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Zul-aer /lnzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg ßul-a- und Haunetal »Zulöaer Kreisbla«

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Nr. 251 1929

Fulda, Freitag, 25. Oktober

V. Jahrgang

Eisenbahnunglück bei Nürnberg.

Vier Tote, acht Schwerverletzte.

Donnerstag vormittag gegen 11 uyr suyr Der Ber­liner Schnellzug D. 39 dem Münchener Schnellzug D. 38^ bei der Station N e i ch e l s d o r f in der Nähe vor. Nürnberg in die Flanke. Getötet wurden, nach den bisherigen Feststellungen, fünf Personen, schwer verletzt acht; dazu kommen noch 18 Leichtverletzte. Unter den Toten befinden sich zwei Postassistenten und ein Post­schaffner, unter den Schwerverletzten ein Lokomotivführer, ein Heizer und ein Spanier namens Mario Ferrat. Die Persönlichkeiten der anderen Opfer der Katastraphe konn­ten noch nicht fcstaestellt werden.

Reichelsdorf liegt auf der Strecke NürnbergTreucht­lingen, etwa 8,4 Kilometer von Nünberg entfernt, noch innerhalb des Bereiches des Nürnberger Vorortverkehrs. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß wegen Um­baues der Verkehr hier eingleisig betrieben wird.

Zu der Eisenbahnkatastrophe bei Reichelsdorf erfahren wir folgende Einzelheiten:

Das Unglück ereignete sich heute vormittag kurz nach ^11 Uhr etwa 300 Meter vor der Station Reichelsdorf. Beide Züge fuhren auf dem linken Gleis, das nach Nürn­berg führt, mit voller Wucht zusammen. Die Maschinen sind fest zusammengepreßt unb stehen mit den Vorderrä­dern etwa 40 Zentimeter hoch über den Schienen. Die Geleise selbst sind stark demoliert und tief in die Erde hin- eingedrückt. Bei dem von München kommenden Zug hat der fast senkrecht emporgedrückte Tender der Lokomotive das Dach des Postwagens glatt abrasiert, das über dem Tender hinweghängt. Der hinter dem Packwagen fol­gende Personenwagen zweiter Klasse (RomBerlin) hat sich auf die Seite gelegt. Die nächstfolgenden Wagen sind weniger beschädigt. Bei dem von Nürnberg kommenden Zug hgL-sich der Packwagen in den Tender Hineingescho- dadurch wurde die vordere Plattform vollständig auf­gerollt. Unter den Toten befindet sich auch der Lokomo­tivführer des Frankfurter Zuges, der erst aus den Maschi­nenteilen herausgeschweitzt werden mußte.

Das Eisenbahnunglück bei Reichelsdorf hat nach den bisherigen Feststellungen vier Tote und etwa 56 Ver­letzte, unter ihnen acht Schwerverletzte, gefordert. Im Krankenhaus befinden sich 15 Personen, von denen eine lebensgefährliche Verletzungen davongetragen hat. Die Verletzungen der anderen werden von den Aerzten als schwer, aber nicht als lebensgefährlich bezeichnet. Der Führer des D-Zuges 39 soll sich unter den Leichtverletzten befinden. Um 2 Uhr nachmittags war der Betrieb ein­gleisig für den Personenverkehr wieder in Gang gebracht worden.

Die Namen der Verletzten sind: Oberingenieur Schwarz und Frau aus Altona, Dr. Kühne, Hochschulprofessor aus München, Anna Mayer aus München, Georg Bräunlein aus Nürnberg, Hedwig und Max Sahlheimer aus Breslau, Zänker aus Frankfurt a. M., Oskar Jakob aus Fürth i. B., Dr. Emil Hofmann aus München, Margarethe Schramnr aus Berlin-Tegel, Friedrich Brader aus München, Marie Serra aus Rom, Dr. Mander aus Bayreuth, Frau Gelle­

Attentat auf den ita!

Am Graie der nnbekMten Soldaten

Wahrend der italienische Kronprinz H imitiert am ®ratie des Unbekannten Soldaten einen Kranz nieder- legtc, verübte em Italiener einen Anschlag auf ihn. Der Täter feuerte einen Revvlvcrschutz auf den Kronprinzen ab, der fedoch sein Ziel verfehlte, da ein Polizist dem An greiser noch rechtzeitig auf die Hand schlug. Der Attentäter konnte sofort verhaftet werden.

Er wurde als der im Jahre 1908 in Mailand ge­borene Fernando de Rosa festgestellt Bei seiner- polizeilichen Vernehmung erklärte er, er sei Student und sei soeben mit dem Nachtzug ans Paris in Brüssel an­gekommen. Er habe beabsichtigt, als Protestkundgebung «den Schutz in die Luft abzugeben. Der König von Belgien begab sich, sobald er von dem Attentat Kenntnis- erhielt, in die italienische Botschaft, in der der Prinz wohnt.

Eine zweite Verhaftung.

Kronvrm^ir ^' tW.V.) Kurz nach dem Attentat auf den Oberto ist nach einer Extrablattmeldung der d^ Bosem^ Velge" ein zweiter Italiener namens Louis 3 H bcm Verdacht, an dem Attentat beteiligt Derofa und "^haftet worden. Dem Blatt zufolge haben k U"d de Pascole durch das Los entschieden, wer von ihnen den Schutz auf den Kronprinzen abgeben sollte.

jt^sj^L^^iener Pasqualis, der, nach dem Attentat auf den Kronprinzen verhaftet, dann aber wieder freige- r. """ war, ist abermals verhaftet worden. Er soll haben D Minuten vor dem Attentat Zeichen gemacht hebendesDie Morgenblätter teilen mit, daß der Ur- yeoer des Anschlags auf den italienischen Kronprinzen in Brüs.

list aus Pola, Christof Kirchhöfer aus Nürnberg, Zugfüh­rer Boost aus Halle, Oberschafsner Richter aus Halle, Schaffner Dittrich aus München, Schaffner Geber aus München.

Von den bis %2 Uhr ins Nürnberger Krankenhaus eingelieferten Personen sind fünf bereits wieder entlassen worden. Schwerverletzt wurden folgende Personen: 2ln=

dxeas ^SÄMmer, PystschaMer, SM München Anton Galli, Lokomotivheizer aus München, Max Maurer, Loko­motivheizer aus München, Friedrich Salomon, Zugführer aus Fürth i. B., Johann Wagner, Heizer aus München.

Nach dem amtlichen Polizeibericht dürfte die Ursache des Eisenbahnunglücks im unrichtiger oder unklarer uiu mißverständlicher Befehlsausgaüe

des Fahrdienstleiters von Reichelsdorf zu suchen sein. Der Fahrdienstleiter wurde vorläufig verhaftet. Von den Leichtverletzten konnten bereits wieder 6 Personen aus dem Krankenhaus entlasten werden.

Pulverfabrik in die Luft geflogen.

Rom, 24. Okt. Durch eine gewaltige Explosion ist heute morgen die Pulverfabrik von Marano, 12 Kilometer von Bologna entfernt, in die Luft geflogen. Das Unglück hat bis jetzt sieben Todesopfer gefordert. Die Katastrophe erfolgte, als über 80 Arbeiter den Betrieb gerade ausgenommen hatten. Ganze Mauern, Balken und Maschinenteile flogen in allen Richtungen durch die Luft, während sich über den Pulvervor­räten ein Flammenmeer ausbreitete. Die überlebenden Ar­beiter flohen mit brennenden Kleidern. Die erste Leiche wurde 200 Meter von der Explosionsstelle entfernt aufgefunden.

sel Derosa Universitätsstudent in Turin gewesen sei und dort revolutionären antinationalen Verbänden angehört habe. Als er wegen seiner antinationalen Tätigkeit zur Rede gestellt worden sei, sei er bald darauf, da er ein guter Skiläufer war, gelegentlich einer Skitour bei Bardonecchia über die Grenze gegangen.

Empfang des Kronprinzen von Italien (1) durch seinen zukünftigen Schwiegervater König Albert (2).

Bekanntgabe der Verlobung.

Kronprinz Umberto war zu dem Zweck nach Brüssel gekommen, um sich mit der Prinzessin Marte von Bclg.cn zu verloben. In R o in wurde zur gleichen Zett, als der Anschlag erfolgte, amtlich bekannt;,egcbcn, das ltaliemschc Königspaar habe am Tage der Wiederkehr feiner Hochzett Die Zustimmung zur Verlobung deS Kronprinzen mit Dev Prinzessin Marie vM Belgien erteilt

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Bei einem Zugzusammenstotz in der Nähe von Nürnberg fanden fünf Personen den Tod, acht wurden schwer verletzt.

* Das LuftschiffGraf Zeppelin" ist von seiner Spanien­fahrt nach Friedrichshafen zurückgelehrt und glatt gelandet.

* Aus den italienischen Kronprinzen Humbert, der sich in Brüssel mit der belgischen Königstochter Marie Verlobte, wurde ein Attentatsversuch unternommen. Der Kronprinz blieb unverletzt.

* Der berühmte englische Schriftsteller John Galsworthy erläßt einen öffentlichen Aufruf für die Rückgabe des Über­erlöses aus dem beschlagnahmten deutschen Eigentum in England.

Italienische Pressestimmen.

Die italienische Presse nimmt allgemein Kenntnis von dem Ereignis und feiert die Verlobung als Bekräftigung der itali­enisch-belgischen Freundschaft. In Belgien ist die Bevölke­rung nicht ohne gewisse Einschränkung mit der Verbindung einverstanden. Erst vor wenigen Tagen erfolgte in Brüssel eine stürmische Demonstration gegen den Heiratsplan vor der italienischen Gesandtschaft.

Schulsragen im preußischen Landtag.

(104. Sitzung.) ».Berlin, 24. Oktober

Verschiedene Anträge des Beamtenausschusses, die bessere Beförderungsmöglichkeilen für Kanzleibeamte und andere Be- amlengruppen verlangen, fanden Annahme. Angenommen wurden auch mehrere Anträge des Landwirtschaftsausschusses, wonach das Staatsministerium u. a. in Zukunft bei Ver­pachtung von Domänenländereien keine Lastenbeiträge mehr erheben soll.

Das Haus nahm weiterhin Anträge des Ausschusses für die Grenzgebiete zur

Behebung der wirtschaftlichen Notlage in der Aachener Grenzmark

an. So werden gefordert Frachtensenkung, besondere Be­rücksichtigung aus dem zu verstärkenden Grenzfonds, Bevor­zugung der dortigen Unternehmen bei Vergebung öffentlicher Auftrage sowie bei der wertcschaffendeu Erwerbslosenfürsorge im Interesse des Wege- und Wasserregulierungsbaues und schließlich größtes Entgegenkommen bei Steuerstundungen bzw. -erlassen.

Das Haus ging dann zur Beratung der Anträge und An­fragen zum

Goslarer Schulfall

über. In einer Großen Anfrage der deutschnationalen Frak­tion wird gefragt, ob das Staatsministerium das Vorgehen des Kultusministers billige, das eine Schädigung der Stadt Goslar bedeute, einen Eingriff in das Elternrecht darstelle und das Ansehen der Lehrerschaft der Stadt Goslar herab­setze. Ein Urantrag der Deutschen Volkspartei fordert eine so- fortige Nachprüfung unter Hinzuziehung von Vertretern der städtischen Patronatsbehörde in Goslar und bis dahin Aus­setzung der Ausführung des ministeriellen Erlasses. Ein Ur­antrag der Deutschen Fraktion verlangt Aufhebung des Erlasses.

Abg. Llze (Dtn.) betont, daß der Kultusminister sich durch die von ihm gegen die Elternschaft der gemaßregelten Schüler erhobenen Vorwürfe eine ihm nicht zustehende Befugnis an- gemaßt habe.

Abg. Dr. Schuster (Dt. Vp.) drückte das Bedauern seiner Fraktion über die Vorgänge in Goslar aus, die sie rückhaltlos verurteile. Andererseits befremde aber der ministerielle Straf­erlaß, weil er ein allgemeines Versagen der Schule in Goslar feststelle, ohne daß vorher eine Revision erfolgt wäre. Zu be­klagen sei die Störung der Lehrerautorität durch den Minister, die darin liege, daß, obwohl vielleicht nur bei einem Lehrer ein Verschulden vorliege, öffentlich das ganze Lehrerkollegium als unfähig bezeichnet wurde.

Abg. Prelle (Dt. Fr.) meinte, wenn auch die Vorgänge in Goslar an und für sich zu mißbilligen seien, so stelle der Erlaß doch eine zu harte Strafe dar.

Kultusminister Dr. Becker erklärte u. a.: Die Republik hätte sich einfach selber aufgegeben, wäre mit Recht dem Spott der Republikgegner ausgesetzt gewesen, wenn solche beispiel­losen Vorgänge nicht mit energischen Maßnahmen geahndet worden wären. Ich weiß, daß die überwiegende Mehrheit unserer höheren Schulen nicht reaktionär ist. Schon die loyale Haltung des Philologenverbandes beweist das. In kleineren Städten vor allem liegen die Verhältnisse häufig noch anders; dort ist der gesellschaftliche Boykott gegen republikanische Lehrer noch ein beliebtes Kampfmittel. Die Staatsregierung sei gerne bereit, gemeinsam mit der Stadt Goslar zu erwägen, wie die eventuellen wirtschaftlichen Schädigungen auf ein Mindestmaßbeschränkt werden könnten.

Abg. Dr. Weisemann (Din.) kritisiert den Erlaß des Kultusministers und steht darin einen Verstoß gegen die ver­fassungsrechtlich gesicherten Rechte der Eltern- und Lehrer­schaft. Man wolle den nationalen Geist bekämpfen und be­diene sich dabei Methoden, die von echtem Metternich-Geiste zeugten, sich aber im Munde echter Demokraten als Hohn und Spott auf die wahre Freiheit ausnähmen.

Abg. Leinert (Soz.) unterstützte das Vorgehen des Mi­nisters und erklärte, die Goslarer höheren Schulen seien nationalistische Treibhäuser.

Abg. Grabe (Ztt.) erklärte, aus einer Gesinnung, wie sie in Goslar zutage getreten sei, könne nichts Gutes entstehen. Die Jugend habe wenigstens lernen müssen, daß der Staat nicht ohnmächtig ist.

Vertagung bis zum 26. November.

Der kommunistische Abgeordnete Dr. Ausländer spricht von Gesinnungsschnüffelei und Terror und von dem Zivana. der in der Schule zum Nachteil der proletarischen Schüler und Lehrer von den republikanischen Behörden getrieben werde.

Die Sozialdemokraten stellten darauf einen Vertagungs- antrag, der indessen abgelchnt wurde. Die Sitzung wurde für kurze Zeit unterbrochen. ü

Rach .Wiederaufnahme der Sitzung svrichl der deutsch- volksparietllche Abg. Steffen. Er meint, die Bestrafung der Schuler sei mit Recht erfolgt. Das Vorgehen gegen das Lehrerkollegium aber lasse Kurzsichtigkeit erkennen.

Daraus wurde die Beratung abgebrochen, die weitere Aus­sprache auf später vertagt. Gegen 18 Uhr vertagte sich per Landtag auf Dienstag, den 26. November, 1 Uhr mittags. Der Präsident wurde ermächtigt, die Tagesordnung sejtzu-.