Zul-aer Anzeiger
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Nr. 171 — 1929^
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal * Zulöaer Kreisblatt
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Fuld», Mittwoch, 24. Juli
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6. Zahrgang
Der Ulitz-Prozetz.
Wer half den polnischen Ahnenslnchtigen?
Bei überaus qroßem Zuschaucrnndrang begann in dem bis auf den letzten Platz gefüllten kleinen Gericklssaal vor der Strafkammer Kattowitz der Prozeß gegen den Geschäftsführer des Deutschen Volksbundes. Otto Ulitz. Unter den Zuhörern bemerkte man zahlreiche hervorragende Führer des Deutschtums, insbesondere viele deutsche Abgeordnete, wie auch den Vorsitzenden des Verwaltungsrates des Deutschen Volksbundes, Prinzen Heinrich XVII. von Pleß.
Die Anklageschrift wirft, unter Hinweis auf das bekannte gefälschte Schriftstück, Ulitz vor, durch die Tat dem fahnenflüchtigen Viktor Bialucha wissentlich Beihilfe geleistet zu haben, zwecks Entziehung vom Militärdienst im Auslande zu verbleiben. Als Beweise bezeichnet sie das
nur in der Photographie vorliegende
genannte Schriftstück, die Aussagen der Mitglieder des polnischen Geheimdienstes sowie das Gutachten des Schriftsachverständigen Professors Krol-Krakau und der Militärsachvcr- ständigen. In einer bewundernswert kühnen Schlußfolgerung wird dann das angebliche Schriftstück Ulitz' für echt erklärt und darüber hinaus behauptet, daß die selten hohe Anzahl von Fahnenflüchtigen aus Oberschlcsien auf die Tätigkeit des Deutschen Volksbundes zurückzuführen sei. Rach einer Nachweisung der Militärbehörde sollen in den Jahren 1925 bis 1928 von den Jahrgängen 1903 bis 1906
437 Militärpflichtige aus Oberschlesien ins Ausland geflohen sein.
Nach Bekanntgabe der Anklageschrift wurde mit der Vernehmung des Angeklagten Ulitz begonnen. Ulitz erklärt bet Beginn seiner Vernehmung mit Nachdruck: Ich bestreite die Anklage in vollem Umfange. Die Anklageschrift enthält Fehler in den Beweismitteln, insbesondere in bezug auf die photographischen Beweisstücke. Ulitz erklärte, daß er selbst im schlesischen Sejm mit dem deutschen Klub geschlossen f ü r die Einführung der Militärdien st Pflicht ae-
Das Befinden des AeichskanZlers.
Gebessert, aber noch kritisch.
Zum Befinden des Reichskanzlers teilt die Chirurgische Universitätsklinik in Heidelberg mit, daß dieKrank- heitsentwicklung einen regelmäßigen Verlauf nehme. Die Herztätigkeit sei befriedigend. Die behandelnden , Ärzte seren mit dem bisherigen Krankheitsbild zufrieden. Die kritischen Tage seien allerdings noch nicht vorüber. Über den Ausgang der Krankheit lasse sich auch weiterhin noch nichts sagen.
Ständig lausen Anfragen über das Befinden des schwererkrankten Kanzlers ein. Unter den Telegrammen befinden sich solche des Nuntius P a c e l l i, des italienischen und des japanischen Botschafters. Im Auftrage des badischen Staatsministeriums über« bracht der Landrat von Heidelberg dem Reichskanzler eine., Blumenstrauß mit den besten Wünschen für baldige Wiederherstellung. Der Reichskanzler hat alle guten Wünsche mit großer Freude entgegengenoinmen.
Gegen 7 Uhr abends war das Befinden des Reichskanzlers befriedigend. Die Temperatur ist in den Abendstunden etwas zurückgegangen.
Der KellvM-pakt soll gestalten werden.
Die russisch-chinesischen Rüstungen sind Vorbeugungsmittel.
1 Die russische und die chinesische Regierung haben sich auf das Eingreifen Amerikas hin formell verpflichtet, den Kellogg-Pakt striktezu befolgen. Über die weitere Behandlung des Konfliktes sind irgendwelche Entschlüsse noch nicht gefaßt. Man scheint zunächst abwarten zu wollen, was die beiden feindlichen Regierungen selbst zu tun gedenken, ehe ein anderer Staat Schritte unternimmt, die deswegen schwierig sind, weil auf allen Seiten eine erklärliche Abneigung besteht, sich in ausländische Verwicklungen zu mischen.
Der amerikanische Staatssekretär Stimson ist durch den japanischen Botschafter verständigt worden, daß die japanische Regierung einen ähnlichen Ver - m i t t l u n g s s ch r i t t eingeleitet hat, wie er in Nanking durch die amerikanische und in Moskau durch die französische Regierung unternommen worden ist. Japan lenkte die Aufmerksamkeit sowohl der chinesischen wie der russischen Regierung auf die Unterzeichnung des Kellogg- Paktes. Gleichzeitig wurde Staatssekretär Stimson amb- lich unterrichtet, daß bisher keinerlei Zusammen- stoße zwischen chinesischen und russischen Truppen stattgefunden hätten und die Truppenbewegungen auf beiden Seiten rein vorbereitender und vorbeugender Art seien.
Zu dem Telegramm, daß die Sowjetregicrung die Vermittlung Frankreichs im chinesisch-russischen streifn« abgelehnt habe, wird irt einer halbamtlichen Erklärung des französischen Außenministeriums festgestellt, daß diese Nachricht den tatsächlichen Ereignissen nicht entspreche. Briand habe nicht vermittelt, sondern den Vertretern der beiden in Frage kommenden Länder nur Ratschlage zur Mäßigung erteilt und dabei hervorgehoben daß ,edc nult irische Handlung den internationalen Verpflichtungen, 'otc die Länder untereinander verbinde insbesondere dem Kellogg-Pakt, zuwiderlaufen würde.
Tcekrieg in Ostasien.
Wie der Russische Zentralgenossenschaftsverband mit- teilt, werden die Teekänfe der Sowjetunion in China angesichts des Abbruches der sowjctrussisch-chinestichen schlingen nunmehr eingestellt und nach anderen Länder,, oerlegt. Die Teckäufc Rußlands in China erreichten bisher den Wert von 15 Millionen Rubel im Jahr.
ffimmt habe, woraus seine loyale Einstellung zum Polnischen Staat hervorgehe.
Der Sejmmarschall als Zeuge.
In der Nachmitlagssitzung des ersten Verhandlungstages wurde als erster Entlastungszeuge Sejmmarschall Wollny vernommen. Der Zeuge verneinte die Frage des Vorsitzenden, ob er die Bescheinigung, die Ulitz zugeschoben, seinerzeit aber vom Sejm als nicht echt erkannt wurde, für echt halte. Die Frage des Staatsanwalts, ob er diese Meinung gegenüber einem gegenteiligen Gutachten der Sachverständigen aufrechterhallen würde, bejahte der Zeuge. Über die Loyalität des Angeklagten im Schlesischen Sejm befragt, erklärte der Zeuge, daß
Ulitz immer objektiv gewesen sei. Bei Entscheidungen habe er sich immer aus die Rechtsgrundlage gestützt. Auf die Frage eines der beiden militärischen Sachverständigen, ob er wisse, warum Ulitz für das Militärdienstpflichtgesetz gestimmt habe, antwortete der Zeuge, daß er darüber keine genaue Auskunft geben könne.
Als nächster Zeuge wurde bann Hauptmann L i s vernommen. Er erklärt u. a„ daß der deutsche Nachrichtendienst nach seinen Feststellungen versucht habe, die als Zeugin geladene frühere Angestellte des Deutschen Volksbundes, Wurzik, für seine Zwecke zu beeinflussen Als diese sich ablehnend verhalten habe, habe der deutsche Nachrichtendienst die Wurzik kompromittiert, indem er verbreitet habe, daß sie sowohl für den polnischen wie für den deutschen Nachrichtendienst arbeite.
*
Zeitungsbeschlagnahme im Zusammenhang mit dem Ulitz-Prozetz.
Kattowitz. Die Dienstagausgabe des deutsch-sozialistischen Volkswillen wurde wegen des Leitartikels „Recht oder Vergeltung", der aus den Prozeß Ulitz Bezug nimmt, beschlagnahmt.
Zur Rekordfahrt der „Bremen".
Glückwunsch Schurmans an den Norddeutschen Lloyd.
Freudenstadt. Der hier zur Erholung weilende amerr kanische Botschafter Schurrn an sandte an den Nord, deutschen Lloyd ein. Glückwunschtelegramm, worin er seiner Freude über die siegreiche Rekordfahrt der „Bremen" Aus- ^ruck gibt und die aufrichtigsten und herzlichsten Glückwunsch, ausspricht.
Kapitän Zregen.c^., der Führer best „Bremen".
Die Hansestadt flaggt.
Stolz und Freude beherrscht natürlich die Patenstadt des OzeanschUeMampsers. Die Stadt Bremen prangte Dienstag in reichem Flaggenschmuck. In den Straßen herrschte ein überaus reges Leben und Treiben und die Uv"'sabn der „Bremen" bildete überall das Tages- gezpräch.
Oer Kampf um das „Blaue Band".
Tnncb die erste Fahrt Der „Bremen" ist der Kampf.um -me „Blaue Baud" vis Ozeans erneut in Den Vordergrund „es ' üteresseS geniess worden. Die Strecke, Die ein Schiff am schnellsten durchfahren muß, um das „Blaue Baud" zu ,, „.gen umfaßt Die Linie Cherbourg bis zum Ambrosleucht- mnu vor Newport Von 1884 bis 1891 hielt das „Blaue Band" Die erste SdmcllDampfcrtlaffc des Norddeutschen Llovds, Aller" ,Trave" und „Saatc", mit einer Geschwindigkeit von 17 Seemeilen. Daraus holte sich Den Rekord Der Dampfer „Fürst Bismarck" von Der Hapag, Der ihn von 1891 bis 1893 mit 19 Seemeilen Geschwindigkeit innehalte. Hieraus folgte dcr Dampfer „Lucabia" von der Ennardlinie mit 22 See- metlen für Die Jahre 1893 bis 1897. Sodann ging das „Blaue Baud" wieder in Den Besitz des Norddeutschen Llovds mit seiner SchueNdampserklasfe „Kaiser Wilhelm der Große" über, huD zwar mit 23 Seemeilen von 1897 bis 1900. Von 1900 bis 1902 hielt den Rekord mit 23,5 Seemeilen die „Deutschland" der" Hapag. Hierauf folgte wieder ein Dampfer des Nord- deutscheu Llovds, nämlich „Kaiser Wilhelm II." mit 23.6 See- mcilcn von 1902 bis 1909, woraus bann bic „Mauretania" der Cunard liutc mit 26,7 Seemeilen den Rekord bis jetzt halten konnte.
Neuer Dauerflug-Rekord.
lüfb. St. Louis, 23. Juli. Das Flugzeug „St. Louis Nobin" hat den von dem Flugzeug „Angelaiw" ausgestellt ten Weltrekord im Da verfing bis jetzt um eine Stunde überboten. Die Flieger beabsichtigten weiter zu fliegen unb zwar so lange, bis sie zur Landung gezwungen würden.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* In Kattowitz begann der Prozeß gegen den Vorsitzenden des Deutschen Volksbundes Ulitz.
* Im russisch-chinesischen Konflikt haben beide Parteien aus die amerikanische Intervention hin erklärt, daß sie sich an die Abmachungen des Kellogg-Paktes halten werden.
* Bei einem Dampserzusammenstoß auf der Höhe Der Halbinsel Schantung sind 60 Personen ertrunken.
Prüfstein des Könnens.
Man nahm uns die „Vaterland", die „Bismarck", nahm uns fast die gesamte deutsche Handelsflotte trotz feierlichster Versprechungen — aber was man Deutschland nicht nehmen konnte, war der Wille zum Wiederau f b a u, die Energie, wieder die Lücken auszufüllen, die der Feinde Neid und Eifersucht gerissen hatte. Und diese Lücken nicht bloß notdürftig zu stopfen, sondern sie mit Besserem auszufüllen.
Zeppelin — die deutschen Flieger — jetzt die „Bremen". Man hatte die deutsche Flagge yinweggefegt vom Ozean — jetzt ist er ganz für sie zurückerobert. Und die „Bremen" darf jetzt das „blaue Band des Ozeans" an ihre Wimpel heften, nachdem die „Mauretania", ein englischer Dampfer, 21 Jahre hindurch den Rekord der schnellsten Fahrt über den Atlantik verteidigt hatte. Fast acht Stunden eher als die „Mauretania" das je erreichen konnte, traf die „Bremen" am amerikanischen Leuchtschiff im Ambrosekanal ein. Um schließlich sich unter dem tollen Geheul aller Schiffssirene.i im Newyorker Hafen, unter dem Jubel Tausender langsam heranzuschieben an den Hobokenkai des Norddeutschen Lloyds.
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Keine „Wettfahrt", kein Rennen um den Rekord sollte die erste Fahrt der „Bremen" über den Atlantischen Ozean sein. „Safety first*, „zu allererst Sicherheit für Schiff, Passagiere und Gut" ist alte deutsche Seemannsregel. Und darum blieb gerade die deutsche Händels- und P-rsonenschissahrt fast völlig bewahrt vor schweren Katastrophen, gar vor einer solchen mit den Ausmaßen wie bei der „Titanic". Und auch dann, wenn das Meer ein deutsches Schiff sich zum Opfer erkor, waren infolge guter Organisation meist nur sehr wenige Menschenleben zu beklagen. Nicht nur die Güte des Baumaterials oder die strenge Kontrolle spricht hierbei mit, sondern auch die Fahrkunst und das Verantwortungsbewußtsein der Schiffsführung. Noch schneller hätte die „Bremen" den Ozean überqueren können, wenn nämlich der Kapitän die kürzere, aber im Sommer wegen der Eisberge gefährlichere Nordroute gewählt hätte. Noch eher wäre er in Newyork eingetroffen, wenn er alles, das Letzte aus den Maschinen herausgeholt hätte — aber er tat es nicht. Um Menschen und Schiff nicht in Gefahr oder doch zum mindesten in eine unangenehme Lage zu bringen. Die Nichtbeachtung aller dieser für deutsche Schiffsführung selbstverständlichen Dinge war es gewesen, die mit schuld waren an der Katastrophe der „Titanic".
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Kein Nennen über den Ozean aus Rekordsucht, um des Sportes willen. Sondern nur der Beweis, daß Deutschlands Handelsschiffban sich von den tiefen Wunden erholt hat, die Krieg und namentlich die schwere Nachkriegszeit ihm schlugen. Sogar — mehr als erholt hat Daß es hierin den Wettkampf mit den anderen vielfach begünftigteren Nationen in aller Zuversichtlichkeit aufnehmen darf. Hierfür ist die sieghafte Fahrt der „Bremen" augenfälligster Beweis.
Aber nur ein solcher sichtbarer Beweis ist für die Welt eigentlichster Prüfstein desKönncns. Schwer genug hat die deutsche Seeschiffahrt, hat der deutsche Schiffbau zu ringen mit der Konkurrenz der anderen. Darum freut man sich auch aus wirtschaftlichen Gründen, daß ein solches Werk deutschen Geistes und deutscher Arbeit Zeugnis ablegen bürste vor aller Welt. Der Eindruck hiervon verweht nicht so schnell, auch wenn über kurz oder lang eine andere Nation die „Bremen" überholt. Diesen Wettkampf mit den anderen braucht deutsches Können nicht zu scheuen trotz der großen Schwierigkeiten, die hier — wie in so vielem andern — nur auf Deutschland lasten.
Und die Erinnerung taucht aus an ein anderes Reg« yaft Schiff, das von Bremen abfuhr hinüber nach Amerika, den Ring der Feinde siegreich durchbrechend. Aber — unter dem Meer. Es war das U-Boot „Deutschland" unter Kapitän Königs Führung. Damals waren die gekreuzten Bremer Schlüssel, die der Norddeutsche Lloyd in seiner Flagge führt, nicht mehr zu sehen über den Wellen der Weltmeere. Jetzt flattern sie hoch an den Masten des schnellsten Schiffes, das dieselben Wogen des Ozeans durchfurcht.
Die Weltreise des „Graf Zeppelin".
Im Anschluß an seine Amerikafahrt, die in der ersten Augusthälfte zur Durchführung gelangt, wird das Luftschiff „Graf Zeppelin" die Reise um die Welt antreten. Die Strecke verläuft in östlicher Richtung zunächst von Friedrichshafen über Osteuropa und das innere Asien nach Tokio, wo die erste Zwischenlandung vorgenommen wird. Der zweite Fahrtabschnitt führt über den Stillen Ozcan nach San Diego ober Los Angeles, der dritte quer über den amerikanischen Kontinent nach Lakehurst. Von hier aus wird das Luftschiff über den Atlantik nach Friedrichshafen zurückkehren.
Nach einer Mitteilung der Hamburg-Amerika Linie sind noch einige Pässagicrplätze für die Amerikareise frei, während die Weltfahrt des „Graf Zeppelin" schon jetzt nahezu ausverkauft ist.