Erscheint jeden werktag.Bezugspreis: monatlich 2.20 RM. Bei LieferungsbehinSerungen durch „höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, Fulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver- leger. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. He. 16009
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal -Zul-aer Kreisblatt Redaktion und Geschäftsstelle: Mühlenftraße 1 ♦ Zernsprech-slnschluß Nr. 989 Nachdruck der mit* versehenen Artikel nur mit Quellenangabe,Fuldaer flnzelger'gestaaet.
Jln^ef genpreis: Für Behörden, Genossenschaf. ten,Bankm usw. beträgt die Kleinzeile 0.30 mt., für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark ♦ Bei Rechnungsstellung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfolgen ♦ Tag« und Platzvorfchristen unverbindlich.
Nr. 174 — 1929
Fulda, Samstag, 27. Juli
6. Jahrgang
Haag wird Konferenzort.
Aegierungskonferenz in Holland.
Ernste Erkrankung Poincarès.
_ Ter Streit um den Ort, in dem die große Regierungskonferenz im August zusammentreten soll, ist nunmehr beigelegt. Die Entscheidung ist auf die Hauptstadt Hollands, den Haag, gefallen. Bis zuletzt hat sich namentlich Belgien gegen den Haag als Konferenzort gewandt, da die Brüsseler Regierung infolge der Veröffentlichung gefälschter politischer Dokumente in holländischen Blättern, die Belgien bloßstellen sollten, noch etwas verschnupft ist. Allerdings ist es jetzt den vereinten diplomatischen Bemühungen gelungen, Belgien umzustimmen, und die Brüsseler Regierung hat schließlich auch nachgegeben, da, wie es heißt, sie nicht an einer Vertagung der großen Konferenz etwa schuldig sein wolle.
Mit der Wahl des Haags als Konferenzort hat ein politischer Kampf sein Ende gefunden, dessen Hintergründe noch immer in Dunkel gehalten werden. Die Pariser Zeitung „Excelsior" bringt den Kampf um den Konferenzort mit der Bestimmung des Sitzes der Internationalen Bank in Zusammenhang. In England sei man mit Recht oder Unrecht der Ansicht, daß die Bank an dem Ort der Konferenz ihren Sitz erhalten werde. Nachdem es nicht gelungen sei, London durchzusetzen, wolle England den Haag, den es besser kontrollieren könne als die Schweiz oder Luxumburg. Im übrigen hat man die Absich , auch Amerika zur Teilnahme an der Konferenz a u f z u f o r d e r n, und es wäre immerhin möglich, daß auch ein Vertreter aus Washington im Haag erscheint, da dort der in Paris geschaffene Young-Plan verwirklicht werden soll, an dem ja auch Amerika in entscheidender Weise mitgearbeitet hat.
England und der doung-Plan.
SchaMuzler Snowden im Unterhaus.
Im Englischen Unterhaus erklärte Schatzkanzlcr Snowden: „England ist keineswegs zur Annahme der Anempfehlungen des Young-Planes verpflichtet. Meines Wissens hat bisher keine der interessierten Regierungen den Bericht angenommen, mindestens keine der Gläubigermächte. Der deutsche Außenminister scheint erklärt zu haben, die deutsche Regierung nehme den Bericht als Grundlage einer Konferenz an. Ich glaube, die Gläubigermächte sind der Meinung, daß cs ihnen f r e i st e h e, über den Bericht zu verhandeln. Tatsächlich würde eine Konferenz unmöglich sein, wenn die Regierungen den Bericht in seiner jetzigen Form annehmen müßten."
Der Schatzkanzler erinnerte dann an verschiedene Stadien der Verhandlungen der Sachverständigen, und sagte: „Die Regierung hat sich durchaus einverstanden erklärt, mit der Annahme der festgesetzten Annuitäten. Wir haben keinen Wunsch, die Summe der von Deutschland verlangten Zahlungen zu erhöhen. In diesem einen Punkte sind sich, wie ich glaube, alle Beteiligten einig." Der Schatz- kanzler zitierte dann die Ziffern des Annuitätenschemas und bemerkte: „Von dem
unbedingten Teil
wird erwartet, daß er unter allen Umständen gezahlt wird außer im Falle des völligen Bankerotts Deutschlands, mit dem aber nicht gerechnet wird. An diesen unbedingten Zahlungen hat Großbritannien keinen wesentlichen An- teil. Fünf Sechstel gehen an Frankreich, der Rest an Italien. "Unser Anteil an den Annuitäten könnte verglichen werden mit den gewöhnlichen Aktien eines vielleicht nicht sehr gesunden Konzerns, während die unbedingten Zahlungen als Schuldverschreibungen erster Klasse betrachtet werden können. Dieses ist die Lage hinsichtlich der Einteiliina der Annuitäten in zwei Teile.
Der Teufel von Verdun.
Nächtliche Phantasien eines algerischen Schützen.
Ans Wachtposten der Zitadelle von Verdun sollten in den letzten Wochen zur Nachtzeit wiederholt Schüsse abgegeben worden sein. Nun hat ein algerischer Schütze, der in einer der letzten Rächte überfallen worden zu sein behauptete, im Laufe seiner Vernehmung folgende Aussagen gemacht:
„Vor meiner Entsendung nach Frankreich hat man mir in Algerien erzählt, daß der Boden von Verdun mit als Teufet verkleideten Leichen ungesüßt sei und daß diese Teufel nächtlich zu erscheinen und mit Gewehren, Maschinengewehre» oder einer Kanone zu schießen pflegten. In der vergangenen Nacht hatte ich das Gefühl, als ob diese Teufe! unter meinen Füße» rumorte». Ich schoß mit meinem Gewehr in Richtung nach dem Boden nnb traf mich dabei in den Fuß. Mein Kamerad, der im Schilderhaus schlief, wurde durch den Schuß wach, und ich erklärte ihm, daß eine Zivilperson auf mich einen Schuß abgegeben habe."
Man glaubt nunmehr anuehme» zu dürfen, daß auch die früheren nächtlichen Attentate ans die Wachtposten von Verdun von den als Teufel verkleideten Leichen verübt worden sind.
Der Verlauf der Konferenz wird natürlich auch abhängig sein von der Zusammensetzung der einzelnen Delegationen. Daß Reichskanzler Müller, der die Absicht hatte, die Führung der deutschen Abordnung zu der politischen Konferenz zu übernehmen, diesen Plan durchführen kann, gilt angesichts seiner schweren Erkrankung als völlig ausgeschlossen. Infolgedessen wird Reichsautzenminister Dr. Stresemann die Führung der deutschen Delegation übernehmen, der außerdem noch die deutschen Minister Dr. Hilferding, Dr. Curtius und Dr. Wirth angehören sollen. Von Wichtigkeit ist natürlich die Persönlichkeit, die der französischen Delegation vorstehen wird. Ministerpräsident Poincarè hatte ursprünglich die Absicht, wieder die Führung zu übernehmen. Ob er es tun kann, steht noch nicht fest, da seine Erkrankung ernster zu sein scheint, als die Ärzte es ursprünglich zugegeben haben. Am nächsten Dienstag soll nochmals von mehreren Ärzten eine gründliche Untersuchung Poincarès stattfinden, von deren Ergebnis cs abhängen wird, ob dem französischen Ministerpräsidenten die Erlaubnis zur Reise nach dem Haag gegeben werden kann oder nicht. Wie verlautet, leidet Poincarè nicht ; nur an einer Entzündung der Speiseröhre, sondern auch : an einem Magengeschwür. Man rechnet sogar mit der Möglichkeit, daß sich P o i n c a r è einer Operation unterziehen mutz. Das würde natürlich eine Beteiligung Poincarès an der politischen Rcgie- rungskonferenz ausschlietzen, so daß in diesem Falle der französische Außenminister Briand die Leitung der französischen Abordnung übernehmen würde.
Ob die Konferenz bereits, wie geplant, am 6. August zusammentreten kann, steht noch nicht fest. Der lange Streit um den Konferenzort bat die Vorbereitungen verzögert, so daß es nicht ausgeschlossen ist, daß der Ver- bandlunasbcainn um acht Taae verschoben werden wird.
I Wenn die Zahlungen geleistet werden, werden sic sich folgendetNiußen verteilen: Wir erhalten 17,5 Millionen I Pfund, die Dominions 2,6 Millionen Pfund, Frankreich 52,5 Millionen und Italien nicht ganz 11 Millionen Pfund."
Lloyd Georges Kritik an dem Plan.
Vor dem Schatzkanzler hatte Lloyd George gesprochen. Er sagte: „Ich bin erstaunt, daß dieser Bericht dem britischen Schatzamt als eine gerechte Berücksichtigung der britischen Ansprüche unterbreitet worden ist. Ich hoffe, Snowden wird seinen Einfluß benutzen, um
sehr beträchtliche Abänderungen
an dem Plan durchzusetzen. Meine Bedenken richten sich nicht dagegen, daß die deutschen Zahlungen herabgesetzt werden. “ Aber ich erhebe Widerspruch dagegen, daß die Gesamtheit der Opfer in der Hauptsache von Großbritannien getragen werden soll. Wenn es eine Herabsetzung geben mußte, dann hätte sie gerecht auf alle Gläubigerstaaten verteilt werden müssen. Ich vermag keinen Grund für eine Abänderung des Reparationsverteilungsplans von 1920 zu entdecken. Zum erstenmal sollen außerdem die deutschen Zahlungen in einen bedingten und einen unbedingten Teil zerfallen. Von dem unbedingten Teil erhält Großbritannien so gut wie gar nichts, obwohl es seine 34 Millionen Pfund an Amerika zahlen muß. Unser Anteil an den Zahlungen wird unsicher sein und schließlich ganz aufhören, denn Deutschland ist nur imstande gewesen, zu zahlen durch umfangreiche Anleihen und durch Niedrighalten der Löhne. Das kann nicht unbegrenzte Zeit so fortgehen.
Die Regierung darf ihre Unterschrift nicht unter einen Bericht setzen, der nicht nur ein Rückschritt, sondern eine Demütigung für uns ist."
Nach der Rede Snowdens vertagte sich das Unterhaus bis zum 2 9. Oktober.
Der Konflikt im fernen Osten.
In Moskau werden die Nachrichten, wonach russischchinesische Verhandlungen in Tschangtschun begonnen hätten, als verfrüht bezeichnet. Bis jetzt werden mit der Chinesischen Republik keine Verhandlungen geführt Nach Ansicht der diplomatischen russischen Kreise wird bis zur Wiederausnahme normaler russisch-chinesischer Beziehungen noch geraume Zeit vergehen, da die Beilegung des Konfliktes längere Zeit in Anspruch nehmen werde.
Die Grenzplänkeleicn in der Mandschurei.
Der japanische Kriegsminister Ugaki erklärte, daß er einen Bericht von der japanischen Militärmisston in Chardin über die politische Lage an der russisch-chinesischen Grenze erhalten habe. An der Grenze hätten kleine Zusammenstöße zwischen chinesischen und russischen kommunistischen Banden stattgefunden, aber auf beiden Seiten sei bis jetzt vermieden worden, die Feindseligkeiten zu eröffnen. Der japanische Kriegsminister macht den Vorschlag, im Interesse des Friedens die chinesischen und die russischen Truppen etwa vier Kilometer von der russisch- chinesischen Grenze zurückzuziehen und dadurch eine entmilitarisierte Zone zu schaffen. Die japanische Regierung wird dem chinesischen und dem russischen Oberkommando dicken Vorschlag unterbreiten.
Volksbegehrkundgevung gegen -ea Houng-Plan.
Hugenberg und Düsterberg als Redner.
In M ü n st e r fand eine vom Ausschuß für das deutsche Volksbegehren veranstaltete öffentliche Kundgebung statt, an der u. a. auch Studenten teilnahmen. Es sprachen Geheimrat Hugenberg, Oberstleutnant a. D. T u st e r b e r g und ein Mitglied des Vereins Deutscher Studenten.
Geheimrat Hugenberg betonte in längeren Ausführungen, daß man, um dem deutschen Volke das Unglück des Pariser Tributvertrags fernzuhalten, mit vereinter Kraft alle Mittel aufbieten müßte, auch das ■
Mittel des Volksbegehrens.
Die etwaige Annahme des Pariser Tributvertrages in Verbindung mit der marxistischen Mißwirtschaft des heutigen Staates werde nur zu bald ungewöhnliche Not in Deutschland zeitigen. Sie werde Millionen in Deutschland überraschen. Damit dann nicht Unglück über Deutschland komme, werde es gut sein, wenn diejenigen, welche es kommen sehen, sich vorher zusammengefunden haben würden.
Der zweite Bundesführer des Stahlhelms, Oberstleutnant a. D. D ü st e r b e r g, verwies auf den Kampf des Stahlhelms um die Vorbereitung des geistigen Bodens für eine nationale Selbsterhaltungs- und Befreiungspolitik in Deutschland und kam dann auf den Kampf gegendenYoung-Planzu sprechen. Es sei selbstverständlich gewesen, daß der Stahlhelm sein Volksbegehren hinsichtlich einer Verfassungsänderung gegenüber der dringendsten Forderung, die Annahme des Young-Plattes zu verhindern, vorläufig zurückstellte. Dank der Vorbereitungen in den letzten Monaten sei es möglich gewesen, eine große Reihe von Parteien und Organisationen zur Bildung eines Reichsausschusses zusammenzuberufen. Diese Parteien und Organisationen hätten sich zusammengefun- den auf paritätischer Grundlage, um unter Zurückstellung von Sonderausgaben endlich in dieser großen wichtigen Lebensfrage unserer Nation gemeinsam arbeiten zu können. Der Redner verbreitete sich dann eingehend über die finanziellen und wirtschaftlichen Folgen aus dem Young-Plan.
Amerikanische Note in Paris eingetroffen.
wtb. Paris, 27. Juli. Im französischen Autzenmimste- rium ist gestern eine Note der Vereinigten Staaten eingegangen, die sich mit dem Zolltarif und den Kontrollmatznahmen befaßt, die in Amerika gegenüber französischen- Exortteuren zur Anwendung gelangen. Die Note soll in freundschaftlichem Ton abgefatzt sein und den Vorschlag enthalten, daß die Kontrollmatznahmen, wenn sie den amerikanischen Gesetzen entsprechen, als zweckmäßig und erlaubt angesehen werden und auf eine Art ausgeübt werden sollen, die die französischen Kaufleute in keiner Wesse schädigt. Die Kontrolle soll mit Hilfe der französischen Organisationen durchgeführt werden.
Der Papst außerhalb des Vatikans.
Feierliche Prozession zum Petcrsdom.
In Rom fand Donnerstag abend die feierliche Papst- prozession zum Petersdom statt. Die Prozession verließ um 6 Uhr den Vatikan und zog durch die Kolonnaden des Petersplatzes. An dem Zuac nahmen etwa 80 000 Personen teil, darunter die Bischöfe, Erzbischöfe, Patriarchen und Kardinäle sowie 5000 Seminaristen aller Nationalitäten.
Der Papst, der das Allerhciligste in Händen hielt, wurde inmitten seines Hofstaates und umringt von den Schweizcrgarden unter einem Baldachin in einem Tragscsfel um 7.30 Uhr aus dem Vatikan getragen. Eine Abteilung palatinischer Garde eröffnete und schloß den Zug. Ehrenkompagnien italienischer Infanterie erwiesen der Prozession Ehrenbezeugungen. Eine riesige Menschenmenge jubelte dem Papst, während er vorübergetragen wurde, zu. Alle Fenster der Häuser am Rusticucciplatz waren dicht von Schaulustigen besetzt, ebenso die Fenster und Loggien des päpstlichen Palastes. Auch das Diplomatische Korps wohnte von einer Loggia aus der Feier- ^ lichkeit bei. Als der Papst bei dem vor der Peters-. basilika errichteten Altar angekommen war, verließ er seinen Tragsessel und kniete inmitten der Kardinäle nieder. Sodann erteilte er den eucharistischen Segen. Gegen 8.30 Uhr begab sich der Papst unter den Jubelrufen der Menge in den Vatikan zurück. Die Front der Petersbasilika war illuminiert. Die Glocken aller Kirchen Roms läuteten, solange die Prozession währte.
Laabgericht-birektor Bombe vermißt.
Einerder bekan»testen Berliner Richter.
Der Berliner Landgerichtsdirektor Max Bombe, eine mindestens dem Namen nach weit über Berlin hinaus bekannte richterliche Persönlichkeit, ist seit einer Woche spurlos verschwunden. Bombe verbrachte einen Erholungsurlaub in Neu-Globsow am Stcchlinsee in der Marl. Von einem Morgcnspazicrgang ist er nicht mehr zurückgelchrt.
Bombe, der aus Ostpreußen stammte und zuerst Landrichter in Allenstein war, kam 1909 an das Berliner Landgericht. Besonders bekannt wurde er in dem Prozeß um die Berliner Strcikkrawalle des Jahres 1909, zu dem er die Voruntersuchung geführt hatte, und in dem Fcmeprozetz um die Ermordung des Schützen Pannier, in dem vier Todesurteile gefällt wurden. Von Bombe ist auch das letzte in Preußen vollzogene Todesurteil gefällt worden; es traf den Mörder der Gräfin Lambsdorff.