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Iulöaer Anzeiger

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Nr. 209 1929

Fulda, Freitag, 6. September

6. Jahrgang

Briands große Rede in Genf.

Segen den Krieg, für den Frieden.

Das Minderheitenproblem.

Das Ereignis bei den Verhandlungen des Völker- bundes in Gens am Donnerstag war die Rede des fran­zösischen Ministerpräsidenten Briand, die gleichsam unmittelbar an die Ausführungen des britischen Premiers Macdonald vom Dienstag anknüpfte. In den zehn Jahren seines Bestehens führte Briand aus habe der Völkerbund die großen ihm entgegenstehenden Schwie­rigkeiten überwunden. Alles, was für den Frieden in den letzten Jahren geschah, sei nur mit dem Völkerbund möglich gewesen. Das gelte auch für Locarno und den Kellogg-Pakt. Der Krieg habe den Stempel des Ver­brechens bekommen, aber das Werk des Völkerbundes sei dadurch noch nicht vollendet. Was werde er tun, wenn wirklich der Krieg trotz alledem ausbreche? Solange man die Strafe für den Friedensstörer noch nicht gefunden habe, sei eine Lücke vorhanden. Ein großes Friedens­werk sei jetzt auch im Haag zustande gekommen. Wäre es nicht vollendet worden, so würde dem Friedensgeist der Todesstoß versetzt worden sein. Die Beseitigung der letzten Schwierigkeiten zwischen Deutschland und Frank­reich stände bevor.

Die Frage der Rüstungsbeschränkung sei eine heilige Pflicht der Unterzeichner des Versailler Ver­trages. Das Problem der Sicherheit müsse durch Zu­sammenarbeit gelöst werden, namentlich auch in bezug auf die Seerüstungen und die wirtschaftliche Abrüstung. Energische Schritte müßten durch den Völkerbund getan werden. Seine, Briands, Idee der

Vereinigten Staaten von Europa habe gewiß anfangs einen etwas abenteuerlichen Anstrich für einen Staatsmann haben können. Angestrebt werde in Wirklichkeit eine Art Bund, der zwischen den euro­päischen Staaten ein Band schaffe, das ihnen erlaube, gemeinsame Ziele zu verfolgen, z. B. auf sozialem Gehret. Wichtiger noch als die Fakultativklausel für den Haager Gerichtshof sei ein obligatorischer Schiedsvertrag. Warum sollten nicht wie Privatleute zur Konfliktsver­meidung die Nationen zu den Richtern gehen, damit nicht Schlachtfelder mit Blut gedüngt würden? Mit Mac­donald sei er der Auffassung, daß der Friede eine Frage der Moral sei. Er, Briand, wende sich besonders an die Frauen, um ihre Mithilfe zu der Friedenspro­paganda zu erwirken.

Vor Briand sprach in der Donnerstagsitzung des Völkerbundes der belgische Außenminister H y m a n s und betonte, daß die Beschlüsse der Weltwirtschaftskonferenz, die allzu hohen Zollmauern zwischen den Völkern Europas herabzusetzen, bisher ohne praktischen Erfolg geblieben seien. Der militärischen Abrüstung müsse die wirtschaftliche folgen.

Die franzöfische Presse zur Briandrede.

wtb. Paris, 6. Sept. Unter dem Eindruck des großen redne­rischen Erfolges Briands äußern die meisten Blätter, insbeson­dere in den Berichten ihrer Genfer Korrespondenten, weit­gehende Zustimmung zu den allgemeinen Tendenzen der Ausfüh­rungen des Ministerpräsidenten Soweit die Blätter zu einzelnen Punkten Stellung nehmen, bringen sie jedoch je nach ihrem allgemeinen Standpunkt Kritik oder Vorbehalte. Die großen Nachrichtenblätter überlassen in der Hauptsache ihren Genfer Berichterstattern die Würdigung der Rede.

Pertinax über Briands Plan derVereinigten Staaten von Europa".

London, 6. Sept. Pertinax meldet dem Daily Telegraph: Um dem Teil seiner Genfer Rede von gestern vormittag prak­tische Bedeutung zu geben, der den Plan für einen europäischen Bund (sonst bekannt unter dem NamenBereinigte Staaten von Europa") betrifft, beabsichtigt Briand, nächste Woche die Führer der europäischen Delegationen beim Völkerbund zu- sammenznberufen, um mit ihnen zu beraten. Die Zusammen­kunft wird keinen offiziellen Charakter haben. Nach Briands Urteil können nur verantwortliche Minister bei einem solchen Unternehmen Erfolg haben, weil sie allein in der Lage sind, den politischen Zweck hoch über alle Schwierigkeiten der An­wendung zu stellen. Man hofft, daß eine Vereinbarung über den Zusammentritt einer offiziellen Konferenz außerhalb des Völkerbundes gegen Ende des Jahres getroffen werden kann.

Briands Plan der Vereinigten Staaten von Europa.

wtb. Paris, 6. Sept. Der Genfer Berichterstatter desPe­tit Parisien" meldet übereinstimmend mit den Berichterstattern anderer Blätter, daß Briand für nächsten Montag oder Diens­tag eine Zusammenkunft der Delegierten der in Genf vertre­tenen Staaten einzuberufen gedenke, damit ein Studienkomi­tee zur Prüfung der mit der Tilgung der Wirtschaftsföderation der Staaten Europas zusammenhängenden Fragen eingesetzt werde. Der Korrespondent desEcho de Paris" teilt darüber hinaus mit, daß, falls man sich auf einen auch noch so beschei­denen Entwurf einigen könne, für Anfang 1931 eine reguläre Konferenz einberufen werden könne.

Die Minderheiten.

Donnerstag früh hielt die deutsche Abordnung in Genf unter dem Vorsitz Dr. Stresemanns eine Sitzung ab. Wahrscheinlich wird Dr. Stresemann am »Freitag eine längere Rede vor den» Völkerbund halten in der er den grundsätzlichen deutschen Standpunkt in der Minderheitenkraae vertrete« wird

Da bei der Konferenz auch Meinungen vertreten fin^ wonach das Minderheitsproblem jetzt vorläufig mit de(. seinerzeitigen Beschlüssen in Madrid erledigt sei, dürften an die Rede Stresemanns sich lebhafte Dis- Zussionen anschließen, zumal die deutsche Stellungnahme 'on verschiedenen neutralen Staaten geteilt und unter- itütii wird.

Dr. Stresemann für fortschreitende Verständigung.

Eine Ansprache in Genf.

Der Internationale Verband der beim Völkerbund beglaubigten Journalisten veranstaltete am Donnerstag das traditionelle Frühstück zu Ehren der Mitglieder des Völkerbundrates. An dem Frühstück nahmen u. a. Dr. Stresemann, Macdonald, Briand, der Prä­sident der Vollversammlung, Guerrero, und andere mehr teil. Während des Frühstücks nahmen Guerrero, der Perser Foronghi, Macdonald, Dr. Stresemann und Briand das Wort. Dr. Stresemann bedauerte es, daß er die Rede Macdonalds nicht gehört habe. Mac­donald wäre es zu verdanken, daß Deutschland im Völker­bünde sei. Dr. Stresemann betonte, die Arbeit zur Ver­ständigung der Völker sei vielfach eine Sysiphusarbeit. Es fei notwendig, den Glauben an das Vorwärtskommen fest in sich zu haben und wer absichtlich nicht die Augen verschließen wolle, der müsse verstehen, daß diese Zeit eine Zeit fortschreitender Verständigung sei. Wenn die Abmachungen vom Geiste des Völkerbundes durchdrungen -jeien, dann habe der Völkerbund freie Hand, aus sich her­aus große, schöpferische Dinge für die Zukunft zu schaffen.

Stresemann über sein Amt.

Bei einer Unterredung, die Dr. Stresemann während der Haager Konferenz dem Vertreter be^ Rieuwe Rotterdamfche Courant" gewährte, erklärte Dev Reichsaußenminister, es sollte eigentlich gesetzlich ver­boten sein, daß jemand länger als fünf Jahre Minister bleibe. In der Jetztzeit würden an Minister ganz außer­ordentliche Anforderungen gestellt, namentlich an einen Außenminister. Wenn diese Anforderungen auch nicht immer auf dem Gebiete der amtlichen Tätigkeit lägen, so doch auf demjenigen der Repräsentation. Wo früher ein Geheimrat genügt hätte, müsse jetzt, namentlich bei internationalen Konferenzen, der Minister selbst er­scheinen. Außerdem sei seine, Stresemanns, politische Tätigkeit während der letzten sechs Jahre über manche schwere See gegangen. Man habe es ihm nicht leicht gemacht. Es habe eine Zeit gegeben, wo er für alle die persönlichen Angriffe, die gegen ihn gerichtet worden seien, sehr empfindlich gewesen sei. Jetzt aber sei ihm das gleichgültig geworden. Er würde ohne per­sönliches Bedauern von seinem Posten scheiden, wenn man ihn zu Fall brächte. Es scheine aber, daß der Eifer hierzu abnehme, sobald man merke, daß der betreffende -"Minister sich nur noch wenig daraus mache. Der even­tuelle Rücktritt von seinem Posten erscheine ihm als ein wahres Freiheitsideal; man könnte wieder Pläne für Familienfestlichkeitcn, für persönliche Aus­flüge, Reisen und dergleichen machen, etwas, was jctzi beinahe unerreichbar erscheine.

Kindenbmgs Dank und Anerkennung.

Befriedigung über die Rheinlandräumung.

Reichspräsident von Hindenburg empfing Donners­tag den Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius, der ihm in Vertretung des Reichsaußenministers Dr. Streseniann Bericht erstattete über den Gang und das Ergebnis der Haager Konferenz. Der Reichsprä­sident sprach dem Minister, zugleich mit dem Ersuchen um Übermittlung an die übrigen Mitglieder der Dele­gation, seinen Dank für die in schwierigen und mühe­vollen Verhairdlungcn geleistete Arbeit aus. Ins­besondere gab der Reichspräsident seiner Befriedi­gung darüber Ausdruck, daß endlich das Recht Deutsch­lands auf Befreiung dès Rheinlandes vom Druck fremder Besatzung in naher Zukunft erfüllt werden soll. Der Reichspräsident sprach ferner die Erwartung aus, daß von der jetzt erreichten Etappe aus die Lösung der noch offenen Reparationsfragen und die volle Wiederherstellung der deutschen Staatshoheit erkämpft werden möchte.

Vom Wohnungsamt Mainz wird mitgeteilt, daß die Besatzungsbehörde fünf seinerzeit beschlagnahmte Woh­nungen der Stadt Mainz zur Verfügung stellen wird. Diese Freigabe ist ein Vorspiel für die Räumung von Mainz.

Henderson für strikte Râumungsdurchstihrung.

Der englische Außenminister Henderson wurde in Genf von dem Vertreter desDaily Herald" über bie in der französischen Presse ausgesprochene Absicht bt fragt, der zufolge die endgültige Räumung der dritten Zone des Rheinländes von der Mobilisierung eines Teils des französischen Anteils an den ungeschützten deutschen Reparationszahlungen abhängig gemacht werden solle. Henderson vertrat die Ansicht, daß die Haager Ab­kommen völlig klar seien und die Räumung b i s z u m 3 0. Juni beendet sein müßte. Er sei fest überzeugt, daß Briand seht Versprechen erfüllen werde, und er hoffe, daß die Presse weder ihm nach Stresemann Schwierigkeiten bereiten werde.

Sie Curtius über die Haager Konferenz.

Die großen Ziele erreicht.

Reichswirtschastsminister Curtius verbreitete sich Donnerstag abend im Rundfunk in längeren Ausfüh­rungen über den Verlauf und die Ergebnisse der Haager Konferenz.

Dr. Curtius gab zunächst in großen Zügen einen überblick über die Entwicklung, die vom Versailler Ver­trag, in dem die deutschen Verpflichtungen nicht begrenzt waren, zum Young-Plan führte. Der Minister schilderte dann die Ereignisse während der Geltung des Dawes- Planes und sagte, zu den jüngsten Verhandlungen ab­schließend Stellung zu nehmen, sei noch verfrüht; denn um wichtige Fragen, insbesondere um die Rückgliederung des S a a r l a n d e s , werde noch weiter gerungen werden müssen. Die Schlußverhandlungen im Haag werden erst im Laufe des Oktober stattfinden. Aber in allen drei Punkten des Programms der Reichsregierung: Räumung des besetzten Gebietes, Beseitigung der Kontrollen und Herabsetzung und Erleichterung der Reparationslasten sind schon jetzt grundlegende Ergebnisse erzielt worden.

Angesichts der Irreführung der Öffentlichkeit durch ununterrichtete Kritik müsse man offen aussprechen, daß die großen Ziele der Reichsregierung in den Fragen, die im bisherigen Verhandlungsabschnitt zur Entscheidung gekommen sind, in allen wesentlichen Punkten erreicht wurden.

Der Minister ging dann auf die Einzelheiten der Finanzfragen ein, die gewiß die Möglichkeit der Ent­lastung für die Zeit bis zum 1. April 1930 etwas herab­setzen, aber in ihrer Bedeutung im Verhältnis zu dem Rahmen, in dem die Gesamtlösung liegt, keine Rolle spielen. Das Zugeständnis der Veränderung in der Staffelung des ungeschützten Betrages erhöht weder unsere jährlichen Leistungen auch nur um einen Pfennig, noch setzt es den Durchschnittsbetrag der ungeschützten Jahreszahlungen herauf. Wichtiger und größer ist das, was von uns auf politischem Gebiet angebahnt und erreicht worden ist. Mit der Inkraftsetzung des Young-Planes werden die jetzigen Kontrollen endgültig beseitigt.

Deutschland wird also nach voller Wiederherstellung seiner Souveränität und unter voller eigener Verant- Wortung für seine Wirtschaft seine Währung und seine Finanzen wieder in den Kreis der vollberechtigten Groß. Mächte einrückcn.

Die Summen, die Deutschland jährlich zu leisten haben wird, werden um eine halbe Milliarde und darüber, in den ersten fünf Jahren um über 700 Millionen, durch­schnittlich herabgesetzt. Diese Beträge werden in erheb­lichem Maße zur allgemeinen Erleichterung der Wirt­schaft dienen.

Der Deutsche Reichstag wird in einigen Wochen dar­über zu befinden haben, ob die Haager Abmachungen von ihm bestätigt werden und Deutschland wieder von seiner gewählten Regierung als freies Volk auf freiem Boden geführt werden kann.

Arhritslosenreform einstweilen vertagt.

Ablehnung aller Anträge.

Bei der Besprechung der Fraktionsführer der Rcichs- tagsparteien mit den beteiligten Reichsministern über den Entwurf zur Reform der Arbeitslosenversicherung am Mittwoch wurde keine Übereinstimmung erzielt und des­halb die Beratung auf Donnerstag vertagt. Diese zweite Besprechung kam aber nicht zustande, da die vorhandenen Meinungsverschiedenheiten als zu groß erschienen.

Die Regierungsparteien legten nun im Sozial­politischen Ausschuß des Reichstages ihre einzelnen An­träge vor. Reichsarbeitsminister W i s s e l l gab einen überblick über die Ersparnisse, die durch die bisher ein- gebrachten Anträge der Parteien und die im Verlauf der Debatte gemachten Anregungen über die Regierungsvor­lage hinaus erzielt werden würden. Die Debatte ergab keine Übereinstimmung.

Schließlich wurde abgestimmt. Dabei verfielen alle wesentlichen Abänderungsanträge gegenüber dem Re gierungsentwurf der Ablehnung. So siel namentlich die Verlängerung der Wartezeit, die auderweite Rege­lung der Anwartschaftszcit bei berufsüblicher Arbeits­losigkeit, ferner der Antrag auf Erhöhung der Beiträge um ein halbes Prozent. Auch einzelne Teile der Re gjerungsvorlagc wurden abgelehnt.

Unter diesen Umständen war weitere Beratung gegenstandslos und man wird zunächst die Beschlüsse des Reichsrats abwarten. Der Sozialpolitische Ausschuß vertagte sich auf den 12. September.

Gin Verkehrsflugzeug vom Sich getroffen.

Acht Personen getötet.

Die Transkontinentale Lufttransportgesellschaft in Albuquerque (Neu-Mexiko) hatte den Flugverkehr zwischen den Staaten Oklahoma und Arizona eingestellt, um alle ihre Flugzeuge für die Suche nach einem ver­schollenen Flugzeug mit fünf Passagieren und drei Mann Besatzung cinzusetzen. Über Arizona wütete ein Ge­wittersturm, begleitet von schwerem Regen, der großen Schaden anrichtete, Bahnbrücken und Landstraßen unter­spülte und den Verkehr lahmlegte. Nunmehr ist das Flugzeug, das den NamenCity San Francisco" trägt, 'M der Nähe von Gallup in Neu-Mexiko aufgefund^v raorden. Sämtliche Insassen des Flugzeugs waren * Augenscheinlich ist das Flugzeug vom Blitz getr worden..