Zul-aer Mzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 258 — 1929
Fulda, Samstag, 2, November
6. Jahrgang
Volksbegehren angenommen!
Nach einer Meldung von 13.15 Uhr sind 4136 384 Eintragungen für das Volksbegehren bei 41019181 Stimmberechtigten gezählt worden; dies find 10,08 Prozent. Da für die erforderlichen 10 Prozent 4127889 Stimmen erforderlich waren, ist das Volksbegehren angenommen.
Schwankende Feststellungen.
Die andauernd schwankend gebliebenen Feststellungen über die Beteiligung beim Volksbegehren machen es wahrscheinlich, datz bis zum letzten Augenblick das Urteil darüber verschoben werden mutz, ob das Volksbegehren die nach dem Gesetz vorgeschriebene Anzahl der bejahenden Unterschriften erreicht hat oder nicht. Im Laufe des Freitags blieb wegen des namentlich im Westen und im Süden Deutschlands maßgebenden katholischen Feiertags Allerheiligen der Eingang der Nachrichten aus diesen Gebieten stockend, was mehr oder minder auch für den sonnabendlichen katholischen Feiertag Allerseelen Geltung haben wird. Von der Reichswahlleitung wurde die Hoffnung ausgesprochen, eine vollständige Übersicht, natürlich nur eine vorläufige, am Montag, den 4. November, vorlegen zu können. Die versprochene Frist läuft biA zum 6. November. Verschiebungen der bisherigen Ein- iragungszatzlen können noch jede Stunde eintreten, da alle Eingänge doppelt überprüft werden. Das endgültige Resultat wird erst vom Abstimmungsausschutz festgestellt, -wer nach Verfügung deS Reichsinnenministers am 20. November tagen soll.
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Gesamt-Ergebnis von Hessen-Nassau.
Von 1 644 365 Stimmberechtigten haben sich 89 724
Personen, also 5% Prozent, in die Listen eingezeichnet.
Ergebnis vom 1. November, abends 10 Uhr
Zahl der Stimmberechtigten: 38117 837, Zahl der Eintragungen 3 729 205, mithin Veteiligungsziffer von 9,78 vom Hundert. Gemessen an der Gesamtzahl der Stimmberechtigten lagen zu dieser Zeit die Eintragungsziffern aus 97,83 v. H. des Reichsgebietes vor.
Berlins Aadlhaupt von der Reife zurück.
Vötz wieder in Berlin.
. /. aber sehr bös empfangen.
Berlins Oberbürgermeister Böß und die Magifttats- rommission, die mit ihm nach Amerika gefahren war, wurden bei ihrer Ankunft in Berlin etwas stürmisch begrüßt. Aber es war kein Sturm der Begeisterlmg, saubern ein Sturm der Entrüstung. Eine nach Tausenden zählende Menschenmenge hatte auf dem Bahnhof Zoologischer Garten die Treppen, die Bahnsteige und alle Rebenzugänge besetzt, so daß der Oberbürgermeister und feine Frau geradezu Spießruten laufen mußten, als sie den Bahnhof verließen. Es war zwar Polizei zum Schutze des Oberhauptes der Stadt aufgeboten worden, aber sie war nicht stark genug, um die Amerikafahrer vor den Schimpfereien der Menge, unter der sich, wie das in Berlin bei solchen Anlässen üblich ist» der Janhagel in beträchtlicher Stärke befand, zu schützen, und es sah manchmal tatsächlich so aus, als ob der Oberbürgermeister gelyncht werden sollte. Er wurde mit den Rufen: „Schieber! Lump! Schuft!
Wo ist der Pelz?" empfangen und ein Mann, der in einem riesigen hellgelben Pelz sich dem Oberbürgermeister in den Weg stellte, fand gewaltigen Beifall. Ähnliche Szenen spielten sich bald darauf vor der Wohnung des Oberbürgermeisters ab. Der Oberbürgermeister wird sich, wie verlautet, am 7. November vor der Stadtverordnetenversammlung in Sachen-Sklarek verantworten. Es wird ferner mitgeteilt, daß er die Absicht habe, beim Oberpräsidenten gegen sich selbst das Disziplinarverfahren zu beantragen.
Oberbürgermeister Böfi beantragt das Disziplinarverfahren gegen sich.
Berlin, 1. Nov. Oberbürgermeister Dr. Bötz teilt mit: „Nach Meiner Rückkehr aus Amerika habe ich feststellen müssen, daß während meiner Abwesenheit gegen mich in einem nur bisher mâst bekannten Maße schwere, meine Ehre berührende Angriffe erhoben worden sind, ohne daß ich in der Lage war, mich dagegen zu verteidigen. Mit Rücksicht auf die Art der Angriffe sehe ich es als meine Pflicht an, die restlose Aufklärung aller Borwurfe im Disziplinarverfahren herbeizuführen. Ich habe deshalb heute die Einleitung des Disziplinarverfahrens gegen mich beantragt Ich stehe weiter auf dem Standpunkt, daß es nicht angängig ist, daß ich, während ein Disziplinarverfahren wegen derartiger Angriffe gegen mich schwebt, das Amt des Oberbürgermeisters der Reichshauptstadt ausübe. Daher habe ich mich nach meiner Rückkunft jeder Amtsausübung enthalten und den Oberpräsidenten gebeten, mich bis zur Beendigung des Disziplinarverfahrens zu beurlauben.
Das Oberpräsidium wird laut „Berliner Tageblatt dem Antrag des Oberbürgermeisters Böß auf Einleitung des Dis-
Vorläufiges Vollsbegehrergebnis aus Ostpreußen.
Königsberg. Bis Freitag abend lagen bei den Bezirkswahlleitern des Wahlkreises I (Ostpreußen) die vorläufigen Ergebnisse aus 33 von insgesamt 42 Stimmkreisen vor. Es wurden für das Volksbegehren 221002 Stimmen von 1 069 342 Wahlberechtigten in diesen Kreisen abgegeben, was einem Prozentsatz von 20,6 entspricht.
Ergebnis in Baden.
Karlsruhe, 2. Nov. Nach vorläufiger amtlicher Feststellung haben sich im Lande Baden von 1 477 261 Stimmberechtigten 32 325 Personen in die Listen für das Volksbegehren eingetragen, das sind 2.1—2.2 Prozent.
Aufruf Mahrauns.
Der Hochmeister des Junadeutschen Ordens, Artur Mahrauns, veröffentlicht einen Aufruf zur Bildung einer neuen Parlei. Die Aktion des Volksbegehrens, durch die der nationale Gedanke zum Spielball niedrigen Zankes gemacht worden sei, habe die völlige Zerrüttung der Front des nationalen Widerstandes zur Folge gehabt. Die bürgerlich- nationale Parteifront sei zerstört. Nur eine große und willensstarke Sammlungsbewegung könne der weiteren Zersetzung Einhalt gebieten. Zu diesem Zweck schlägt Mahraun die Bildung einer Volks nationalen Reichsver einigung vor. in der sich die Jungdeutschen mit allen national und sozial empfindenden erneuerungswilligen politischen Gruppen und Personen vereinigen wollen, um die Bildung einer großen Partei der nationalen Erneuerung zu ^^strebcn. Die neue Partei soll auf der Grundlage christlicher Weltanschauung und in Anerkennung gesunder konservativer und liberaler'Überlieferung mit dem Bekenntnis zum nationalen Gedanken das Bekenntnis zur Volksgemeinschaft und zum Volksstaat verbinden.
ziplinarverfahrens stattgeben. Damit ist der eigentliche Zweck der auf Donnerstag anberaumten Stadtverordneten-Sitzung illusorisch geworden. Für die Dauer des Disziplinar-Verfahrens wird Bürgermeister Scholz die Geschäfte des Oberbürgermeisters führen.
Oberbürgermeister Böß bei der Ankunft.
(Böß, der Zweite von vorn, mit steifem Hut, schräg hinter ihm seine Gattin.)
Voruntersuchung gegen Sklarek und Genoffen.
Dem staatsanwaltlichcn Antrag auf Eröffnung der Voruntersuchung gegen diedreiBrüderSklarek u n d i h r e z e h n H e l f e r ist stattgcgcben worden. Unter den Helfern befinden sich drei Stadtbankdirektor c n und sieben Geschäftsfreunde der Sklareks, die zum größten Teil nur der Beihilfe zum Konkursverbrechen beschuldigt werden.
Der Sklarek-Ausschutz vertagt sich.
Inzwischen hat sich der Sklarek-Untersuchungsaus- schuß des Preußischen Landtages auf den 18. November vertagt. Vor der Vertagung wurde noch der vielgenannte kommunistische Stadtrat G ä b e l, der mittlerweile vom Oberpräsidenten im Disziplinarverfahren seines Amtes enthoben worden ist, vernommen. Richt geringes Erstaunen erregte seine Äußerung. daß er von den Kreditgeschäften der Sklareks mit der Stadtbank keine Ahnung gehabt habe, obwohl er Mit- glied des Verwaltungsrates der Stadtbank gewesen sei. Weiter erklärte er, daß bei der Anschaffungsge^ellschaft zur Zeit seines Eintritts eine solche.Mißwirtschaft geherrscht, habe, daß er am liebsten alle Angestellten entlassen hätte. Ein damals eingeleitetes Strafverfahren sei aber von der Staatsanwaltschaft eingestellt worden.
Hiiler an den Prinzen Rupprechi.
Abgelehnte Forderungen.
Vor kurzer Zeit hatte der Reichstagsabgeordnete Loibl in einer Zeitung in Neuburg an der Donau mitgeteilt, daß der ehemalige bayerische Kronprinz Rupprecht dem Volksbegehren ablehnend gegenüberstehe. Daraus gingen nach der Münchener Telegramm-Zeitung von nationalsozialistischer Seite zahlreiche Anfragen an den Prinzen ein, die ihm nahelegten, die Erklärung Loibls als unwahr zu bezeichnen. Am letzten Sonntag wurde der Kabinettschef des Prinzen, Graf Soden, von einem Mittelsmann Hitlers telephonisch angerufen, der ihm mitteilte, er sei von Hitler offiziell beauftragt dem Grafen zu sagen, Hitler müsse annehmen, daß die Loibl- schen Erklärungen im Auftrage des Kronprinzen ergangen seien und damit ein Dolchstoß gegen Hitler und seine Bewegung vorliege. Hitler werde daraus die Konsequenzen ziehen und den Kronprinzen und die monarchistische Idee in der Öffentlichkeit aus das schärfste bekämpfen, wenn der Kronprinz nicht bis abends 11 Uhr (Sonntag) eine von Hitler formulierte Anschrift an die Presse gebe, die Loibls Mitteilungen als unwahr hinstellten. Der Kabinettschef sagte schließlich, Loibls Veröffentlichung entspreche den Tatsachen und es liege in Hitlers Verlangen ein Ultimatum und eine Zumutung. Graf Soden brach daher das Gespräch ab. Als Graf Soden dem Kronprinzen von dem Vorfall Mitteilung machte, lehnte dieser es ab, sich zu einer Erklärung drängen zu lassen, die, inhaltlich falsch, in der Öffentlichkeit den ebenso falschen Eindruck hätte hervorrufen müssen, als sei er in seiner Überzeugung von der Versehlthett des Volksbegehrens wankend geworden-
Tardieu und die Radikalen. — Maginot im neuen Kabinett.
Die Bemühungen Tardieus.
Paris, 2. Nov. Tardieu hat gestern nachmittag feine Beratungen im Hinblick auf die Kabinettsbildung begonnen und eine Reihe politischer Persönlichkeiten empfangen, darunter Senator Elemente!, Senator Jean Durand, Sarraut u. a. m. Nach einer Aeußerung des Abgeordneten Hesse soll Tardieu beabsichtigen, sechs Mitgliedern der Radikalen Partei Minister- posten anzubieten, während das „Journal des Dèbats" von sieben Portefeuilles spricht.
Paris, 2. Nov. Die Morgenhlätter berichten übereinstimmend, daß es in Tardieus Absicht liegt, die Radikalen in seine Mehrheit einzuschließen, die Maringruppe dagegen außerhalb seiner Mehrheit zu lassen. Ob die Mehrheit der Radikalen, deren Entscheidung heute vormittag fallen dürfte, sich gegen eine Beteiligung ihrer Mitglieder aussprechen wird, weiß man noch nicht. Der „Matin" bezweifelt sogar, daß einem ablehnenden Beschluß Folge geleistet werden würde. Die Zwischenfälle der letzten Tage haben, so schreibt „Matin", vielleicht die -Einheit des Handelns der Radikalen Partei in Frage gestellt. Jedenfalls ist eine Lage entstanden, die die Einheitlichkeit der Abstimmung der Partei gefährdet hat, so daß das Ministerium Tardieu mit der Zustimmung einer Anzahl Radikaler rechnen kann. Wenn die Radikalen nein sagen, dann wird Tardieu die notwendige Stimmenzahl für eine Mehrheit in derselben Weise wie seiner Zeit Poincarè im November 1928 bei der Marin-Gruppe suchen. Die Auslassungen fast sämtlicher Blät- ter lassen erkennen, daß Tardieu, auch wenn die Radikalen sich an der Kabinettsbildung beteiligen, die Gruppe Maginot in seine Mehrheit einbeziehen wird, und zwar dadurch, daß er Maginot vermutlich als Kolonialminister beibehält. Die Lösung der Krise wird für alle Fälle für heute abend erwartet. Die Stellungnahme der Radikalen Partei wird lediglich davon abhängen, von welcher Persönlichkeit das Innenministerium besetzt werden soll.
„Daily Herald" über die deutsch-englischen Beziehungen.
London, 2. Nov. Das Arbeiterblatt „Daily Herald" schreibt in einem Leitartikel über den „Geist des Friedens", der jetzt die Beziehungen zwischen dem deutschen und dem englischen Volk erfüllt: Die Zeichen dieser Eeistesänderung werden auf beiden Seiten in zunehmendem Maße sichtbar. Deutsche Rhodesschüler kommen wieder nach Oxford, englische und deutsche Schüler und Arbeiter besuchen gegenseitig ihre Länder. Das Buch „Im Westen nichts Neues" erhält eine überwältigende Aufnahme von feiten des britischen Volkes, und das Stück „Die andere Seite" wird warmherzig jenseits der Nordsee begrüßt. Der Weg zu einem dauernden und sicheren Frieden ist wieder beschritten. Es ist eine lange und mühsame Straße, aber diese sichtlichen Gegenseitigkeiten sind ein sicheres Vorzeichen, daß mit Geduld und Beharrlichkeit das Endziel erreicht wird. Das Blatt drückt den Wunsch aus, daß die „britische Legion" Herrn Remarques zu einem Essen am Waffenstillstandstage einlade. Dies würde sein „ein Akt der Gastfreundschaft, der das Herannahen des Tages sehr fordern würde, wo die Völker der beiden Nationen und der Welt auf die Schrecken der vom Kriege und von der Pestilenz heimgesuchten Vergangenheit zurückblicken und mit sicherer Zuversicht: Nie wieder! sagen".
Eine Jndienkrise in England.
London, 2. Nov. Der politische Korrespondent des „Daily Expreß" schreibt zu der wahrscheinlich am Donnerstag stattfindenden Jndiendebatte im Unterhaus, daß sich die Liberalen gegen die Erklärung des Vicekönigs ausgesprochen haben und da Baldwin jede Zustimmung, die er hier gegeben haben' mag oder nicht, zurückgezogen hat, kann gesagt werden, daß Macdonald einer Krise erster Größe gegenübersteht.
„©ruf ZeMlin" zur Schweizerfohrt gestattet.
Friedrichshafen, 2. Nov. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" ist heute vormittag kurz vor 10 Uhr mit 43 Passagieren an Bord bet ziemlich heftigem Nordostwind zu einer Fahrt über die Schweiz gestartet.