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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal -Zul-aer Kreisblatt Redaktion und Geschäftsstelle: Mühlenftraße 1 Zernsprech-slnschluß Nr. 989 Nachdruck der mit* versehenen Artikel nur mit Quellenangabe,Fuldaer flnzelger'gestaaet.

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Nr. 174 1929

Fulda, Samstag, 27. Juli

6. Jahrgang

Haag wird Konferenzort.

Aegierungskonferenz in Holland.

Ernste Erkrankung Poincarès.

_ Ter Streit um den Ort, in dem die große Regierungs­konferenz im August zusammentreten soll, ist nunmehr beigelegt. Die Entscheidung ist auf die Hauptstadt Hol­lands, den Haag, gefallen. Bis zuletzt hat sich nament­lich Belgien gegen den Haag als Konferenzort gewandt, da die Brüsseler Regierung infolge der Veröffentlichung ge­fälschter politischer Dokumente in holländischen Blättern, die Belgien bloßstellen sollten, noch etwas verschnupft ist. Allerdings ist es jetzt den vereinten diplomatischen Be­mühungen gelungen, Belgien umzustimmen, und die Brüsseler Regierung hat schließlich auch nachgegeben, da, wie es heißt, sie nicht an einer Vertagung der großen Konferenz etwa schuldig sein wolle.

Mit der Wahl des Haags als Konferenzort hat ein politischer Kampf sein Ende gefunden, dessen Hintergründe noch immer in Dunkel gehalten werden. Die Pariser ZeitungExcelsior" bringt den Kampf um den Konferenz­ort mit der Bestimmung des Sitzes der Internationalen Bank in Zusammenhang. In England sei man mit Recht oder Unrecht der Ansicht, daß die Bank an dem Ort der Konferenz ihren Sitz erhalten werde. Nachdem es nicht gelungen sei, London durchzusetzen, wolle England den Haag, den es besser kontrollieren könne als die Schweiz oder Luxumburg. Im übrigen hat man die Absich , auch Amerika zur Teilnahme an der Konferenz a u f z u f o r d e r n, und es wäre immerhin möglich, daß auch ein Vertreter aus Washington im Haag erscheint, da dort der in Paris geschaffene Young-Plan verwirklicht werden soll, an dem ja auch Amerika in entscheidender Weise mitgearbeitet hat.

England und der doung-Plan.

SchaMuzler Snowden im Unterhaus.

Im Englischen Unterhaus erklärte Schatzkanzlcr Snowden:England ist keineswegs zur Annahme der Anempfehlungen des Young-Planes verpflichtet. Meines Wissens hat bisher keine der interessierten Regie­rungen den Bericht angenommen, mindestens keine der Gläubigermächte. Der deutsche Außenminister scheint erklärt zu haben, die deutsche Regierung nehme den Bericht als Grundlage einer Konferenz an. Ich glaube, die Gläubigermächte sind der Meinung, daß cs ihnen f r e i st e h e, über den Bericht zu verhandeln. Tatsächlich würde eine Konferenz unmöglich sein, wenn die Regierun­gen den Bericht in seiner jetzigen Form annehmen müßten."

Der Schatzkanzler erinnerte dann an verschiedene Sta­dien der Verhandlungen der Sachverständigen, und sagte: Die Regierung hat sich durchaus einverstanden erklärt, mit der Annahme der festgesetzten Annuitäten. Wir haben keinen Wunsch, die Summe der von Deutschland verlang­ten Zahlungen zu erhöhen. In diesem einen Punkte sind sich, wie ich glaube, alle Beteiligten einig." Der Schatz- kanzler zitierte dann die Ziffern des Annuitätenschemas und bemerkte:Von dem

unbedingten Teil

wird erwartet, daß er unter allen Umständen gezahlt wird außer im Falle des völligen Bankerotts Deutschlands, mit dem aber nicht gerechnet wird. An diesen unbedingten Zahlungen hat Großbritannien keinen wesentlichen An- teil. Fünf Sechstel gehen an Frankreich, der Rest an Italien. "Unser Anteil an den Annuitäten könnte ver­glichen werden mit den gewöhnlichen Aktien eines viel­leicht nicht sehr gesunden Konzerns, während die unbe­dingten Zahlungen als Schuldverschreibungen erster Klasse betrachtet werden können. Dieses ist die Lage hin­sichtlich der Einteiliina der Annuitäten in zwei Teile.

Der Teufel von Verdun.

Nächtliche Phantasien eines algerischen Schützen.

Ans Wachtposten der Zitadelle von Verdun sollten in den letzten Wochen zur Nachtzeit wiederholt Schüsse abgegeben worden sein. Nun hat ein algerischer Schütze, der in einer der letzten Rächte überfallen worden zu sein behauptete, im Laufe seiner Vernehmung folgende Aus­sagen gemacht:

Vor meiner Entsendung nach Frankreich hat man mir in Algerien erzählt, daß der Boden von Verdun mit als Teufet verkleideten Leichen ungesüßt sei und daß diese Teufel nächtlich zu erscheinen und mit Gewehren, Maschinengewehre» oder einer Kanone zu schießen pflegten. In der vergangenen Nacht hatte ich das Ge­fühl, als ob diese Teufe! unter meinen Füße» rumorte». Ich schoß mit meinem Gewehr in Richtung nach dem Boden nnb traf mich dabei in den Fuß. Mein Kamerad, der im Schilderhaus schlief, wurde durch den Schuß wach, und ich erklärte ihm, daß eine Zivilperson auf mich einen Schuß abgegeben habe."

Man glaubt nunmehr anuehme» zu dürfen, daß auch die früheren nächtlichen Attentate ans die Wachtposten von Verdun von den als Teufel verkleideten Leichen verübt worden sind.

Der Verlauf der Konferenz wird natürlich auch ab­hängig sein von der Zusammensetzung der einzelnen De­legationen. Daß Reichskanzler Müller, der die Absicht hatte, die Führung der deutschen Abordnung zu der poli­tischen Konferenz zu übernehmen, diesen Plan durchfüh­ren kann, gilt angesichts seiner schweren Erkrankung als völlig ausgeschlossen. Infolgedessen wird Reichsautzen­minister Dr. Stresemann die Führung der deutschen Dele­gation übernehmen, der außerdem noch die deutschen Minister Dr. Hilferding, Dr. Curtius und Dr. Wirth an­gehören sollen. Von Wichtigkeit ist natürlich die Persön­lichkeit, die der französischen Delegation vorstehen wird. Ministerpräsident Poincarè hatte ursprünglich die Ab­sicht, wieder die Führung zu übernehmen. Ob er es tun kann, steht noch nicht fest, da seine Erkrankung ernster zu sein scheint, als die Ärzte es ursprüng­lich zugegeben haben. Am nächsten Dienstag soll noch­mals von mehreren Ärzten eine gründliche Unter­suchung Poincarès stattfinden, von deren Ergebnis cs abhängen wird, ob dem französischen Ministerpräsiden­ten die Erlaubnis zur Reise nach dem Haag gegeben wer­den kann oder nicht. Wie verlautet, leidet Poincarè nicht ; nur an einer Entzündung der Speiseröhre, sondern auch : an einem Magengeschwür. Man rechnet sogar mit der Möglichkeit, daß sich P o i n c a r è einer Opera­tion unterziehen mutz. Das würde natürlich eine Beteiligung Poincarès an der politischen Rcgie- rungskonferenz ausschlietzen, so daß in diesem Falle der französische Außenminister Briand die Leitung der fran­zösischen Abordnung übernehmen würde.

Ob die Konferenz bereits, wie geplant, am 6. August zusammentreten kann, steht noch nicht fest. Der lange Streit um den Konferenzort bat die Vorbereitungen verzögert, so daß es nicht ausgeschlossen ist, daß der Ver- bandlunasbcainn um acht Taae verschoben werden wird.

I Wenn die Zahlungen geleistet werden, werden sic sich folgendetNiußen verteilen: Wir erhalten 17,5 Millionen I Pfund, die Dominions 2,6 Millionen Pfund, Frankreich 52,5 Millionen und Italien nicht ganz 11 Millionen Pfund."

Lloyd Georges Kritik an dem Plan.

Vor dem Schatzkanzler hatte Lloyd George ge­sprochen. Er sagte:Ich bin erstaunt, daß dieser Bericht dem britischen Schatzamt als eine gerechte Berücksichtigung der britischen Ansprüche unterbreitet worden ist. Ich hoffe, Snowden wird seinen Einfluß benutzen, um

sehr beträchtliche Abänderungen

an dem Plan durchzusetzen. Meine Bedenken richten sich nicht dagegen, daß die deutschen Zahlungen herabgesetzt werden. Aber ich erhebe Widerspruch dagegen, daß die Gesamtheit der Opfer in der Hauptsache von Groß­britannien getragen werden soll. Wenn es eine Herab­setzung geben mußte, dann hätte sie gerecht auf alle Gläubigerstaaten verteilt werden müssen. Ich vermag keinen Grund für eine Abänderung des Repa­rationsverteilungsplans von 1920 zu entdecken. Zum erstenmal sollen außerdem die deutschen Zahlungen in einen bedingten und einen unbedingten Teil zerfallen. Von dem unbedingten Teil erhält Großbritannien so gut wie gar nichts, obwohl es seine 34 Millionen Pfund an Amerika zahlen muß. Unser Anteil an den Zahlungen wird unsicher sein und schließlich ganz aufhören, denn Deutschland ist nur imstande gewesen, zu zahlen durch umfangreiche Anleihen und durch Niedrighalten der Löhne. Das kann nicht unbegrenzte Zeit so fortgehen.

Die Regierung darf ihre Unterschrift nicht unter einen Bericht setzen, der nicht nur ein Rückschritt, sondern eine Demütigung für uns ist."

Nach der Rede Snowdens vertagte sich das Unter­haus bis zum 2 9. Oktober.

Der Konflikt im fernen Osten.

In Moskau werden die Nachrichten, wonach russisch­chinesische Verhandlungen in Tschangtschun begonnen hätten, als verfrüht bezeichnet. Bis jetzt werden mit der Chinesischen Republik keine Verhandlungen geführt Nach Ansicht der diplomatischen russischen Kreise wird bis zur Wiederausnahme normaler russisch-chinesischer Be­ziehungen noch geraume Zeit vergehen, da die Beilegung des Konfliktes längere Zeit in Anspruch nehmen werde.

Die Grenzplänkeleicn in der Mandschurei.

Der japanische Kriegsminister Ugaki erklärte, daß er einen Bericht von der japanischen Militärmisston in Chardin über die politische Lage an der russisch-chinesischen Grenze erhalten habe. An der Grenze hätten kleine Zusammenstöße zwischen chinesischen und russischen kom­munistischen Banden stattgefunden, aber auf beiden Seiten sei bis jetzt vermieden worden, die Feindseligkeiten zu eröffnen. Der japanische Kriegsminister macht den Vor­schlag, im Interesse des Friedens die chinesischen und die russischen Truppen etwa vier Kilometer von der russisch- chinesischen Grenze zurückzuziehen und dadurch eine ent­militarisierte Zone zu schaffen. Die japanische Regierung wird dem chinesischen und dem russischen Ober­kommando dicken Vorschlag unterbreiten.

Volksbegehrkundgevung gegen -ea Houng-Plan.

Hugenberg und Düsterberg als Redner.

In M ü n st e r fand eine vom Ausschuß für das deutsche Volksbegehren veranstaltete öffentliche Kund­gebung statt, an der u. a. auch Studenten teilnahmen. Es sprachen Geheimrat Hugenberg, Oberstleutnant a. D. T u st e r b e r g und ein Mitglied des Vereins Deutscher Studenten.

Geheimrat Hugenberg betonte in längeren Aus­führungen, daß man, um dem deutschen Volke das Unglück des Pariser Tributvertrags fernzuhalten, mit vereinter Kraft alle Mittel aufbieten müßte, auch das

Mittel des Volksbegehrens.

Die etwaige Annahme des Pariser Tributvertrages in Verbindung mit der marxistischen Mißwirtschaft des heuti­gen Staates werde nur zu bald ungewöhnliche Not in Deutschland zeitigen. Sie werde Millionen in Deutschland überraschen. Damit dann nicht Unglück über Deutschland komme, werde es gut sein, wenn diejenigen, welche es kom­men sehen, sich vorher zusammengefunden haben würden.

Der zweite Bundesführer des Stahlhelms, Oberst­leutnant a. D. D ü st e r b e r g, verwies auf den Kampf des Stahlhelms um die Vorbereitung des geistigen Bodens für eine nationale Selbsterhaltungs- und Befreiungs­politik in Deutschland und kam dann auf den Kampf gegendenYoung-Planzu sprechen. Es sei selbst­verständlich gewesen, daß der Stahlhelm sein Volksbegeh­ren hinsichtlich einer Verfassungsänderung gegenüber der dringendsten Forderung, die Annahme des Young-Plattes zu verhindern, vorläufig zurückstellte. Dank der Vorberei­tungen in den letzten Monaten sei es möglich gewesen, eine große Reihe von Parteien und Organisationen zur Bil­dung eines Reichsausschusses zusammenzuberufen. Diese Parteien und Organisationen hätten sich zusammengefun- den auf paritätischer Grundlage, um unter Zurückstellung von Sonderausgaben endlich in dieser großen wichtigen Lebensfrage unserer Nation gemeinsam arbeiten zu können. Der Redner verbreitete sich dann eingehend über die finanziellen und wirtschaftlichen Folgen aus dem Young-Plan.

Amerikanische Note in Paris eingetroffen.

wtb. Paris, 27. Juli. Im französischen Autzenmimste- rium ist gestern eine Note der Vereinigten Staaten ein­gegangen, die sich mit dem Zolltarif und den Kontrollmatz­nahmen befaßt, die in Amerika gegenüber französischen- Exortteuren zur Anwendung gelangen. Die Note soll in freundschaftlichem Ton abgefatzt sein und den Vorschlag enthalten, daß die Kontrollmatznahmen, wenn sie den amerikanischen Gesetzen entsprechen, als zweckmäßig und er­laubt angesehen werden und auf eine Art ausgeübt wer­den sollen, die die französischen Kaufleute in keiner Wesse schädigt. Die Kontrolle soll mit Hilfe der französischen Organisationen durchgeführt werden.

Der Papst außerhalb des Vatikans.

Feierliche Prozession zum Petcrsdom.

In Rom fand Donnerstag abend die feierliche Papst- prozession zum Petersdom statt. Die Prozession verließ um 6 Uhr den Vatikan und zog durch die Kolonnaden des Petersplatzes. An dem Zuac nahmen etwa 80 000 Per­sonen teil, darunter die Bischöfe, Erzbischöfe, Patriarchen und Kardinäle sowie 5000 Seminaristen aller Natio­nalitäten.

Der Papst, der das Allerhciligste in Händen hielt, wurde inmitten seines Hofstaates und umringt von den Schweizcrgarden unter einem Baldachin in einem Tragscsfel um 7.30 Uhr aus dem Vatikan getragen. Eine Abteilung palatinischer Garde eröffnete und schloß den Zug. Ehrenkompagnien italienischer Infanterie erwiesen der Prozession Ehrenbezeugungen. Eine riesige Menschen­menge jubelte dem Papst, während er vorübergetragen wurde, zu. Alle Fenster der Häuser am Rusticucciplatz waren dicht von Schaulustigen besetzt, ebenso die Fenster und Loggien des päpstlichen Palastes. Auch das Diplo­matische Korps wohnte von einer Loggia aus der Feier- ^ lichkeit bei. Als der Papst bei dem vor der Peters-. basilika errichteten Altar angekommen war, verließ er seinen Tragsessel und kniete inmitten der Kardinäle nieder. Sodann erteilte er den eucharistischen Segen. Gegen 8.30 Uhr begab sich der Papst unter den Jubel­rufen der Menge in den Vatikan zurück. Die Front der Petersbasilika war illuminiert. Die Glocken aller Kirchen Roms läuteten, solange die Prozession währte.

Laabgericht-birektor Bombe vermißt.

Einerder bekan»testen Berliner Richter.

Der Berliner Landgerichtsdirektor Max Bombe, eine mindestens dem Namen nach weit über Berlin hinaus bekannte richterliche Persönlichkeit, ist seit einer Woche spurlos verschwunden. Bombe verbrachte einen Er­holungsurlaub in Neu-Globsow am Stcchlinsee in der Marl. Von einem Morgcnspazicrgang ist er nicht mehr zurückgelchrt.

Bombe, der aus Ostpreußen stammte und zuerst Land­richter in Allenstein war, kam 1909 an das Berliner Land­gericht. Besonders bekannt wurde er in dem Prozeß um die Berliner Strcikkrawalle des Jahres 1909, zu dem er die Voruntersuchung geführt hatte, und in dem Fcmeprozetz um die Ermordung des Schützen Pan­nier, in dem vier Todesurteile gefällt wurden. Von Bombe ist auch das letzte in Preußen vollzogene Todesurteil gefällt worden; es traf den Mörder der Gräfin Lambsdorff.