Arl-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 261 — 1929
Fulda, Mittwoch, 6. November
6. Zahrgang
Vrinz Max von Baden f.
Konstanz, 6. Nov. Prinz Max von Baden, der letzte kaiserliche Reichskanzler, ist heute früh im Alter von 63 Jahren um 5.45 Uhr gestorben.
Zum Tode des Prinzen Max von Baden.
Konstanz, 6. I^yv. Zum Tode des Prinzen Max von Baden erfahren wir, daß gestern abend %9 Uhr eine katastrophale Verschlimmerung im Befinden des Prinzen eintrat. Von 9 Uhr ab machte der Kräfteverfall so jähe Fortschritte, daß mit dem Ableben des Prinzen stündlich gerechnet wurde. Um %6 Uhr morgens ist der Prinz dann ruhig und ohne Schmerzen entschlafen
Die Ueberführung der Leiche wird nach Salem, dem letzten Wohnsitz des Prinzen, erfolgen. Die Beisetzung findet voraussichtlich in der dortigen Familiengruft am Freitag statt. Zur Beisetzung werden sämtliche Verwandte des Prinzen und seiner Gemahlin erwartet. Auch die frühere Großherzogin von Baden wird an den Beisetzungsfeierlichkeiten teilnehmen. Die Mutter der Prinzessin, die Herzogin von Cuniberland, ist am Dienstag in Konstanz eingetroffen.
Der letzte Kanzler des Kaiserreichs.
Ein seltsames Schicksal hat es gefügt, daß der letzte Kanzler des deutschen Kaiserreiches ein Prinz war. Ein Prinz freilich, der schon vor jenem 3. Oktober 1918, als er die schwere Last des neuen Amtes übernahm, mehrfach bereits liberalen Neigungen Ausdruck gegeben hatte. Deutschland kennt ihn als den Reichskanzler, unter dem der Zusammenbruch zur unvermeidlichen Gewißheit wurde. Der Prinz konnte nichts mehr retten, weil dieser Zusammenbruch unabwendbar geworden war. Deutschland kennt ihn aber auch als den Kanzler, unter dem auf Grund einer kaiserlichen Botschaft die Rechte des Parlaments derart erweitert wurden, daß damit die parlamentarische Negierungsweise festgelegt worden ist. Noch ist vieles ungeklärt, noch wird vieles ganz verschieden beurteilt, was in jener Zeit vom 3. Oktober bis zum 9. November 1918 geschehen, getan und versäumt wurde. Prinz Mar hat vor einigen Jahren selbst Erinnerungen herausgegeben, die vor allem die Zeit seiner Amtsführung behandeln.
In den fünf Wochen seiner Kanzlerschaft drängte sich alles zusammen, was das fernere deutsche Schicksal bestimmte. Auf seine Schultern wurde eine Last gelegt, die zu tragen wohl auch ein Stärkerer als ei nicht vermocht hätte Die äußeren Vorgänge sind bekannt: Vor dem 3. Oktober noch liegt der Zusammenbruch der Türkei und auch Bulgarien brach nieder. Es kamen die Versuche mit dem amerikanischen Präsidenten wegen des Waffenstillstandes zu verhandeln, — aber es war kein wirkliches Verhandeln mehr, weil Schritt um Schrift die deutsche Front im Westen zurückgehen mußte. Es kamen die Wilson-Noten, schließlich mit der Forderung, daß der Teutsche Kaiser abdanken müßte. Und dann vollendete sich das Geschick: Des Kaiserreiches letzter Kanzler, dessen Amtszeit auch kürzer gewesen ists als die aller seiner Vorgänger, mußte die deutschen Unterhändler hinaussenden in den Wald von Compiègne. Schon war die Revolution ausgebrochen, war die Forderung der Abdankung des Kaisers aufgegriffen worden. Auch die furchtbare wirtschaftliche Not'vermochte Prinz Max nicht zu meistern. In den letzten entscheidenden Tagen warf den verantwort- Uchen Leiter des Reiches auch noch Krankheit nieder. So fiel dem Ansturm das Kaisertum zum Opfer. Bekannt ist, daß der Reichskanzler von sich aus die Abdonkungscrklä- ning veröffentlicht hat, bevor in Spa noch die endgültige Entscheidung gefallen war. Aufzuhalten war sie doch nicht ^ehr. Und auf der anderen Seite soll nicht vergessen wer- daß Prinz Max die Absicht hatte, noch einmal das ”ante deutsche Volk zum Widerstand aufzufordern, als die tonje Furchtbarkeit dessen erkannt wurde, was die Entente Waffenstillstandsbedingungcn zu stellen entschlossen war.
~ , Um die Mittagsstunde des 9. November 1918 hat «<«3 Max als letzte Amtshandlitng den Führer der Sozialdemokratischen Partei, Fritz Ebert, zu seinem Nachfolger bestimmt. Auch das konnte nicht mehr verändern, daß wenig später die Republik ausgerufen wurde.
ist die Geschickte der Kanzlerschaft des Prinzen Mar non tiefster Tragik überschattet. Sein Kampf gegen das herannahende Schicksal war vergeblich und es ist heute putzig, darüber zu sinnen, ob vielleicht ein anderer den bang dieses Schicksals Hütte aufhalten oder gar wenden
Prinz MaxvonBaden war am 16. Juli 1867 als Sohn eines Bruders des früheren Großherzogs Friedrichs II. von Baden geboren. Er war vermählt mit Prinzessin Marie Luise von Braunschweig-Lüneburg, einer Angehörigen des Welfenhauses. Aus dieser Ehe entstammen zwei Kinder, für die Prinz Max aber im November 1918 auf die Erbfolge verzichtete. Er lebte seit 1918 meist auf seinen Besitzungen am Bodensee und beteiligte sich schriftstellerisch eifrig an der Bekämpfung der Kriegs-- schuldlüge.
Prinz Max von Bade«.
Die Trauerfeier für Fürst von Süloiv.
Kostbare Kranz- und Blumenspenden.
In Hämburg-Altona wehten am Dienstag die Flaggen der öffentlichen und vieler privaten Gebäude auf Halbmast. Aus allen Teilen des Reiches und auch aus dem Auslande waren bis zum letzten Augenblick eine j große Menge kostbarer Kranz- und Blumenspenden in der ; Elbvilla in Klein-Flottbek eingetroffen. Im Speisezimmer i der Villa war der Eichensarg aufgestellt. Die Feier wurde 1 eingeleitet mit der Vorlesung des Psalmes 90 und dem gemeinsam von der Trauergemeinde gesungenen Lied „Jerusalem, du hochgebaute Stadt. . .*. Darauf hielt Pastor Chalybäus-Nienstedtcn die Gedächtnisrede, welcher er das Wort aus dem 39. Psalm zugrunde legte: „Ich bin dein Pilgrim und dein Bürger wie alle meine Väter." Dieses Wort habe sich der Entschlafene, so führte der Geistliche aus, vor wenigen Wochen selbst aus seinen Grabstein gesetzt. In dieser Stunde grüße das Bibel- wort die Trauerversammlung als das Lebensbekenntnis des Verstorbenen, der, schon an der Schwelle des Grabes, die Summe seiner reifen und reichen Lebenserfahrungen in diese Worte zusammengeschlossen habe. Der Geistliche zeichnete sodann ein Bild von dem Werden und dem Wirken des verstorbenen Fürsten als Mensch und Staatsmann und bezeichnete den verstorbenen Fürsten nach dessen eigenen Worten als einen bewußten protestantischen Christen.
Nach der Gedächtnisrede sang die Trauerversammlung ein weiteres Lied, dem dann die Aussegnung folgte. Nach dem Chorgesang der vereinigten Männerchöre Altona „Über den Sternen" fand die Feier ihren Abschluß. Da- nach erfolgte die Überführung der Leiche nach dem Krematorium in Ohlsdorf, von wo die Asche des Verstorbenen dann in aller Stille auf dem Friedhof in Nienstedten beigesetzt wird, wo auch die Gattin des Fürsten ihre letzte Ruhestätte gefunden hat.
Bülows Vermächtnis für Hamburg.
Wie das „Hamburger Fremdenblatt" hört, hat Fürst Bülow dem Hamburger Staat seine erlesene Bibliothek für die Staats- und Universitätsbücherei und mehrere Bilder für die Kunsthalle vermacht.
Bürgermeisterwahl in Newyork.
Die Bürgermeisterwahlen haben den erwarteten Sieg des bisherigen Bürgermeisters Jimmy Walker ergeben. Abgesehen von den gegen Mitternacht noch ausstehenden 121 Wahldistrikten erhielten Walker 840 000, der Republikaner, La Guardia 360 000, der Sozialist Thomas 167 000 und der frühere Polizeipräsident Engight 6000 Stimmen. Die bemerkenswerte Zunahme der sozialistischen Stimmen bildet die Sensation des Wahltages. Die bisher höchste Stimmenzahl von 145 000 hatte der sozialistische Kandidat Hillquit im Jahre 1917 erreicht.
Wann kommt der Volksenifcheid?
Nachdem das Volksbegehren verfassungsmäßig erhoben worden ist, wird sich der Reichstag mit ihm als Gesetzesvorlage zu beschäftigen haben. Findet es nicht die Billigung des Reichstages, so muß das Volk zum Ent- scheid angerufen werden, und um den Termin dieseâ. Volksentscheides geht jetzt das große Rätselraten.
. Der Vorsitzende der deutschnationalen Reichstagsfrak- tlon, Graf Westarp, hat die Reichsregierung ersucht, darauf hinzuwirken, daß der Reichstag schon im R o v e m b e r zu sammentritt, damit der Volksentscheid nochvorWeih- nachten durchgeführt werden könne. Eine Verabschie- dung des Volksbegehrens dürfte sich, selbst bei frühzeitigem Wiederzusammentritt dès Reichstages, v o t- Weihnachten nur dann erreichen lassen, wenn es vor dem Boung-Plan zur Verhandlung gestellt wird.
Macdonalds Amerikareise.
Freundschaftliche Vorbesprechungen für die Fünf Mächtekonferenz.
Premierminister Macdonald gab im Unterhaus eine Erklärung über seine Reise nach den Vereinigten Staaten und Kanada ab. Er sagte, er habe Präsident Hoover, dem amerikanischen Kabinett, dem Senat und dem Repräsentantenhause für die Begrüßung zu danken, die sie ihm als Vertreter Großbritanniens zuteil werden ließtzen. Sie hätten ihre Ansicht mit ihm in offenherzigster Weise ausgetauscht. Er habe, als er seine Reise antrat, keine fertigen Abmachungen in der Tasche gehabt, sondern lediglich versuchen wollen, durch persönliche Fühlung neue Beziehungen zwischen den beiden Nationen herzustellen. Sein Besuch sei das Ergebnis der Besprechungen gewesen, die er im Sommer mit General Dawes hatte, der den Wunsch der amerikanischen Regierung nach Frieden und Wohlwollen verkörpere. Auch Hoover hätte erkannt, daß das gesuchte Übereinkommen nicht nur ein Übereinkommen zwischen ihnen selbst sein dürfe, sondern ein Übereinkommen, daß einer umfassenderen Wirkung bedürfe, und daß die endgültige Regelung von der Fünfmächtekonferenz abhängen werde. Die in Betracht kommenden Mächte würden von ihrem eigenen Standpunkt aus viel über das Flottenproblem zu sagen haben. Sie hätten beschlossen, daraus zu bringen, das vorher mehr oder weniger informelle Besprechungen zwischen diesen Mächten eingeleitet werden sollen, damit vor Zusammentritt der Konferenz nach Möglichkeit alle Schwierigkeiten überwunden seien, über ein Flottenabkommen hinaus bestehe der Wunsch, es jedermann klar zu machen, daß in den gegenseitigen Beziehungen der Kellogg-Pakt ein realer Faktor sei. Die Vereinigten Staaten hielten an der historischen Politik fest, sich von den Verwicklungen der A l t e n Welt freizuhalten. Daher gehörten sie dem Völkerbund nicht an. England werde dagegen seine Verpflichtungen gegenüber dem Völkerbund loyal erfüllen. Auf keiner der beiden Seiten sei irgendein Versuch unternommen worden, diese Tatsachen zu ändern. Im Verlaufe der Besprechungen habe Hoover einige der größeren historischen strittigen Fragen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien, wie z. B. die Rechte "xr Kriegführenden und die der sogenannten befestigten Stützpunkte usw. aufgeworfen. Sie seien übereingekommen, diese Fragen gegenseitig zu prüfen.
Die deutsche Liga für Menschenrechte mißbilligt die Massenhinrichtungen in Rußland.
Berlin, 5. Nov. Zu den jüngsten Maffenerschießungen in Rußland erläßt die deutsche Liga für Menschenrechte eine Erklärung, in der sie es ablehnt, nach Entschuldigungen für die Masienhinrichtungen russischer Staatsbürger zu suchen,' zumal da diesen nicht einmal das elementarste Menschenrecht zugebilligt wurde, vor ein ordentliches Gericht gestellt zu werden. Die Liga erklärt die Erschießungen deshalb für eine durch nichts zu rechtfertigende Barbarei und erhebt gegen diese nachdrücklichst Protest.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Im Rechtsausschuß des Reichstages kam es zu einem Konflikt zwischen Zentrum, Bayerischer Volkspartei und dem übrigen Regierungsparteien. Die beiden katholischen Parteien verließen den Sitzungssaal mit der Erklärung, Jie könnten sich vorläufig an den Verhandlungen nicht weiter beteiligen.
* Ueber den Inhalt der zu erwarteenden französischen Regierungserklärung schreibt ein Pariser Blatt, Tardieu werde erklären, daß er die von Briand verfolgte Friedens- und Annäherungspolitik weiter betreiben wolle.
* Der Reichsernährungsminister versprach, in kurzer Zeit eine Konserenz mit den Ländern abzuhalten zu Beratungen über die Futtermittelnot der Landwirtschaft.
* Prinz Max von Baden, der letzte Kaiserliche Reichskanzler, ist heute früh im Alter von 63 Jahren gestorben.
* In Fürth begann der Prozeß wegen der Siegelsdorfer Eisenbahntatastrophe, bei der 24 Menschen den Tod fanden.
* Rumänien hat mit Frankreich einen Vertrag abgeschlosien, durch den Rumänien sich verpflichtet, nach Frankreich 10 000 Industriearbeiter zu entsenden, die zum großen Teil in der Schwerindustrie beschäftigt werden sollen.
* Gestern erfolgte, nachdem die vulkanische Tätigkeit in Guatemala etwas nachgelassen hatte, ein neuer starker 'Ausbruch. Man nimmt an, daß bisher 300 Personen getötet und 200 verletzt wurden.
* Bei dem großen Fabrikbrand in Berlin-Moabit, den die Feuerwehr mit 18 Rohren von einem Löschboot aus bekämpfte sind zwei Gebäude vollständig ausgebrannt. Der Schaden ist sehr bedeutend.
* Gegen den früheren Direktor der Frankfurter Versiche- rungs-A.G.. Sauerbrey, ist von der tschechoslowakischen Be- Ä»Ä"XÄ^ ""' "â'""«- °"