Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 187 — 1929
Fulda, Montag, 12. August
6. Jahrgang
9er Jahrestag der Weimarer Verfassung.
Zehn Jahre deutsche Republik.
Der 10. Jahrestag der Verfassung von Weimar wurde Vm ganzen Rerch und im A u s l a n d von den republikanischen Deutschen festlich begangen. Besonders in Berlin, wo ein großes Treffen des deutschen Reichsbanners mit dem österreichischen Republikanischen Schutzbund stattfand, gestaltete sich der Tag mit großen Aufmärschen, Versammlungen und sportlichen Veranstaltungen aller Art zu einem Volksfest. Nach einer Verfassungsfeier des Reichsbanners am Sonnabend abend mit ar schließendem Zapfenstreich, wurden die Feiern am Sonntag durch einen F e st g o t t e s d i e n st eröffnet.
Reichspräsident von Hindenburg
nahm in Begleitung des Staatssekretärs Dr. Meißner und des Berliner Stadtkommandanten Generalmajors Frei- Herrn v. Schleinitz an dem Gottesdienst in der Dreifaltig- kcitskèrchc teil, der von einer besonderen Feierlichkeit erfüllt war.
Unter den zahlreichen geladenen Persönlichkeiten sah man auch die Staatsminister Dr. Becker und Höpker - Aschoff. Der Reichspräsident wurde durch den Generalsuperintendanten D. Karow sowie den Kirchenvorstand empfangen. Generalsuperintendent D. Karow sprach über den Text des Jesaias, Kap. 5, Vers 4. Der Reichspräsident wurde bei der An- und Abfahrt von dem zahlreichen Publikum auf das herzlichste begrüßt.
Darauf fand im festlich geschmückten Plenarsaal des Reichstages die große
Verfassungsfeier der Rcichsregicrung
statt. Schon lange vor Beginn der Feier waren Saal und Tribünen überfüllt. Das Diplomatische Korps war unter Führung des päpstlichen Nuntius fast vollzählig erschienen, ebenso waren sämtliche in Berlin anwesenden Reichs- und preußischen Staatsminister zugegen. Pünktlich um 12 Uhr betrat, während sich die Anwesenden von den Plätzen erhoben, Reichspräsident von Hindenburg in Begleitung des Reichswehrministers Gröner und des Reichstagsprästdenten Löbe den Saal und nahm in der früheren Hofloge Platz.
Sodann nahm Reichsinnen mini st er Severing das Wort zu seiner
Festrede.
Er führte u. a. aus: Es sei nicht das erstemal, daß die Verfassungsfeier der Deutschen Republik in eine Zeit falle, in der Schicksalsfragen der deutschen Nation, Schicksalsfragen der ganzen Welt zur Entscheidung ständen. Deshalb richteten sich auch bei dieser Feier unsere Blicke nach dem Haag und man könne diesen Tag nicht besser einleiten als dadurch, daß man der Hoffnung Ausdruck gebe, daß es den Bemühungen der Staatsmänner der ganzen Welt gelingen möge, den Völkern Recht, Frieden, Wohlstand und Glück zu bringen.
Dieser Tag ist ein Tag der Freude!
Nicht der Freude, die zur Selbstzufriedenheit führt, denn wir wissen, daß der Weg, den wir zurückzulegen haben zur Freiheit und zur Einheit, noch ein langer und steiniger ist. Ein Tag der Freude soll nicht geschmälert werden durch Schlacken der Kleinlichkeit und des Alltags. Deswegen werden Sie von mir nicht erwarten, daß ich in einer Betrachtung dessen, was geschaffen ist, die alte Zeit, die Vergangenheit, schmähe. Auch in der Vergangenheit, auch unter der alten Staatsform,
haben wir Großes erlebt.
Wenn wir so das Gute der Vergangenheit ehren, dann dürften wir erwarten, daß diejenigen, die noch mit ihrem ganzen Gefühlsleben in der Vergangenheit wurzeln, dem Neuen dieselbe Achtung entgegenbringen. Die Verfassung von Weimar hat die ReichZeinheit erhalten und die Arbeiterschaft zum Staat geführt, hat der Arbeiterschaft das Gefühl beigebracht, daß dieser neue Staat auch ihr Staat sei. Dieses Gefühl, das lebendig geblieben ist und lebendig bleiben wird, dieses Gefühl der Schicksalsverbundenheit mit allen Kreisen des Volkes, das ist es, was ivir als die sicherste Grundlage für den Weiterbau betrachten können. Der Weg, den wir noch zurttckzu- legen haben, bleibt weiterhin steil und hart. In außenpoli- trscher Beziehung dürfen wir uns nicht der Täuschung Hin- geben, daß unsere Unterhändler aus dem Haag zurückkehren könnten mit einem
„Unser Schuldbuch ist vernichtet!"
Wir werden auch in den nächsten Jahren noch unter harten Bedingungen unser Los zu tragen haben. Hoffen wir aber, daß es gelingen wird, dem Grundsatz der sozialen Gerechtigkeit rum Sieae zu verbelfen.
Zwischen den Fahrten.
Zeppelinweltfahrt Dienstag nacht?
Gleich nachdem das Luftschiff „Graf Zeppelin" in der Halle war und die ersten Passagiere ausgestiegen waren, verließ Dr. Eckener auch das Schiff aus der hintersten Motorengondel und die Halle, unbemerkt von den vor der Halle wartenden Zuschauern, die ihn, namentlich auch wegen seines Geburtstages, feiern wollten. Sofort, nachdem das Vorderteil des Schiffes am Boden festlag, verließ Kapitän von Schiller als erster das Schiff, um mit dem Sprachrohr die Einbringungs- manöver zu leiten. Voller Freude teilt er mit, daß das Luftschiff
nur 42 Stunden 42 Minuten von Küste zu Küste gefahren ist, ein Rekord, der nicht so leicht überboten werden dürfte. Das Luftschiff hatte zeitweise mit Rückenwind 180 Kilometer Geschwindigkeit erreicht. Die Durch-
Für das Deutschland des brüderlichen Zusammenhaltens, für dieses Deutschland der Solidarität aller Stände sümpfen und schaffen wir. An dieses Deutschland glauben wir!
Hierauf richtete in Vertretung des erkrankten Reichskanzlers Müller Reichswehrminister Gröner eine Ansprache an die Versammlung. Am Schluß seiner Rede brachte er ein Hoch auf das in der Republik geeinte deutsche Volk aus. Der gemeinsame Gesang der ersten und dritten Strophe des Deutschlandliedes beendete die Feier.
Vor dem Reichstagsgebäude schritt der Reichspräsident, von der vieltausendköpfigen Menge mit stürmischen Hochrufen begrüßt, die Front der
Reicht p äsident von Hindenburg beim Verlassen des Reichstagsgebäudes
nach der Verfassungsfeier der Reichsregierung. Hinter ihm im Stahlhelm sein Sohn Oberstleutnant von Hindenburg.
Ehrenkompägnie âb und fuhr dann im Kraftwagen in langsamer Fahrt nach dem Reichspräsidentenpalais zurück, über dem Platz der Republik kreisten ständig zwei Flua- zeuggeschwader.
Die Feier im Stadion.
Auf der Verfassungsfeier im Stadion hielt Reichs- justizminister von Guèrard eine Rede, die ausklang in die Worte:
„Werdet Männer, werdet Frauen, werdet gefestigte Persönlichkeiten. Setzet euch ein jederzeit für das Vaterland, steht ein einer für den anderen. In diesem Sinne soll es jetzt erklingen das Weihelied: „Stimmt an mit hellem hohen Klang . . ."
Die Kundgebungen der Kommunisten.
Die Straßenkundgebungen der Kommunisten in Der- Üu, die diese infolge des Verbotes der Polizeipräsidenten vom Sonntag auf Sonnabend verlegt hatten, sind ohne größere Zwischenfälle verlaufen. Auf elf veschiedenen Plätzen Groß-Berlins demonstrierten die Kommunisten gegen „den neuen Arbeitermord, den Polizeiterror und den Provokationsplan vom 11. August". An einigen Stellen ist es zu Reibereien und Zusammenstößen gekommen, wobei insgesamt 56 Personen zwangsgestellt werden mußten.
schnittsleistung von Küste zu Küste betrug 75 Seemeilen. 900—1000 Kilometer mußten in dichtem Nebel zurückgelegt werden. Das Schiff scheint in tadellosem Zustand zu sein. Erst als der Bug des Schiffes in der Halle auftauchte, bricht alles in Hurrarufe aus. 1,21 Uhr liegt das Schiff in der Halle fest. Die Treppe wird herangeschoben. Ein Zollbeamter betritt als erster das Schiff. Vorher darf niemand anssteigen. Das Gerücht, daß versucht worden sei, Schmugglerware mit herüberzunehmeu^ bestätigt sich nicht. Dann steigen die Passagiere nacheinander aus. Die in Friedrichshafen schon wohlbekannten Persönlichkeiten werden lebhaft begrüßt. Man wartet nun noch auf Dr. Eckener, jedoch vergeblich. Kapitän Flemming verkündete, daß Dr. Eckener das Schiff schon verlassen habe und bereits in seinem Bureau sei. Inzwischen wird auch die Post ausgeladen. In einem großen Vogelkäfig hat an Stelle eines Vogels die Bush-
Die Saar - deutsches Land.
Die von der Haager Konferenz eingesetzte Kommission zur Klärung der politischen Fragen, hauptsächlich der Räumung der Rheinlande, hat gewissermaßen den Stier gleich bei den Hörnern gepackt und sich zuerst mit der Hauptstreitfrage beschäftigt, ob nach Auf- yebung der Besetzung eine weitere Kontrolle in den bisher besetzten Gebieten statthaft ist. Um eine möglichst schnelle Klärung herbeizuführen, soll eine Unterkommission die nötigen Unterlagen für eine schleunige Verabschiedung beschaffen. Der deutsche Standpunkt in dieser Frage ist ja bekannt und dürfte von den deutschen Vertretern mit äußerster Konsequenz verteidigt werden. Diese dürften dann aber auch Gelegenheit nehmen, eine andere Frage anzuschneiden, die bisher nur vorübergehend gestreikt worden ist, die S a a r f r a g e.
Für uns Deutsche ist es selbstverständlich, daß zugleich mit dem Rheinland auch das Saargebiet von fremder Besatzung befreit werden sollte. Das hat in einem gewissen Sinne auch der Friedensvertrag von Versailles zugestanden, indem er bestimmt, daß im Jahre 1935 die endgültige Entscheidung über das Schicksal des Saargebiets gefällt wird. Das Jahr 1935 ist nun aber der letzte Termin, wo nach dem Wortlaut des Vertrages der letzte fremde Soldat das Rheinland zu verlassen hat. Danach müßte logischerweise zusammen mit der endgültigen Räumung der Rheinlande auch die des Saargebietes erfolgen.
Gegen diesen, eigentlich selbstverständlichen, Lauf der Dinge macht man in Frankreich Opposition. Man weist darauf hin, daß der Friedensvertrag selbst eine unterschiedliche Behandlung der Rheinlande und des Saargebietes vorsieht, indem er letzteres zu einem besonderen Verwaltungsgebiet machte und direkt der Obhut des Völkerbundes unterstellte. Auf die Deutschen kann natürlich eine solche Begründung keinen Eindruck machen. Wir wissen es und ein großer Teil der Welt hat sich inzwischen ebenfalls davon überzeugt, daß die damalige Schaffung eines besonderen Saarstaates nur ein Vorwand war, um ein Mittel zu besitzen, das Saargebiet bis zu der vorgesehenen Endvolksabstimmung so mit französischen Elementen zu durchsetzen, um dann den Völkerbund zu veranlassen, das Gebiet Frankreich zuzusprechen. Um damals die Teilnehmer am Versailler Friedensdiktat gefügig zu machen, hatte Clemenceau jene Petition erfinden lassen, worin angeblich mehrere Hunderttausende faarländifcher Franzosen den Anschluß an Frankreich forderten. Das wurde geglaubt und so die andersgeartete Behandlung der doch auch zu den Rheinlanden gehörenden Saar erzwungen.
Zu ihrem Leidwesen haben sich nun inzwischen die Franzosen überzeugen müssen, daß die Bewohner des Saargebietes alles andere als Franzosen werden wollen. Die Saarleute fordern mit jedem Jahre immer stürmischer die baldige Wiedervereinigung mit Deutschland. Sie betonen ihr Deutschtum, und selbst objektiv denkende Franzosen, darunter eine große Anzahl führender Zeitungen, unterstreichen, daß das Saargebiet deutsches Land ist. Auch im Auslande mehren sich die Stimmen, die davor warnen, hier etwa ein zweites Elsaß-Lothringen zu schaffen, 3
Die französischen Nationalisten lehnen eine Aufrol- lung der Saarfrage jetzt ab, weil das Saargebiet nichts mit dem besetzten Gebiet zu tun habe. Sie wollen diese Angelegenheit später regeln, das heißt, sie wollen daraus ein neues Schachergeschäft machen. Sie wissen genau, daß die Volksabstimmung den Franzosen eine vernichtende Niederlage bringen würde, die sie vermeiden wollen. Sie meinen aber, daß sich aus Deutschland doch immerhin noch etwas herauspressen lasse. Herr Briand könnte jetzt beweisen, daß es ihm mit seiner Befriedung Europas ernst ist. Ihm schwebt ja ein europäischer Staatenbund vor. Er selbst weiß, daß dazu aber auch ein mit Frankreich versöhntes Deutschland gehört. Er weiß, daß das Saargebiet deutsch ist und außerdem einen notwendigen Bestandteil der deutschen Wirtschaft bildet. Unbekannt ist ihm auch nicht, daß ein Versagen seines Friedenswillens in dieser Beziehung die schlimmsten Folgen haben müßte. Er würde deshalb sich, seinem Lande und der ganzen Welt den größten Gefallen tun, wenn er den chauvinistischen Rufen aus Frankreich sein Ohr verschließt und dem sowieso schon zerstückelten Deutschland wenigstens im Westen die nötige Ruhe wiedergibt. Die übrigen Mächte haben sich in dieser Frage als nichtinteressiert erklärt. Frankreich kann sich also bei Verfolgung seiner egoistischen Absichten im Saargebiet nicht mehr darauf berufen, daß es der strenge Hüter des Friedensvertrages ist, der ja selbst eine Verkürzung der in ihm niedergelegten Fristen für zulässig erklärt, falls Deutschland seinen guten Willen zeigen sollte. Daß es daran nicht gefehlt hat, das dürften wir zur Genüge bewiesen haben. Dafür sprechen Locarno und die übrigen Verträge, in denen wir im Interesse des Friedens über Versailles hinaus Verpflichtungen übernommen haben, nur um zu zeigen, daß es mit unserem Friedenswillen ernst ist. Mehr von uns zu verlangen, hieße das ganze bisherige Friedenswerk in Frage stellen.
nn.
dogge „Happy" die Reise mitgemacht. Um 2 Uhr ist auf der Werft alles bereits wieder ruhig. Nachdem das -Luftschiff einen Tag früher, als man angenommen hatte, nach Friedrichshafen zurückgekehrt ist, hält man es durchaus für möglich, daß es bereits nach drei Tagen, also schon in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch,
zur Weltfahrt wird starten können,
um so mehr, als die Motoren diese Reise ausgezeichnet überstanden haben.