Zul-aer /lnzeiger
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Nr. 181 — 1929
Fulda, Montag, 5. August
6. Jahrgang
Mf WM" in LllWrst gelandet.
wtb. Lake Hurst, 5. August. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist um 9.52 Uhr (2.52 mitteleuropäischer Zeit) in Lakehurst gelandet.
wtb. Lakehurst, 5. August. Das Luftschiff „Graf Zepplin" erschien um 7.32 (0.32 Uhr me. Z.) über dem Landungsplatz von Lakehurst, von zahlreichen aufgestiegenen Flugzeugen begrüßt. Dr. Eckener funkte dem Sta- tionskammandeur, daß das Luftschiff nach Newyork fliege und komme um 8.30 Uhr (1.30 me. Z.) zurück.
Um 8 Uhr abends (1 me. Z.) erschien „Graf Zeppelin" über der Bucht, um 8.20 Uhr über der Stadt Newyork, überflog das Zentrum Manhattans, zog eine große Schleife und überflog New Jersey wieder in Richtung Lakehurst.
Die Landung des „Gras Zeppelin".
wtb. Lakehurst, 5. August. „Gras Zeppelin" kreiste über dem Flugplatz 20 Minuten, ehe er die Landetaue um 8.48 Uhr Ostnormalzeit (2.48) abwarf. Die Bodenmann- jchaften zogen das Luftschiff darauf zu dem kleinen Ankermast. Sofort nach der Landung verließen die Passagiere das Luftschiff, das die Nacht über an dem Ankermast gelassen wird. Im Gegensatz zu der Landung im vorigen Jahre wurde die Zuschauermenge diesmal in mustergültiger Ordnung gehalten. Es waren allerdings nur 10 000 Personen und etwa 1000 Autos eingetroffen. Für die Abwicklung der Zollabfertigurig und der Einwanderer- formalitäten war diesmal besser vorgesorgt worden als im vorigen Jahre. Ein mit Radiophon und Rundfunksender ausgerüstetes Flugzeug war dem „Graf Zeppelin" einige Weilen über dem Ozean entgegengeflogen.
Die letzten Standortmeldungen.
Die Ankunft des „Graf Zeppelin" auf dem Flugplatz L a k e h u r st bei Newyork wurde Sonnabend noch etwa für Sonntagabend (nach europäischer Zeil in der Nacht vom Sonntag auf Montag) erwartet. Jedoch rückte auf Grund eingegangener Funksprüche die Möglichkeit nahe, daß das Eintreffen sich bis Montag früh verschieben könne. Von Bord des „Graf Zeppelin" traf ein Funk- telegramm bei der Reading Company in Newyork am Sonnabend um 2,42 Uhr ostamerikanischer Normalzeit (8,42 abends Berliner Zeit) ein folgenden Inhalts: „Wir treffen auf Gegenwinde aus Südwesten, der Himmel ist bewölkt. Position 47,20 westlicher Länge 35,20 nördlicher Breite. Alles Wohl, das Schiff schaukelt." Das Luftschiff war also von dem bisherigen direkt westlichen Kurs abgewichen und nach Süden ausgewichen in der Richtung aus die Bermudainseln. Infolgedessen müßte sich die Fahrtdauer verlängern. Das Newyorke* Wetterbureau gab bekannt, daß allen Anzeichen zufolge die Wetterlage zwischen den Azoren und den Bermudainseln für den „Graf Zeppelin" günstig fei. Wenn die Geschwindigkeit des Luftschiffes durch böiges Wetter vermindert werde, erscheine die Ankunft am Sonntag abend in Lakeburst fraglich.
Der Sonntag.
Im Laufe des Sonntags, 4. August, trafen folgende Berichte über den jeweiligen Standort des „Graf Zeppelin" ein:
Friedrichshafen. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" hat durch eine amerikanische Funkstation an den Luftschiffbau Zeppelin in Friedrichshafen folgende Standortmeldung gegeben: 10 Uhr mitteleuropäischer Zeit 36 Grad nördlicher Breite und 64 Grad westlicher Länge. Alles in Ordnung.
L a k e b u r st. Ein aufgefangener inoffizieller Funkspruch besagt: „Graf Zeppelin" steuert auf die Chesapeake- Bai zu. Standort um 11.30 Uhr vormittags mitteleuropäischer Zeit: 36 Grad nördlicher Breite und 66 Grad westlicher Länge. In den letzten anderthalb Stunden legte er nicht ganz 225 Kilometer zurückt.
Lakehurst. Das Marineamt in Washington benachrichtigte die Station Lakehurst, daß es die Funkverbindung mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin" hergestellt hat.
L a k e h u r st. Die Marinefunker hörten „Gras Zeppelin" Privatdepeschen aussenden, erhielten jedoch auf Anrufe keine Antwort. Die Marinebehörden nahmen an, daß „Graf Zeppelin" noch zu weit entfernt war, um die Anrufe hören zu können. Die Marinestatiou schickte „Graf Zeppelin" den Wetterbericht, in dem es heißt: Etwa tausend Meilen von Lakehurst entfernt wehe» ungünstige Winde. Der Himmel ist dort bewölkt. Südlich dieses Gebietes in der Umgebung der Bermudas, herrschen jedoch günstige Winde. Die Wetterwarte kündigt klares Wetter aus dèm Ozean an sowie an der Küste der Vereinigten Staaten längs des Zeppelinkurses außer vor Virginia, wo der Himmel bewölkt ist und Regenschauer wahrschem-
'Bo'rt la ub (Maine). Die Funkstation Cape Eli sabeth fing Sonnabend um zehn Uhr abends amerikanischer Normalzeit folgenden Funkspruch von Bord des „Graf Keppelin" an die „Associated Preß" auf: Luftschiff „Graf Zeppelin" befindet sich aus 35,32 Grad nördlicher Breite und 55,5 Grad westlicher Länge. Die Geschwindigkeit beträgt 115 Kilometer. Wir erwarten Sonntag am Nachmittag (abends nach europäischer Zeit) in Lakehurst einzutreksen.
Newyork. „Associated Preß" veröffentlicht 5 Uhr morgens (10 Uhr mitteleuropäischer Zeit) einen von ihrem an Bord des „Graf Zeppelin" befindlichen Vertreter, Nicholsen, erhaltenen Funkspruch, in dem es heißt: Dürften Chesapeakebai heute nachmittag 2 Uhr (8 Uhr mitteleuropäischer Zeit) erreichen. Werden über Washington kreisen und dann über Newyork nach Lakehurst weiterfliegen, wo wir 5 Uhr (10 Uhr mitteleuropäischer Zeit) einzutreffen gedenken.
Newyork. In Lakehurst ging kurz vor 8 Uhr Ostnormalzeit (2 Uhr nachmittags mitteleuropäischer Zeit) von Bord des „Gras Zeppelin" ein Funkspruch ein, in dem das Luftschiff ersucht, von 8 Uhr ab Funkbeamten bereit» zuhalten, welche die Verbindung zur Übermittelung von Wetterberichten Herstellen sollen.
105 Kilometer in der Stunde.
Newyork. Die Funkstation Philadelphia der Reading Co. hörte zwei unbekannte Dampfer früh 9 Uhr Ostnormalzeit (3 Uhr mitteleuropäischer Zeit) Funksprüche austauschen, nach denen sie das Luftschiff „Graf Zeppelin" etwa 280 Kilometer südöstlich von Cap-Henry Leuchtturm (Chesapeakebai) gesichtet hatten.
„Graf Zeppelin" über Newyork.
wtb. Newyork, 5. August. Als „Graf Zeppelin" unerwartet über Newyork erschien, eilten Tausende, von dem mysteriösen Surren der Motoren angelockt, auf die Straßen und Dächer der Häuser, streckten die Köpfe himmelwärts und bewunderten das majestätisch dahingleitende Luftschiff. Besonders am Times Square, wo Sonntag abends reges Leben herrscht, blieben die in die Theater u. Kinos hastenden Menschen stehen, um die Fahrt des durch die erleuchteten Kabinen erhellten Zeppelins zu beobachten, der eine Schleife nach Lekehurst zu beschrieb.
wtb. Newyork, 5. August. Die Freuden-Kundgebung der Newyorker Bevölkerung bei der Ankunft des „Graf Zeppelin" stand keineswegs hinter der des letzten Jahres zurück. Als das Luftschiff den Hafen überflog, wurde es von einem wilden Chorus von Schiffssirenen begrüßt, worauf Lichtsignale aus der hinteren Gondel den Dank zurückblinkten. Die Offiziere und Mannschaften der im Hafen liegenden deutschen Schiffe waren begeistert, die Schiffe prangten in vollem Flaggenschmuck. Zahlreiche Film- Photographen drehten ihre Kurbeln, um den majestätischen Anblick festzuhalten. Im Battery-Park jubelten Tausende dem langerwarteten Luftschiff zu. Ein Jagd- Flugzeug, das sich im Vergleich zu dem Luftschiff wie eine Mücke ausnahm, flog dem „Graf Zeppelin" als Führer voran. Hinterher flog eine Eskorte aus mehreren Flugzeugen. Die ganze Luftparade wurde von verschiedenen Stellen aus durch Scheinwerfer magisch beleuchtet.
„Graf Zeppelin" in der Halle.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" wurde um 6.52 Uhr me. Z. in die Halle gebracht, nachdem der Wind, der die Einbringung verzögerte, nachgelassen hatte. Der blinde Passagier wurde nach der Landung durch die Einwanderungsbehörden einem summarischen Verhör unterzogen und bleibt in Haft, bis der nächste Dampfer nach Europa abgeht.
„Graf Zeppelin" Gesamtleistung beim Westflug.
wtb. Lakehurst, 5. August. Die Eesamtflugdauer des „Graf Zeppelin" beträgt 94 Stunden 1 Minute. Die Marinebehörden haben ausgerechnet, daß das Luftschiff insgesamt 5 331 Meilen mit einer mittleren Geschwindigkeit von 80 km in der Stunde zurücklegte.
Glückwünsche des Reichspräsidenten an Dr. Eckener.
wtb. Berlin, 5. Aug. Der Herr Reichspräsident hat an Dr. Eckener folgendes Telegramm gesandt: „Meine herzlichen Glückwünsche zum erfolgreichen zweiten Amerikaflug des Luftschiffes „Graf Zeppelin". Ich wünsche auch weiterhin guten Erfolg. Mit freundlichen Grüßen
v. Hindenburg, Reichspräsident."
Andrang zum Weltrundflug.
Wie das Bureau der Hamburg Amerika-Linie bekanntgibt, sind zahlreiche Platzgesuche für den Weltrund- flug des „Gras Zeppelin" eingegangen, davon viele von Frauen. Das Bureau kann jedoch nur drei Plätze zu- teilen, von denen zwei bereits vergeben sind, und zwar an Joachim Richard, der den gegenwärtigen Amerikaflug als Passagier milmacht, und an Morris Shumofsky den Inhaber einer Großbäckerei in New Rochelle Die Terl- nahme an dem Wellrundflug kostet 9000 Dollar für jede Person. „ , ,
Die Postverwallung in Washington gibt bekannt, daß täglich in Newyork und Lakehurst durchschnittlich zweihundert Pfund Postsachen zur Beförderung durch den „Graf Zeppelin" eingehen. Die Postverwaltung hat den Beamteilstab des Postamts in Lakehurst verstärkt.
Rückflug am Mittwoch?
wtb. Lakehurst, 5. August. Dr. Eckener kündigte an, er werde den Rückflug bereits Mittwoch nacht antreten, falls Brennstoff und Oel schnell genug eingenommen werden könnten.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* „Graf Zeppelin" ist am Sonntag abend in Lakehurst glatt gelandet.
* Die Führung der deutschen Deleqalion bei der Haager Konferenz übernehmen die Reichsminister Dr. Stresemann, Dr. Curtius, Dr. Wirth und Dr. Hilferding.
* Der amerikanische Botschaftssekretär Edwin Wilson in Paris wird als inoffizieller Beobachter durch die Vereinigten Staaten nach dem Haag entsandt.
* Bei politischen Zusammenstößen wurde in Nürnberg eine unbeteiligte Frau erschossen.
* Zwischen England und Ägypten ist eine Vereinbarung erzielt worden, welche die langjährigen Streitigkeiten beenden soll.
Der englische Lohnkrieg.
57 Millionen Spindeln feiern, eine Million sonst fleißiger Hände ruht, zweitausend Einzelbetriebe stehen still, 500 000 Arbeiter erleiden einen wöchentlichen Lohnausfall von 40 Millionen Mark. Das sind einige Ziffern, die von dem Umfang des Arbeitsstreites, der in der englischen Baumwollindustrie in Lancashire ausgebrochen ist, eine Vorstellung geben.
In den zahlreichen großen und kleinen Fabrikstädten dieses ausgesprochenen Baumwollgebietes um Manchester herum laufen etwa 3 5 Prozent aller Spindeln der ganzen Erde. Eine Stadt von 150000 Einwohnern dort hat nicht weniger als 20 Millionen Spindeln, das sind so viel wie Deutschland, Frankreich und die Schweiz zusammen haben. Einen Punkt gibt es in dieser Stadt, der als Sehenswürdigkeit gezeigt wird, von dem aus sieht man 350 Schornsteine. Nach diesen Zahlen kann man sich mühelos ein Bild vom Schauplatz des Lohnkrieges machen, der rauchgeschwärzt und trostlos erscheint. Eintönig und schmutzig mit seinen grauen Fabrik- und Wohnhäusern, öde trotz des sonst herrschenden Lärms der Spindeln und des Schlagens der Webstühle. Heute liegt die Ruhe des Sonntags über der ganzen Gegend, die Schlote rauchen nicht und die Maschinen stehen still. Aber es ist nicht das Ausruhen des Feiertags nach einer arbeitsreichen Woche, sondern es ist das erzwungene Feiern eines Streiks um die Höhe der Löhne. Eigenartig ist dieser Lohnkampf in der Hinsicht, daß nicht erhöhte Lohnforderungen der Arbeitnehmer sein Grund sind, sondern Lohnherabsetzungen, aus denen die Arbeitgeber bestehen zu müssen glauben, um ihre Produktionskosten dem industriellen Niedergang der englischen Textilindustrie anzupassen.
Bemerkenswert an diesem Arbeitskampf ist ferner, daß er als erster innenpolitischer Zwischenfall die neue Arbeiterregierung Macdonald vor erhebliche Schwierigkeiten und vor die Lösung eines Problems stellt, das für ein Kabinett, das ehemalige Arbeiter umfaßt und den Stimmen der Arbeiter seine Wirksamkeit verdankt, von weittragender Bedeutung sein kann. Der weibliche Arbeitsminister hat erklärt, daß die Regierung vorläufig nicht beabsichtige, zu intervenieren. Sicherlich ist dies ein gutes Zeichen dafür, daß diese Regierung zunächst nicht klassen- oder parteipolitisch denkt, sondern, worin ja überhaupt die Engländer Meister sind und wie es sich für eine Regierung ziemt, rein staatspolitisch und überparteilich. Ein Verfahren, wie es Deutschland in feiner Verbindlichkeitscrklärnng von Schiedssprüchen mit Gesetzeskraft hat, kennt England nicht, und ein Ein- greifen der Regierung von dieser Seite her ist nicht möglich. Sie kann also höchstens versuchen, »ermittelnd einzugreifen, und muß es im übrigen den Verhandlungen der Parteien überlassen, zu einem Resultat zu kommen. Daß ein solches oft lange auf sich warten läßt, hat der große englische Bergarbeiterstreik im Herbst 1926 gezeigt, der volle sieben Monate währte und mit einem Zusammenbruch der Arbeiterfront endete.
Die englische Arbeiterregierung steht so vor einer gefährlichen Probe, und die Gefahr wird noch dadurch verschärft, daß durch den Wahlerfolg ermutigt, allenthalben in englischen Arbeiterkreisen Wünsche und Forderungen laut werden, die von der Regierung Erfüllung erhoffen. Es scheint, als ob man jetzt der Re- gierung die Rechnung über die Wahlen präsentiert und seinen Anteil am Wahlerfolg einzuziehen sucht. Eine baldige Herbeiführung des Arbeitsfriedens ist für die Laboürregierung also von außerordentlicher Wichtigkeit.
Die Auswirkungen des Streiks für die deutsche Textilindustrie lassen sieb vorläufig noch nicht übersehen. Roch lagern überall Riesenvorräte, die erst geräumt werden müssen. Erst wenn der Streik längere Zeit andauern sollte, könnte die deutsche Textilindustrie daraus Nutzen ziehen, ähnlich wie bei dem großen englischen Kohlenstreik dem deutschen Bergbau vermehrte Aufträge zufielen. Sollte der Streik mit einem Erfolg der Arbeitgeber und einer Lohnherabsetzung enden, so würde zweifellos die deutsche Textilindustrie die verbilligte englische Konkurrenz noch mehr als bisher zu suhlen bc- kommen.
Der deutsche Generalkonsul in Marseille vom Auto überfahren.
wtb. Marseille, 5. August. Der deutsche Generalkonsul Reuter wurde gestern nacht von einem Auto überfahren. Passanten brachten den Verletzten in seine Wohnung. Er hat starke Quetschungen, vor allein an der rechten Hand, erlitten. Die Nummer des Autos, dessen Insassen, ohne sich um den sieberfahrenen zu kümmern, davonfuhren, konnte von Zeugen des Unfalls festgestellt werden.