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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 266 1929

Fulda, Dienstag, 12. November

6. Zahrgang

Curtius und Moldenhauer ernannt.

Zwei neue Reichsminister.

Der Reichspräsident von Hindenburg hat auf Vor­schlag des Reichskanzlers Dr. Curtius unter Ent­hebung vom Amte des Reichstvirtschaftsministers zum Reichsaußenminister und Professor Dr. Molden-, Hauer zum Reichswirtschaftsminister ernannt. Die end­gültige Berufung des Reichsministers Dr. Curtius zum Nachfolger Dr. Stresemanns stand seit seiner Betrauung mit den Geschäften des Außenministeriums fast fest, während der ibn im Reickiswirtscbaftsministerium er-

Dr. Curlius,

^ Neumünster oesâßâ

setzende Dr. Moldenhauer schließlich unter mehreren bis­her genannten Anwärtern erst in den letzten Tagen in den Vordergrund trat.

Die offizielle Stimme der Deutschen Volkspartei, der beide Minister .angehören, die Nationalliberale Korre­spondenz, bemerkt zu der Ernennung, diese sei eine sichere Gewähr für die Fortführung der bisherigen politischen Linie des Reichskabinetts durch einfache Ergänzung der frei gewordenen Ministersitze, zum anderen liege darin der Verzicht auf eine allgemeine Umstellung, gegen die sich unter den obwaltenden Umständen sehr vieles hätte an­führen lassen. Mit der Berufung Dr. Curtius' zum Leiter des Reichsaußenministcriums, das er schon interimistisch verwaltete, sei ein Wunsch des verstorbenen Reichsaußen- ministcrs erfüllt worden. Stresemann habe in dem per­sönlichen Freund und engen politischen Gesinnungs­genossen Dr. Curtius schon seit langem einen geeigneten Nachfolger gesehen.

Dem neuen Wirtschafts-Minister

wird nachgerühmt, daß er im Reichstag und noch mehr in feiner Fraktion als Bearbeiter wirtschaftlicher und sozialer Fragen hervorgetreten sei. Er wisse, daß W i r t s ch a f t s - und Sozialpolitik eine unzertrennbare Einheit bildeten. Ebensosehr wie die Entwicklung der Wirt­schaft die Betonung des sozialen Gedankens notwendig mache, hänge die Durchführung und Sicherung aller sozia­len Maßnahmen von der Prosperität der Wirtschaft ab. Zu diesem Gedanken bekenne sich Dr. Moldenhauer.

*

Dr. Moldenhauer

war bisher Professor an der Universität Köln. Er ist evan­gelisch. Nach dem Studium der Rechts- und Staatswissen­schaften in Bonn und Göttingen promovierte er 1899 in Göt­tingen und erlangte das Diplom für Versichcrungssachver- ständige. Nach mehrjähriger praktischer Tätigkeit bei Ver­sicherungsgesellschaften habilitierte er sich 1901 an der Handels­hochschule in Köln als Privatdozent für Versicherungswissen­schaft und unternahm längere Studienreisen in die ver­schiedensten überseeischen Länder. Professor Moldenhauer steht im 53. Lebensjahre, war Mitglied der Preußischen Per- sasfunagebenden Landesversammlung und ist seit 1920 Mit­glied des Reichstages.

Die Berliner Presse zu den neuen Reichs­ministern.

DieGermania" begrüßt es, daß im Hinblick auf die in Kürze beginnende Zwischentagung des Reichstages u. angesichts der außenpolitischen Verhandlungen das Reichskabinett wieder vollzählig beisammen ist. Die langjährige Zusammenarbeit mit Dr. Stresemann in der Reichsregierung und die Teilnahme an der Haager Konferenz haben Dr. Curtius mit den schweben­den außenpolitischen Fragen,wie man annehmen darf, in weitem Umfange vertraut gemacht." Den neuen Wirtschafts- Minister weist das Blatt darauf ihn, daß eine sachlich orien­tierte und auf das Gesamtinteresse der Wirtschaft abzielende Tätigkeit ihn allein zum erfolgreichen und gerechten Sach­walter der deutschen Wirtschaft machen könne.

DieVossische Zeitung" erklärt: Curtius wird im Haag sicherlich aus eigenem Wollen und eigener Ueberzeugung der Vollstreckung des politischen Testaments Stresemanns sein, das zwar nicht niedergeschrieben, aber seinem Nachfolger genau bc- ist. Für Dr. Moldenhauer ist anzuführen, daß er inner- der Deutschen Volkspartei zu den besonnenen Vertretern oer Realpolitik gehört, die ein stark ausgeprägtes Gefühl für das Staatsintercssc haben.

ImBerliner Tageblatt" heißt es: Curtius begnügte sich zwar im Haag mit einer zweiten Rolle; aber es war doch nicht zu verkennen, daß er außer Stresemann eine der wert­vollsten Stützen der deutschen Delegation gewesen ist, und daß er sich mit seiner kühl besonnenen und verbindlichen Art, mit seiner Sachlichkeit und seiner guten Kenntnis der Materie auch in den fremden Delegationen Sympathie erworben hat. Professor Moldenhauer ist ebenfalls als ein Anhänger Strese­manns bekannt. Er dürfte auf seinem neuen Posten besonde­res Interesse für sozialpolitische Fragen zeigen, so daß das Verhältnis, das er zu dem sozialdemokratischen Reichsarbeits­minister Wissell gewinnen wird, wohl von besonderer Bedeu­tung für die neue Konstellation im Kabinett wird.

DieDeutsche Tageszeitung" sagt: Die Landwirtschaft wird, diesen doppelten Ministerwechsel mit einigermaßen gemischten Gefühlen betrachten müssen. Sie hat den Wirtschaftsminister Dr. Curtius sehr häufig und in kritischen Momenten sehr ent­schieden auf der gegnerischen Seite gesehen. Wenn jetzt der Leiter dieses Ministeriums das Auswärtige Amt übernimmt, und gleichzeitig ein Mann seiner Richtung und Einstellung ihm in seinem alten Ministerium folgt, so ergibt sich daraus eine Gleichrichtung in der Haltung der beiden für die Gestaltung der Handelspolitik ausschlaggebenden Ministerien. In einer Zeit, in der so schwerwiegende und folgenschwangere Ereig- nisse im Werden sind, wie der polnische Handelsvertrag, wirken daher diese Personalveränderungen doppelt skeptisch. Zu der Ernennung Moldenhauers erklärt dieKreuzzeitung": Wir wollen Hosen, daß der nunmehr ernannte Reichswirtschafts­minister sein Ressort unbeschwert von den Zufälligkeiten partei­politischer oder koalitionsbedingter Taktik nach den weiten Ge­sichtspunkten der deutschen Wirtschaft und mit Festigkeit gegen­über allen Aspirationen eines überspannten Erfüllungswillens auf sozial- und reparationspolitischem Gebiet vertritt.

Französische Pressestimmen.

Paris. 12. Roo. vo^Hr., Gurtius zum,

Reichsaußenminister schreibtPeuple": Man kann mit dieser Ernennung zufrieden sein. Die Locarno-Politik wird unter Dr. Curtius in der Stunde fortgesetzt, in der die Endentschei­dung getroffen wird.Homme Libre" schreibt: Dr. Curtius wird die Politik Stresemanns fortsetzen und den anderen euro­päisch denkenden Staatsmännern helfen, das Werk von Lo­carno zu vollenden. Er wird in dem neuen Reichswirtschafts­minister Dr. Moldenhauer einen treuen Mitarbeiter bei der Regelung der schwebenden Fragen haben, die sich aus der end­gültigen Annahme des Poungplanes ergeben. Durch diese Er­nennungen hat Deutschland bewiesen, daß es der Arbeit für den Frieden und den Grundsätzen von Locarno treu bleibt. AuchEcho de Paris" ist überzeugt, daß Dr. Curtius die Poli­tik Stresemanns fortsetzen werden wird.

Professor Dr. Moldenhauer, der neue Reicb8wi?tschastsministcr.

f^ Die Unterredung HoeschBriand.

Paris, 12. Nov. Ueber die gestrige Unterredung des deut­schen Botschafters mit Briand berichtetMatin": Man kann annehmen, daß der deutsche Botschafter auf Grund der kürz- i lich abgegebenen Erklärungen Tardieus und Briands in der j Kammèr über die Räumungsfrage beauftragt worden ist, die französischen Minister um gemeinsame Aufklärung zu bitten. In Berlin hat man den

Sinn der Rede Tardieus bekanntlich verkannt.

Ein Teil der Presse hat vor allem geglaubt, ihn dahin ver­stehen zu sollen, daß nach Ansicht des Ministerpräsidenten der Zeitpunkt des 30. Juni 1930, der im Haag für das Ende der Besetzung der 3. Zone vorgesehen war, nicht mehr in Frage kommen könne. Briand hat Herrn von Hoesch darauf hinge­wiesen wofür ja auch die intJournal officiel" erschienenen Bericht sprechen, daß" Tardieu keine von der seinigen ab­weichende Ansicht habe. In den Erläuterungen haben der Ministerpräsident und der Außenminister klar und überein­stimmend zum Ausdruck gebracht, daß die Räumung erst nach Ingangsetzung des Poungplanes beginnen könne und der Mi­nisterpräsident habe hinzugefügt, daß man, wenn die Bedin­gungen erfüllt seien, räumen werde, ohne die Dinge in die Länge zu ziehen. Der deutsche Botschafter hat hinzugefügt, daß es in diesem Falle von Interesse wäre, die Formalitäten des Verfahrens zu beschleunigen und an die schnelle Einbe­rufung der 2. Haager Konferenz zu denken, damit die In­kraftsetzung des Roungplanes nicht verzögert werde.

Vertagung in Baden.

Die Verhandlungen um die Neparationsdank.

Die für Montag angesetzte Vollsitzung des Organifa- tronsausschusses der B. J. Z. ist uncrwarteterweife ver­tagt worden. Die französischen Vertreter hatten wissen lassen, daß ihnen eine zweitägige Unterbrechung der Ver­handlungen sehr erwünscht wäre. Sie wollten die noch unerledigten Punkte der Treuhandverträge in Ruhe vor­bereiten. Diese Frage hat schon in den Verhandlungen der letzten Woche ziemlichen Raum eingenommen, jedoch hatte man gehofft, mit ihr am Sonntag zu Ende zu kommen. Da der zweite französische Hauptvertreter Quesnay in Paris weilt, darf man vermuten, daß er sich bei der neuen französischen Regierung über diese Frage unterrichten will.

*

Besprechungen bei Tardieu.

Paris, 12. Nov. Ministerpräsident Tardieu hatte gestern nachmittag, nachdem er vormittags mit den französischen Dele­gierten beim Organisationsausschuß für die internationale Zahlungsbank Moreau und Quesnai verhandelt hatte, mit den Ministern Briand, Chèron und Loucheur eine Unterredung, zu der der Gouverneur der Bank von Frankreich, Moreau und ein hoher Beamter des Finanzministeriums hinzugezogen waren. Sowohl vom finanziellen wie vom diplomatischen Standpunkt aus sind alle die Reparationen betreffenden Fragen behandelt worden, vor allem der Stand der Arbeiten des Sachverstän­digenkomitees, der Statutenplan der Zahlungsbank sowie die Vorbereitung der 2. Haager Konferenz.

Der Waffenstillstandstag in England und in den Vereinigten Staaten.

Anläßlich des Waffenstillstandstages sagte Präsident Hoover in einer Rede, daß auch heute noch die Welt von Waffen starre, Furcht und Mißtrauen zwischen den Völkern herrschten. Deshalb stelle er schon, jetzt zur Seeabrüsiungskonserenz im Januar den Vorschlag zur Debatte, daß Schiffe mit Nahrungs­mitteln genau wie Lazarettschiffe in Kriegsfällen unbelästigt verkehren würden. Das würde die Kriege stark beschränken, wenn nicht ganz verhüten.

In England wurden ebenfalls aus Anlaß des Waffenstill­standstages in vielen Städten Versammlungen abgehalten, in denen hervorragende Persönlichkeiten Ansprachen hielten. Henderson sagte in einer Rede:Wir haben unsere Truppen aus dem Rheinland zurückgezogen, weil es mit dem Kellogg- Pakt unvereinbar ist, daß wir das Gebiet einer anderen Macht besetzt halten.

Deutsch-österreichische Anschluhkundgebung.

Die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Landsmann­schaften in Berlin und der Österreichische Volksbund ver­anstalteten gemeinsam im Plenarsaal des Reichstages eine deutsch-österreichische Anschlußkundgebung. Reichstags­präsident Paul L ö b e , der die Erschienenen begrüßte, streifte dabei auch die schwierige innenpolitische Lage in Österreich, die in engem Zusammenhang mit der wirt­schaftlichen Lage stehe, und warnte vor allem, was geeignet sein könnte, die Lage noch mehr zu verschärfen. National­rat Prälat D. Drexel (Vorarlberg) sprach überÖster­reich zehn Jahre nach dem Friedensschluß". An der Kundgebung nahmen der österreichische Gesandte in Berlin, Dr. Frank, und zahlreiche Vertreter des politischen- und wirtschaftlichen Lebens teil.

Riesenunterschlagung in den Vereinigten Staaten.

Flint (Michigan), 12. Nov. Zehn Angestellte der Union Jndustrial-Bank haben eingestanden, der Bank gehörige Gelder in Höhe von 3 592 000 Dollar zu Spekulationen an der Börse be­nutzt zu haben. Der Nettoverlust dürfte 2 Millionen Dollar betragen, doch wird sich der Verlust durch die Versicherung wahrscheinlich erheblich vermindern. Dieser Fall wird als die größte Unterschlagung in der Geschichte der amerikanischen Banken bezeichnet.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Der bisher provisorisch mit der Leitung des Reichsaußen­ministeriums betraute Dr. Curtius ist befinitin zum Reichs­außenminister ernannt worden. Als neuer Reichswirtschafts­minister wurde Professor Dr. Moldenhauer berufen.

* In Lübeck fanden die Neuwahlen zur Bürgerschaftsver- sammluvg statt. Besondere Erfolge errangen dabei die Natio­nalsozialisten, die zum erstenmal sechs Akandate erhalten. Der Hanseatische Volksbund verlor sieben Mandate. ,

* Die Verhandlungen über die Internationale Dank in Baden-Baden wurden aus französische Wünsche bezüglich der Treuhändereinrichtung aus kurze Frist vertagt.

* Bei der gestrigen Unterredung HoeschBriand hat nach demMatin" Briand darauf hingewiesen, daß er sowie der Ministerpräsident klar und übereinstimmend gesagt hätten, daß die Räumung erst nach Ingangsetzung des Poüngplanes be­ginnen könne.

* Anläßlich des Waffenstillstandstages wurden in Frank­reich, England und Amerika Kundgebungen veranstaltet. Prä­sident Hoover betonte bei einer Rede, dâß auch heute noch die Welt von Wassen starre. Bei einer Rede in London sagte Hen­derson, daß England die Truppen aus dem Rheinland zurück­gezogen habe, da die Besetzung mit dem Kellogpakt unverein­bar sei.

* In den Vereinigten Staaten wurden bei einer Bank Un­terschlagungen in Höhe von 3 592 000 Dollar ausgedeckt.