Fuldaer Anzeiger
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Nr. 176 — 1929
Fulda, Dienstag, 30. Juli
6. Jahrgang
Frankreichs neue Regierung.
Sas französische Kabinett gebildet.
Unter Führung Briands.
Das neue französische Kabinett ist gebildet. Außenminister Briand erklärte der versammelten Presse, daß nach der Absage der Radikalsozialisten seine Ausgabe sehr vereinfacht sei. Das alte Kabinett werde im Amte bleiben, mit dem einzigen Unterschied, daß er an die Stelle Poincarès trete. Somit ist der Regierungsantritt dès neuen Kabinetts nur noch eine Formsache und wird erfolgen, nachdem Briand die Liste der alten Mitarbeiter Poincarès dem Präsidenten der Republik zur Bestätigung vorgelegt hat.
Der Wunsch Briands, sein Kabinett möglichst stark nach links zu erweitern, ist an der Absage der radikalsozialistischen Gruppe, die aufgefordert worden war, Herriot als Minister ohne Portefeuille ins Kabinett zu entsenden, gescheitert. Die Erwartungen auf einen entscheidenden Kurswechsel der französischen Politik dürften demnach kaum in Erfüllung gehen. Briand wird aller Voraussicht nach in die Fußtapfen Poincarès treten und die Politik der „nationalen Einheit" fortfübren. Er scheint sich aber, wie aus seiner letzten programmatischen Rede hervorgeht, die er kurz vor Ausbruch der Krise im Senat gehalten hat, bewußt zu sein, daß sein Kabinett nur ein lr b e r g a n g s m i n i st e - r i u m sein kann, dessen Aufgabe mit dem Abschluß der Konferenz im Haag und der Lösung der dort zu behan
Oie Neugestaltung der
Arbeitslosenversicherung.
Leistungsänderung und Beitragserhöhung.
Die Sachverständigenkommission zur Begutachtung von Fragen der Arbeitslosenversicherung beendete nach einer zweiten Lesung ihre Arbeiten. Die Kommission einigte sich dahin, daß die Saisonarbeiter auch weiterhin die Versicherung zu betreuen hat. Die Frage, ob eine Sonderregelung für die Saisonarbeiter ein* treten oder eine Gesamtregelung gefunden werden soll, bei der das Saisvnristko entsprechend berücksichtigt ist, wurde von der Mehrheit dahin entschieden, daß beiden Gesichtspunkten Rechnung getragen werden soll. Die , Höhe der Arbeitslosenunterstützung soll in Zukunft allgemein zu der Dauer der voraufgegangenen Beschäftigung in Beziehung gebracht werden. Daneben sollen die Saisonarbeiter nur die Unterstützungssätze der Krisenfürsorge erhalten, und zwar nach einer Wartezeit von zwei Wochen.
Von den anderen Verhandlungsergebniffen ist hervorzuheben, daß der Begriff der Arbeitslosigkeit im Gesetz bestimmt und damit mit einer Reihe von Un* Zuträglichkeiten aufgeräumt werden soll. Für eine Anzahl von Personengruppen, z. B. für die nicht ständig Beschäftigten, für die nebenberuflich Tätigen und die Heimarbeiter, sollen besondere Regelungen getroffen werden. Weiter schlägt die Kommission in ihrer Mehrheit vor, die W a r t - 3 e i t für alleinstehende Arbeitslose allgemein auf zwei Wochen zu verlängern, für Arbeitslose mit großer Familie die Wartezeit auf drei Tage abzukürzen. Ferner sind eine große Reihe von Beschlüssen gefaßt worden, durch 1 die die Verwaltung und das Verfahren vereinfacht wer- den sollen.
Soweit die bisher erwähnten Maßnahmen in ihrer finanziellen Auswirkung übersehen werden können, kann die Ersparnis auf rund 16 0 Millionen Wart im Jahre geschätzt werden. Das würde aber nach Auffassung der Kommission nicht genügen, um auf die Dauer die Einnahmen und die Ausgaben der Reichsanstalt in Einklang zu bringen. Die Kommission schlug deshalb, da Reichszuschüsse nicht in Frage kommen, eine be- fristete Beitragserhöhung um % Prozent vor. Schließlich soll die Reichsregierung ersucht werden, die Darlehen, die bisher der Reichsanstalt gegeben wurden, bis zum 1. April 1935 zu stunden.
Das Reichsarbeitsministerinm wird nunmehr nach Fühlungnahme mit den Landesregierungen eine G e - setzcs Vorlage vorbereiten, die nach dem Beschluß des Reichstages in der ersten Hälfte des August dem Reichs- rat und dem Reichstag zugehen wird.
Die Amerikafahrt des „Graf Zeppelin".
Dann Weltreise.
In Friedrichshafen hat man nach den beiden gut verlaufenen Probeflügen des „Graf Zeppelin" mit dem Klarmachen des Luftschiffes zur Fahrt nach Amerika ocgvnnc». Der Start für diese Fahrt ist für Mittwoch oder Donnerstag dieser Woche in Aussicht genommen.
In Amerika will das Luftschiff nur kurze Zeit uer* weilen. Um den 15. August herum soll es von Friedrich s h a f e ii aus seine Weltreise antreten. Für die amerikanischen Teilnehmer aber nimmt die Weltreise schon in Amerika ihren Anfang; sie werden mit dem von der Amerikafahrt zurückkehrenden Zeppelin nach Friedrichshafen gebracht.
delnden internationalen Fragen ihr Ende erreichen dürfte.
Ministerpräsident Briand.
Nene Dratscheaverlolallngen in Polen.
Strafverfahren gegen Mitglieder des ehemaligen D e u t s ch t u in b u n d e s.
Iw Lâ. Mb«! wieder einmal D e u t schenver - ) o l g u n g e n eingesetzt. Diesmal hat der Staatsanwalt oes Appellationsgerichts in T h o r n die Wiederaufnahme eines Strafverfahrens gegen den ehemaligen Deutschlu M b u n d in Bromberg angeordnet, der im Jahre 1923 von der polnischen Regierung aufgelöst wurde. Die seinerzeit eingeleiteten Strafverfahren gegen Mitglieder dieses Bundes wurden nicht weiter durchgeführt, obwohl dies deutscherseits gefordert wurde, da der Deutschtumbund keinerlei staatsfeindliche Ziele verfolgt hat. Bisher wurden aber weder die Strafverfahren durchgeführt noch das Verbot des Bundes aufgehoben.
Das jetzt gegen elf frühere Mitglieder des Deutsch- lumbundes eingeleitete Untersuchungsverfahren wirft sieben Beschuldigten vor, Spionage zugunsten Deutschlands getrieben zu haben. Der Geschäftsführer des Deutschen Bureaus in B r o m b e r g, Studien- rat Heidel, wurde drei Stunden lang vernommen und unter Polizeiaufsicht gestellt.
Politische Rundschau
Deutsches Neich
Die Reichsmarine verkauft alte Kriegsschiffe.
Die aus der Schiffsliste der Reichsmarine gestrichenen Schiffe, der Kreuzer „Thetis" sowie die Torpedoboote V 1 und V 6, sind von der Marinewerft zum Verkauf gestellt worden. Ter Kreuzer „Thetis" ist durch den neuen Kreuzer „Königsberg" und die beiden Torpedoboote sind ebenfalls durch neue Boote ersetzt worden Beim Kreuzer „Thetis" handelt es sich um ein ungefähr 30 Jahre altes Schiff, das 2560 Tonnen Wasserverdrängung hat. Die Torpedoboote sind 1911 und 1912 gebaut worden. Die Schiffe werden nun bald vom Schiffsfriedhof verschwinden, um auf eine Abwrackwerft zu wandern. Nach den Verkaufsbedingungen müssen sie verschrottet werden.
Dr. Luther über die Erarbeitung der deutschen Zukunft.
Auf dem Akademischen Turnbundfest in Klagenfurt hielt der frühere Reichskanzler Dr. Hans Luther eine An- spräche, in der er u. a. folgendes ausführte: Politische Ausgabe der Jugend sei es, in freiem Ringen der Geister zu erfüllen, wohin dem Volke innewohnende Kräfte drängen. Die Jugend dürfe sich nicht für die politischen Anschauungen und Kampfziele früherer Generationen als Massenaufgebot abnutzen. So selbstverständlich gewiffe Tatsachen einem Volke in allen Generationen gemein seien, wie die Verteidigung des eigenen Volkstums, so sei doch die wichtigste Aufgabe von Gegenwart und Zukunft die Gewinnung des angemessenen staatlichen Ausdrucks für die Gesamtheit der im Zusanunenhang siedelnden deutschen Menschen und die Sicherung deutscher Kultur überall da, wo deutsche Menschen eine geschloffene Lebens- gemeinschaft bilden.
Aus Zn- und Ausland
Potsdam. Der Maharadscha von Alwar weilte mit zehn seiner Minister in Potsdam und nahm die Sehenswurdrg- keiten der Stadt in Augenschein.
Bremerhaven. General Draz, der Generalmspekteur der chilenischen Armee, traf mit dem Dampfer .Stuttgart in Bremerhaven ein. Er wurde vom Chef der Heeresleitung, General Heye, empfangen. ...
Brüffel. Das belgische Kriegerehrenmal, das Grab des Unbekannten Soldaten, wurde durch das Ungebührliche Ver- halten dreier fremder Touristen entweiht. Als die drei auf der Spitze der Kongreßsäule angelangt waren, beschmutzte einer von ihnen den Grabdeckel. Er wurde von einem f>oh* nften sestaestellt. Einer belgischen Zeitungsmeldung zuiolge soll es sich um holländische Touristen handeln.
Stimmen des Herzens.
Laute Zustimmung erregte es in Deutschland, als in der außenpolitischen Debatte im Reichstage Dr. Stresemann auch die Saarfrage anschnitt, es als eine Selbstverständlichkeit erklärte, daß bei einer wirklichen Gesamt- tiquidierung des Krieges auch endlich einmal die geradezu unmöglichen Bestimmungen des Versailler Diktats über das Saargebiet nun einer Revision unterzogen werden sollten. Trotz der Abweisung, die diese Anregung fran* zösischerseits erfahren hat, ist jetzt einmal die Saarfrage in die Debatte geworfen worden und wird Gegenstand der Debatte bleiben. Vor den Toren des Saargebietes, in Trier, hat nun der Reichsminister für die besetzten Gebiete, Dr. Wirth, den Faden weitergesponnen; der Rheinische Handwerkertag bot ihm aus wirtschaftspolitischen Gründen eine besonders günstige Gelegenheit. Eine Gelegenheit auch dafür, zu den brennenden Proble - menderRheinlandbesetzung, derKontroll- k o m m i s s i o n, die auf der kommenden Konferenz be* sprachen werden sollen, und über die Schwierigkeiten zu sprechen, die wirtschaftlich dem Rheinland aus all den Bestimmungen erwachsen, die hinter den Festsetzungen des Versailler Diktats über die sogenannte Entmilitarisierung des Rheinlandes entstanden sind und ihre Verewigung erfahren werden, wenn französischerseits nicht endlich mit diesen Hindernissen einer natürlichen wirtschaftlichen Entwicklung des Rheinlandes Schluß gemacht wird. „Wenn wir vorwärtsschreiten wollen, so müssen wir nach der Bereinigung der politischen Atmosphäre ein Programm des Wiederaufbaus in wirtschaftlicher und politischer Beziehung aufstellen, das sich auf eine Dauer von mindestens zehn Jahren erstreckt und in dem systematisch und organisch alle Dinge zusammengefaßt werden, die einer Besserung im besetzten Gebiete bedürfen." Es ist unerträglich, daß beispielsweise die Neuanlegung von Eisenbahnstrecken, Brücken, ja sogar Erweiterungen von Bahnhofsrampen erst der Zustimmung einer fremden Macht bedürfen, die natürlich nicht das geringste Interesse daran hat, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Rheinland irgendwie zu erleichtern. Aber darüber hinaus gilt auch die Zusage Dr Wirths, daß die Bevölkerung am Rhein, besonders des Handwerks, es erwarten darf, daß die übermäßigen Realsteuern, namentlich die Gewerbe- und die Hauszinssteuer, eine Senkung erfahren sollen, wenn es gelingt, von dem Dawes- Plan herunterzukommen; die herabgesetzten Zahlungen, wie sie der Uoung-Plan bestimmt, müssen aüsgenutzt werden, um die übermäßige Steuerlast zu erleichtern.
Auch Dr. Wirth kam auf die Kontrollkommission am Rhein zu sprechen,. die Frankreich auf der kommenden Konferenz fordern will. Auch er, an den ja bekanntlich der Vorsitzende seiner Partei, Dr. Kaas, in dieser Frage eine Mahnung gerichtet hat, steht selbstverständlich auf dem gleichen Standpunkt, wie er durch besondere Verlautbarungen des Reichsaußenminifters und dann des Reichskanzlers zum Ausdruck kam: Die französische Forderung ist psychologisch und politisch unmöglich; keine der dent- scheu politischen Parteien werde sich für eine solche Kommission aussprechen können, ohne sich selbst aufzugeben. Ganz unvereinbar sei eine solche Kontrollkommission mit dem Gedanken der europäischen Loyalität, mit einem Paneuropa, wovon Briand gesprochen habe. „Der Rhein ist deutsch und er muß frei werden!"
Man arbeitet französischerseits sehr viel mit dem Argument, daß die wirtschaftlichen Interessen des Saargebietes durch den bisherigen Zustand, also ungehinderter Absatz der saarländischen Erzeugnisse in Frankreich und ihre zollpolitische Bevorzugung in Deutschland, eine wirtschaftliche Blüte hervorgerufen haben. Der Vorsitzende der Saarbrücker Handelskammer, also eine wirtschaftlich maßgebende Persönlichkeit, verweist demgegenüber darauf, daß diese französische Behauptung den Tatsachen nicht entspreche. Nicht das Saargebiet, sondern Elsatz- Lothringen sei es, wo man von einer wirklichen Konkurrenz gegenüber der rheinischen Wirtschaft sprechen könne. Das Saargebiet hingegen wachse alljährlich wieder wirtschaftlich fester zusammen m i t D c u t s ch l a n d, — „aber stärker als alle wirtschaftlichen Bindungen sind die Stimmen des Blutes und des Herzens; wir sind gleicher Herkunft, wir haben eine Kulturgemeinschaft, wir haben die gleiche Sprache. die gleichen Leiden und Freuden. Wir kennen nur ein Vaterland, das heißt Deutschland". Das ist die Stimme des Saargebiets heute und gestern, nicht jene angebliche Denkschrift der 150 000 Einwohner des Saar- gebiets, mit denen 1919 Clemenceau in Versailles operierte, um die Abtrennung dieses Stückes deutschen Ge- neles herbeizufübren.
Schwere Schlagwetter-Wlofisil im WildeilSllrger Vergwerkrrevier.
23 Tote.
Waldenburg, 30. Juli. Auf der „Gute Hoffnung- Grube" in N i eder he r m sdor s ereignete sich gestern abend um 7 Uhr eine schwere Schlagwetterexplosion, durch die 23 Bergleute getötet und 12 schwer verletzt wurden. Sämtliche Bergleute sind geborgen. Die Ursache der Explosion steht noch nicht fest.