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Zul-aer Anzeiger

Erscheint jcöenWerktag.Bezugsvreks: monatlich 2.20 Kin. Bei Lieferungsbehinderungen durch höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre »sw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Zriedrich Ehrenklau, Kulda, ...^lied des Vereins Deutscher Feitungsver- leger. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 16009

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

Zulöa- und Haunetal Zul-aer Kreisblatt

Reüaktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 * Zernsprech-flnschluß tlc.989

Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit Quellenangabe .Zulüaer slnzeiger'geftaüe»

Nr. 233 1929

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6. Jahrgang

Fulda, Freitag, 4. Oktober

Slim Ts-e des ReichsailtzeWimsters.

Die Todesursache.

Ueber die Todesursache und den letzten Krankheitsver­lauf Dr. Stresemanns machte Professor Zondeck dem WTB. auf Anfrage folgende Mitteilungen. Dr. Stresemanns Nierenleiden hatte sich in der letzten Zeit erheblich gebes­sert, dagegen zeigte das Allgemeinbefinden schon seit länge­rem starke Ermüdungssympthome, und der Blutdruck war in die Höhe gegangen. Professor Zondek führt diese Erschei­nungen mit auf die aufreibende und aufregende Tätigkeit Dr. Stresemanns zurück. Er hat den Außenminister immer wieder eindringlich zur Zurückhaltung gemahnt. So ließ er ihn nur schweren Herzens zur Haager Konferenz fahren und bat ihn noch gestern früh doch unter allen Umständen im Bett zu bleiben. Diese Mahnung war, wie so häufig, vergeblich bei dem aufopfernden Pflichtbewußtsein und dem Temperament, mit dem Dr. Stresemann sich seiner verantwortungsschweren Tätigkeit hingab.

Von der Krankenschwester, die dauernd im Schlaf- zimmer anwesend war, um bei einer plötzlichen Ver­schlechterung des Befindens sofort zur Hand zu fein, ließ er sich am Mittwoch abend Mundwasser und Zahnbürste reichen. Während er Glas und Zahnbürste in der Hand hielt, verzerrten sich seine Gesichtszüge plötzlich, er ließ beides fallen, machte mit dem rechten Arm einige hilflose Bewegungen in der Luft, versuchte zu sprechen, konnte aber nur noch unverständlich lallen und sank in die Kiffen zurück. Professor Dr. Kraus und Professor Dr. H. Zon­dek, die sofort herbeigerufen wurden, konnten nur fest- stcllen, daß ein Schlaganfall eingetreten sei. Strese­mann war ohne Bewußtsein, r ö ch e l t e s ch w e r, die rechte Seite war vollkommen gelähmt. Die Ärzte, die mehrere Stunden am Krankenbett verbrachten, konnten keine sichere Prognose stellen. Es erschien möglich, Stresemann noch am Leben zu erhalten, aber als körper­lich und geistig siechen Mann. Mit der Schwester wachte dann der diensthabende Arzt die ganze Nacht hindurch im Schlafzimmer. Kurz vor ^6 Uhr hörte das Röcheln auf und der Arzt stellte fest, daß der Tod e i n g e t r c t e n sei, ohne daß Stresemann das Bewußt­sein wiedererlangt hatte. Ein zweiter Schlaganfall hat das Leben beendet und Stresemann vor einem qualvollen Siechtum bewahrt.

Die Familie wurde verständigt und fand sich alsbald im Sterbezimmer ein. Die Leiche war auf dem Bett auf- qcvahrt, das Gesicht zeigte einen friedlichen Ausdruck, keine Svur eines schweren Todes.

Der Reichspräsident hat sofort seinen Urlaub ab­gebrochen, um nach Berlin zurückzukehren. Auch bei den deutschen Auslandsvertretungen sind zahlreiche Beileids­bezeugungen eingelaufen, unter anderem haben Briand, Mussolini, das englische Kabinett, der Völkerbund usw. ihre Anteilnahme der deutschen Regierung zum Ausdruck bringen lassen.

Die Beisetzung Dr. Stresemanns wird aus Staatskosten erfolgen. Seine sterbliche Hülle wird im Plenarsitzungssaal des Reichstages aufgebahrt werden und vor der Beisetzung soll dort eine große Trauerkund- gcbung stattfinden. Ta man eine gewaltige Beteiligung an der Beisetzung voraussieht, ist beabsichtigt, die Über­führung so zu gestalten, daß möglichst weite Kreise Gelegenheit haben, den Trauerzug zu sehen. Die Bet­setzung selbst soll nur im engsten Familien- und Freundes­kreis erfolgen.

Wer wird Nachfolger?

In Neichstagskreisen ist schon eifrig die Nachfolger­schaft für Dr. Stresemann als Reichsautzenminister be­sprochen worden. Die neue Besetzung dieses Postens ist nicht nur wichtig für die Fortführung der Außenpolitik Deutschlands, sondern unter Umständen auch für künftige Koalitionsbildungen. Als Kandidaten wurden genannt der jetzige Minister für die besetzten Gebiete, Dr. Wirth, der Vorsitzende der Zentrumspartei, Professor Kaas, der der Sachverständige der Partei in außenpolitischen Fragen ist, ferner der außenpolitische -Berater der sozial­demokratischen Reichstagsfraktion, Dr. Breitscheid, sowie der deutsche Botschafter in Paris, von Hoesch. Es ist wohl damit zu rechnen, daß Reichspräsident von Hindenburg erst nach der Beisetzung Dr. Stresemanns auf Vorschlag des Reichskanzlers die Ernennung des neuen Reichsaußenministers vornehmen wird.

Dr. Stresemanns Werdegang.

Dr. Gustav Stresemann ist am 10. Mai 1878 zu Berlin geboren, er besuchte hier das Andreas-Gymnasium und stu- diene in Berlin und Leipzig Rechts- und Staatswisien- schaslen. Er promovierte in Leipzig als Natwnalokonom. Von 1901 ab war er in verschiedenen wlrtsckaslllchen Ver­bänden tätig. 1907 wurde er zum erstenmal für die Natlonal- lweralc Partei in den Reichstag gewählt und gelangte sehr rasch in eine führende Rolle innerhalb der Partei. Er ge­hörte dein Reichstag bzw. der Nationalversammlung mit einer kurzen Unterbrechung im Jahre 191- bis zu seinem Lebens­ende an. Nach der Revolution begründete er die Deuliwe Volkspartei, die mit zunächst 22 Abgeordneten in die National- Versammlung cinzog, aber schon bei den ersten Relcyswgs- Wahlen im Juni 1920 mit 66 Mandaten an Dritter Stelle unter den deutschen Parteien stand. Am 13. August 19-3 trat Tt. Stresemann als Reichskanzler der Großen Koalition an die Spitze der Regierung; im Oktober des gleichen Jahres bildete er das Kabinett nach dem Austritt der ^ojialoemo- traten um, trat im November zurück und übernahm >m fol­genden Kabinett Marr das Porteseuille des Augcmnnnsers das er schon als Reichskanzler innegehabt hatte., 4 >eses Amt behielt er in allen folgenden Kabinetten bis zu sc>nem ^ode. Dr. Stresemann war seit 1903 mit Frau Kathe, geb. Kleefeld, verheiratet und hatte zwei Söhne.

Das Staatsbegräbnis Dr. Stresemanns.

Das Reichskabinctt, das zu einer Trauersitzung an­läßlich des Todes des Außenministers zusammentrat, be­schäftigte sich mit der Frage der Feierlichkeiten für die Beisetzung, die als Staatsbegräbnis erfolgen soll. Am Sonntag wird der Leichnam Dr. Stresemanns feierlich <m Reichstag aufgebahrt werden. Dort wird auch bte offizielle Trauerfcier stattfinden, an der sich das Begrab» ms anschließen wird.

Dr. Stresemann P.

Bei der Trauerfeier im Reichstag wird die Trauer­rede Reichskanzler Müller halten. Bei der Kundgebung vor dem Reichstag wird in Abwesenheit des Reichstags­präsidenten Löbe der Reichstagsvizepräsident v. Kardorff sprechen. An der Trauerseier im Reichstag wird Reichs­präsident von Hindenburg teilnehmen.

Der Trauerzug geht vom Reichstag durch die Mil- Helmsstraße und hält einen Augenblick vor der Arbeits­stätte des Reichsaußenministers, geht dann weiter über die Blücherstraße zum Friedhof der Luisenstädtischen Ge­meinde. Für die Trauerfeier im Reichstag wird ein gro­ßer Baldachin errichtet; auf dem Sarg, in dem Stresemann aufgebahrt wird, liegt die Dienstflagge des Reichsaußen- minluers, die den Schild und den Reichsadler zeigt.

Beileidskundgebungen.

Beileidstelegramm des Reichstags.

Präsidium und Vorstand des Reichstages haben fol­gendes Telegramm an Frau Reichsminister Dr. Strese­mann gesandt:Tief erschüttert durch das unerwartet plötzliche Ableben Ihres Gatten, unseres langjährigen hervorragenden Mitarbeiters im Reichstag und uner­müdlichen Vorkämpfers um die Wiederaufrichtung und Anerkennung des deutschen Volkes int Auslande, sprechen wir Ihnen und Ihren Söhnen den Ausdruck aufrichtigen und herzlichen Beileides aus."

Beileidstelegramm des Reichskanzlers.

Reichskanzler Müller hat im Namen der Rcichs- regierung ein Beileidstelegramm an die Reichstags­fraktion der Deutschen Volkspartei gerichtet, in dem er zu dem schweren Verlust die a u f r i ch t i g st e Teil­nahme ausspricht. Reichsaußenminister Dr. Strese­mann sei ein Opfer seiner großen Pflichterfüllung geworden. Seine Verdienste um die deutsche Außen­politik werden erst nach seinem Tode voll gewürdigt werden. Weit über die Deutsche Volkspartei hinaus betrauere die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes in ihm eine der größten Persönlichkeiten der Gegenwart.

''^t ^^r. eitefemanné halbmast geflaggt.

Hessens Beileid.

Darmstadt, 3. Okt. Staatspräsident Dr. Adelung, der heute zur Länderbesprechung in Berlin weilte, hat der Reichsregierung und der Witwe des verstorbenen Reichs­außenministers namens der hessischen Staatsregierung das wärmste Beileid ausgesprochen. Amtliche Regierungsge­bäude haben die Flaggen auf Halbmast gesetzt. Zum Zeichen der Trauer blieb das Landestheater heute geschlossen.

Darmstadt, 3. Okt. Der Präsident des Hessischen Land­tages, Bürgermeister Delp, hat dem Reichskabinett fol­gendes Telegramm übermittelt:

Dem Reichskabinett spreche ich im Namen des Hessi­schen Landtages zu dem Ableben des Reichsaußenministers Dr. Stresemann innigstes Beileid aus. Sein großes Pflicht­bewußtsein und seine Verdienste um das Deutsche Reich werden ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte sichern."

Mainz, 3. Okt. Der Landeskommissar für das besetzte hessische Gebiet, Provinzialdirektor Geheimrat Dr. Usin­ger , hat an Frau Dr. Stresemann folgendes Telegramm gerichtet:

Deutschland und die Welt mit trauern um den mäch­tigen Verstand und das große Herz des Mannes, der wie keiner dem Frieden und der Versöhnung den Weg gebahnt hat. Die Lande am Rhein, und darunter das besetzte hes­sische Gebiet, danken dem Staatsmann, der ihnen die Frei­heit erstritt, in tiefstem Schmerze ob seines jähen Todes.

Der für feine Hausaltäre kämpfend, ein Beschirmer, fiel krönt den Sieger grösste Ehre, ehret i h n das fchön're Ziel!

Der für feine Hausaltäre ' kämpfend sank, ein Schirm und Hort, auch in Feindes Munde fort lebt ihm seines Namens Ehre.

Der Landeskommiffar für das besetzte hessische Gebiet

(gez.): Dr. Usinger."

Die Berliner Presse zum Tod Dr. Stresemanns.

ImLokal-Anzeiger" schreibt Friedrich Hussong u. a.: Politisch kann man in der Stunde seines Todes den Politiker nur ehren, indem man war es ein Gegner die Wesent­lichkeit dieser politischen Gegnerschaft aufzeigt. Menschlich darf man noch einmal das Bild dieses Mannes zurückrufen, wie es in feinem Besten sich bar stellt: Stresemann war der geschickteste, fingerfertigste Spieler in dem Kartenspiel des neudeutschen Parlamentarismus. Aber Stresemann war mehr, er war ein begnadeter Sprecher, der immer, fast bis zuletzt, auch in den verzwicktesten Situationen durch den Impetus seiner Redner­kraft obsiegte. Gerade durch seine kulturelle Haltung, die ihn immer wieder einmal über die Grenzen derNichts-als-Poli- tik" hinaus sich an kulturellen Dingen orientieren ließ, gerade durch sie war er den Nichts-als-Politikern immer wieder über­legen; gerade sie gab ihm seine wirksamsten dialektischen und gedanklichen Waffen. Goethe war ihm ein Bundesgenosse, den mancher seiner Gegner auch hätte haben können. Der Mann, den heute dieguten Europäer" preisen und die Leute mit dem Weltgewiffen, war ein glühender Deutscher. Wer jahre­lang ihm menschlich begegnet ist, der weiß das, aller Politik und allem politischem Gegensatz zum Trotze. Keiner fand auf» loderndere Worte, wenn es den Namen Vaterland galt.

DieDeutsche Tageszeitung" erklärt: Die Tragik dieses plötzlichen Todes im schaffensfrohen Alter von 51 Jahren wird auch dadurch in etwas gemildert, daß es Stresemann ver­gönnt war, am Schluffe seiner Laufbahn wenigstens das eine Ziel, auf das feine Arbeit gerichtet war: die Rheinlandräu­mung, in greifbare Nähe gerückt zu sehen. Um so mehr mußte man es bedauern, daß diese große Begabung und dieser starke Wille sich immer weniger in einer Richtung auswirken, die nach unserer Ueberzeugung den wahren deutschen Zukunftsintereffen entsprach.

Unter der Ueberschrift:Ein Kämpfer und Staatsmann" führt dieD. A. 3 aus: Das deutsche Parteileben hat einen Politiker mit überragender Führerqualität, das Parlament einen faszinierenden Redner und Taktiker, das Reichskabinett den geistigen Führer, die Station einen großen Staatsmann ver­loren. Wie er gewünscht haben mag, ist er inmitten seiner Ar­beit am Staat und für den Staat dahingerafft worden. Der restlos strebende Mann/ der leidenschaftliche Kämpfer halte politische Untätigkeit wohl nicht ertragen können. Sein Leben vollendete sich, ehe seine Ziele verwirklicht waren. Aber er überschritt die Schwelle des Todes doch schon mit dem Bewußt­sein, daß ein Anfang der Verwirklichung gesichert war: die vor­zeitige Räumung des besetzten Gebietes, um die er seit Jahren mit aller Zähigkeit gerungen hat.

In derDeutschen Zeitung" wird erklärt: Milten aus der Arbeit abgerufen zu werden, in den Sielen zu sterben, er» sehnt sich jeder im tätigen Leben stehende Mann. Dieses Los ist ihm zuteil geworden. Welcbe Wirkungen fein Tod für die weitere Entwicklung der politischen Lage haben wird, ist nicht oorauszuiagen, zweifellos aber hat er weittragende Bedeutung. Mit Stresemann ist der sichtbare Träger der verderblichen deutschen Verständigungspolitik ausgeschaltet, vielleicht auch war er der einzige, dem es möglich war, die auseinanberftreben» den Kräfte des derzeitigen Reichskabineits zusammenzuhallen.