ul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 234 — 1929
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6. Jahrgang
Fulda, Samstag, 5. Oktober
9t.
stellvertretender Achminister.
Der nächste Mitarbeiter berufen.
Der nach Berlin zurückgekehrte Reichspräsident von Hindenburg hat nach einer Unterredung mit dem Reichskanzler aus dessen Vorschlag den Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius mit der einstweiligen Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsaußcnministers beauftragt, wie amtlich bekanntgegeben wurde. Dr. Curtius hat an der Konferenz im Haag persönlich teilgenommen und wird deshalb vorzüglich in der Lage sein, die demnächst kommenden Endverhandlungen im Geiste Stresemanns zu führen.
Zunächst war die Rede davon, daß Reichskanzler Müller die provisorische Leitung der auswärtigen Angelegenheiten übernehmen werde. Jedoch leidet der Reichskanzler noch ziemlich unter den Nachwehen der eben überstandenen Krankheit, so daß die Übertragung aus den Wirtschaftsminister Dr. Curtius begreiflich erscheint. -Vach der erfolgten Beisetzung Dr. Stresemanns und vielleicht auch der überwundenen Endauseinandersetzung zum Doung-Plan dürfte die definitive Neubesetzung des Reichs- außenministeriums nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Zur Nachfolge Stresemanns.
Zu der einstweiligen Regelung der Nachfolge Dr. Stresemanns erklärt die „E e r m a n i a“, daß diese allgemein, also auch in Zentrumskreisen überrascht habe. Die Ueberraschung muß, so fährt das Zentumsblatt fort, umso größer sein, als gesagt wird, die Betrauung sei ohne Kenntnis der Mitarbeiter des Kanzlers und der politischen Faktoren erfolgt. Uns erscheint außerdem auffallend, daß die Uebertragung an Herrn Dr. Curtius mit einer solchen Schnelligkeit erfolgt ist, wie sie sonst bei uns in solchen Fragen nicht gerade üblich zu sein pflegt. Hätte man nicht wenigstens bis Montag warten können? Es liegt uns nicht und es entspricht auch' nicht dem Ernst der Stunde, am offenen Sarge Stresemanns zu diskutieren, und wir beschränken uns deshalb heute lediglich auf die Feststellung der oben geschilderten Tatsachen, sind uns aber bewußt, daß in der nächsten Woche über dieses Thema nod} gesprochen werden wird.
Auch der „Vorwärts beschäftigt sich mit der Nachfolge- frage und sagt zu der einstweiligen Betrauung Dr. Curtius: Die Anhänger dieses Vorschlags begründen ihn mit der guten Arbeit, die Dr. Curtius im engsten Einvernehmen mit Stresemann im Haag geleistet hat, und mit der Notwendigkeit, die Volks- Partei auch in Zukunft an die Außenpolitik der bisherigen Mehrheit zu binden. Für die Besetzung des Posten mit einem Sozialdemokraten wird, so erklärt das Blatt dann weiter, geltend gemacht, daß nur ein Sozialdemokrat das Maß an Vertrauen und Autorität in der Welt gewinnen könnte, das Stresemann in jahrelanger Arbeit für sich gewonnen hat.
ZökSereitmge» zur Stiftung 9r. StresemW.
Die Tmuerfeierlichkeiien am nächsten Sonntag sind jetzt auch in ihren Einzelheiten festgesetzt. Reichspräsident von Hindenburg wird persönlich dem Sarge auf dem Wege vom Reichs- tagsgebäude bis zum Reichsprasidcntcnpalais zu Fuß folgen. Ihm reihen sich die Reichsminister in geschlossenem Zuge an. Der Reichspräsident wird der vorhergehenden Feier im Reichstage, die etwa 45—50 Minuten dauern soll, in der Präsidentenlogc des Plenarsaales beiwohnen. In dieser Loge nehmen auch die nächsten Familienangehörigen des Verstorbenen teil.
Dem Reichspräsidenten gingen zum Ableben des Reichsaußenministers zahlreiche Trauerbekundungen von ausländischen Staatsoberhäuptern zu. Freitag mittag erschien Reichskanzler Hermann Müller, begleitet von Staatssekretär Pünder, persönlich im Trauerhause, an dem offenen Sarge, in dem der Verstorbene, umringt von Kränzen und Blumengewinden, ruht. Die Trauerrede im Reichstag wird der Reichskanzler halten.
Besonderen Eindruck in Berlin haben die Nachrichten gemacht, nach denen auf den Gebäuden der f r a n z ö - s i s ch e n Besatzungsbehörden in L u d w i g s y a f e n und in Düren, wahrscheinlich auch noch an anderen Stellen, zürn Zeichen der Trauer die Trikoloren auf halbmast gesetzt sind.
Dr. Gchurmans Nachruf.
Der Berliner amerikanische Botschafter, Dr. S ch u r m a n, widmet dem verstorbenen Reichsaußenminister einen besonders bemerkenswerten Nachruf, in dem er hervorhebt, nach dem erhabenen Präsidenten der Deutschen Republik repräsentierte als zweiter Dr. Stresemann Deutschland in der übrigen Welt. Schulman betont weiter, Stresemann habe sich gegen übermächtige Kräfte einen ersten Platz unter den Staatsmännern Europas, Asiens und Amerikas errungen. Seine Politik habe den Geist des Friedens sind der internationalen Verständigung gepflegt. Hinter dieser Politik hätten sowohl eine starke Persönlichkeit als auch der Entschluß und das Zielstreben des deutschen Volkes gestanden. Der hervorragendste Wesenszug Stresemann, sagt Schurman, war seine Menschlichkeit. Alles Menschliche fand sein Interesse und alle Klassen hatten das Gefühl, daß er zu ihnen gehörte. Diese umfassende Menschlichkeit befähigte ihn, andere Völker zu verstehen und deren abweichende Ansichten zu würdigen. Deutschland und die Welt haben durch den Tod dieses überlegenen Führers einen der bedeutendsten und klügsten Staatsmänner unserer Zeit verloren.
Die Deutsche Volkspartei
erläßt einen Aufruf zum Tode des von ihr geschiedenen Führers, in dem sie sagt, Stresemann habe seine geniale Begabung nicht nur der Partei, sondern dem Vaterlande gewidmet und in heroischem Kampfe bis zum letzten Atemzuge Unvergängliches für das deutsche Volk errungen. Die Zusammenfassung aller Kräfte des deutschen Volkes, der Wiederaufstieg der Nation, das wären die Leitsterne seines Lebens «rewes-ar.
Das „Berliner Tageblatt" bemerkt zur Frage der endgültigen Besetzung des Außenministeriums: Wenn das Provisorium mit Dr. Curtius lediglich in ein Definitivum umgewandelt werden soll, wie es dem Wunsche nur eines Teiles, aber enes sehr einflußreichen Teiles der politischen Welt entspricht, kann die Entscheidung schon in der Woche nach der Beisetzung Dr. Stresemanns fallen; sie kann es auch, wenn ein neuer Mann, ein Diplomat zum Beispiel, das Amt übernehmen soll. Anders sehen die Dinge aus, wenn diese Frage in Verbindung mit der organischen Neubildung der Regierung gebracht wird,
die man für später erwartet. Diese wird schwer sein, weil sie alles in Bewegung und Unruhe bringen muß, die Regierung, die Mehrheit und vielleicht sogar die Struktur einzelner Parteien.
Die „D. A. Z." sagt: Die Betrauung des Reichsministers Dr. Curtius mit der stellvertretenden Führung des Auswärtigen Amtes war eine Ueberraschung, weil allgemein angenommen worden war, der Reichskanzler selber werde das auswärtige Ressort vorübergehend mitverwalten. Auf der anderen Seite hat Herr Dr. Curtius im Haag Fühlung mit der internationalen Welt genommen und kennt die mit dem Poungplan zusammenhängenden Probleme außerordentlich genau. Was die endgültige Nachfolge des verewigten Außenministers betrifft, scheint es nach unseren Informationen keineswegs sicher zu sein, daß die Deutsche Volkspartei entscheidenden Wert darauf legen soll, das auswärtige Resiort festzuhalten. Angesichts der Tatsache, daß die außenpolitischen Probleme, so schicksHentscheidend sie auch bleiben werden, nach der Haager Schlußkonserenz gegenüber den inneren Fragen der Finanz- und Steuerreform, sowie des verfassungsrechtlichem Umbau des Reiches in den Hintergrund treten können, dürfte die Partei eher maßgebenden Einfluß in der Führung anderer Ministerien für wichtig halten.
Auf der Reichswahlliste der Deutschen Volkspartei folgt als nächster Kandidat nach Dr. Stresemann der Malermeister Hagemann aus,Hildesheim, der schon von 1920 bis 1924 Mitglied des Reichstages war. Es steht noch nicht ganz fest, ob Hagemann die Nachfolge des verwaisten Mandats antreten wird.
Dr. Stresemann auf dem Totenbett.
Berlin, 4. Okt. Dr. Stresemann ist in der sog. Villa, seinem amtlichen Wohnhaus hinter dem Auswärtigen Amt, im Wintergarten aufgebahrt. Friedliche Ruhe liegt über seinem Gesicht. Gestern hat Professor Hugo Lederer im Trauerhause die Totenmaske abgenommen. Er erzählte selbst, der friedliche Ausdruck, der auf dem Gesicht des Toten liege, habe ihn aufs Tiefste erschüttert. Das Gesicht Dr. Stresemanns scheine zu lächeln. Die Abnahme einer Totenmaske ist eine komplizierte Prozedur. Fast zwei Stunden dauerte es, bis die Eipsform gehärtet war und wieder abgenommen werden konnte. Die Maske ist außerordentlich gut gelungen. Uebrigens hat Professor Lederer auch eine Büste Dr. Stresemanns geschaffen. Es ist dies die einzige vorhandene Büste des Außenministers. Es handelt sich um eine etwa lebensgroße Bronzefigur, die auch am Sonntag bei der Trauerfeier der Deutschen Volkspartei an der gleichen Stelle im Plenarsaal des Reichstages aufgestellt werden wird, an der am Vormittag bei der Trauerfeier der Sarg stehen wird.
Die Vertretung des Saarlandes bei der Beisetzungsfeier für Dr. Stresemann.
Saarbrücken, 5. Okt. Zur Teilnahme an den Beisetzungsfeierlichkeiten für Reichsaußenminister Dr. Stresemann hat sich außer dem saarländischen Mitglied der Regierungskommission, Minister Coßmann, auch der Landesratspräsident Scheuer nach
Berlin begeben.
Die Teilnahme des Auslandes.
Owen D. SJoung: zum Tode Stresemanns.
Washington, 4. Okt. (W.T.V.) Owen D. Poung, dessen Name der Poung-Plan trägt, hat an die deutsche Botschaft folgendes Telegramm gesandt: „Ich bitte, Ihnen und durch Sie der Familie Stresemann und den persönlichen Freunden des verstorbenen Reichsaußenministers den Ausdruck meiner Trauer und meines tiefen Mitgefühls übermitteln zu dürfen. Meine Bekanntschaft — und ich darf sagen Freundschaft — mit Stresemann datiert aus einer Zeit großer Schwierigkeiten und entstand unter Verhältnisten, in denen Menschen sich in kurzer Zeit gut kennen lernen. Er besaß die Gabe, die Tatsachen zu erkennen und richtig einzuschätzen. Er habe großen persönlichen Mut und ging furchtlos an die Schwierigkeiten heran, die sein Vaterland bedrohten. Er strebte nach Befriedung der Welt, die für ihn mehr bedeutete als lediglich die Vermeidung von Kriegen, und er war von patrotischem Ehrgeiz beseelt, daß sein Land dabei eine Rolle spielen müsse. Durch seinen Tod erleiden Deutschland und alle Nationen einen schweren Verlust."
Französische Blätterstimmen zum Tode Dr. Stresemanns.
Paris, 3. Okt. Der Tod Dr. Stresemanns hat in ftanzöfi- schen diplomatischen und politischen Kreisen Bestürzung hervorgerufen. Zahlreiche Persönlichkeiten drückten dem deutschen Geschäftsträger im Laufe des Vormittags und des Nachmittags ihr Bedauern über den schweren Verlust, der die deutsche und die europäische Sache getroffen hat, aus. In der Presse selbst spiegelt sich die Bedeutung des (Ereignisses wieder. Man beschäftigt sich spaltenlang mit der Persönlichkeit Dr. Stresemanns. In einem Leitartikel würdigt der Temps die politische Laufbahn Stresemanns. Er ist, so schreibt das Blatt, der Leiter der deutschen Diplomatie gewesen, der nichts Mystisches hatte, ganz im Gegenteil, er war ein Realist im vollsten Sinne des Wortes, der sich auch den unmittelbaren Möglichkeiten zuwandte und ein Deutscher mit Herz, Geist und Seele war, der keine andere Sorge kannte, als das Intereste Deutschlands. Stresemann ist sich stets gleich geblieben. Er hatte das Verdienst zu begreifen, daß die Politik des Widerstandes gegen den Friedensvertrag keine Aussicht hatte, Deutschland von Nutzen zu sein. Er wußte, daß das Heil für Deutschland darin bestand, sich dem Versailler Vertrag anzupassen, um daraus den größt-möglichen Nutzen zu ziehen. Die Ergebnisse beweisen, daß Stresemann in weniger als fünf Jahren beachtenswerte Vorteile für sein Land zu erzielen wußte.
Das Journal des Debüts schreibt: Was wäre aus Gustav Stresemann geworben, wenn seine Gesundheit ebenso stark gewesen wäre wie sein Geist? Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich hätte er seine Pläne nicht festaelegt. Im Grunde genommen ging er etappenweise vor. Er bediente sich der Rechten, um den Gegner einzuschüchtern, und der Linken, um die Rechte zu zwingen. seinen Kombinationen ihre Zustimmung zu geben. Er hat ernst zu nehmende Ergebnisse erzielt.
Der Jntransigeant sagt: Stresemann hat für sein Land Ergebnisse erzielt, die in die Wagschale fallen. Er wird der Mann der vorzeitigen Rheinlandräumung bleiben und unbestreitbar der Führer Deutschlands. Er hatte die Gabe, die Ereignisse vorauszusehen und im Hinblick auf ihr Gelingen daran mitzuarbeiten. Das ließ die Annahme aufkommen, daß er vom Glück begünstigt war, aber es war vielmehr seine Intelligenz, die ihm gedient hat.
In der Liberte widmet Jean Vainville Stresemann einen Nachruf, in dem es heißt: Stresemann hatte nicht einmal Zeit, rückwärts zu schauen und mit berechtigtem Stolz den zurückgelegten aufwärtsführenden Weg zu ermessen, auf den er Deutschland, dessen Außenpolitik er leitete, geführt hat. Er stirbt als Befreier deutschen Gebietes. Was in Frankreich Thiers ist, das wird in Deutschland Stresemann sein. Er hat für sein Land hervorragendes geleistet.
Amerikanische Staatsmänner zum Tode Dr. Stresemanns.
Washington, 3. Okt. Staatssekretär Stimson gewährte nach der heutigen Pressekonferenz den deutschen Korrespondenten ein kurzes Interview, in dessen Verlauf er erklärte: Was ich in meinem Telegramm nach Berlin gesagt habe, kommt aus starker, innerer Ueberzeugung. Herr Stresemann war ein großer Mann. Er leistete eine unermüdliche und meisterhafte Arbeit für einen wirklich dauerhaften Wiederaufbau Deutschlands und Europas, und diese Arbeit machte ihn zu einem der führenden Männer der Nachkriegsperiode.
Auch Schatzsekretär Mellon zollte im Verlaufe seiner heutigen Pressekonferenz dem verstorbenen Reichsaußenminister herzliche Anerkennung und pries die überaus befriedigende Arbeit, die er für Deutschland und zum Vorteil der außenpolitischen Lage Europas geleistet habe.
Senator Borah erklärte, daß Stresemann unter den zeitgenössischen Staatsmännern an erster Stelle stehe und daß er an seine schwere Aufgabe mit Aufopferung und großer Genialität herangegangen fei. Die Welt verehre in ihm einen der wichtigsten Faktoren für die Festigung des Weltfriedens.
Englische Staatsmänner zum Tode Dr. Stresemanns.
Macdonald widmet dem verstorbenen Reichsaußenminister Stresemann folgenden Nachruf:
Ich bin tief betrübt, denn Dr. Stresemann war nicht nur einer jener Männer, von dessen Arbeit die friedliche Entwicklung Europas abhing, sondern ich habe ihn in meinen verschiedenen Berührungen mit ihm als Freund kennen und schätzen gelernt Sein Andenken ist gesichert, und ich kann nicht glauben, daß die großen Dienste, die er dem Frieden mit Geduld und Zuversicht gewidmet hat, jemals rückgängig gemacht werden können Als ich zum ersten Mal mit ihm zusammentraf, war die Lage ernst und ungünstig, aber obwohl er offensichtlich unglücklich war bewies er, daß er aus festem Holz geschnitzt war. Ich glaube' als ich ihn vor einigen Wochen zuletzt sah, da fühlten wir beide daß das „Goodbye" unser „Farwell" sein dürfte. Dennoch war er zufrieden und voller Zuversicht, daß Deutschland dafür sorgen werde, daß seine Arbeit, welche so viel für Deutschland bedeutete, weitcrgefübrt werde, wenn er nicht länger hier sei Namens der britischen Regierung spreche ich seinen Angehörigen und seinem Lande unsere aufrichtigste Anteilnahme aus.