Zul-aer /lnzeiger
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Nr. 202 — 1929
Fulda, Donnerstag, 29. August
6. Jahrgang
31t 21 Tagen um die Erde!
Die Rekordfahrt des deutschen Zeppelin-Luftschiffes.
L K k e h u r st, 29. August. „Graf Zeppelin" ist um 12.58 Uhr über dem Flugplatz ein- getroffen und umkreiste mehrmals das Flugfeld. Die Weltreise dauerte 21 Tage, 5 Stunden.
Der letzte Teil der Fahrt.
Auf seiner Fahrt nach dem Endziel der Weltfahrt, Lakehurst, traf „Graf Zeppelin" zeitweise auf starke G egen iv inde und widrige Witterungslagen. Während es der Manövrierkunst Dr. Eckeners gelang, den
Sturmzonen und Gewittern
aus dem Wege zu gehen, hemmten die Gegenwinde nicht unbeträchtlich die Geschwindigkeit des Luftschiffes. Es hat daher zu einigen Strecken eine längere Fahrzeit gebraucht, als man angenommen hatte. Da Dr. Eckener die südkalifornische Route einschlug und die Felsen- gebirge der Rocky Mountains an ihren südlichen niedrigeren Ausläufern umging, ergab sich ein Umweg und die Flugbahn zeigt einen Bogen über der Sehne Los A n g e l e s — L a k e h u r st.
Während seines nächtlichen Fluges durch die Südwest st a a t e n wurde der „Graf Zeppelin" nur von wenigen Personen gesichtet, da er die Mehrzahl seiner Lichter gelöscht hatte. Infolge starker Gegenwinde, die offenbar in allen Höhenlagen vorgeherrscht hatten, war das Luftschiff nicht imstande, die Geschwindigkeit zu erreichen, mit der es den Stillen Ozean überquert hat.
Das Marineluftschiff „Los Angeles" flog von Cleveland nach Los Angeles, um dort das Schwesterschiff zu begrüßen. Als es die Stadt Buffalo überflog, glaubten viele schon, es sei der „Graf Zeppelin".
Als in Kansas City das Herannahmen des „Gras Zeppelin" gemeldet wurde, sammelte sich in den Parks und auf den öffentlichen Plätzen eine Riesenmenge, die mit den Augen und mit Ferngläsern den Himmel absuchte. Die Dächer im Geschäftsviertel wimmelten von Menschen. Im Geschäftsbetrieb der Stadt trat vorübergehend eine vollständige Stockung ein. Es herrschte jedoch schlechte Sicht, da die Wolken niedrig hingen. Um 9.39 Uhr (4.39 Uhr nachmittags mitteleuropäischer Zeit) erreichte das Luftschiff den südwestlichen Außenbezirk der Stadt. Auf dem Flugfelde stieg sofort ein Flugzeuggeschwader auf, :um den „Graf Zeppelin" zP begrüßen und über die Stadt zu geleiten. Von zah^Z Zeichen Flugzeugen umschwèbt, kreiste das Riesenluftschiff einmal um die Stadt und entschwand in nordöstlicher Richtung im Wolkenhimmel.
„Graf Zeppelin" überflog garmington in einer Geschwindigkeit von etwa 96 km und Davenport am Mississippi um 8.05 Uhr abends MEZ.
„Graf Zeppelin" erreichte um 9.40 Uhr abends Ost- Normalzeit (Donnerstag früh 3.40 Uhr MEZ.) Detroit. Das Luftschiff flog in geringer Höhe über die Stadtmitte und über das Ceschäftsviertel. Eine große Menschenmenge füllte die Straßen. Der Zeppelin setzte seine Fahrt in Richtung Kanada fort. Um 11.25 Uhr abends befand sich das Luftschiff über Ankago und um 12.25 Uhr MEZ. über dem Michigansee.
„Graf Zeppelin" überflog Chelsea (Michigan) um 9.02 ^hr abends Ost-Normalzeit (Donnerstag früh 3.02 MEZ.) Mit Kurs auf Detroit.
Als Das Luftschiff „Graf Zeppelin" Cleveland überflog, wurde ihm durch Lichtsignale folgender Gruß entboten: „Willkommen in Cleveland, Dr. Eckener! Die Bevölkerung Clevelands dankt aufrichtig für die Ehre Ihres Besuches lind den Vorzug, Ihr berühmtes Schiff zu sehen."
Ehe das Luftschiff von Cleveland seinen Weg fort- We fuhr es nochmals zurück nach dem 11 Meilen südwestlich liegenden Flugplatz, wo es die am Ankermast liegende „Los Angeles" überflog. Etwa 6000 Personen waren auf dem Flugplatz, die auf die Ankunft des „Graf Zeppelin" warteten" 6.55 Uhr MEZ. traf das Luftschiff über New Castle (Pensylvanien) ein. Um 7.55 Uhr überflog es âookville, das 88 km nordöstlich Newcastle liegt.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" überflog um 9.06 Uhr MEZ. in 1200 Meter Höhe die Stadt Bellefonte in Penn- wlvania, das ungefähr 325 km westlich Newyork liegt. Die Funkstation des Flugdepos in Bellefonte gab dem Luftschiff Wetternachrichten, die günstige Witterung ankündigen.
„Graf Zeppelin" über Ohio.
Newyork 29. Aug. „Graf Zeppelin" hat die Strecke von Chikagö nach Detroit etwa 430 km in ungefähr 4 Stunden zurückgelegt. Als sich das Luftschiff der 6tabt näherte, wurde es von Niesenscheinwerfern beleuchtet, so daß cs in strahlende Helle getaucht war, bis es über Windsor Ontario in südwestlicher Richtung nach Cleveland zu verschwand. Der Empfang in Detroit stand nicht zuruck hinter dem Empfang den andere Städte dem Luftschiff bereiteten. Alle Dächer waren dicht besetzt, ein Riesenkonzert von Streuen und Hupen begrüßte das Luftschiff, das so niedrig flog, daß man im Scheinwerferlicht den Namen lesen konnte. Während dem Umkreisen der Stadt blinkte aus einem Kabinenfenster ein Licht auf in Erwiderung der Be- ürüßung.
Rm 5.30 Uhr MEZ. erreichte das Luftschiff Cleveland in Ohio. 140 000 Menschen, die größte Menschenmenge, die Cleveland je gesehen, hatte sich eingefunden, um den Zeppelin zu erwarten. Das Luftschiff überflog die Stadt schnell in 300 m Höhe, über der Luftfahrtausstellung eine Schleife ziehend. Um 5.57 Uhr MEZ. traf das Luftschiff über Akron (Ohio) ein.
„Graf Zeppelin" über Newyork.
„Graf Zeppelin" ist kurz nach 12 Uhr mittags MEZ. über Newyork eingetroffen.
Die Vorbereitungen für den Empfang in Lakehurst.
Newyork, 28. Aug. (WB.) Das ganze Land verfolgt den Flug des Luftschiffes „Graf Zeppelin" über Amerika mit größtem Interesse. Mit besonderer Spannung sieht es der Begegnung des Zeppelins und der „Los Angeles" über Cleveland entgegen. Man erwartet in Lakehurst über 200 000 Zuschauer. 300 Marinesoldaten und 50 Matrosen vom Philadelphiaer Marinehafen stehen für die Zeppelinlandung bereit. Die Unterbringung des Luftschiffes in der Luftschiffhalle dürfte diesmal besonders rasch erfolgen, da die „Los Angeles" erst am folgenden Tag in Lakehurst zurückerwartet wird. Als Vertreter Hoovers wird Hilfshan- delsfekretär Mac Cracken Dr. Eckener bei der Landung begrüßen. Weirestgeyende Vorbereitangen für die Uebertru- gung der Landung des „Graf Zeppelin" im Weltrundfunk nach Deutschland u. anderen Ländern sind getroffen. Ueber die Kurzwellenstation Schenectady, Pittsburgh und Cicin- nati werden auch Staatssekretär Dr. Meißner u. Geschäftsträger Dr. Kiep sprechen. Die Zollabfertigung wird rein formeller Art sein. Die Passagiere fahren nach Newyork mit einem Sonderzug. Der Zepplinvertreter v. Meister trifft am Donnerstag in Lakehurst mit sieben Mitgliedern der Zeppelin-Mannschaft ein, die in Los Angeles zur Erleichterung des Luftschiffes für den Flug über das Gebirge ausstiegen.
Ein Bild von dem letzten Aufenthalt des Luftschiffes in Lakehurst, von wo es vor drei Wochen seinen Flug um die Erde begann.
Lakehurst in Erwartung.
Bereits in den frühen Morgenstunden hat sich eine riesige Menschenmenge angesainmelt, um die Rückkehr des Luftschiffes „Graf Zeppelin" von seinem Weltrundflug mit- zuerleben. Zahlreiche Diplomaten, Regierungsvertreter und über 100 Journalisten warten auf die Ankunft des Luftschaffes, während 450 Matrosen und Marinesoldaten unter Trompetensignalen Aufstellung nehmen, um die Landungsmanöver auszuführen. Mit großer Spannung verfolgt die sportbegeisterte Menge das
Wettrennen zwischen dem Luftschiff und den 7 Mann der Lustschiffbesatzung,
die in Los Angeles das Luftschiff verlassen haben, um mit Flugzeug, Eisenbahn und Automobil nach Lakehurst zu reisen. Sie haben gute Aussicht, noch kurz vor dem Zeppelin in Lakehurst einzutreffen und damit einen Weltrundreise- Rekord aufzustellen.
Glatt gelandet.
L a k e h u r st, 29. Aug. (Tel.) Nach seiner Schleifcn- sahrt über Lakehurst schritt Dr. Eckener zur Landung. Um 13.10 Uhr MEZ. waren die Haltetaue ergriffen und das Luftschiff von der bereitstehenden Haltemannschaft zur Erde
gezogen. Die Landung erfolgte um 13.14 Uhr.
Pakctpost Tokio—Chicago in 4% Tagen.
Ein Paket mit japanischen Kimouos traf heute bei einer Chicagoer Firma ein, das vor 4% Tagen in Tokio aufgegeben wurde. Das Paket wurde vom „Graf Zeppelin" von Tokio nach Los Angeles befördert und von dort mit einem Postflugzeug nach Chicago gebracht.
Vom Luftschiff zum Flugzeug übergejtiegcn.
wtb. Cleveland, 29. Aug. Im Verlaufe von Schauflügen, die auf dem hiesigen Flugplatz gestern nachmittag veranstaltet wurden, stieg Leutnant Bolver von der Marine- station Lakehurst von dem Luftschiff „Los Angeles", das mit 72 km Geschwindigkeit fuhr, in ein angehängtes Flugzeug über. Es ist dies der erste Versuch, vom fahrenden Luftschiff auf ein fliegendes Flugzeug überzusteigen.
Englands Doppelzüngigkeit.
Im Heiligen Lande sieht es augenblicklich sehr unheilig aus. Zwischen den Arabern und den Juden ist es zu heftigen Kämpfen gekommen und bittere Vorwürfe werden gegen die Engländer erhoben, daß sie nicht rechtzeitig mit schneller Hand den ausbrechenden Kampf gleich in seinen Anfängen energisch unterdrückt haben. Freilich wäre da an einer Krankheit nur äußerlich und mit gewaltsamen Mitteln herumgedoktert worden, während sie im Innern sich immer weiter ausbreitete.
Dabei gehörte keine große Prophetengabe dazu, den Ausbruch dieses Kampfes vorauszusehen und voraus- zusagen. Seine Wurzeln reichen zurück bis in die ersten Jahre des Weltkrieges. Jedes Mittel war ja damals den Engländern recht, um vom Süden Vorderasiens her, also aus Arabien als Stützpunkt, die türkische Macht über den Haufen zu rennen. Man erweckte in den Arabern den Traum eines Großarabischen Reiches vom Indischen Ozean bis nach Aleppo und vom Mittelmeer bis hinüber zu den persischen Grenzbergen. Hussein, der jetzt König des Iraks von Englands Gnaden ist, sollte der neue Kalif werden, der an die Stelle des türkischen Sultans treten sollte. Was von diesem Traum übrigblieb, ist die französische Kolonie Syrien und die beiden mühsam genug auf englischen Krücken humpelnden arabischen Reiche Transjordanien und Irak.
Noch vorher aber, ehe dieser arabische Traum erweckt war, hatte die englische Regierung in der sogenannten „Balfour-Deklaration" des damaligen englischen Ministerpräsidenten den Juden Palästina als selbständigen Staat versprochen, um mit dieser symbolischen Geste weite Kreise des Judentums in der ganzen Welt für sich zu gewinnen. Palästina fiel ja zum Teil schon 1917, dann aber endgültig 1918 in englische Hände, und bald war der neue Staat auch geschaffen, allerdings natürlich unter der Aufsicht eines englischen Oberkommissars, der — übrigens selbst Jude — nun seine ganze Kraft daransetzte, den neuen Staat auszugestalten und ihn mit jüdischen Zuzüglern aus aller Herren Ländern zu füllen. Ihn auch mit Hilfe dieser herbeiströmenden Kräfte wirtschaftlich in die Höhe zu bringen. Dabei vergaß man aber, daß trotz dieses Zustroms auch heute noch mehr als sechsmal soviel arabische Mohammedaner in diesem Lande sitzen als Juden, der Staat aber überall und durchaus jüdischen Charakter trägt und tragen soll. Das ließ die U n z u - friedenheit der Araber ständig höher wachsen; sie hielten sich nicht bloß wirtschaftlich, sondern vor allen Dingen politisch für benachteiligt. Schon vor längerer Zeit kam es in der gesetzgebenden Versammlung zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den arabischen und den jüdischen Deputierten und nun ist das Feuer 3 u bellen Flammen emporgelodert.
Der Ursprung des Brandes liegt also im wesentlichen nicht so sehr in rassischen oder religiösen Gründen, sondern in politischen. Charakteristisch für die Verhältnisse ist eine kleine Geschichte, die vor einigen Jahren passierte. Ein katholischer Bischof wollte eine kirchliche In- spektionsreise in das rein arabische Transjordanien machen; vorher wurde ihm geraten, auf der Brust deutlich sichtbar ein Kreuz zu tragen, — dann würbe ihm auf seiner Reise nichts passieren! Ein Jude freilich darf es kaum wagen, von Westen her über den Jordan in jenes arabische Königreich hinüberzugehen.
Es prallen hier zwei Gegensätze aufeinander, zwischen bereit Forderungen, Ansprüchen, vermeintlichen oder wirklichen Rechten es kaum eine Brücke gibt. Aber England das sich diese Suppe einbrockte, muß sie jetzt auch anslöffeln, und das wird der gegenwärtigen Regierung nicht leicht werden; denn der bisher in Palästina amtierende Oberkommissar trieb einerseits eine Politik, die nicht gerade als übermäßig judcnfrcundlich bezeichnet wird, zumindest der Organisierung des arabischen Widerstandes nicht entgegentrat, und auf der anderen Seite ist Macdonald, der englische Ministerpräsident, ein politischer Gegner des Oberkommissars. Erschwert wird die Situation noch dadurch, daß besonders Amerika aus mannigfachen Gründen größtes Interesse an den Vorgängen in Palästina nimmt und einen energischen Druck auf die englische Regierung ansübt, dort mit allen Mitteln Ordnung zu schaffen.
Ob es gelingen wird und ob auf die Dauer — das ist allerdings eine zweite Frage!