Fuldaer Anzeiger
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Nr. 243 — 1929
Fulda, Mittwoch, 16. Oktober
6. Jahrgang
Eine Rede Painleves.
Paris, 15. Okt. Kriegsminister Painlevè hielt in der Sarbonne eine Rede anläßlich der Tatsache, daß die in den nächsten Tagen einrückenden Rekruten zu dem Kontingent gehören, das als erstes nur 1 Jahr dient. Pain- levè erklärte, diese Reform stelle einen großen wirtschaftlichen und sozialen Rutzen dar. Sie beweise außerdem den Friedenswillen Frankreichs, das niemals die Initiative zu einem Krieg ergreifen werde. Wenn aber ein Angriff Frankreich zwingen sollte, zu mobilisieren, dann würde das neue französische Heer durch Zahl und Ausrüstung ein mächtiges Offenstvwerkzeug sein. Infolge der Aussicht auf die Rheinlandräumung dränge sich die Frage auf, ob die Landesverteidigung durch das Gesetz über die Einführung der 1jährigen Dienstzeit genügend gewährleistet sei. Bei der gegenwärtigen europäischen Lage wäre ein entwaffnetes Frankreich nicht ein Beispiel, sondern eine Versuchung. Er, Painlevs, wolle den großen Wert der internationalen Abkommen gegen den Krieg keineswegs unterschätzen, er erfülle aber gleichzeitig nur seine Pflicht, wenn er die Sicherheit abschätze, die die neue Militärorganisation an sich Frankreich gewährleiste. Painlevè erklärte, die Vorbedingungen für die Einführung der 1jährigen Dienstzeit, nämlich Schaffung von entsprechend starken nordafrikanischen und Kolonialtruppen, Einstellung von 100 000 Berufssoldaten und Wiedereinführung des Einstellungsalters für Rekruten von 21 Jahren feien bereits erfüllt oder würden bis 1930 erfüllt sein. Der Kriegsminister wies den Vorwurf, daß der französische Mobilisierungsplan zu schwerfällig sei, zurück und führte aus, eine der wesentlichen Bestimmungen des französischen Mobilisierungsplanes sei die Möglichkeit, ohne Mobilisierung durch individuelle Einberufung einen Teil oder die gesamten verfügbaren Reserven, d. h. die ersten drei Reserveklassen, einzuberufen, was weniger als
Zä...beanspruchen würde. Eine. dann etwa angeordnete Mobilisierung werde rascher vonstatten gehen und die dadurch geschaffene unmittelbare Deckung stärker sein als im Jahre 1914. Die Verantwortung der Regierung im Falle der Einberufung der drei Reserveklassen werde beträchtlich vermindert durch die gesetzliche Verpflichtung, diesen Beschluß dem Völkerbund mitzuteilen. Painlevs bezeichnete dann die Hypothese eines plötzlichen Angriffes eines 100 000 Mann starken Berufsheeres als die am wenigsten wahrscheinliche und am wenigsten gefährliche. Denn eine völlige Niederlage
Neue Betrügereien der Sâlarc6$.
1,5 Äonen verHoben. ।
Schädigung einer Württembergischen Schuhfabrik.
Die Gebrüder Sklarek standen, wie jetzt sestgcsteM worden ist, auch in Verbindung mit der Tuttlingcr Schuhfabrik E. Reichle, die nun einen Buchverlust von über 100 000 Marl erleidet, der sich aber durch Versicherung bei der Hermes-A.-G. aus etwa 50 000 Mark ermäßigt. Die Sklareks haben diese Geschäftsverbindung zu großen Betrügereien benutzt. Nach dem Sklarekschen Kassenbuch sollen in der Zeit vom 2. bis zum 19. Sep- ismbcr d. I. anderthalb Millionen Mark an die Tutt- lmgcr Schuhfabrik gezahlt worden sein. Von diesem Betrage ist jedoch in Tuttlingen nicht ein Pfennig ein- gegangen. Dieser verbuchte Betrag übersteigt den Umsatz der Fabrik mit den Gebr. Sklarek um ein Vielfaches, da dieser Umsatz nur etwa 250 000 Mark erreichte.
Das gleiche Beirugsmanöver ist auch mit anderen Firmen gemacht worden. In diesen Tagen weilten zwei Berliner Kriminalbeamte in Tuttlingen, die das Skla- reksche Kassenbuch mit dein Reichleschen verglichen und feststellten, daß die angeführte Summe in Tuttlingen tatsächlich nicht emgegangcn ist. In Berlin hatte man geglaubt, daß es sich vielleicht um Darlehensbeträge handeln könne; aber auch das trifft nicht zu. Es handelt sich vielmehr um große Kapitalverschleierungen und -Verschiebungen. Die Berliner Kriminalpolizei ist nun dabei, aufzuklären, wohin die Gebrüder Sklarek die anderthalb Millionen verschoben haben jytfutoie hoch der Betrag ist, von dem sie später in Ruhe ff^ehn wollten. Der Betrieb der Tnttlinger Schuhfabrik wird wahrscheinlich aufrechterhalten, zumal noch reichlich Aufträge vorliegen und auch die Stadt Berlin mit der Schuhfabrik in Verbindung getreten ist, um die weitere Belieferung der Berliner Bezirksämter durchzuführen.
Sklareksche Durchstechereien im Gefängnis
Kassiber in Zigarren und Zigaretten.
Die Brüder Sktarck haben, wie ans Berlin berichtet wird, im Untersuchungsgefängnis neue Zellen zugewiesen bekommen, da sie, ivte es sich herausgestellt hat, in ihren bisherigen Haftzellen, die dicht nebeneinanderlagen, Durchstechereien versucht haben; außerdem sollen sie den Versuch gemacht haben, sich untereinander zu verständigen, um ihre Aussagen übereinstimmend gestalten zu können. Durch reichliche Zigarrenspenden wollten sie
die Gefäugttisbeaiutcn für sich gewinnen, und bei mehreren Beamten scheint ihnen das auch gelungen zu sein. Ferner haben sie mit
würde gewiß eine derartige Verwegenheit bestrafen. Alsdann beschäftigte sich der Kriegsminister noch mit dem Grenzschutz und appellierte schließlich an den guten Willen des französischen Heeres; die Rekrutenkrise der letzten Jahre sei behoben. Er habe ehemaligen Frontkämpfern auf die Frage, wie sie die Friedensliebe mit ihrer militärischen Pflichterfüllung vereinen könnten, geantwortet: Für ein Heer gebe es eine noch ruhmreichere Aufgabe, als Siege davonzutragen, nämlich Siege unnötig zu machen, dadurch, daß das Heer im voraus die Unruhestifter durch feine Disziplin, seine Ausbildung, seine Entschlossenheit und seine Selbstverleugnung entmutige. Auf ein derartiges Heer könne Frankreich zählen.
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Oer französische Ministerrai
zu den tzoung-Berhan-lungen-
Die Einladung zur Seeabrüstungskonferenz angenommen.
Unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik fand in Paris ein Ministerrai statt. Außenminister Briand hat über die Seeabrüstungskonferenz gesprochen, die im Januar in London zusammentreten soll. Der Ministerrat beschloß, die Einladung zur Teilnahme anzunehmen. Der Ministerrai hat sich alsdann mit dem Wiederbeginn der parlamentarischen Session beschäftigt. Was die Interpellationen über die allgemeine Politik über den Noung-Plan und über die Abkommen vom Haag anbetrifft, wird die Regierung den Antrag stellen, die Beratung bis zu der Debatte zu vertagen, die Anfang November über die Ratifizierung dieser Abkommen beginnen wird.
„Journal" über Frankreichs Pläne für die Seeabrüstungskonferenz.
Paris, 16. Okt. Das „Journal" glaubt berichten zu können, daß die Richtlinien der französischen Delegation für die Londoner Seeabrüstungskonserenz im kommenden Monat festgelegt und den übrigen interessierten Mächten mitgeteilt werden solle. Auf eine Beschränkung der Zahl und der Tonnage der Unterseeboote werde Frankreich nicht eingehen. Was den Prozentsatz der Tonnage der Ueberwasserschiffe anlange, so sei Frankreich entschlossen, sich an das Washingtoner Abkommen zu halten. Es wurde keine Herabsetzung seiner Tonnage für diese Schiffskategorie verlangen, aber auch eine Einschränkung seiner Kreuzertonnage nicht annehmen.
Hilfe von Gefangenen, die innerhalb des Gebäudes Dienst verrichteten und eine gewisse Bewegungsfreiheit besitzen, durch Kassiber, die in Zigarren und Zigaretten eingefügt waren, einen Verständigungsverkehr hergestellt. Darüber hinaus haben die Sklareks versucht, sich
mit Lehmann in Verbindung
zu setzen. Sie haben in Briefen Lehmann gewarnt, allzuviel „auszupacken", und ihm mitgeteilt, daß auch in ihrer jetzigen Lage ihre Machtmittel nicht erschöpft seien. Lehmann hat aber von dem Kassiberverkehr die Justizbehörden unterrichtet.
Die Untersuchung wegen dieser Angelegenheit erstreckt sich aus mehrere Beamte und Strafgefangene, die in den Zellen der Sklareks zu tun gehabt haben.
Bürgermeister Schneider aus der S.P.D. ausgeschlossen.
Der Berliner Bezirksvorstand der S.P.D. hat beschlossen, Bürgermeister Schneider wegen seiner Beziehungen zu den Sklareks aus der Partei auszuschließen.
Meterbund und Gemeindewahlen.
Eine Entschließung.
In einer Versammlung des ReichsbundeS deutscher Mieter die in Berlin stattsand, wurde das Thema „Mieter- schall und Gcmeiudcwahlen" behandelt. Nachdem der Vorsitzende einleitend betont hatte, daß der Reichsbund aus Grund seiner Satzungen nnpolitisch sei, sich aber doch ge- nöliat sehe 31t den bevorstehenden Gcmcmdcwahlen Stel- luna zu nehmen, sprach der Bnndesschatzmcistcr Grothaus. -Djc Sicherung-der Forderungen der Mieterschaft an die Gesetzgcbuna ‘ bedeute den allerschärfsten Kampf gegen die Haus- und Grundbesitzer und die mieterfeindl,eben Parteien. Mei den kommenden Gcmeindewablen müßten alle Mieter der Parole deS Reichsbniides deutscher Mieter folgen: Keine Stimmen den mieterfcindlichcn, alle Stimmen den mieter- ftenudlicheu Parteien. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, in der vor allem die Schaffung eines sozialen Miet- und Wohnrechts, ferner einer Wobnnngsbanstcuer auf sozialer Grundlage an Stelle der unsozialen Hauszinssteuer und grundlegende Maßnahmen zur Bekämpfung der Wob nungsnot gefordert werden sowie gegen geplante weitere Mict zinssteigerungcn Einspruch erhoben wird.
Urlaubsreise des Reichsfinanzministers.
Wien. Rcichsfinanzmimster Dr. Hilferding ist gestern in Wien eingetroffen, um einige Urlaubstage im Kreise von Verwandten zu verbringen.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Der Preußische Landtag trat am Dienstag zu einer kurzen Tagung zusammen, die voraussichtlich am Freitag wieder beendet werden soll.
* Die bayerische Deutschnationale Volkspartei sowie die Nationalsozialistische Partei fordern die ungesäumte Einberufung des Landtags zwecks Stellungnahme zum Doung- Plan.
* In Bonn begann die Versteigerung des Mobiliars der ehemaligen Prinzessin Viktoria von Schaumburg-Lippe, jetzigen Frau Alexander Subkow.
* In Baden-Baden starb unerwartet am Herzschlage der belgische Vertreter Delacroix in dem dort tagenden Organisationskomitee zur Gründung der Internationalen Repara- tionsbanl.
* Nadir Khan ist in Kabul zum Padischah von Afghanistan ausgerufen worden.
Böllerbundreise durch Oberschlesien.
Das Minderheitenproblem.
Zum Besuch Oberschlesiens trafen aus Berlin in Oppeln die Kommissare desVölkerbundsekretariats ein, und zwar der Direktor der Minderheitenabteilung des Völkerbundsekretariats, Minister Aguirre de Carcer, und der Generalsekretär Professor de Azcerate. Nach kurzer Rast hielt der Oberpräsident in Anwesenheit der zuständigen Beamten des Oberpräsidiums und der Regierung einen Vortrag über die politische Lage Oberschlestens und ging narren Uid) auf das Minderheitenproblem ein, das er mit statistischen Zahlen erläuterte. Dann begann die Kommission die Bereisung Oberschlesiens; sie begab sich zunächst in den Kreis Oppeln zum Besuch von Minder« Heitenschuleu und Siedlungen. An einem späteren Empfang nahmen auch der Präsident der Gemischten Kom- miffiou. Calonder, sowie andere hervorragende Per« -Gnlichkciten, Vertreter der Gewerkschaften, der Minderheiten, der Presse ufto. teil.
Oie Zniernaiionale Bank.
Unerwarteter Todesfall.
Die Verhandlungen des in Baden-Baden tagenden Organèsativilskonlitces der Bank für den internationalen Zahlungsausgleich wurden unerwartet in tragischer Weise unterbrochen durch den in der Nacht aus Dienstag erfolgten plötzlichen Tod des belgischen Delegierten Delacroix. Er verschied in seinem Hotel an einem Herzschlage.
In der Trauerzusammenkunft des Komitees würdigte besonders namens der deutschen Delegation Reichs-
Der belgische Delegierte Delacroix.
bankpräsident Dr. Schacht die Verdienste des Verstorbenen, der nach dem Kriege viel beigetragen habe zur Entspannung unter den europäischen Völkern.
London soll nach Meldungen von dort noch in dieser Woche der Mittelpunkt wichtiger Zusammenkünfte der internationalen Finanz sein. Drei der größten Finanzmänner der Welt würden erwartet, nämlich der Leiter des schwedischen Streichholztrusts, Ivar,Kreuger (der schon eingetroffen ist), der deutsche Reichsbankpräsident Dr. Schacht und der Präsident der National City Bank os New Work, Charles Mitchell. Die Be- suche sollen mit der Begründung der Internationalen Bank Zusammenhängen.
Zehn Jahre Verwaltungsakademie.
Zur Feier des zehnjährigen Bestehens der Verwal- tungsakademie fand in der Berliner Universität eine Festsitzung statt. Man bemerkte als Vertreter der Reichs- regierung Reichswehrminister G r ö n er, für die preußische Regierung Kultusminister Dr. Becker und Finanzminister Dr. Höpkcr-Aschoff, für den Prenßischen Landtag Präsident Bartels. Der Präsident der Verwaltungsakademie, Reichsminister a. D. Dr. Schiffer, wies u. ai darauf hin, daß während des zehnjährigen Bestehens der Verwaltungsakademie Berlin 21500 Angestellte und Beamte aus Berlin und 21 600 Beamte und Angestellte aus allen anderen Gebieten des Reiches au ihren Kursen ieilaenommeu hätten.