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Nr. 235 1929

waer ARzeLger

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Fulda, Montag, 7. Oktober

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6. Jahrgang

Stresemanns letzter Weg.

Oie Beisetzungsfeierlichkeiten in Berlin.

überwältigende Teilnahme.

Die Stunde, in welcher der durch das unerbittliche Geschick so plötzlich seinem Wirkungskreis entrissene Rcichs- außenministcr Dr. Stresemann seiner letzten Ruhe­stätte entgegengcsührt wurde, bedeutete für die Reichs­hauptstadt einen weihevollen und erhebenden Augenblick. Fieberhaft war an der Ausschmückung des Reichstages, von welchem der Trauerzug seinen Ausgang nahm, g»- arbcitet worden, ebenso erschienen die umliegenden Strafceiuüae in ernst-würdigem Schmuck. Am Bismarck­

Die Trauerfeier im Reichstage.

denkmal vor dem Reichstag erhoben sich riesige schwarze Pylonen, von Tannengrün umwunden. Die Tribüne aus der Freitreppe des Reichstages zur Aufstellung der Rcichsrcgèerung zeigte einen Hintergrund von dichtem Lorbeergebüsch.

Im Reichstag war der rote Teppich der Wandelhalle schwarz belegt, Spiegel und Türen trugen Florschleier. Die Wand hinter dem Prästdentensitz war bis zur Decke mit einem riesigen schwarzen Trauertuch verkleidet. Davor erhob sich ein Katafalk. Der Sarg war mit der Reichs- flagge und mit den Kränzen der Familienangehörigen und des Reichspräsidenten bedeckt. Die Brüstungen der Emporen hatten karminrote Stoffüberhänge, mit schwar­zem Flor abgetönt. Der Blumengewinde war kein Ende. Die öffentlichen und unzählige Privatgebäude zeigten Flaggen auf Halbstock.

*

Der Heilige S1 uhl zu Rom hat die Apostolische Nuntiatur in Berlin beauftragt, der Reichsregierung seine wärmste Anteilnahme zum Tode des Reichsaußenministers Dr. Stresemann zum Ausdruck zu bringen. Der Partei­tag der Deutschen V 0 l k s p a r t e i in Mannheim ist abgesagt, über den Zeitpunkt der Einberufung einer Zcinralinstanz der Partei wird der Parteivorstand noch Entscheidung treffen.

Abschied von Dr. Stresemann.

Bis zum Tode getreu/

Die sterbliche Hülle des Reichsautzenministers Dr. Gustav Stresemann wurde zu Grbac getragen. Wie all­gemein die Trauer über den Tod dieses großen deutschen Staatsmannes ist, das zeigt diegewallcgcBetellt^ gung der Bevölkerung. Biete Zchntausende füllten den weiten Platz vor dem Reichstagsgebäude, un­gezählte Menschenmafscn bildeten Spalter vom Branden­burger Tor durch die Wilhclmstratze, über den Belle-Alli- ance-Platz und das Hallesche Tor bis zum Luiseustädtischen Kirchhof in der Bergmannstratze. Ganz Berlin und sicher auch sehr, sehr viele, die aus dem Reich herübergclommen waren, nahmen Abschied von dein Manne, von dem Reichskanzler Müller in seiner Trauerrede sagte, datz das deutsche Volk mit ihm einen seiner besten Söhne verloren h ab c.

3m Reichstag.

Nach und nach füllten sich Saal und Tribünen. Das Diplomatische Korps, teilweise in voller Diplo- mMenuniform, nahm vollzählig in der Diplomatenloae Platz. Auch die R c i ch s r e g i e r u n g war vollzählig vertreten. Weiter bemerkte man den Chef der Heeres­leitung und den Chef der Marine, General Heye und Admiral Rädcr. Die Reichstags- und Land- tagsabgeordneten waren gleichfalls fast vollzählig erschienen. Zu beiden Seiten des Katafalks hatten Char­

gierte der Neo-Germania und der Suevia mit ihren Fahnen Aufstellung genommen.

Um 10.55 Uhr betrat Reichspräsident von Hindenburg, geleitet vom Reichsinnenminister S e v e r i ng und dem Vizepräsidenten des Reichstages, von Kardorff, und Graef, die Ehrenloge. Gleich hinter dem Reichspräsidenten, in der Ehrenloge, die nächsten Angehörigen des verstorbenen Reichsaußen­ministers. Feierlich zog Beethovens Ouvertüre zu Coriolan", gespielt vom Philharmonischen Orchester, durch den Saal. Dann nahm Reichskanzler Müller

zu der Gedächtnisrede

das Wort. Er führte u. a. aus:

An der Bahre des deutschen Außenministers stehen nicht nur trauernd seine Gattin und seine Söbne. denen sich unsere

innige Teilnahme zuwendet, stehl niesn mir die deutsche Reichs- regicrung, die ihren Außenminister, nicht nur der Deutsche Reichstag, der eines seines hervorragendsten Mitglieds, nicht nur die Deutsche Volkspartei, die ihren Führer verloren hat, sondern im Geiste nimmt an dieser Äbschiedsseier das deutsche Volk teil, das

einen seiner besten Söhne verloren hat, und die Welt draußen, die in ihm den großen Staatsmann verehrte und den Menschen guten Willens achtete.

Unter allen Kundgebungen des Beileids ist daher keine so treffend wie die unseres verehrten Herrn Reichsprä­sidenten, in der cs heißt, daß der Verstorbene bis zum letzten Augenblick treu für sein Vaterland ge­arbeitet hat.

Seinem Lande und Volk galt sein Wirken, für Deutschland und das deutsche Volk glühte sein Herz! Gegenüber den vielen oftmals ungerechten Anfeindungen ist es für mich als deutscher Reichskanzler in dieser Stunde eine Ehrenpflicht, zu erklären, daß es keinen treueren Deutschen als Gustav Stresemann gab, keinen, der so wie er sein ganzes großes Können für das von ihm über alles geliebte Vaterland einsetzte. Als Stresemann entscheidend in die Ge­schicke Deutschlands einariff. herrschte der R u b r k a m v f mit

Hindenburgs letzte Ehrung für Dr. Stresemann ist ein riesiger Kranz auS weißen Dahlien und Chrysanthemen

seiner furchtbaren politischen wirtschaftlichen und seelischen Er­schütterung des gesamten Volksleben. Das Reich drohte zu- sammenzubrechen, heute aber nach sechs Jahren stehen wir wieder angesehen und als Großmacht anerkannt im Kreise der Nationen, trotzdem uns nicht die gleiche bewaffnete Macht zur Seite steht wie anderen Völkern. Stresemanns Blick war klar genug, um zu erkennen, daß mit den Mitteln der Gewalt der Ausstieg Deutschlands nicht gefördert werden konnte, sondern daß er nur zu erreichen war mit einer Politik der Verständigung und des Friedens. Wenn heute eine Welle tiefer Trauer durch unser Volk geht, wenn selbst die Gegner den Degen an seiner Bahre trauernd senken, so gilt diese Trauer nicht allein dem Staatsmann und Führer, sie gilt auch

dem Menschen Stresemann.

Er lebte nicht auf einsamer Höhe, sondern lebte und empfand mit den weitesten Kreisen.

So nehmen wir Abschied von ihm in der Gewißheit, daß sein Gedächtnis in der Zukunft fortleben wird und daß er als einer der Baumeister an dem Wiederaufbau Deutschlands der Geschichte angehört. Sein Werk steht fest gegründet, uns bleibt die Ausgabe, es in seinem Geist sortzusetzen. Wir haben in ihm einen großen Staatsmann, einen Führer und einen* trefflichen Menschen verloren.

Leise klang dann Beethovens Trauermarsch aus der Eroica" durch den Saal. Die Feier hatte damit ihr Ende gefunden. FrauDr. Stresemann verließ mit ihren Söhnen als erste die Ehrenloge, nach ihr der Reichspräsident.

Vor dem Reichstag.

Ungeheure Menschenmassen hielten den Platz der Republik besetzt. Ein Flugzeuggeschwa­der kreiste während der Dauer der Feier über dem Reichstag. Der Sarg Stresemanns wurde vor die Treppe auf einem mit sechs schwarzverhüllten Pferden bespannten Wagen gehoben. Neben dem Sarge standen der Geistliche, Frau Stresemann, ihre Söhne und die nächsten Angehöri­gen. Neben dem Rednerpult hatten Reichspräsident von Hindenburg sowie die Reichsregierung, Vertreter der Länderregierungen und das Diplomatische Korps Auf­stellung genommen.

Darauf nahm der Vizepräsident des Reichstages, von Kardorff, das Wort zu einer Ansprache, in der er u. a. ausführte:

Im Namen des Deutschen Reichstages

und im Namen meiner Parteifreunde rufe ich dem Manne, der dort so früh vollendet in diesem Sarge liegt, auf seiner letzten Fahrt einen letzten herzlichen Abschieds- grüß zu.

Was dieser Mann, der aus kleinen Verhältnis stammte, erreicht hat, verdankt er nur sich selbst. An seiner Wiege ist ihm nicht gesungen worden, daß er dermaleinst ein Führer seines Volkes sein würde. Wenn am 30. Juni nächsten Jahres Freiheilsglocken läuten werden, wenn der Tag der Freiheit der Rheinlande gekommen sein wird, dann wird ein dankbares Volk seiner gedenken. Das Ziel feiner Arbeit war die Freiheit des Reiches. Kurz vor Erreichung dieses heißersehnten Zieles hat das Schicksal ihn auS unserer Mitte abberufen.

Der Verstorbene ist geliebt und vergöttert worden von seinen Anhängern wie selten ein Mann und er ist ge­haßt und befehdet worden von feinen Gegnern, rote tn ähnlichem Ausmaße selten ein Politiker und ein Staatsmann befehdet worden ist. Aber unbegreiflich will es mir er- fheinen, daß man es gewagt hat, diesem treuesten Patrioten, ie politische, die nationale und die persönliche Ehre abzusprechen. Das hat diesen lebensfrohen und emv- sindlichen Menschen in tiefster Seele auss schwerste gekränkt. Es wird viele geben, die ihm Abbitte leisten müssen.

In der Arbeit für sein Voll und fein Vaterland hat er sich verzehrt. Die Nachwelt wird ihm gerecht iverdcn. Tein Volk, mein treuer Freund, wird dich nicht vergessen. ES wird dir danken, daß du ihm in schweren Tagen ein Helfer und Führer zugleich gewesen bist.

Der letzte Weg.

Unmittelbar nach der Rede Kardorsfs, die von der er­griffenen Menge schweigend angehört wurde, bildete sich der Trauerzug. Die Spitze des Zuges bildete eine Hundertschaft der Schutzpolizei zu Pferde, auf die zwei Kapellen der Schutzpolizei und eine weitere Hundert­schaft zu Fuß folgten. Nachdem sich hieran anschließenden Chargierten von drei studentischen Korporati­onen kam

der Wagen mit dem Large

des Neichsaußenministers. Neben dem Wagen schritten sechs Attachès sowie die Ministerialdirektoren des Aus­wärtigen Amtes. Unmittelbar hinter dem Sarge schritt der Pfarrer mit den beiden Söhnen des Ministers, hinter ihm der Reichspräsident von Hindenburg, zu seiner Linken Reichskanzler Müller und zu seiner Rechten Vizepräsident von Kardorff.

Im Anschluß daran gingen im Trauerzuge die Minister der Reichs- und Staaisrcgierung und das Diplomatische Korps. Die Witwe und die nächsten weiblichen Angehörigen des versterbenden Neichsaußenministers folgten in ge­schlossenem Kraftwagen. Hierauf folgte eine große Anzahl Reichstags- und Landtagsabgeordneter, denen sich

zwölf Wagen. über und über mit Kränzen bedeckt, anschlossen. Die Parteifreunde deS Reichsaußcnminislcrs be­schlossen das überaus eindrucksvolle Trauergefolge.

Vom Reichstag bis zum Brandenburger Tor bildeten Gruppen Der Deutschen V 0 lkspartci teilweise mit schwarz-welß-roten Fahnen Spalier. Vom Brandenburger Tor bis zum Auswärtigen Amt in der Wilbelmstraße batte das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold rechts und links der Straße Ausstellung genommen. Die Straßenränder, wie übrigens auch ein großer Teil des angrenzenden Tiergartens, waren von Menschen dicht umsäumt. Als die Spitze des Trauerzuges um 2 Uhr den Luisenstädtischen Friedhof er-