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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 185 1929

Fulda, Freitag, 9. August

6. Jahrgang

Der Arbeitsplan der Haager Delegierten

Die Zweiteilung der Reparations- konferenz.

Gesonderte Behandlung der Räumungsfrage.

Über den Beschluß der Haager Konferenz, getrennt in einem finanziellen und einem polit scheu Ausschuß zu verhandeln und den Beratungsstoff dem gemäß zu verteilen, ist man in französischen, besonders militärischen Kreisen nicht sehr erbaut. Man be­fürchtet, daß der politische Ausschuß unabhängig von den Beschlüssen über den Young-Plan zu einer Entschließung über die Rheinlandräumung kommen könnte, und erklärt, die Rheinlandräumung hätte erst zur Beratung gestellt werden dürfen, nachdem alle notwendigen Maß­nahmen getroffen worden wären, um den Young Plan in Kraft treten zu lassen. Während also diese französischen Kreise auf dem Standpunkt stehen: Erst Erledigung des Young-Planes, dann Rheinlandräumung, wobei wahr­scheinlich die stille Hoffnung auf ein Scheitern des Young-Projektes mitspielt, lauten bekanntlich die deut­schen Forderungen dahin, daß diese beiden Punkte g e - sondert bearbeitet werden müssen, weil

die Rheinlandräumung eine der Voraussetzungen für die Annahme des Young-Planes durch Deutschland bildet.

Dieser deutschen Ansicht scheint sich auch die Mehr­heit der Konferenzteilnehmer mit Briand an der Spitze augeschlossen zu haben. Die Zweiteilung des Konferenz- stosses ist ein erstes Zeichen dafür, daß man die politischen und die wirtschaftlichen Fragen getrennt voneinander zu behandeln gedenkt, um eine Verquickung, die zu unnötigen Schwierigkeiten und zur Verlängerung der Debatten führen könnte, zu vermeiden.

Die bisherigen Besprechungen gingen in der Haupt­sache nur über die Art des Vorgehens. Aber aus dem beabsichtigtenWie" kann man unschwer schon das W a s " der einzelnen Bestrebungen ersehen, wobei freilich die Frage nach dem schließlichen Resultat noch gänzlich offen bleibt.

An den Arbeiten des politischen Ausschusses werden d i e A in e r i k a n e r wahrscheinlich nicht teilnehmen, weil die Regierung der Vereinigten Staaten bisher bekanntlich den Standpunkt eingenommen hat, daß die politischen Fragen dieser Konferenz, wie Rheinlandräumung, Ver­gleichskommission und Saarfrage,

rein europäische Angelegenheiten seien, an denen Amerika nicht interessiert ist.

Der englische Ministerpräsident Macdonald wird am Dienstag zur Teilnahme an den Arbeiten der Kon­ferenz im Haag eintreffen. Man kann neugierig darauf sein, inwieweit dann England seine

Forderungen zur Neuverteilung der Reparations­zahlungen.

die der englische Schatzkanzler Snowden am Anfang so energisch vertreten hat, weiter aufrechterhalten wird. Es ist nicht anzunehmen, daß England allzu hartnäckig aus seinem Standpunkt verharren wird, denn es würde dadurch die Hoffnungen aus eine Schlußregelung und die Liquidation der Vergangenheit, die der Young-Plan hat entstehen lassen, vernichten. Es ist wenig wahrscheinlich, daß Macdonald und Snowden als Mitglieder eines Arbeiterkabinetts eine so schwere Verantwortung auf sich nehmen werden.

Besprechungen außerhalb des Konferenzsaales'

Der Donnerstagvormittag würd sprechungen der verschiedenen Delegie außenminister Dr. Stresemann zösischen Ministerpräsidenten B r i a Indes auf, wo etwa eine halbe Venizelos eintraf. Die Besr etwa eine Stunde Inzwischen ha Hilferding den belgischen Del Finanzminister F r a n q u i empfai eine halbstündige Unterhaltung gab sich der Minister zum eng S n o w d e n. Ferner fanden vers der Fachminister der Delegationen

aten Be- A. Reichs- oen fran- Hötel des Päter auch u' I dauerten minister Dr. nd früheren dem er etwa -schließend be- -nanzminister Besprechungen 1 statt.

Die Beratungen i ; >tttischen

Ausschuß der Haag nferenz.

Die Lage so ziemlich klärt.

Die politische Kommission de Konferenz tagte Donnerstag nachmittag von 4 b mit der Tages­ordnung: R h e i n l a n d r ü n m u n a ) Frage der in Punkt 3 der Genfer Resolution September 1928 behandelten Kommission. Der SAm^c. oe Henderson hatte dieses Arbeitsprogramm ""

Zum ersten Punkt der Tage irdmw Iprach als erster Redner Briand, dem Dr. S t r r i e w ann antwortete. Briand erwiderte seinerseits, und Ausführungen des Reichsaußcnministers bildetest den > -sius; dieser Aus­sprache. Das Ergebnis diefts saustauschcö, der sich in freundlichen Formen ab ' urde zum Schluß von Henderson dahin gekennzi tz sich durch diese Debatte d i c L a g e s o z i e i -klärt hab e.

Für technische, mit dei :; andräumung zu­sammenhängende Fragen is chasfung eines U nIcrauss ch nsse s/in - -uw genommen. Die Aussprache lvird Freitchi nach * t 4 Uhr im politi­schen Ausschuß weitergefuhrt.

Die Behandlung des Saarproblems im Haag.

Der Sonderberichterstatter des PariserJntransige- ant" im Haag will Reichsautzenminister Dr. Stresemann über das Saarproblem befragt und von ihm folgende Antwort erhalten haben:

Wenn die Konferenz eine allgemeine Liquidierung der Nachkriegsprobleme herbeisühren soll, dann kann man- die Saarfrage nicht beiseite lassen. Diese sei ein Gegen­stand beständiger Reibung zwischen Frankreich und Deutschland. Man müsse davon sprechen; außerdem gell­es eine substantielle Verbindung zwischen der Reparauor,- und der Saarfrage. Gewiß werde man deutscher­seits im politischen Ausschuß davon sprechen.

Das Hotel Oranje in Scheveningen, in dem die deutsche Delegation für die Haager Konferenz Wohnung genommen hat. Vor dem Hotel stehen die Automobile der Deutschen.

Das Rededuell StresemannBriand.

Ueber den Verlauf des Rededuells Strefemann-^Briand in der politischen Kommission im Haag will derBörsenkurier" mitteilen können. Stresemann hat folgendes ausgeführt:

Die Besetzthaltung deutschen Gebietes zehn Jahre nach dem Kriege entbehre jeder moralischen, rechtlichen und politischen Grundlage und stehe in Widerspruch zu dem gerade von der französischen Regierung vertretenen Gedanken einer europäi­schen Solidarität. Auch mit dem Locarnopakt und den Satzun­gen des Völkerbundes sei die Rheinlandbesetzung unvereinbar. Dr. Stresemann wies ferner darauf hin, daß der Versailler Vertrag eindeutig der deutschen Regierung ein Recht auf Räumung des Rheinlandes gebe, nachdem Deutschland seine gesamten Verpflichtungen uneingeschränkt erfüllt habe. Wei­tere Klage führte er darüber, daß in den vier Jahren seit dem Abschluß des Locarnopaktes die damals gegebenen Versprechun­gen nicht erfüllt worden seien. Die deutsche öffentliche Mei­nung sei mit Recht aufs tiefste enttäuscht. Bisher seien nur unzulängliche Schritte getan worden. Das Anrecht Deutsch­lands auf Räumung des Rheinlandes nach Artikel 431 des Ver­sailler Vertrages sei von den alliierten Regierungen bereits vor zwei Jahren anerkannt worden, da Deutschland völlig ab­gerüstet sei und die Militärkontrolle aufgehoben wurde. Deutschland habe aber mehr noch als dies getan. Obwohl sich die deutsche Wirtschaft in einer schweren Notlage befinde, habe die deutsche Regierung den Youngplan als Grundlage einer endgültigen Regelung der Reparationsfrage angenommen. Was die Sicherheit Frankreichs betreffe, so wiederholte Strese­mann, daß Deutschland abgerüstet sei und niemals an Revanche denke.

Briand erwiderte, er zweifle nicht an dem guten Willen der gegenwärtig Deutschland führenden Männer; doch gebe es keine Bürgschaft dafür, daß diese Männer lange am Ruder blieben. Niemand könne leugnen, daß in Deutschland breite Schichten und einflußreiche Parteien bestünden, die die Politik der gegen­wärtigen Regierung ablehnten und ihre bisherigen Entschei­dungen nicht mitmachten. Frankreich habe außerordentlich durch den Krieg gelitten. Es habe den Krieg nicht gewollt, und man könne sich nicht darüber wundern, wenn das französische Volk gewisse Sicherheiten für die Zukunft verlangt. Aus die­sem Grunde, so fuhr Briand fort, habe er in Genf die Ein­setzung einer Feststellungs- und Vergleichskommission für die Rheinlande gefordert, in dem auch Deutschland vertreten sein soll. Frankreich besitze gegenwärtig zwar eine relative, aber keineswegs eine absolute Bürgschaft für seine Sicherheit. Aus diesem Grunde könne das Rheinland nur etappenweise ent­sprechend der Annahme und Durchführung des Youngplanes und der Einsetzung der Feststellungs- und Vergleichskommission geräumt werden.

Londoner Blätter erörtern die Lage im Haag.

wtb. London, 9. Aug. Nach derDaily Mail" ist es allen klar, daß die Engländer nicht nachgeben werden. WieMor- nung Post" aus dem Haag schreibt, hat Snowden die britische Fahne an die Mastspitze angenagelt und die Konferenz an den Rand des Abgrundes gebracht.

Daily Ehronicle" spricht wie verschiedene andere Blätter von einem Ultimatum und sagt, in den meisten Kreisen werde angenommen, ein Abbruch der Konferenz sei unvermeidlich.

Nach demTimes"-Vericht aus dem Haag ist man dort ins­besondere in der britischen Delegation der Ansicht, daß von

einer Krisis, einem Stillstand oder Ultimatum keine Rede sein könne. Der Korrespondent der Times will wissen, Stresemann habe in seiner Unterredung mit Briand die sofortige Räu­mung des Rheinlandes nach Annahme des Youngberichtes und die Saarfrage angeschnitten, woraus Briand erklärte, die mili­tärische Räumung könne nicht über Nacht durchgeführt werden und aus militärischen Gründen sei es fast sicher, daß es Ver­zögerungen geben würde. In der Saarsrage soll Briand sehr zurückhaltend gewesen sein.

Daily Expreß" schreibt, die Franzosen seien wütend, ebenso die Italiener und Belgier die sich ihnen anschlössen. Es sei sehr zweifelhaft, ob die britische Delegation während des Wochenendes im Haag bleiben werde. Immerhin sei es mög! . lich, daß ein Ausweg gefunden werde.

Daily Telegraph" weift in einem Telegramm darauf hin, daß auf deutscher Seite Besorgnis wegen Snowdens Erklä­rung und ihrer gereizten Aufnahme in französischen Kreisen herrsche. Deutschland lenke jetzt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß es ausgesprochenes Interesse am Laufe der Re­parationsverhandlungen habe.

NachDaily Mail" hat MacDonald nicht die Absicht, sich nächste Woche zur Teilnahme an den Sitzungen nach dem Haag zu begeben.

Reparationsbanl und Weltfinanz.

Die Konferenz im Haag ist verhältnismäßig schnell in das Arbeitsstadium getreten. Nach der weitschweifigen Einleitung hätte man erwarten können, daß die all­gemeine Aussprache über Wesen und Zweck des Young- Planes sich noch längere Zeit hinziehen würde. Erfreu­licherweise hat man sich jedoch bald entschlossen. zwei Kommissionen einzusetzen, so daß die eigentliche Arbeit beginnen kann, womit allerdings noch nicht gesagt ist, daß sie dort schnell erledigt wirÄ da jetzt eigentlich erst das Wegrüumen der Hindernisse beginnt.

Von Hause aus wollten die Pariser Sachverständigen seinerzeit ja nur nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten ihren Plan aufstellen. Aber es zeigte sich bald, daß bei der Liquidierung des Weltkrieges das politische Moment nicht ausgeschaltet werden kann, waren doch neben w i lsch a f t l i ch e n Beweggründen gerade die p o l i t i s ch e n mit die Hauptquellen seines Ausbruches. Deshalb ist es verständlich, wenn man jetzt neben einen wirtschaftlichen Ausschuß auch den politischen gesetzt hat. Das enge Jn- einandergreifen wird auch dadurch gekennzeichnet, daß beide nebeneinandertagen und nicht, wie zuerst vor­geschlagen war, der politische erst nach Beendigung der Arbeiten des wirtschaftlichen.

Über zwei Fragen, die auf der Pariser Sachver­ständigenkonferenz eine große Rolle gespielt haben, ist noch keine Entscheidung getroffen, wenigstens nicht über die Art der Behandlung auf der jetzigen Konferenz. Es sind dieses die Ausschüsse, die das Inkrafttreten des Young-Planes vorzubereiten haben. Daneben steht dann das große Problem der internationalen Repara - t i o n s b a n k.

Man hat vielleicht mit Willen diese beiden Themen noch nicht offiziell angeschnitten, weil man nach Einigung über die wirtschaftlichen und politischen Themen ^eine allzu großen Schwierigkeiten mehr erwartet. Trotzdem dürfte die Frage der Reparationsbank doch auch nicht so ganz leicht zu lösen sein. Man braucht sich nur der Ver­handlungen zu erinnern und der Kämpfe, die in Paris seinerzeit gerade um diese Einrichtungen geführt wurden. Allerdings war es schließlich der erste Punkt, über den man sich damals einig wurde. Es war gewissermaßen der neutrale Ort, an dem sich beide Partner zusammen­finden konnten, ohne sich gegenseitig vorher zu binden, zu­mal man ja damals die ganze Art der Ausführung ge­trost der Zukunft überlassen konnte.

Von welcher Bedeutung diese geplante Bank sein dürfte, das haben ja schon die Erörterungen gezeigt, die sofort einsetzten, als man sich im Prinzip auf die Schaffung eines solchen Instituts geeinigt hatte. Es ist wohl noch er­innerlich, welchen Widerstand der Gedanke an sich nament­lich in amerikanischen Finanzkreisen fand wo man ver­mutlich fürchtete, daß diese Bank bei den ungeheuren Mit­teln. die ihr zuzuströmen haben und die fast die ganze Welt in ihren Bann ziehen, bald einen ungeahnten Ein­fluß auf die gesamte Weltfinanz ausüben könnte. Inzwischen scheint man sich in Amerika mit dem Gedanken etwas abgefunden zu haben. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß diese Bedenken erneut wieder anf- tauchen, wenn man an die Umsetzung des Gedankens in die Tat herangeht.

Der Plan der Errichtung dieser Bank wurde in den bisherigen Debatten eigentlich nur englischerseits gestreift. Der englische Redner erklärte, daß er mit allen seinen Landsleuten darüber einig sei, daß diese Bank ihren Sitz in London haben müsse. Dieses Verlangen zeigt auf das deutlichste, welche Bedeutung man diesem Geld­institut zumißt. Wenn es auch noch nicht ausgesprochen wurde, so ersieht man dock aus dem englischen Wunswe, daß das Land, das den Sitz der Bank erhält, damit eine wichtige finanzpolitische Waffe bekommt Zwischen Ncw- york und London bestand, oder besteht noch, ein zäher Kampf um die Beherrschung des Weltgeldmarktes. Die Verhältnisse nach Beendigung des Weltkrieges haben es nun mit sich gebracht, daß London stark an die zweite Stelle rückte. Die internationale Reparationsbank kann bei ge­schickter Führung nun leicht London wieder in die alte Position bringen. Es ist zu erwarten, daß schon aus diesem Grunde vielleicht von amerikanischer Seite starker Widerstand entgegengebracht wird, wenn auch nicht mehr gegen den Gedanken der Bank selbst, sondern nur gegen Tatsachen, die dazu beitragen können, ihr einen allzu großen Einfluß auf die Gestaltung der Weltfinanz ein- iüräumen.