Zulüaer Anzeiger
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Nr. 224 — 1929
Fulda, Dienstag, 24. September
6. Jahrgang
Industrie und
Interparlamentarische Handelskonferenz.
Tagung in Berlin.
Im Reichstag begann Montag die Internationale parlamentarische Handelskonferenz ihre Beratungen. Die letzte Tagung fand 1928 in Rio de Janeiro statt, diese ist die erste Sitzung in Deutschland. Vertreten sind die Parlamente von 41 Ländern, besonders stark England und Japan. Den Vorsitz führt Rcichstagsvizepräsident von Kardorff. Die Verhandlungen erstrecken sich vorzugsweise aus das Verhältnis von Industrie und Arbeiterschaft, das Rationalifierungsprvblem, die Gewinnbeteilung der Arbeitnehmer, das internationale Obligationen- und Wechselrccht, die Regelung des Funkverkehrs und die internationale Agrarfrage. Reichssinanzminister Dr. Hilferding begrüßte die Konferenz im Namen der Reichsregierung.
Der Ausschuß für die Reorganisation der Industrie und ihre Beziehungen zum Arbeitnehmer trat unter dem Vorsitz des italienischen Senators H u g o Ancona zu- sammen. Er nahm zunächst einen Bericht des englischen Unterhausmitgliedes H a n n o n über industrielle Zusammenlegung, Rationalisierung, Verschmelzung usw. entgegen.
Neichstagsabg. Dr. Brüning
(Zentrum) berichtete über neue Grundlagen der Mitarbeit der Arbeitnehmer. Er faßte seine Ausführungen in eine Entschließung zusammen, in der die Konferenz ihre Wunsche für die Verwirklichung der von ihr gerade unter dem System der Rationalisierung für notwendig erkannten neuen Wege zu besserer Zusammenarbeit zwischen Unternehmer- und Arbeitnehmerschaft darlegt.
Nach dieserworgelegten Entschließung müssen Formen der Besitz- und Gewinnbeteiligung gefunden werden, âlche-die gewerkschaftlichen Bedenken, die in vielen Ländern gegen die bisherigen Versuche bestehen, beseitigen. In allen Ländern soll ferner durch Schaffung von Kleinaktien die Möglichkeit der Beteiligung der Arbeitnehmer am Aktienbesitz des Unternehmens, in dem sie beschäftigt sind, gefördert werden. Versuche der Banken und der Sparkassen der organisierten Arbeitnehmerschaft zur Be-- âiligung an den Unternehmungen sollen Beachtung fin- ven. Die Mitarbeit der Arbeitnehmer in Form der Betriebsräte durch Schulung der Arbeitnehmerschaft und verständnisvolle Behandlung seitens der Arbeitgeberschast sollen gefördert werden. Gesetzliche Maßnahmen sollen den Arbeitnehmern für von ihnen gemachte Verbesserungsvorschläge und Erfindungen ein gerechtes Entgelt sichern.
Die Interparlamentarische Handelskonferenz wurde Mt Reichstage vom Vizepräsidenten des Reichstages, von Kardorff, mit einer Ansprache eröffnet, in der er die Konferenz an Stelle des erkrankten Reichstagspräsident^ töbe im Namen des Deutschen Reichstages und der deur-' -schen Delegation willkommen hieß. Nachdem Herr von Kardorff einen überblick auf die Arbeiten der Konferenz
Französische Znierpallaiion zur Saarsrage.
In der Deputiertenkammer.
Der linksrepublikanische Abgeordnete B o i s s e a u hat -Ministerpräsident Briand mitgeteilt, daß er ihn bei Wiederzusammentritt des Parlamentes über die Art der Verpflichtungen interpellieren werde, die er Stresemann gegenüber in der Frage des Saargebietes eingegangen sei und wie die Regierung dieses wichtige Problem zu lös engedenke. Boisseau will seine Interpellation mit dem. Hinweis darauf begründen, daß vom wirtschaftlichen Standpunkt aus eine Änderung der Rechtsverhältnisse des Saargebietes für Frankreich die schlimmsten Folgen nach sich ziehen würde angesichts der Tatsache, daß die französische Außenhandelsbilanz in diesem Jahre zehn Milliarden Frank erreichen werde und daß die Ausfuhr nach dem Saargebiet jährlich zwei Milliarden betrage. Anlesichts der Bedrohung dieser so wichtigen französischen Interessen im Saargebiet erschienen die einzu» leitenden deutsch-französischen Verhandlungen auch durchaus verfrüht. Im übrigen sei es unerläßlich, den französischen Handel und die französische Industrie um ihre Ansicht zu befragen.
Münchener Vottspariei zur Haager Einigung.
Die Räumung.
Die Gruppe München der Deutschen VolkspartcI hat eine Entschließung angenommen, die den Abschluß der Haager Vereinbarungen als einen weiteren Schritt zur Liquidierung des Krieges bezeichnet, für den Stresemann der Dank des ganzen deutschen Volkes gebühre, wenn im Frühjahr des "kommenden Jahres der letzte Besatzungs- angehörige deutschen Boden verlassen haben wird. Deutschland werde frei durch die zielbewußte Durchführung der voll Stresemann geleiteten Politik, die die Interessen der Welt systematisch vörknüpft mit Deutschlands Gedeihen.
Arbeiterschaft.
geworfen hatte, fuhr er u. a. fort: Auch die Frage der Lage der Landwirtschaft, der Hebung der Lebenshaltung des Landwirtes wollen Sie in den Kreis ihrer Betrachtungen ziehen. Das ist eine nationale und internationale Frage zugleich; denn die Erhaltung einer blühenden Landwirtschaft ist zunächst eine nationale Forderung, und sie ist eine internationale zugleich insofern, als durch die Stärkung der Landwirtschaft ihre Bevölkerung in die Lage gesetzt wird, die Güter der Weltwirtschaft aufzunehmen.
Im Namen der Reichsregierung begrüßte Neichs- finanzminister Dr. Hilferding die Handelskonferenz und wünschte ihren Arbeiten besten Erfolg. Die Haager Konferenz, sagte der Minister u. a., hat dèn Young-Plan prinzipiell angenommen und damit hat eine neue Phase der Reparationspolitik begonnen. Der Young-Plan versucht die endgültige Lösung auf dem wirtschaftlichen Boden. Das Ergebnis der Haager Konferenz hat sofort seine Rückwirkung auf die Friedensarbeil des Völkerbundes gehabt. In der modernen Wirtschaft drängen immer mehr erstarkende Tendenzen zur Organisation. Dazu gehören die Probleme der Rationalisierung und das Streben der werktätigen Massen nach höherem Anteil an dem Ertrag der Arbeit. Dieses Bestreben mutz zugleich auf Steigerung der Produktivität der Volkswirtschaft hinzielen und drängt so wiederum zur Verbesserung der Organisation. So stellt sich diese Konferenz in den Dienst der großen Aufgabe der Befriedigung der Welt, der Steigerung der Wohlfahrt der Nationen und der Zusammenarbeit aller Völker. In diesem Sinne seien Sie der deutschen Reichsregierung und dem deutschen Volke herzlich willkommen.
Auf die beiden von der Interparlamentarischen Handelskonferenz mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Begrüßungsansprachen von Kardorffs und Dr. Hilferdings antwortete zunächst der Führer der belgischen Delegation van Cauvelaert. Er sprach im Namen der belgischen Delegation den Dank aus für die gastfreie Aufnahme, die die deutsche Reichsregierung und der Reichstag den Delegierten bereitet habe. Einen besonderen Dank stattete der Redner der Reichsregierung und namentlich dem Minister Dr. Hilferding ab für die in diesem Jahre dem Internationalen Handelsinstitut in Brüssel zugesagte finanzielle Unterstützung.
Der Führer der brasilianischen Delegation wies in seiner Ansprache auf die Bewunderung hin, die die Brasilianer aller Klassen und jeder politischen Überzeugung Deutschland wegen des Schaffensvermögens seines Volkes sowohl auf intellektuellem wie auf materiellem Gebiet zollten. Der Redner erwähnte in diesem Zusammenhang die Fahrt des /„Gras Zeppelin".
Der Führer der sranzösischen Delegation, Senator Minister a. D. Leredu, erklärte, er habe den Eindruck, daß sich die Arbeit der Konferenz in einer Atmosphäre völliger Eintracht vollziehen werde, denn alle Versammelten seien davon durchdrungen, daß das große Gebäude des Wirtschaftsfriedens sich nur auf der Gemeinschaft aller Kräfte erheben könne. Die Welt fordere, daß die beredten Worte der Staatsmänner in Genf über die Fragen her wirtschaftlichen Abrüstung und über die Gründung eines- Weltwirtschaftsbundes in die Tat umgesetzt werden. Dazu aber bedürfe es der Mitwirkung der Parlamente.
Abzug der englischen Truppen aus Königstein.
Königstein. Das hier stehende 2. Bataillon des Leicestershire Infanterieregiments hat mit einem Sonderzug Königstein bev» lassen und die Rückkehr in die Heimat angetreten. Damit ist Königstein nach nahezu elfjähriger Besetzung wieder frei von fremden Truppen. Bis zum 1. Oktober bleibt nur noch ein aus wenigen Personen bestehendes Abwicklungskommando hier, das die letzten Übergabe- und Abrechnungsformalitäten zu erledigen hat. Der Abzug der etwa 600 Mann starken Truppen erfolgte programmätzig ohne jeden Zwischenfall. Um 12 Uhr 30 stellten sich die Truppen auf dem Kasernenhof auf. Um 12 Uhr 50 erfolgte der Abmarsch zum Bahnhof unter den Klängen der Regimentskapelle. Fast gleichzeitig setzte strömender Regen ein, der bis zum Abgang des Zuges anhielt. Zv schauer gab es nur wenig, um so mehr eifrige Kurbelleute tn~ und ausländischer Filmgesellschaften.. Der Sonderzug fährt bis Ostende, wo er am Dienstag früh eintrifft. Von dort erfolgt die Verschiffung nach England.
Die Stützung der Börse.
Konsortiumsbildung in Berlin.
Bei einer Sitzung der Stempclvcreinigung von zwölf Banken und Bankfirmen wurde eine Kommission gewählt, die unverzüglich praktische Vorschläge zur Durchführung von entsprechenden Maßnahmen machen soll. Gleichzeitig., wurde ein Konsortium gebildet, das sofort Interventionen durchzuführcn hat.
Meine Zeitung für eilige Leser
* Die Berliner Großbanken sind zusammengetreten, um durchgreifende Maßnahmen zur Verbesserung der Börsen- verhâltnifse zu beschließen.
* Die Internationale parlamentarische Handelskonferenz, auf der 41 Staaten vertreten sind, wurde im Reichstag eröffnet.
* Zum Bischof der neuen Diözese Berlin ist der bisherige Administrator von Bautzen, Dr. Schreiber, ausersehen.
* Im Ost- und Nordsccgcbiet wurden durch Stürme große Schaden angerichtet.
Landflucht.
Nicht bloß in Genf bei der Weltwirtschaftskommission des Völkerbundes versucht man, einander näherzukommen in Fragen, bei denen gemeinsame wirtschaftliche Interessen der Völker berührt werden, will man einen Ausgleich schaffen, wenn die Verfolgung solcher Interessen durch ein Land allzu stark das wirtschaftliche Gedeihen des Nachbarn berührt oder stört. Auch eine besondere internationale parlamentarische Handelskonferenz versucht auf einer soeben beginnenden Tagung in Berlin in einer solchen Richtung zu wirken, für gemeinsame Wirtschaftsprobleme Klärung und Ausgleich zu schaffen, dabei auch solche Jnteressenkonflikte zur Sprache zu bringen, von deren Entwicklung Lebensprobleme eines Volkes abhängen.
Wirtschaftsfragen zwischen- oder überstaatlicher Natur gibt es ja in einem fast täglich wachsenden Umsang schon deswegen, weil die zwischen- und überstaatlichen Verknüpfungen wirtschaftlicher Art inraschestem Tempo zunehmen. Der tiefe Riß, den der Weltkrieg gezogen, die breiten Abgründe, die er g eschaffen hat, werden demgemäß in einem heute noch kaum zu überblickenden Maß ansgefüllt werden müssen, weil die Gemeinsamkeit wirtschaftlicher Probleme von heute und morgen immer stärker gefühlt wird. Um nur eins zu erwähnen: Das Problem der Arbeitslosigkeit ist in den beiden wirtschaftlich so fortgeschrittenen Ländern wie Deutschland und England immer mehr zur brennenden Tagesfrage geworden, bei der das eine Land von dem anderen zu lernen sucht, das eine die Fehler vermeiden will, die das andere begangen hat. Und ein anderes für das Wachsen der Völker vielleicht noch wichtigeres Problem ist ein bevölkerungspolitisches, eines leider, das gerade für Deutschland von besonders trauriger Wichtigkeit ist, weil das Wachsen des deutschen Volkes gegenüber den Vorkriegsverhältnissen sich in erschreckender Weise verlangsamt hat. Die Landflucht, die Abwanderung vom flachen Lande in die Städte oder gar in das Ausland hat in Deutschland Formen angenommen, die schon zu dem Mahnruf geführt haben: „DasdeutscheVoll ist ein sterbendes Volk, büßt ständig nicht bloß an Menge, sondern auch an Qualität der Menschen ein."
Das schlimmste dabei ist, daß man die Gründe derLandflucht in Deutschland wohl zu erkennen vermag, daß über einen großen Teil dieser Gründe sich eine durchaus einheitliche Meinung gebildet hat, daß aber — cs so gut wie unmöglich ist, nun diesen Gründen zur Landflucht beizukommen, ihnen abzuhelfen. Die Tatsachen sprechen eine nur allzu traurige Sprache: Aus Ostpreußen z.B. sind in den Jahren 1919 bis 1927 über 1 5 0 0 0 0 Menschen abgewandert; die Volkszählungen für ganze ländliche Kreise haben ergeben, daß dort nicht bloß keinerlei Bevölkerungszunahme erfolgte, sondern unaufhörlich Zehntausende das flache Land verlassen, in die Städte gehen oder gar in das Ausland. Vielfach wird ja von ländlichen Arbeitnehmern daraus hingewiesen, daß die unterschiedlichen Lohnverhältnisse bei der Landflucht eine wesentliche Rolle spielen, daß die zu geringe Bar entlohnung den Landarbeiter zur Abwanderung in die Stadt veranlaßt, wo diese Barentlohnung höher ist. Aber selbst dort, wo der landwirtschaftliche Arbeitgeber selbst zugibt, daß diese Barentlohnung erheblich zurücksteht hinter dem Lohn, den die Industrie gewährt, ist ja der Gegeneinwand leider durchaus begründet: Die Landwirtschaft ist nicht in der Lage, angesichts der fast übergroßen finanziellen Schwierigkeiten, in der sie sich jetzt befindet, höhere Löhne zu gewähren. Das gleiche gilt leider auch für die Wohnungen der Landarbeiter. Es mutz doch festgestellt werden, dah unter Ausnutzung der vom Reich und von einzelnen Ländern zur Verfügung gestellten zinslosen Kredite Zehntausende von Landarbeiterwohnungen geschaffen worden sind, daß vieles, sehr vieles in dieser Hinsicht aus dem Lande besser geworden ist als früher. Und doch hat die Besserung der Wohnungsverhältnisse, die unbestreitbar ist, die Landflucht entscheidend jedenfalls nicht hemmen können. Ebenso führt die finanzielle und kreditpolitische Notlage der Landwirtschaft auch noch dazu, daß einer Ansiedlung größerer Massen von Landarbeitern, ihrer Ausstattung mit Laud schwerste Hindernisse im Wege stehen. Die Zukunft ist allzu unsicher, die Ertragsfähigkeit des Grund und Bodens nun schon seit Jahren leider überaus gefährdet, — da reizt der leichter erworbene Verdienst in der nächsten Stadt oder in den Jndustriebezirken.
Bei all diesen und anderen Gründen, bei all diesem Dafür und Dagegen muß man weiter fragen: Sind nicht schlietzlich auch die Menschen anders geworden? Werden nicht höhere oder andere Ansprüche au das Leben gestellt, die sich auf dem Lande nicht erfüllen lassen? Ist der D r a n g i n d i e S t a d t hinein nicht verursacht oder zum mindesten mitbeeinflußt durch solche Ansprüche, die ein wenigstens äußerliches Erhöhen des ganzen Lebeusdurchschnittes und Lebensgenusses herbeiführen sollen? Auch diese Fragen müssen bejaht werden und einer solchen massenpsychologischen Entwicklung ist nicht einmal mit wirtschaftlichen Gründen beizukommen.
Der deutsche Raum namentlich im Osten weist eine wachsende Leere auf. Nun aber schafft allein noch das flache Land den Menschenüberschuß, der zum Fortbestehen eines Volkes notwendig ist. Denn die Großstädte verzehren die Menschen. Überall in der Welt, nicht nur in Deutschland, wachsen aber gerade die Schwierigkeiten, vor denen die Landwirtschaft steht — darum ist jeder Versuch zu begrüßen, der Wege aufweisen will, wie aus diesem Labyrinth berauszukommen ist.
Konsbantinopel. Ein schweres Erdbeben suchte die Asiatische Türkei heim. Mehrere Dörfer wurden vollständig vernichtet. Die Verluste sind noch unbekannt.