Soldner Anzeiger
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Nr. 186 — 1929
Fulda, Samstag, 10. August
6. Jahrgang
LaWrsl-MdrilWsei in 55 Stunden.
Rekordfahrt des »Graf Zeppelin'. Nach Amerika 94 Stunden.
wtb. Friedrichshafen, 10. August. Das Luftschiff »Graf Zeppelin* ist heute mittag um 1.02 Uhr nach 55stündiger Fahrt glatt gelandet.
Die letzten Standortmeldungen.
Newqork, 10. Aug. „Graf Zeppelin" teilte dem Marine- Departement um 5 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit mit, daß es die Szilly-Jnseln überflogen habe.
„Graf Zeppelin" über Paris.
wtb. Paris, 10. Aug. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" hat von 6.30—6.40 Uhr bei leicht bewölktem Himmel Paris überflogen und Kurs nach Osten genommen. Das Luftschiff war in einer Höhe von etwa 300 m sichtbar. Man hörte deutlich das Surren der Motoren.
„Graf Zeppelin" bei Besancon.
wtb. Paris, 10. Aug. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist, nachdem es Paris überflogen hatte, um 7.30 Uhr über Remilly für Seine gesichtet worden. Auf dem Flugplatz Le Bourget traf um 8.40 Uhr ein Funkspruch des Zeppelinluftschiffes ein, des Inhalts, daß es sich 10 km nordwestlich von Besancon befindet.
„Gras Zeppelin" über Besancon.
wtb. Paris, 10. Aug. Das Luftschiff „GZ." hat um 9.30 Uhr die Stadt Besancon überflogen.
wtb. Friedrichshasen, 10. Aug. Die Friedrichshafener Werft erhielt gegen 11 Uhr einen Funkspruch des „Graf Zeppelin", wonach dieser um 1 Uhr mittags in Friedrichshafen eintreffen wird.
Nachdem in der Nacht vom Sonnabend starke Regenfälle niedergegangen waren, hat sich das Wetter gegen Sonnabend mittag aufgeheitert und der Regen nachgelassen. Es geht ein leichter Wind von Nordosten.
M „Gras Zeppelin" auf deutschem Boden.
wtb. Freiburg (Breisgau), 10. Aug. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" überflog kurz nach 11 Uhr die Stadt Basel, entbot ihr durch eine große Schleife seinen Gruß und wandte sich dann dem deutschen Heimatboden in Richtung Friedrichshafen zu.
Amerika über den Zeppelinflug.
wtb. Newyork, 10. Aug. Die Blätter bringen die Nachrichten vom Zeppelinflug an hervorragender Stelle und heben allgemein die außerordentlich schnelle Fahrt des Luftschiffes hervor.
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Auf die Einladung des Reichsverkehrsministeriums an Dr. Eckener, am Verfassungstage mit dem Luftschiff „Graf Zeppelin" nach Berlin zu kommen, ist von Dr Eckener folgende Antwort eingetroffen: „Herzlichen Danr für Einladung. Luftschiff wird aber voraussichtlich schon am 1 0. in Friedrichshafen sein."
Konferenzkrise.
Die Freitagsitzung der politischen Kommission im Haag.
Der verhandlungsfreie Vormittag am Freitag wurde zu Aussprachen der einzelnen Delegierten untereinander benutzt, die natürlich wenigstens zum Teil einer Ausgleichung der französisch-englischen grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten dienen sollten. Reichsaußenminister Dr. Stresemann empfing zunächst den Besuch des griechischen Ministerpräsidenten V e n i s e l o s, etwas später den des Außenministers Henderson, der seinerseits auch ein Gespräch mit. Briand hatte. Snowden hält sich von diesen Be-- sprechungen fern. Inzwischen wird begreiflicherweise von beiden Seiten stark mit Stimmungsmache gearbeitet, die aber nicht verkennen läßt, daß man sich der Verantwortung bewußt ist, ein so großzügig angelegtes Unternehmen wie die Haager Konferenz nicht von vornherein, durch ein formelles Aufstellen und Festhalten unerschütterlicher Prinzipien zu gefährden.
ya§ amtliche Communiquö über die Freitagsitzung der politischen Kommission im Haag lautet wie folgt:
Die politische Kommission trat um vier Uhr nachmittags zusammen. Henderson eröffnete die Sitzung, indem er seine Befriedigung über den Eindruck bekannt gab, den er von der Unterhaltung mit seinen Kollegen bei der vorhergegngenen Sitzung bezüglich des Fortschrei- tcns gehabt habe. Brian d gab der Kommission die Ber- sichernng des nuten Willens der französischen Delegation und erinnerte daran, daß das Endresultat im Zusammenhang stehe mit dem Arbeitserfolg der Finanzkommission. Eine allgemeine Diskussion, an der die Vertreter der verschiedenen Delegationen teilnahmen, ergab sich bezüglich der B i l d u n g einer F c st st e l l u n g s - u n d B c r- g l e i ch s k o nt »n i s s i o n für das Rheinland.
Man beschloß ein Unterkvmttee von Juristen zu bilden, das beauftragt wird, die rechtliche sich aus dem Vertrag ergebende Lage zu prüfen, und die Angelegenheit Hueber in der Kommission zu erörtern, sobald der Bericht der Juristen vorlieat.
Rückbeförderung des blinden Passagiers.
Der 18 Jahre alte Bäckerlehrling A l b e r t Bo s ch k e, der als blinder Passagier die Zeppelinfahrt nach Amerika mitgemacht hatte, wurde mit dem Dampfer „Thuringia" nach Deutschland zurückgeschickt. Er wurde in einer Kabine des Schiffes eingeschlossen und wird in Hamburg «en Behörden übergeben werden. Berichterstattern und Photographen wurde kein Zutritt zu der Kabine gestattet.
Tokio in Erwartung.
Frankfurt a. M., 9. Aug. (WB.) Wie der „Frankfurter Zeitung" aus Tokio gemeldet wird, sieht ganz Japan mit Spannung dem Aufbruch des „Graf Zeppelin" von Friedrichshafen zu seiner Weltfahrt entgegen. Die Tatsache, daß zum ersten Male ein Zeppelin den Fernen Osten besucht, hält die Gemüter in besonderer Erregung. Die japanische Presse widmet dem bevorstehenden Ereignis dauernd große Aufmerksamkeit. Nicht nur die deutsche Botschaft und die deutsche Kolonie, sondern vor allem auch die japanischen Behörden bereiten einen glänzenden Empfang vor.
Die ersten Teilnehmer am Europarundflug in Bukarest.
Bukarest, 9. Aug. (WB.) Von den Teilnehmern am Europarundflug traf auf dem hiesigen Flugplatz als Erster um 16.21 Uhr der Franzose Delmotte auf E. 7 ein. Es folgten um 16.23 Uhr der Deutsche Roeder auf D 5, Miß Spooner auf H 6, Broad auf H 5, dann 16.25 Uhr Fritsch auf T 1, 16.35 Uhr Botalla auf K 6, 16.37 Uhr Carberry auf B 3, 1641b Uhr Offermann auf A 2, 16.39 Uhr Hagenmeyer auf E 4, 16.44 Uhr Mazotti auf N 5; ferner trafen um 18.48 Uhr Nehring auf B 5, um 19.12 Uhr Lombardi auf K 3 ein. Außer Wettbewerb traf Lady Valey um 15.25 Uhr ein. Sie flog sogleich weiter. Das Fiat- Flugzeug K 5 blieb in Turn-Severin, da es bei der Landung beschädigt worden ist. Von Bukarest flog als Erster wieder weiter Roeder auf D 5 um 17.02 Uhr, Delmotte auf E 7 um 17.05 Uhr und Offermann auf A 2 um 17,07 Uhr.
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Start mit Raketenhilfe.
Zum ersten Male gelang heute morgen einem Junkersflugzeug ein Start mit Raketenunterstützung auf der Elbe bei Dessau. Der erste Versuch vor einigen Wochen mißlang durch seitliche Explosion der Ladung. Dagegen hatte der gestrige Start mit sechs Ladungen vollen Erfolg. Der Start wirkte, als fei das Flugzeug abgeschosien. Die Versuche sollen fortgesetzt werden.
ü Die Beurteilung der Haager Konferenz in Berlin.
Samstagvormittag neue Besprechung Stresemann — Briand.
Berlin, 9. Aug. (Privatmeldung.) In Berliner politischen Kreisen wird die Lage der Konferenz im Haag als ernst, aber keineswegs so beurteilt, wie es in einem Teil der Presse geschieht, als befände sich die Konferenz bereits in einer Krise. Man kann die Situation vielleicht so kennzeichnen, daß in dem bisherigen ersten Abschnitt der Verhandlungen die Parteien ihre Positionen bezogen haben. Das gilt für die finanzpolitische Kommission ebenso wie für die politische, nachdem diese die beiden Unterausschüsse beschlossen hat. Für den morgigen Samstag um %12 Uhr ist eine neue Besprechung zwischen Dr. Stresemann und Briand über die politischen Fragen vereinbart. Der Standpunkt, der in der juristischen Kommission von deutscher Seite vertreten wird, ist schon jetzt klar. Der deutsche Vertreter wird schon jetzt darauf hinweisen, daß der Artikel 213 des Versailler Vertrages, der Locarnovertrag und die Schiedsvertrüge die Einsetzung einer neuen Festsetzungskommission unnötig machen. Artikel 4 des Locarnovertrages sieht ausdrücklich vor, daß die Teilnehmer des Vertrages sich verpflichten, beim Völkerbund eine Untersuchung zu veranlassen, wenn nach ihrer Auffassung eine Verletzung vorliegt. Nach Artikel 213 des Versailler Vertrages verpflichtet sich Deutschland, jede Untersuchung zu dulden, die der Rat des Völkerbundes für notwendig erachtet. Nach deutscher Ansicht würde dementsprechend die Einsetzung einer neuen Kommission nicht nur überflüssig sein, sondern auch den Wert des Locarno-Vertrages herabsetzen. In Absatz 3 des eben zitierten Genfer Kommuniques vom 16. September 1928 ist gesagt worden, daß die Zusammensetzung, das Funktionieren, der Gegenstand und die Dauer der Feststellungs- und Ausgleichskommission den Verhandlungen zwischen den Regierungen vorbehalten werden soll. Kommt man darüber nicht zu einer Einigung, so entfällt nach deutscher Auffassung die Einsetzung natürlich überhaupt. Dabei ist zu unterstreichen, daß das Genfer Kommunique ja auch 1 keineswegs den Charakter eines Vertrages hat. All diese Gesichtspunkte dürften in der juristischen Kommission geltend gemacht werden.
Englische Aeuherungen über die ernste Lage tm Haag.
wtb. London, 10. Aug. Reuter berichtet aus dem Haag: Es besteht nicht das geringste Anzeichen dafür, daß eine Möglichkeit zur Lösung des Reparations-Problems gefunden worden ist, und unter den Delegierten herrscht nach Briands Erklärung, daß die Lage sehr ernst sei und daß die Verantwortung im Falle eines Abbruches nicht auf Frankreich geschoben werden könne, Pessimismus vor. Diese Erklärung Briands wird in französischen Kreisen dahin ausgelegt, daß Briand sehr wenig Hoffnung auf Erzielung einer Uebereinkunft hege. Viel hängt vom Ergebnis der heutigen Beratungen des Finanz-Ausschusses ab. Es verlautet, daß in dieser Sitzung wahrscheinlich mitgeteilt werde, daß es nicht möglich gewesen sei, die Grundlage eines Uebereinkommens zu finden, daß jedoch ein weiterer Versuch gemacht werde und die Kommission sich daher für einige Tage vertagen werde, damit die privaten Besprechungen fortgesetzt werden könnten. Im gegenwärtigen Augenblick ist die Aussicht trübe, es sieht jedoch so aus, als ob ein Versuch in der letzten Minute die Haager Konferenz vor dem Scheitern retten kann. Hymans gab der Hoffnung Ausdruck, daß Snowden den Argumenten seiner Kollegen aus den anderen Ländern nachgeben werde und daß sich eine befriedigende Lösung finden lassen werde. — Eine um Mitternacht abgesandte Haager Reutermeldung besagt: Snowden äußerte, nachdem er von dem Inhalt der heutigen Aeußerung Briands gegenüber den französischen Journalisten Kenntnis erhalten hatte, seine Antwort darauf sei, wenn die Konferenz scheitern sollte, so würde dies sicher nicht die Schuld Englands sein. Er fügte hinzu: „Wenn Briand sagt, daß von 6 Mächten 5 gegen Großbritannien sind, so folgt daraus keineswegs, daß das Recht auf Seiten dieser 5 ist." Als Snowden mitgeteilt wurde, daß in französischen Kreisen immer noch die Auffassung vorherrsche, daß er bluffe, antwortete Snowden mit einem grimmigen Lächeln: „Sollen sie wieder abwarten." Die Gattin Snowdens erklärte lachend: „Mr kennen einen Porkshire-Mann nicht".
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Die Besprechung Schacht — Moreau im Haag.
Ueber die Unterredung Schacht — Moreau berichtet das „B. T." aus dem Haag: In erster Linie handelt es sich um die Erwiderung eines Höflichkeitsbesuches. Darüber hinaus ist von I den beiden Nolendankleitern offenbar die Frage der Diskontnotiz behandelt worden, die durch die Erhöhung des Newyorker Diskontsatzes für die europäischen Länder akut geworden ist.
Briand bei Stresemann.
wtb. Haag, 10. Aug. Briand stattete heute vormittag dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann einen Besuch ab, um mit ihm Besprechungen über das Arbeitsrogramm der technischen Unterkommission für die Räumungsfragen zu führen.
MacDonald fliegt nach dem Haag?
Nach einer Meldung der „Daily Chronicle" habe MacDo- nald seinen Erholungs-Urlaub unterbrochen und einen Platz in einem Flugzeug bestellt. Das Ziel der Reise sei offenbar Haag.
Hindenburg geht nach der Verfassungsfeier in Urlaub.
Reichspräsident von Hindenburg wird nach der Verfassungsfeier am Sonntag abend Berlin verlassen, um seinen Urlaub anzutreten. Der Reichspräsident will diese--. Urlaub, wie alljährlich, in Diettamszell verbringen. Hindenburg nimmt an der Verfassungsfeier der Reichsregierung im Reichstage teil. Mittags gibt der Reichs- /Präsident aus Anlaß des Verfassungstages ein Festdine- xrN dem die in Berlin anwesenden Minister mit den- Staatssekretären und den Vertretern der preußischen Regierung teilnehmen.
China bleibt fest.
wtf. Schanghai, 10. Aug. (Vom Sonderberichterstatter des MTV.) Der chinesische Außenminister erklärte in einem Interview auf die Frage nach dem Stande der Verhandlungen mit Sowjet-Rußland, daß niemals eine Fortsetzung der Verhandlungen zu verzeichnen gewesen sei, weil die Sowjet-Union auf der Forderung besteht, russische Beamte in die leitenden Stellen der Ostchinesischen Eisenbahnverwaltung wiedereinzu- stellen. Nanking könne nicht auf diese Forderung eingehen, da es russischen Beamten nicht vertrauen könne. Die chinesische Regierung sei entschlosien, festzubleiben und sieht dies als den einzig möglichen Weg an.
Mitglieder der Albertini-Expedition von einem Eisbären angegriffen.
Ein verhängnisvoller Schuß.
wtb. Rom, 10. Aug. Die italienische Expedition Albertini, die, wie gemeldet, vor einiger Zeit an Bord des Walfischfängers „Heimen Sucai" nach dem Nordpolargebiet aufgebrochen war, um nach den Ueberbleibseln des Luftschiffes „Italia" zu suchen, ist von einem schweren Unglück betroffen worden. Mehrere Mitglieder der Besatzung des Walfischfängers sowie der italienische Führer der Expedition, Guidoz, wurden am Mittwoch abend von einem hungrigen Eisbären angegriffen. Der Leiter der Expedition, Albertini, eilte den Bedrängten, mit einem Gewehr bewaffnet, zu Hilfe. Unglücklicherweise stürzte Albertini infolge Brechens der Eisschicht in ein Wasierloch. Bei dem Sturz entlud sich das Gewehr, und durch den Schuß wurde Euidoz so schwer verletzt, daß er kurze Zeit darauf an Bord des Schiffes starb. Da die „Heimen Sucai" kein Land erreiche» konnte, wurde die Leiche Euidoz unter Erweisung der seemännischen Ehren ins Meer gesenkt.