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Zul-aer /lnzeiger

Ä5»M Tagebla« für Rhön un- Vogelsberg ÄXÄXSÄ Bahnsperre usw. erwachsen örm Bezieher keine Zulöa- un- tzaunetal*Zul-aer Kreisbla« Reklamezeile o.yo Mk. m alle anderen 0.15 Mk^ Bm des Vereins Deutscher Zeitungsver- Re-aktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Zernsprech-flnschluß Nr. 984 wng^ahlun?wn^h^ leger. Postscheckkonto: §cankftirt a. M. Nr. 16009 Nachdruck der mit * versehenen strtikel nur mit ttzuellenangabr »ZulSaer slnzeiger'gestattet. gen Lag- und Plahvorschriften unverbindlich.

Nr. 232 1929 Fulda, Donnerstag, 3. Oktober 6. Jahrgang

Reichsautzenmimster Dr. Stresemann f.

wtb. Berlin, 3. Oktober. Reichsautzenminister Dr. Stresemann ist, nachdem er gestern abend zwischen 10 und 10.30 Uhr einen Schlaganfall erlitten hatte, heute morgen um 5.25 Uhr einem zweiten Anfall erlegen.

Zum Tode Dr. Stresemanns.

Berlin, 3. Okt. Zum Tode Dr. Stresemanns erfahren wir noch folgende Einzelheiten: Dr. Stresemann war gestern den ganzen Tag über durch die Verhandlungen über die Arbeitslosenversicherung stark in Anspruch ge­nommen. Zwischen 10 und %11 Uhr abends erlitt er einen Schlaganfall. Die Aerzte hofften, dah Dr. Strese­mann am Leben erhalten bliebe, obgleich der Schlagan­fall so schwer war, daß die rechte Seite Dr. Stresemanns gelähmt wurde. Heute früh um 5.25 Uhr ist Dr. Strsse- mann einem zweiten Anfall erlegen.

Seit dem ersten Anfall ist Dr. Stresemann ohne Be­wußtsein gewesen. Von den Aerzten wurde seit langem damit gerechnet, daß dieses Ereignis eintreten würde. In den letzten Tagen war Dr. Stresemann durch einen alten Katarrh ans Bett gefesselt. Er erschien aber gestern vor­mittag in einer wichtigen Fraktionssitzung der Deutschen Volkspartei, in der die Arbeitslosenversicherung behandelt wurde. Zn dieser Sitzung hielt er eine längere Rede. Den Nachmittag über stand er mit der Fraktionsleitung dau­ernd in telefonischer Verbindung. Gerade die letzten Tage seines Lebens waren für Dr. Stresemann mit ungeheurer Arbeit ausgefüllt. Von dieser Arbeit wurde er abgerufen, ohne daß es ihm bewußt war. Frau Stresemann und die beiden Söhne weilten die Nacht über am Krankenbett.

Welchs politischen Auswirkungen der Tod diches deut- Wn Staatsmannes haben wird, läßt sich im Augenblick natürlich noch nicht übersehen. Es ist anzunehmen, daß der Reichskanzler, dem von dem Ableben des Reichsaußen­ministers sofort Mitteilung gemacht wurde, heute früh eine Kabinettssitzung einberufen wird.

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Dr Gustav Stresemann, seit 1923 Außenminister des Deut­schen Reiches, wurde am 10. Mai 1878 geboren. Er war einer der meist genannten Persönlichkeiten des Nachkriegs-Deutsch- land. Schon mit 29 Jahren zog Dr. Stresemann in den Reichs­tag ein, dem er mit einer kleinen Unterbrechung bis zum heu­tigen Tage angehörte. Durch Rednergabe und Schlagfertigkeit ausgezeichnet gehörte er doch zu den wenigen Abgeordneten, die selbst große Reden aus dem Stegreif halten vertrat er stets vor dem Reichstag mit Konsequenz die von ihm erstrebte Verständigung mit den ehemaligen Gegnern Deutschlands, vor allem mit Frankreich. Für diese Verständigungs- und Ver­söhnungspolitik, die erst kürzlich im Haag zu einem günstigen ! Ergebnis für Deutschland führte, verfügte er im Reichstag über eine breite Grundlage; denn De Parteien der sogenannten 1 Großen Koalition, also Deutsche Volkspartei, Zentrum, Deutsche Demokratische Partei und Sozialdemokraten, waren die Stützen seiner Auslandspolitik, die allerdings von ganz rechts und ganz links besonders stark befehdet wurde.

Stresemanns Name hat auch einen internationalen Klang. Er, der sich aus kleinen Verhältnissen bis zur heutigen achtung­gebietenden Stellung, aus der er jetzt so jäh herausgerissen wurde, heraufgearbeitet hatte - sein Vater harte einen kleinen Bierhandel, erhielt zu Anfang des vorigen Jahres zusammen mit Briand und Chamberlain den Friedensnobelpreis Dr. Stresemann war Ehrendoktor der Universität Heidelberg.

Berlin in Trauer.

Die Nachricht von dem Hinscheiden Dr. Stresemanns verbreitete sich in der Reichshauptstadt sehr langsam, weil der Tod in den frühen Morgenftuirden, für die Oeffent- likcheit vollkommen unerwartet, eingetreten war. Die Freunde Dr. Stresemanns, die ihn in den letzten Tagen sahen, machten sich allerdings schon ernste Sorgen, da er einen schwerleidenden Eindruck machte. In Iber gestrigen Fraktionssitzung hatte er nur sehr leise und langsam spre­chen können. Trotzdem wurde die Todesnachricht überall

mit Bestürzung und Erschütterung ausgenommen. Die öffentlichen Gebäude Berlins setzten sofort Halb­mast. Zuerst das Auswärtige Amt, die Wirkungsstätte Stresemanns während der letzten sechs Jahre.

, Es ist anzunehmen, daß das Reichskabinett die Bei- kiiung dieses großen deutschen Staatsmannes auf Reichs- Men vornimmt, falls die Gattin Dr. Stresemanns ihr Einverständnis dazu gibt. Der Reichspräsident, der be­kanntlich 14 Tage zur Erholung in der Schorfheide ver­bringt, wurde von dein Ableben Dr. Stresemanns sofort benachrichtigt.

Staatssekretär Dr. von Schubert zum Tode Dr. Stresemanns.

In der täglich stattfindenden Morgcnbesprechung des Aus- wärtigeir Amtes gedachte Staatssekretär Dr. von Schubert des ^"te früh entschlafenen Reichsautzenministers in tief bewegten Werten. Als Opfer treuester Pflichterfüllung fei er dahinge- chieden. Der Schmerz und die Trauer des ganzen Auswärtigen, Wntes seien unermeßlich.

Die auf heute anberaumte Reichs­tagssitzung

erfuhr infolge des plötzlichen Ablebens des Reichsaußenmini­sters eine Verspätung um eine Viertelstunde. Der Ministerplatz Dr. Stresemanns war mit schwarzem Flor umhüllt; auf dem Platz selbst lag ein Blumenstrauß. Auf dem Platze Dr. Strese­manns war ein großer Strauß weißer Erysanthemen nieder­gelegt worden.

Am Regierungstische hatte Reichskanzler Müller Platz ge­nommen, mit ihm die anderen Mitglieder des Reichskabinetts. Die Kommunisten wohnten der Sitzung nicht bei.

Vizepräsident Dr. Esser eröffnete die Trauersitzung mit fol­genden Worten, während der Reichstag sich erhebt:

Meine Damen und Herren!

Trauer erfüllt heute die Herzen des deutschen Volkes. Ein treuer lieber deutscher Mann, ist in den Sielen gestorben, " unser Gustav Stresemann, Reichsminister des Auswärtigen. Der Deutsche Reichstag trauert um eines seiner hervorragend­sten Mitglieder. Dr. Stresemann gehörte dem Reichstag seit 1914 bis zum Zusammenbruch an. Er wurde in die Verfas­sunggebende Deutsche Nationalversammlung gewählt, und war von da ab ununterbrochen Mitglied des Reichstags ge­blieben. Seine übertagende politische Befähigung und seine ausgezeichnete Rednergabe brachten ihm auch die Führer- eigenschaft. Schon im alten Reichstag war er Vorsitzender der Nationalliberalen Fraktion. Von 1920 bis 1923 leitete er die Fraktion der Deutschen Volkspartei, die heute den Heimgang ihres langjährigen Führers beklagt. Mit außer­ordentlichem politischem Geschick übernahm seine hervorra­gende Persönlichkeit am 13. August 1923 das Reichskanzler­amt in einem Augenblick, als der Ruhrkampf abgebrochen werden mußte. Daß Dr. Stresemann vor schweren Aufgaben nicht zurückschreckte, und daß er mit zäher Willenskraft den bis dahin in der Innen- und Außenpolitik ihn Ablehnenden gegenübergestanden und sich für seine Politik eingesetzt hat, bleibt sein geschichtliches Verdienst. Nach der Niederlegung des Reichskanzleramtes blieb er in der Regierung und war Minister des Auswärtigen Amtes bis zum heutigen Tag. Wäs er auf diesem schwierigem Posten für Deutschland ge­leistet hat, ist in ehernen Lettern in das Lebensbuch unseres Volkes und Vaterlandes eingetragen. Das deutsche Volk dankt dem Dahingeschiedenen, daß er bis zum Ende seiner körperlichen Kräfte das Werk der Befreiung Deutschlands weitergeführt und zum innerpolitischen Wiederaufbau unseres Vaterlandes sehr viel getan hat. Der Deutsche Reichstag hat diesem Danke hiermit tiefbewegt Ausdruck gegeben."

Darauf nimmt Reichskanzler Müller das Wort, um fol­gendes auszuführen:Tief erschüttert steht die Reichsregie­rung, stehen die Regierungen der Länder mit dem Reichstag an der Bahre Gustav Stresemanns, dieses Staatsmannes, der seine Kraft im wahrsten Sinne des Wortes für sein Volk und für sein Land verzehrt hat. Es ist ein tragisches Geschick, daß er den Abschluß des Werkes nicht erlebt, dem er die letzten Jahre und die letzte Kraft seines Lebens gewidmet hat. Es war immer sein Ziel, die Befreiung Deutschlands zu erreichen. Gerade nach dem Abschluß der Konferenz im Haag, die der Regelung der Kriegsschulden und die der Räumung der besetz­ten Gebiete gewidmet war, muß ein unerbittlicher Tod ihn aus unseren Reihen reißen. Stresemann war ein Streiter und ein Kämpfer. Ihm tat der Kampf wohl. Er war ihm Lebens­bedürfnis und er hat, wie alle Streiter und Kämpfer, Gegner und Feinde die Menge gehabt. Die Reichsregierung ist der Ueberzeugung, daß dereinst die Geschichte, die weniger beein­flußt sein wird vom Streite der Parteien in der schweren Nach­kriegszeit, ihm gerecht werden wird, als einem Manne, der erfolgreich gearbeitet hat für sein Volk, der für sein Land und für sein Volk gelebt hat und gestorben ist. Nicht nur seine Gattin, nicht nur seine Kinder, sondern die weitesten Kreise des deutschen Volkes trauern um diesen Mann."

Viceprüsident Esser:Wenn wir nicht unter so außerge­wöhnlichen Umständen tagten, würde ich dem Hause vorschla­gen, die Sitzung zum Zeichen der Trauer aufzuheben. Da wir aber ein dringend notwendiges Gesetz heute zu verabschieden haben, schlage ich Ihnen vor, die Sitzung als Zeichen der Trauer bis 11 Uhr auszusetzen." Das Haus ist damit einver­standen. Während der Trauerseier waren auch die National­sozialisten im Saale nicht anwesend.

Um %11 Uhr wird die Sitzung unterbrochen.

Trauerkundgebung in der Länderkonferenz.

Berlin, 3. Okt. Im Reichstag traten heute vormittag die Ministerpräsidenten und Minister der Länder zu der angekün- i digten Konferenz über den Poungplan zusammen. Die Sitzung wurde von Reichskanzler Müller mit einem herzlichen Nach­ruf auf Dr. Stresemann eröffnet. Der Kanzler teilte mit, daß Dr. Stresemann sich noch gestern trotz seiner Erkrankung bereit erklärt habe, heute vor den Vertretern der Länder über die großen politischen Fragen zu sprechen. Nun warf der Tod die­ses großen Staatsmannes einen schwereren Schatten auf dieBe- ratung. Die Vertreter der Länder hörten die bewegten Worte des Kanzlers stehend on.

Trauersitzung des Neichskabinetts.

Berlin, 3. Okt. Das Reichskabinett wird heute nachmittag um 5 Uhr eine Trauersitzung abhalten. Der Reichspräsident wird morgen früh in Berlin eintreffen und sofort den Reichs­kanzler zum Vortrag empfangen. Im Reichstag verlautet, daß morgen auch ein Kabinettsrat unter Vorsitz des Reichspräsiden­ten stattfindet. Wie wir von unterrichteter Seite erfahren ist hierüber noch nicht bestimmt worden.

Samstag halbmast flaggen.

Auf Anordnung der Reichsregierung werden die Behörden aus Anlaß des Todes des Reichsaußenministers bis einschließ­lich Samstag Halbmast flaggen.

Das Beileid des Reichspräsidenten.

Berlin, 3. Okt. Der Herr Reichspräsident, der z. Z. in der Schorfheide weilt, hat an Frau Stresemann das nachfolgende Beileidstelegramm gesandt:

Tiefbewegt sende ich Ihnen und den Ihren den Ausdruck meiner herzlichen Teilnahme an dem plötzlichen Todes Ihres Gatten, der bis zu seinem letzten Atemzug so treu für das Vaterland gearbeitet hat. (gez) v. Hindenburg."

Glückwünsche an den Reichspräsidenten.

Zum 8 2. Geburtstage.

Dem Reichspräsidenten hat Reichskanzler Müller im Namen der Reichsregierung zum 82. Geburtstage nach­stehendes Glückwunschschreiben übermittelt:

Hochverehrter Herr Reichspräsident! Den heutigen Tag möchte ich nicht vorübergehen lassen, ohne Ihnen nicht als Reichskanzler und zugleich im Namen der Reichsrcgierung die aufrichtigsten Glückwünsche darzubringen. Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß Sie in alter Rüstigkeit das neue Jahr Ihres gesegneten Lebens beginnen. Das deutsche Volk gedenkt an diesem Tage Ihrer in Verehrung und wünscht, daß Sie ihm noch lange Jahre als ein Vor­bild treuer Pflichterfüllung gesund erhalten bleiben mögen. Nach schweren politischen Verhandlungen steht die endgültige Befreiung des besetzten Gebietes bevor. Wenn jetzt nach und nach die besetzten Städte und Gaue frei werden, dann wird das deutsche Volk vor allem auch daran denken, daß Ihr Streben von erster Stunde Ihres Amtsantritts an auf die Wiedererlangung der deutschen Staatshoheit gerichtet gewesen ist.

Glückwünsche sind ferner eingegangen von den ver­schiedenen Länderregierungen, aus dem Nuslande, von den Staatsleitungen und von privater Seite, aus dem Jnlande von dem Reichsausschuß für das Volksbegehren, von verschiedenen Parteiorganisationen usw. Reichsprä­sident von Hindenburg weilt zurzeit außerhalb Berlins, so daß in Berlin besondere Veranstaltungen nicht statt­finden.

Die ^aiffeisenuntersuchung«

Aus der Inflationszeit.

Bei der weiteren Arbeit des Untersuchungsausschusses über die Mißhelligkeiten der Raiffeisenorganisation und der dabei vorgekommenen Auswirkungen auf die Preu­ßische Staatsbank bewegen sich hauptsächlich in der Linie, wer für die Verbindung mit dem Rusten Uraljzew und bte dadurch hervorgerufenen Verluste verantwortlich sei. Am Mittwoch wurde das frühere Vorstandsmitglied der Raiff­eisenbank, Rechtsanwalt Dr. Seelmann, als Zeuge vernommen. Er erklärte, nach seiner Ansicht habe der Be­trieb der Raiffeisenbank an einer unzureichenden Organi­sation gelitten. In der Inflationszeit habe das Personal der Bank etwa das Zehnfache, das Betriebskapital da­gegen nur ein Zehntel gegenüber der Vorkriegszeit be­tragen. Die ersten Bedenken seien entstanden, als Uralp zew Urkunden mit Verpflichtungserklärungen vorlegte, die später als gefälscht erkannt wurden.

Das preußische Siädiebaugeseh.

Erhebliche Bedenken.

Der Preußische Städtetag hat aus seiner Jahresversamm-' lung zum Entwurf des Städtebaugesetzes eine Entschließung gefaßt, in der die Bedenken des Städtetages gegen die dem Landtag zugegangene Gesetzesvorlage zum Ausdruck gebracht werden. Nach wie vor lehnt der Städtetag Die Einengungen der freien Initiative der Selbstverwaltung ebenso nachdrück­lich ab wie die dem aufsichtsbcbördlichen Belieben überlassene Zwangsbildung neuer überörtlicher Planungsorganisationen. Nur freiwillige Lusammcnschlnfse der unmittelbar beteiligten Gemeinden werden imstande sein, sich den praktischen Notwen­digkeiten und finanziellen Möglichkeiten richtig anzupassen, Ein Städtebaurecht im Sinne des Entwurfs wurde die alt- bewährten Rechtsgrundlagen des Städtebaues zerstören und zu unnötigen Belastungen und Erschwernissen führen. Der Vorstand des Preußischen Städtctages richtet daher an den Landtag die dringende Bitte, dem von der Staatsregierung vorgelegten Entwurf eines Städtebaugesetzes seine Zustim­mung zu versagen.