Einzelbild herunterladen
 

Zul-acr Anzeiger

Erscheint jeö-nWerktag.Bezugspreis: monatlich 2.20 RM. Bei LieferungsbehinöLvungen durch Höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnspeere usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Chrenklau, Fulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver­leger. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 1600Y

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg §nl-a- und Haunetal Zuldaer Kreisblatt Redaktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Zernsprech-^lnschluß Nr. 989 Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit Quellenangabe «Fuldaer Anzeiger'gestattet.

Anzeigenpreis: Für Behörden, Genossenschaf­ten,Banken usw. beträgt diekleinzeile 0.Z0M., für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark Bei Rechnungsstel- lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol­gen Tag- und Plahvorfchristen unverbindlich.

Nr. 173 1929

Fulda, Freitag, 26. Juli

6. Jahrgang

Englands neue Politik.

Macdonald regiert.

Wenn auch nicht in übermäßig klaren Zügen, so doch allmählich etwas deutlicher entwickelt das neue englische Kabinett jetzt auch in Einzelheiten sein außenpolitisches Programm. Hatte Macdonald im Anschluß an die Thron­rede ganz in den Mittelpunkt seiner außenpolitischen Dar­legungen gestellt, es würde seine erste Ausgabe sein, in der Frage der Seerüstung bzw. -abrüstung mit den Ver­einigten Staaten zu einer Einigung zu kommen, so hat er nun Genaueres über die Abrüstung sowohl wie über die Verhandlungen mit Amerika dargelegt. Man kann daher freilich noch nicht von einer eigentlichen Abrüstung sprechen, sondern der englische Ministerpräsident teilte lediglich mit, daß die Bauarbeiten an zwei Kreuzern eingestellt, das Tempo bei der Durch­führung der Bauarbeiten an anderen Kampfschiffen ver­langsamt würde, daß man aber außerdem an den ge­planten Neubau zweier Unterseeboote und eines Unter­seebootdepotschiffes nicht herangehen werde. Auch halte man sich hinsichtlich des Bauprogramms für 1930 noch alle Wege offen. Viel ist das also gerade nicht, aber es ist immerhin ein Anfang. Man will sozusagen den guten Willen zeigen und tut das aus dem Grunde, weil die Ver­handlungen mit dem besonders hierfür beauftragten neuen amerikanischen Gesandten in London, Davis, offenbar bereits sehr weit fortgeschritten sind.

Macdonald hat in seiner Parlamentsrede auch über das Ziel dieser Verhandlungen ziemlich ausführlich ge­sprochen. Die englisch-amerikanischen Diffe- renzen über die Rüstungseinschränkung zur See sollen aus der Welt geschafft werden; dann will man das neue Programm, auf das man sich zu einigen bestrebt ist, allen an der Seerüstung interessierten Mächten auf einer Präliminarkonferenz vorlegen und hofft, unter der Führung der Vereinigten Staaten s vielleicht auch unter dem Druck dieser größten Kapital- r-^'^1 tzc.r WM -t b ' . Einigung mit ben anderen zu kommen. Sodann soll als weiterer Schritt die Überweisung eines solchen freien Abrüstungsübereinkom­mens zur See an die allgemeine Genfer Abrüstungs­kommission des Völkerbundes erfolgen und dadurch endlich deren Arbeit ein gutes Stück vorwärtsgebracht werden. Das ist in kurzen Strichen ein Bild von der marine- bzw. der außenpolitischen Linie der neuen Regierung in London nach Westen hin.

*

Auch andere Pläne außenpolitischer Natur sind von dem Kabinett Macdonald in Angriff genommen worden. Man scheint doch jetzt ernsthafter damit zu rechnen, daß zwischen England und Rußland Verhandlungen über eine Besserung der beiderseitigen Beziehungen einzuleiten möglich ist. Die Sensation des Tages ist in London aber der überraschende Rücktritt des englischen S i r d a r" in Ägypten, Lord Lloyds, worüber Gründe und Einzelheiten bisher noch nicht mitgeteilt worden sind. Pikant dabei ist übrigens, daß gerade in diesem Augen­blick der ägyptische König und sein Außenminister in England weilen. Man weiß nur, daß es zwischen Hen­derson, dem jetzigen Außenminister im Kabinett Mac­donald, und Lord Lloyd zu erheblichen Differenzen ge­kommen ist darüber, welche Politik England in Ägypten verfolgen solle. Trotz dieser Differenzen ist es aber sehr unwahrscheinlich, daß sich unter dem neuen Kabinett diese Politik wesentlich ändern wird, wie denn überhaupt in den kitzligsten Fragen der englischen Außenpolitik und dazu gehört gerade Ägypten die Wege des neuen Kabinetts sich kaum sehr weit von denen seiner Vorgänger entfernen werden. Festzustehen schein aber jetzt schon, daß dieser Rücktritt Lord Lloyds der Regierung Macdonalds keine großen Schwierigkeiten im Parlament bereiten wird.

Verfrühte Friedenshoffnungen?

Zuspitzung der Lage im Fernen Osten.

Blutige Zusammen stütze und Gefechte.

Nachdem die Nachrichten, die ans dem Fernen Osten kamen, einigermaßen beruhigend gelautet hatten, kommen jetzt über den russisch-chinesischen Konflikt wieder Meldun­gen, die erkennen lassen, daß die Lage noch immer b c d r 0 h l i ch zu sein scheint.

So entspricht, nach einer Mitteilung der Sowjetbot- schaft in Berlin, die Meldung, daß der sowjetrussische Botschafter in Berlin dem chinesischen Gesandten eine versöh n liche Erklärung abgegeben habe, nicht den Tatsachen. In Wirklichkeit hat nach dem Abbrilch der diplomatischen Beziehungen zwischen China unb Sowjet- rußland keine Fühlungnah m c zwischen der Sow- jetbotschast und der chinesischen Gesandtschaft stattgcfunden. Aber nicht nur auf diplomatischem Gebiet, sondern auch auf militärischem scheint die Lage eine neue Zuspitzung erfahren zu haben.

Russischer Einmarsch in China?

Einer Meldung aus Charbin zufolge haben russische Truppen die chinesische Grenze bei Manchuli in der west- lichc» Mandschurei überschritten. Der Kommandant der chinesischen Militärstrcitkräftc hat sofort die einheimische Bevölkerung gezwungen, eine dreifache Reihe von Schützengräben nördlich von Manchuli auszuwerfen, die von chinesischen Truppen besetzt wurden Man schätzt, daß

Das Kabinett hat auch sonst Schwierigkeiten genug. Der andauernde Streit mit Frankreich um Ort und Zeit der Reparationskonferenz, dazu die Frage der Rheinlandräumung, die im Hintergründe jenes Streites steht, machen Macdonald und seinem Außenminister Kopfschmerzen genug. Denn der Ministerpräsident hat augekündigt, er wolle eine Reise nach Washington machen, und als Termin hierfür den Oktober angegeben. Diesen innezuhalten wird aber nicht möglich sein, wenn die Konferenz nicht sehr bald beginnt. Schon die etwaige An­nahme des Young-Planes selbst wird sich nicht ganz so einfach vollziehen, teils wegen der darin enthaltenen Be­stimmungen und noch offen gelassenen Streitfragen, teils aber auch wegen der Verknüpfung dieses Planes mit den interalliierten Schulden und deren Abzahlung. Dazu ge­hören aber auch Schulden, die Frankreich an England hat, über deren Tilgungsplan man sich aber immer noch nicht endgültig einigen konnte. Der englische Finanz- minister Snowden hat recht deutlich erklärt, England senke gar nicht daran, in dieser Frage nachzugeben und noch weitere Opfer zu bringen Staaten gegenüber, die diese Bürde leicht tragen könnten, wenn sie nur ab- üsten wollten! Wen er damit meint, ist derart unzwei- haft, daß es auch die Pariser Regierung verstehen 'ird.

*

Das Kabinett Macdonald braucht ja diese Summen mch aus innerpolitischen Gründen. Seine Anhänger, die Arbeiterschaft, fangen nämlich an, allmählich ungeduldig zu werden; Arbeitslosendemonstrationen haben schon statt« gefunden und die Gefahr des großen Textil- arbeiterstreiks droht am Himmel. Noch brennender vielleicht aber sind die Arbeitsprobleme im englischen Bergbau. Hierüber hat der englische Handelsminister allerlei mitgeteilt, das freilich in der Hauptsache nur auf eine organisatorische Zusammenfassung d e s Absatzes hinausläuft, aber auch von einer Neuregelung der Arbeitszeit spricht. Freilich denkt man l,_eute noch nicht, an eine sofortige Aufhebung des nach dem großen Bergarbeiterstreik wieder eingeführten Acht- sinndenarbeitstages, aber schließlich ist die Regierung Macdonald doch gezwungen, ihren Anhängern, von denen sie in den Sattel gehoben wurde, nun auch praktische Vorteile aus diesem politischen Sieg zu verschaffen.

Amerika stoppt den Kreuzerbau.

Nachdem der englische Ministerpräsident Macdonald im Unterhaus erklärt hat, daß die englische Regierung den Bau von zwei Kreuzern, einem Unterseeboots-Mutter­schiff und zwei Unterseebooten verschieben werde, hat der amerikanische Präsident Hoover seiner großen Freude über diese Friedensgeste Ausdruck gegeben. Er kündigte seinerseits an, daß er die Stapellegung von drei Kreuzern des diesjährigen Bauprogramms aufschieben werde, bis er klar sehe, inwiefern das erhoffte Abkommen mit Groß­britannien über die Flottenparität den Bau dieser Kreuzer beeinflussen würde. Er sprach seine Freude über den an- gckündigtcn Besuch Macdonalds aus und versprach ihm die herzlichste Aufnahme seitens des ganzen amerikanischen Volkes.

Kriegssekretär Good teilte mit, daß versucht werde, die Prüfung der militärischen Ausgaben zu beschleunigen, um jede nur mögliche Herabsetzung des Heeresetats vor- zunehmen, der dem Kongreß Anfang Dezembèr zugehen wird. Die vom Präsidenten Hoover vorgeschlagene Kom­mission von Generalstabsoffizieren, die prüfen foll, wie die Ausgaben für das Heer verringert werden können, ohne die Wirksamkeit der Landesverteidigungspläne zu beeinträchtigen, wird in den nächsten Tagen ernannt werden.

etwa 25 chinesische Regimenter entlang der mandschuri­schen Grenze ausgestellt sind und daß sic langsam verstärkt werden.

Zwei weitere Meldungen zeigen, daß die Stimmung auf beiden Seiten noch außerordentlich gereizt ist.

Sechzehn Weißgardisten in Rußland hingerichtet.

In Chabarowsk sind von der G. P. U. sechzehn frühere Angehörige der Koltschak- und anderer gegenrevolutionä­rer' Truppenteile hingerichtet worden. Wie amtlich dazu gemeldet wird, waren die Hingerichteten aus der Man­dschurei zur Ausführung von Anschlägen über die Grenze gekommen. Bei ihnen sei eine größere Menge von Waffen iind Munition gefunden worden. Es sei ferner festgestellt worden, daß sie von chinesischen Behörden n n t e r st ü tz t worden seien und in Verbindung mit dem Stab der in Mulden liegenden Truppen gestanden hätten.

Kampf mit einer chinesischen Kommunistenbandc.

Das chinesische Oberkommando in Mulden teilt mit, daß eine kommunistische Bande vier Kilometer von der chinesischen Grenzstation Mandschurin (Manchuli) entfernt die Grenze überschritten und die chinesischen Posten beschossen hat. Sofort wurde Kavallerie nufge- boten, die dann nach mehrstündigem Kampf die chinesischen Kommunisten zwang, das Feld zu räumen und über die russische G r c n z c zu fliehen Bei diesem Kampfe wurden sechs chinesische Kommunisten getötet und neun verletzt. Von den chinesischen Truppen wurden vier Soldaten getötet und mehr als 14 verletzt.

Der Appell an das Weltgewiffen.

Zur Proklamierung des Kellogg-Paktes

Präsident Hoover leitete die feierliche Proklamierung des Kellogg-Paktes mit einer Ansprache ein, in der er die Verhandlungen Briands und Kelloggs, die zum Abschluß des Kriegsächtungspaktes führten, als einen AppellandasGewissender zivilisierten Nationen und als einen neuen Schritt zum Ausbau des Völker­rechtes bezeichnete. Der Pakt sei reich an Bedeutung und an Möglichkeiten für die künftige Gestaltung der inter­nationalen Beziehungen und stelle eine Plattform dar, von der aus bei irgendeinem Vorfall oder irgendeiner Handlungsweise sofort ein Sammelruf an die Weltmeinung ergehen könne.

Er pries die wundervolle Aufnahme des Paktvor­schlages durch fast die gesamte Welt und beglückwünschte Kellogg zu seiner Arbeit, die zur Ausdehnung des ur­sprünglich zweiseitigen Vorschlages auf alle Staaten der Welt geführt habe.

Er bat die anwesenden Vertreter der fremden Mächte, ihren Regierungen mitzuteilen, wie sehr Amerika diese Zusammenarbeit für das künftige Wohl der Menschheit schätze, und schloß mit dem Hinweis, daß dieser erste Schritt alle anspornen solle, eine jede Möglichkeit zum Ausbau des Vertrages zu ergreifen und nach besten Kräften an der Verwirklichung der in dem Kriegs­verzichtpakt niedergelegten Idee mitzuarbeiten.

Telegrammwechsel StimsonBriand.

Paris. Aus Anlaß des Inkrafttretens des Kellogg-Paktes hat zwischen dem amerikanischen Staatssekretär Stimson unK Außenminister Briand ein Telegrammwechsel stattgcfunden Stimson erklärte, das amerikanische Volk wisse die große Ehre zu schätzen, die ihm Briand mit dem Vorschlag dieses Ver­trages erwiesen habe, und sprach Briand aus Diesem Anlaß seine Dankbarkeit und seinen wärmsten Glückwunsch aus. In seiner Erwiderung erklärte Briand, daß der Vertrag, der so wertvolle Sicherungen für die Zukunft biete, den wichtigsten Beitrag darstelle, der bisher für das Werk des Friedens ge­leistet worden sei.

Französische Gchulpropaganda im Gaargebiet.

Seltsame Pflichtauffassung der Regierungskommission'.

Im Landesrat des Saargebiets wurde die Frage der französischen Schulen im Saargebiet aufgerollt. Ab­geordneter Martin (Ztr.) teilte aus der jüngsten Zeit aus­führliches Material über die neuauflebende Propaganda der französischen Bergverwaltung für die Dominialschulen mit. Namentlich beschäftigte sich der Redner mit den Verhält- , rissen auf den Gruben Velsen und Hostenbach, wo man durch Fragebogen bei den Bergarbeitern festzustellen be- , müht war, wer feine Kinder in die französischen Schulen sende bzw. dazu bereit sei. Hierbei fei es auch zu Drohungen mit Entziehung der Dienstwohnung und sogar mit Entlassung gekommen. In Hostenbach unterhalte der Leiter der Schule sogar ein regelrechtes Anlcgebureau, auf dem diejenigen Arbeiter sofort eingestellt würden, die ihre Kinder in die französische Schule senden und dem Saarbund, der französischen Propagandaorganisation, bci- treten wollen. Den Eltern sei hier auch mehrmals ein Termin gestellt worden, bis zu dem alle Kinder in der französischen Schule sein müßten. Freilich seien nur zwei Kinder dieser Aufforderung gefolgt und auch da nur unter wirtschaftlichem Druck.

Diesem Treiben müssen die Regierungskommissare ein Ende machen. Einige Redner betonten, daß das Ver­balien der Bergverwaltung um so merkwürdiger sei, als sie doch nicht annehmen könne, daß bis zur Volksabstim­mung aus einem deutschen Bergmannsjungen ein französischer Wähler gemacht werde. Von dem Redner der Deutschen Saarländischen Volkspartei nu rbc betont, daß die Regierungskommission pflicht­widrig handle, denn schon im Dezember 1924, ehe noch Deutschland zum Völkerbund gehörte, sei ihr die Be­seitigung dieses Druckes vom Völkerbund zur Pflicht gemacht worden. Einmütig wurde vom Hause die Abstellung des unzulässigen Vorgehens der Bergverwaltung verlangt, um die politischen Parteien nicht zu zwingen, wieder einmal die Weltpresse auf diese seltsame Pflichtausfassung' der Regierungskommission aufmerksam zu machen.

Konferenzori wahrscheinlich Haag.

London. Reuter erfährt über die Besprechungen zu^ Wahl des Ortes für die Rcparalionskonfcrenz, es sei wahr­scheinlich, daß die Wahl auf den Haag fallen werde. Die bri^ tische Regierung bestehe nicht mehr auf London als Konferenz, ort. Die Konferenz werde wahrscheinlich am 6. August eröffnet werden.

Botschafter v. Hoesch bei Briand.

Paris. Nachdem Botschafter v. Hoesch während der letzten Tage verschiedentlich mit dem Generalsekretär Herrn Philippe Berthelot in Meinungsaustausch gestanden hatte, hatte de^ Botschafter wieder eine längere Unterredung mit dem Minister '-es Äußern Briand, die ebenso wie die Besprechungen mit '^errn Berthelot in erster Linie die Vorbereitung der bevor st ehendcn R e g i e r u n g s k 0 n s e r e n z zum Gegenstand hatte.

Wünsche Macdonalds für den Aerchskanzler. _

London. Macdonald hat an den Reichskanzler Mülles w§ folgende Telegramm gerichtet:Ich habe mit lebhafter Be­friedigung von der erfolgreichen Operation Kenntnis erhalte»" ^er sich Eure Exzellenz unterzogen hat. Rehmen Sic bitw ^tetne Glückwünsche und herzlichen Wünsche für die baldige Wiederherstellung »bret Gesundheit entgegen."