stresemann dürfte, wie die Ger­mania meldet, anstelle des Reichskanzler die Leitung übernehmen.

Gröner vertritt den Reichskanzler.

Der erkrankte Reichskanzler Müller würd in seinen Dienstgeschäften von Reichswehrminister Gröner als dem dienstältesten in Berlin anwesenden Minister vertreten.

die Verantwortung für die Ereignisse in der Mandschurei Rußland zugeschoben wird. Die chinesische Regierung werde sich ganz der Erhaltung des Weltfriedens widmen. China werde nur alle legalen Mittel für seine Selbstverteidigung anwenden, da es ganz von dem Geiste des Kellogg-Vertrages erfüllt sei.

Andererseits haben Nanking sowohl wie Mos­kau Aufrufe an ihre Völker erlassen, ihre Länder zu verteidigen.

Knvcrlässige Nachrichten über irgendwelche offene Feind­seligkeiten liegen noch nicht vor. Die Truppenzusammen­ziehungen an der Grenze schreiten weiter fort, aber die Meldungen über größere militärische Zusammenstöße scheinen sehr übertrieben zu sein. Außer einigen Vor­postenplänkeleien scheint es noch nirgends zu Zusammen­stößen gekommen zu sein. (

Infolge der Verkehrs Unterbrechung bei de? ost chinesischen Bahn, die von China jetzt restlos durchgeführt worden zu sein scheint, lagern in Chardin bereits 8000 Tonnen Fracht. Weiter wird mitgeteilt, daß 500 Personenwagen und 1800 Güterwagen zurückgehalten worden sind. Der für Rußland außen ordentlich wichtige Ausfuhrhandel von Wladiwostok soll völlig zum Stillstand gekommen sein.

Keine Verschiebung der Reparaiionskonferenz.

Der Streit um den Tagungsort.

Nach Mitteilungen ans englischen diplomatischen Kreisen gilt jetzt Brüssel als der wahrscheinliche Tagungsort der Reparationskonferenz. Es scheine, daß die Belgier mit dem Haag und die Deutschen mit Spa nicht einverstanden seien. O st e n d e gelte als ungeeignet, da die Sommersaison jetzt gerade auf ihrem Höhepunkt ist. Somit bleibe von den von London aus bequem er­reichbaren Plätzen nur Brüssel übrig.

Die britische Regierung, so verlautet weiter, lehnt es nach wie vor ab, einem Aufschub der Konferenz bis zum Oktober zuzustimmen, und beharrt aus der Inne- Haltung des vereinbarten Datums des 6. August.

Zweifel und Bedenken.

Großes Aufsehen überall in der Welt hat es erregt, rief bei unseren Gläubigermächten freudigste Zustim­mung, andererseits aber schärfste deutsche Proteste hervor, was der Reparationsagent Parker Gilbert Ende Dezember vergangenen Jahres in seinem Bericht gesagt hatte, der von der Erfüllung des Dawes-Planet durch Deutschland im vierten Annuitätsjahr handelte. Dieser Bericht, der mit dem größten Optimismus von der wirtschaftlichen und finanziellen Leistungsfähigkeit Deutschlands in Gegenwart und Zukunft sprach, ist es aber gewesen, der die Richtschnur abgab für bi Beur­teilung dieser Leistungsfähigkeit auf der Pariser Kon­ferenz und damit auch einen entscheidenden Einfluß aus­übte auf die dort erfolgte Festlegung unserer Jahresver­pflichtungen durch den Aoung-Plan. In seinem neuesten Bericht nun, der sich über die Zeit vom 1. September 1928 bis zum 1. Juni 1929, also auf die ersten neun Monate des fünften Dawes-Jahres des erstenNormaljahres" erstreckt, hat Parker Gilbert aber einen ganz anderen Ton angeschlagen, der außerordentlich von dem Optimis­mus seines früheren Berichtes abweicht. Zwar sind auch die jetzigen Leistungen, die ja in diesem Jahr auf 2500 Millionen angewachsen sind, von Deutschland prompt er­füllt worden. Aber der Bericht ist durchsetzt von zahl­reichen Zweifeln und Bedenken, ob die deutschen Finanzen und die deutsche Wirtschaft diesen gewaltigen Aderlaß noch lange werden ertragen können. Wenn Parker Gilbert natürlich auch mit verständlicher Absicht für die Zukunft einen Teil feines alten Optimismus' ent­wickelt, muß er doch feststellen, daß auf allen Gebieten der Finanzen, der Kreditpolitik, des Außenhandels und der deutschen Binnenwirtschaft Schwierigkeiten be­denklichster Art bestehen. Er berechnet die deutsche öffentliche Gesamtschuld, also die Schuldsumme des Reiches, der Länder und der Gemeinden, auf weit über "16 000 Millionen, beziffert sie damit noch höher, als dies selbst von deutschen amtlichen Stellen mehrfach angedeutet wurde. Diese Riesenverschuldung der öffentlichen Hand äußert sich nun natürlich in schwerster Form besonders gegenüber den Kreditansprüchen der deutschen Privat­wirtschaft. Parker Gilbert muß daher weiter feststellen, daß die ausländische Kredithergabe ganz außerordentlich zurückgegangen ist und außerdem nur zu sehr hohen Zins­sätzen erfolgt. Allerhand Vorkommnisse wie die Unsicher­heit über den Ausgang der Pariser Konferenz, ferner zahlreicheImponderabilien" während dieser Konferenz haben die Entwicklung des deutschen Wirt­schaftslebens schwer beeinträchtigt; der Bericht geht auch nicht daran vorüber, daß die Zinssätze für deutsche Emissionen im Inland selbst, also beispiels­weise für Pfandbriefe, sehr erheblich anstiegen.

Parker Gilbert kommt dann zurück auf die wäh­rungspolitischen Schwierigkeiten, die be­kanntlich die Reichsbank zu überaus einschneidenden Maß­nahmen veranlaßten und ihn übrigens selbst noch von der im vorigen Bericht propagierten Idee abbrachten, der Deutschen Reichsbank die wirkliche Einlösungspflicht der Reichsbanknoten gegen Gold zu empfehlen. Mühsam genug ist es ja der Reichsbank gelungen, die notwendige Golddeckung nach dem schweren Rückgang des Mai wieder zu erzwingen.

Schwierigkeiten über Schwierigkeiten beim deutschen Außenhandel. Mit einer aus­gesprochenen Herabsetzung des Gesamtumfanges der deut­schen Einfuhr könne man kaum rechnen und dem Opti­mismus, mit dem Parker Gilbert die weitere Entwicklung der deutschen Ausfuhr betrachtet, steht seine eigene Fest­stellung entgegen, daßviele der die Zukunft des deut­schen Exports bestimmenden Faktoren aber, darunter die Zollpolitik der anderen Länder, Deutschland nicht in der Hand habe". Das veranlaßt den Reparationsagenten zu der nachdenklichen, dentscherseits aber schon längst in ver­neinendem Sinne beantworteten Frage, ob denn die wirt­schaftlichen und finanziellen Ergebnisse des mit Hilfe von Auslandskapital rationalisierten und modernisierten deut­schen Produktionsapparates den Erwartungen auch wirk­lich dauernd entsprechen werden. Diese Fragestellung steht übrigens in einem geradezu grotesken Gegensatz zur Be­hauptung des Reparationsagenten im Dezemberbericht, daßdie in Deutschland mit Hilfe des ausländischen Kapitals geschaffenen neuen Werte ein Mehrfaches des Gesamtbetrages der eingegangenen Verschuldung aus­machen"! In größerer Wahrhaftigkeit als damals spricht Parker Gilbert diesmal endlich auch über die Lage der deutschen Binnenwirtschaft. Er verweist darauf, daß das Absinken der Preise für landw ir 1 schaft- liche Erzeugnissevon ernster Bedeutung für den Produzenten gewesen" seien, äußert sehr erhebliche Zweifel darüber, ob nach der schweren Winterkrise wirklich alle Produktions- und Gewerbezweige eine entsprechende Nen­belebung erfahren haben, verweist im Hinblick auf den Umfang der Arbeitslosigkeit auch darauf, daß der teure Kredit, die Höhe der Zinssätze zu dem Ergebnis führten, häufig die Gründung von neuen Unternehmungen ober die Erweiterung schon bestehender hinauszüschieben. Auch die Schwierigkeiten auf dem Baumarkt werden dies­mal nicht vergessen, vergessen auch nicht, vor welche Pro­bleme die deutsche Wirtschaft durch den starken jährlichen Bevölkerungszuwachs, also das Hineindringen Hundert- tausender von neuen Arbeitskräften gestellt wird.

Schon auf Grund dieser Andeutungen aus dem wie üblich sehr langen Bericht des Reparationsagenten kann man entnehmen, von welch einschneidender Wirkung für die gesamte Reparationspolitik es gewesen wäre, wenn Parker Gilbert in seinem Dczcmberbericht nicht mit dem damals bewiesenen verhängnisvollen Optimismus ge­arbeitet hätte. Hat sich doch die Entwicklung in der Art, wie er sie j e tz t schildert, nicht erst in den letzten Monaten