Einzelbild herunterladen
 

Iul-aer Anzeiger

Erchemt jeöen Werktag.Bezugspreks: monatlich 2.20 RM. Bei Lieferungsbehinöerungen durch höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Einsprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, Fulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver­leger. Postscheckkonto: Franksürt a. M. Nr. 1600Y

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

Reüaktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Zernsprech-flnschluß Nr.-S-

NachSruck Ser mit * versehenen Artikel nur mit (ßueUenangabe .ZulSaer flnzeiger'gegattet.

Tlnzekgenpreks: Für Behörden, Genossenschaf­ten,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.Z0Mk., für auswärtige Tluftraggeber 0.25 Mk., für die Beklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark Bei Rechnungsstel­lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol- gen Tag- und Platzvorschriften unverbindlich.

Nr. 175 1929

Fulda, Montag, 29. Juli

6. Jahrgang

Die große Regierungskonferenz.

Arbeit im Haag - Erholung in Scheveningen.

Das Wettrennen um die Hotels.

Sieben Städte stritten sich darum, der Geburtsort Homers zu sein. Fast ebenso viele Orte kandidierten um den Ruhm, der Sitz der kommenden Reaierunas- konferenz zu werden. Das Rennen hat schließlich der Haag gemacht und jetzt beginnt ein neues

, Wettrennen der diplomatischen Delegationen, um dort geeignete Unterkunftsräume zu finden. Rechnet man doch mit einem Zustrom von über 2000 Per­sonen. Als Konferenzraum ist das Gebäude der Zweiten Niederländischen Kammer im Zentrum der Stadt Haag ausersehen, aber ganz in der Nähe von Haag lockt

der schone Nordseestrand von Scheveningen und die allgemeine Wahl scheint ans dieses internationale Seebad gefallen zu sein, denn die Hotels von Scheve­ningen haben eine Sturzflut von Bestellungen und An­fragen erhalten. Ehe man den Young-Plan unter Dach und Fach bringen kann, wird die Frage der Unterbringung der Regierungsdelegierten und ihrer Stäbe noch einiges Kopfzerbrechen machen.

Die deutsche Regierung hat sich 60 Betten im Oranje-Hotel aus der Scheveningcr Düne reserviert. Die weiteren mitkommenden 20 Persone« müssen anderswo untergebracht werden.

In der vorigen Woche war Frau Dr.'Strese- m a n n ini Hotel und hat persönlich nach dem Rechten gesehen. Die Franzosen haben Zimmer im Grand­hotel belegt, die Belgier im Palacehotel, die Japaner 17 Zimmer gleichfalls im Palacehotel.

De Haag rüstet sich.

Im Haag werden für die komnrende Konferenz be­reits die ersten technischen Vorbereitungen getroffen. Das holländische Außenministerium hat wegen der Wohnungs- Sfage sich mit den Haager und Scheveninger Hotelvereini­gungen in Verbindung gesetzt. Die niederländische Post­verwaltung hat ebenfalls schon größere Vorbereitungen zur Verstärkung der Telegraphenapparate und zur Anlage neuer Telephonverbindungen in Angriff genommen, zu welchem Zweck eine eingehende Besprechung der Direk­tionen der Telegraphen- und Telephonverwaltungen vom Haag, Amsterdam und Rotterdam unter Leitung des Gene­raldirektors der Niederländischen Postverwaltuna statt- fand. Für die Presse sollen ähnliche Erleichterungen ge- währt werden, wie sie zur Zeit der Olympischen Spiele in Amsterdam bestanden.

In Haager unterrichteten politischen Kreisen rechnet man vorläufig mit einer etwa vierzehntägigen D a u c r der Konferenz, sowie auch insbesondere im Hin­blick auf die französische Kabinettskrffe mit der Möglich­keit, daß die Konferenz nicht bereits am 6. August, son-

Vriand bei der Kabinettsbildung.

Zwei Operationen bei Poincarö.

Briand ist vom Präsidenten Doumergue mit der Neu­bildung des Kabinetts beauftragt worden. Er hat den Auftrag angenommen und bereits Verhandlungen mit führenden Politikern eingelcitct. Die Presse vertritt den Standpunkt, daß Briand den Versuch machen wird, ein ^republikanisches Kapzentrationsministerium zu bilden, in dem vertreten sein sollen aufter den Mittelparteien die Sozialrepublikaner, die Radikale« und die Gruppe Ma- ginvt, was ihm eine stabile Melsrheit von rund 40 Sitzen sichern würde. Die Entscheidung darüber, ob eine derartige Kombination durchführbar ist, hängt von der Stellung­nahme der Radikalen ab, und zwar vor allem von der Kraac, ob Briand zu der alte» republikanischen Tradition zurückkehren wird, das Innenministerium, das jetzt von einem Anhänger der Rechten verwaltet wird, einem radi­kalen Politiker zu übertragen.

Matin" macht nähere Angaben' über die Krankhert Poincarös. Professor Marion besuchte Poincarö und fand das Allgemeinbefinden des Kranken als für einen chirur­gischen Eingriff geeignet, den man bisher verschieben oder vermeiden zu können geglaubt hatte. Marion empfahl zwei Operationen, zunächst eine vorbereitende und dann, einige Tage später eine zweite zur En tf e r nu n g d er Prostata. Poincarö erklärte sich mit diesen Opera­tionen einverstanden. , t , .

Der König von England und Macdonald haben Pom- carâ anläßlich seiner Erkrankung die besten Wünsche für baldige Genesung übermitteln lassen.

Stimson an Poincarö.

wtb. Paris, 29. Juli. WieHavas" aus Washington meldet, hat Staatssekretär Stimson den amerikanischen Botschafter in Paris beauftragt, Poincarö wissen zu lassen, wie sehr er die bewundernswerten Bemühungen anerkenne, die Poincarâ im Laufe der Ratifizierungsdebatte entfaltet habe. Gleichzeitig hat Stimson den Botschafter beauftragt, Poincarö sein lebhaftes Bedauern auszudrücken, daß die Arbeit seinen Gesundheitszustand erschüttert hat. Stimson läßt Poincarö baldig« Genesung wünschen.

^ht erst etwa eine Woche später wird beginnen können.

Reuter erfährt, daß die britische Regierung in aller Eile die Vorbereitungen für die kommende Reparation^ konferenz betreibt. Es steht fest, daß Staatssekretär de^ Äußeren, Henderson, und Schatzkanzler Snowden baran teilnehmen werden. Sie werden von ihren Ratgebern un^, von dem parlamentarischen Privatsekretär des Staats­sekretärs des Äußeren, No Baker. begleitet sein. Wie es heißt. wird auch Amerika einenBeobachter" zur Haager Konferenz entsenden.

Journal" über Regierungskrise und Reparationskonferenz.

wtb. Paris, 29. Juli.Journal" erörtert die Frage, welchen Einfluß die französische Ministerkrise auf die Ver­handlungen der Regierungskonserenz ausüben werde. Das

Das Oranjehotel in Scheveningen, in dem die deutsche Delegation für die Haager Konferenz wohnen wird.

Matt schreibt: Der Rücktritt Poincarös kann die Richtung der französischen Außenpolitik nicht ändern, weil Poincarö die Leitung dieser Politik bereits Briand übertragen hat. Der Mann der Ruhr hat den Mann von Locarno die Ge­schäfte übertragen. Er hat die Wiederversöhnung so weit getrieben, daß er grundsätzlich sogar die Rheinlandräu­mung billigt. Unter diesen Umständen wird Briand das eingeleitete Spiel einfach weiterspielen. Die einzige, nicht zu unterschätzende Aenderung ist, daß er als Minister­präsident mehr Aussicht und mehr Handlungsfreiheit haben wird, als als Außenminister. Das Ereignis wird zweifel­los besondere Rückwirkungen auf der künftigen Regierungs­konferenz haben.

! China lenkt ein?

i Annahme des amerikanischen Vermittlungsangebots.

Sèach einer imNew York Herald" veröffentlichten Agcnturmeldung aus Tokio soll die Nankingregierung den chinesischen Gesandten in Washington angewiesen haben, das amerikanische Angebot der Vermittlung im chinesisch-russischen Konflikt anzunehmen, wobei China sich damit einverstanden erkläre, daß die Lage, wie sie vor bcm Streitfall bestand, wiederherge- st c l l t werde.

Der chinesische Gesandte in Washington teilte dem Staatsdepartement im Auftrage seiner Regierung mit, daß China und Rußland übereingekommen seien, die Ver­hau d l u n g e n über die Regelung der Streitigkeiten i n Berlin stattfinden zu lassen.

Nach einer Meldung der Telcgraphenagentnr der Sowjetunion aus Tschita hat ein chinesisches Regi- mc n t in Fudsiadsang, einer Vorstadt Chardins, g e - meutert und in der Hauptstraße in Läden und Wohnungen von Kaufleuten schlimm a e b a u ft.

wtb. London, 29. Juli. Der Korrespondent der Times" in Schanghai meldet, die offizielle Nachrichten­agentur hat eine Depesche aus Taiyuansu, der Hauptstadt non Schansi, veröffentlicht, die Berichte aus Kalgan und Urga enthält. Darin heißt es, die Russen suchten die Mongolen zu einem Aufstand gegen Nanking auszureizen. In der ganzen Mongolei führten Sowjetagenten eine umfangreiche Propaganda. Es heißt, daß der Bericht von Yenhsischan stammt. Gleichzeitig wird gemeldet, daß I Tschian-Kai-Schek einen umfassenden Verteidigungsplan j für die ganze Nordgrenze aufgestellt hat. Sie wird ver- i teidigt werden von den Gouverneur der Mandschurei i Marschall Tschanhsüliang, General Yenhsischan ung Gene­ral Kingschujen. Weiter heißt es in der Erklärung: Es ! werden von der Regierung keine weiteren Truppen nach Norden gesandt werden, doch wird für den Fall des Aus­bruches von Feindseligkeiten die finanzielle Unterstützung geplant. Der Korrespondent fügt hinzu, dieser veränderte Ton von Nanking steht in entschiedenem Widerspruch zu i den Telegrammen aus Charbin, die von bevorstehenden Verhandlungen sprechen. Die Gefahr eines Einfalles der Mongolen ist zweifellos wirklich vorhanden. Wenn es dägu kommen wird, dann würde es im Gegensatz zu der Mandschurei in diesem Gebiete keine Komplikationen mit fremden Mächten geben.

Dawes-plan und Uoung-plan.

Ein Vortrag Geheimrat Kastls

In der ordentlichen Hauptversammlung des Verbandes Pfälzischer Industrieller sprach Geheimrat Kastl, der an der Pariser Sachverständigenkonferenz maßgeblich beteiligt war, ausführlich über das Zustandekommen des Young-Planes und über seine Bedeutung für die deutsche Wirtschaft. Der Redner hob insbesondere hervor, daß der Young-Plan, wie dies auch ausdrücklich in dem Gutachten festgestellt sei, die Leistungs­fähigkeit der deutschen Wirtschaft bei weitem übersteige. Gegen­über dem Dawes-Plan weise der neue Plan in mancher Hin­sicht einen Vorzug auf. Er fei deshalb geeignet, als ein wei­terer Abschnitt in der allmählichen Liquidierung des Krieges angesehen zu werden.

Bei der Beurteilung der Frage, ob der Young-Plan ge­eignet sei, für die Zukunft eine bessere Entwicklung zu sichern als der Dawes-Plan, komme es vor allem daraus an, ob das ganze Instrument geeignet sei, für eine wirtschaftliche Befrie­dung der Welt eine geeignete Grundlage zu bilden. Zu ver­neinen sei die Frage, ob wäbrend der Pariser Verhandlungen nicht doch die Möglichkeit bestanden hätte, ohne unverhältnis­mäßig große Schädigungen für die deutsche Wirtschaft zum Dawès-Plan zurückzukchrcn. Für eine lange Reihe von Jahren werde der Yonng-Plan an die deutsche Wirtschaft über­große Anforderungen aus finanziellem und wirt­schaftlichem Gebiet stellen. Diese nach Möglichkeit zu erleich­tern, sei das Gebot des Augenblicks. An die Durchführung des neuen Planes müsse mit ehrlichem Willen herangetreten werden, denn nur bei der Durchführung werde es sich zeigen, ob die Leistungen aus dem Young-Plan möglich seien, ohne die gesunden weltwirtschaftlichen Zusammenhänge zu zerstören.

Wenn Deutschland mit ehrlichem Willen an die Durchfüh­rung hcrantrcten wolle, wenn Deutschland auch von den Gläubigern eine ehrliche Mitwirkung bei der Durchführung voraussetze, weil der Plan unter gemeinsamer Verantwortung von Schuldnern und Gläubigern stehe, so komme es im wesent­lichen darauf an, für unsere wirtschaftliche Entwicklung Zu­stände zu schaffen, die es ermöglichten, alle Zweige des Wirtschaftslebens rentabel und existenz­fähig zu erhalten. Das fordere ein Höchstmaß von Über­legung und Einsicht aller Teile der Wirtschaft und eine her­vorragende Wirtschaftsführung. Der Young-Plan sei nicht der Grund zur Umkehr in unserer Wirtschaftspolitik. Er fei aber der wichtigste Anlaß, um unsere Finanz- und W ir t^. ' ch a f t s p 0 li t i k zu ändern, die in ihrer bisherigen Auswirkung gerade für die erzeugende Wirtschaft von den schlimmsten Folgen begleitet sei.

Die Sotmlagssahrt desGraf Zeppelin",

über Stuttgart bis Koblenz.

Das LuftschiffGraf Zeppelin" ist wieder mit 25 Fahrgästen an Bord Sonntag früh 7 Uhr 34 bei herr­lichem Wetter zu seiner zweiten großen Probefahrt auf­gestiegen. Der Aufstieg des Schiffes wickelte sich, nach­dem das Schiff um 7 Uhr 30 durch das Westtor aus­gefahren war, wieder ausgezeichnet ab. Wenige Meter von der Halle entfernt, begann das Luftschiff sich rasch zu heben. Der schöne sonnige Sonntagmorgen hatte eine Menge Zuschauer angelockt, die vom Gelände und deffen Umgebung aus die Aufstiegsmanöver verfolgten, die unter Leitung Dr. Eckeners vor sich gingen. In rascher Fahrt entschwandGraf Zeppelin" in nördlicher Rich­tung. Der Heckmotor, dessen Gondel bei der wegen des böigen Wetters etwas schwierigen Landung am Sonn­abend beschädigt wurde, arbeitete fehlerlos.

Das Luftschiff flog über Stuttgart, Landau, Pirma­sens, Trier, moselabwärts bis Koblenz, über dem Deut­schen Eck senkte es seine Spitze. Um 12 Uhr 50 nahm es den Kurs rheinaufwärts, um nach Friedrichshafen zurück- zukehren.

wtb. Friedrichshafen, 29. Juli.Graf Zeppelin" befand sich um 19.30 Uhr wieder in der Halle. Alle Teilnehmer an der Fahrt äußerten sich in begeisterten Worten über ihre Eindrücke. Das Erscheinen ibes Luftschiffes, das sich der Bevölkerung des besetzten Gebietes mit der Genehmi­gung der Besatzungs-Behörde erstmalig zeigen konnte, ist mit Jubel und Begeisterung ausgenommen worden. Auch bei dieser Fahrt haben die Motoren gleichmäßig und ohne Störungen gearbeitet.

*

Mainz, 26. Juli. (Die Flugerlaubnis fürGraf Zeppelin" verlängert.) Die Interalliierte Rheinlandkommission hat die seinerzeit dem Luftschiffbau Zeppelin G.m.b.H. erteilte Er­laubnis. bis 30. Juni 1929 mit dem LuftschiffGraf Zeppelin" das besetzte Gebiet zu überfliegen, bis 31. Dezember 1929 verlängert.

Die GesMUneumcutmi in Auburn.

wtb. Rochester (Newyork), 29. Juli. Im Staatsgfäng- nis von Auburn überwältigten gestern die Gefangenen die Auffeher, von denen einer getötet wurde, und steckten das Zuchthaus in Brand. 4 Gefangene entkamen, wäh­rend sich viele andere bewaffnet im Zuchthaus versteckten. Die Meuterei im Staatsgefängnis in Auburn wird als eine der schlimmsten bezeichnet, die sich jemals im Newyor- ker Staatsgefüngnis zugetragen haben. Die Meuterei dauerte die ganze Nacht an. Bisher sind 2 Tote gemeldet, 12 Sträflinge sind entkommen. Die Anzahl der Verwun­deten ist unbestimmt. Die Meuterei brach am frühen Nach­mittag plötzlich aus, als ein priviligierter Sträfling zwei Beamten Ammoniak ins Gesicht goß. 1600 Sträflinge be­setzten das Gefängnis-Arsenal, steckten Gebäude in Brand und machten verzweifelte Versuche, die Freiheit zu gewin­nen. Die elettrifdien Leitungen waren bei Einbruch der Nacht zerstört.