ul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 270 — 1929 jawwaK^w himih-iT.
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6. Jahrgang
Fulda, Samstag, 16. November
Snowdens antideutsche Haltung.
England hchAi deutsches Eigentum.
Rückgabe schroff abgelehnt.
Der englische Schatzkanzler Snowden hat einen offiziellen Brief an den deutschen Botschafter in London gerichtet. Snowden teilt mit, dem von der deutschen Regierung gestellten Anspruch auf bedingungslose Rückgabe alles während des Krieges beschlagnahmten deutschen Privateigentums, das noch nicht liquidiert ist, könne nicht entsprochen werden. Es liege im Interesse Deutschlands, das bei Besprechungen zwischen deutschen und britischen Sachverständigen im Londoner Handelsamt angeregte Verfahren so bald wie möglich anzunehmen, um die Durchführung der Empfehlungen zu erleichtern, welche die Väter des Uoung-Plans angedeutet haben. Sonst müsse die augenblicklich eingestellte Liquidation des deutschen Eigentums vielleicht wieder ausgenommen werden.
Diese Mitteilungen stehen in ziemlichem Gegensatz zu den englischen Versprechungen im Haag, nach denen das noch nicht liquidierte deutsche Eigentum bedingungslos freizugeben sei. Erst später haben das englische Schatzamt und das Handelsamt erhebliche Vorbehalte gemacht, so daß das anfängliche Entgegenkommen stark an Wert verlor. Snowden lehnt auch die vom Deutschen Reich erhobenen Ansprüche auf Rückzahlung der erzielten Überschüsse beim Verkauf des deutschen Eigentums ab. Der Gesamtbetrag der deutschen Forderung wird von Snowden auf etwa 23 Millionen Pfund geschätzt. Die auffällige und schroffe Stellungnahme des englischen Schatzkanzlers hat in Berlin überaus befremdet.
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Im Unterhause stellte der Abgeordnete Mac P h e r s 0 n die angekündigte Anfrage an den Präsidenten des Handelsamtes, ob er nach der Bestimmung des Vertrages von Versailles angeben könne, wieviel von dem Erlös des beschlagnahmten deutschen Privateigentums zut Befriedigung privater britischer Forderungen an Deutschland oder deutsche Bürger verwendet worden sei. Der Präsident des Handelsamtes, Graham, erwiderte, die Summe der Einnahmen durch das deutsche Privat
Wo steckt der neue
Die Serienmorde in Düffeldorf.
Spuren, auf die der Mörder wies.
Die Frauenmorde und die vielen Angriffe, die in den letzten Monaten in Düsseldorf auf Frauen verübt worden sind, sind noch immer nicht aufgeklärt. Es herrscht darum in der Rheinstadt eine berechtigte Erregung, die von Tag zu Tag wächst. Man weiß noch immer nicht genau, ob man es mit mehreren Mordbuben oder mit einem Massenmörder zu tun hat. Inzwischen hat der Mörder oder, sagen wir vorsichtshalber einer der Mörder, in einem Brief, den er an eine Zeitung richtete, in zynischer Weise selbst auf gewisse Spuren hingewiesen.
In dem Briefe war angegeben, datz in der Nähe des Gutes Papendell bei Düsseldorf ein weiteres Opfer vergraben sei. Man hatte diesem Briefe, den man für eine Irreführung hielt, anfangs keine Bedeutung beigemessen. Nach der Veröffentlichung des Briefes aber übergab der Verwalter des Gutes der Polizei eine Handtasche mit einem Schlüsselbund, die er schon im Au gust gefunden, damals aber achtlos beiseitegelegt hatte. Die Düsseldorfer Polizei hatte dann in den Zeitungen Abbildungen der vier Schlüssel veröffentlicht. Daraufhin meldete sich die Frau eines in Düsseldorf lebenden Schriftstellers, die die Schlüssel einwandfrei als die ihres am 11. August verschwundenen Hausmädchens Maria Hahn erkannte. Das Verschwinden des Mädchens war seinerzeit der Polizei gemeldet worden, aber man scheint es damals nicht mit der Mordserie in Verbindung ge- bracht zu haben. Dem Mädchen war von dem Schriftsteller gekündigt worden, weil es in Prostituiertcnkrcisen verkehrte. Nach der Kündigung hatte es das Haus verlassen und ist seit damals nicht mehr gesehen worden. Es bestand nun kein Zweifel mehr darüber, daß das Mädchen tatsächlich einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Es wurden auf den Feldern bei Papendrll sofort Grabungen veranstaltet und man hat nunmehr die Leiche der Maria Hahn gefunden.
Es verdient noch erwähnt zu werden, daß der an die Zeitung gerichtete Brief des Mörders auf unbedrucktem Zeitungspapier geschrieben war. Es handelt sich um Papier, das bereits durch eine Rotationsmaschine gelaufen ist. wie man an den Spuren erkennt, die die Greifer der Maschine in dem Papier zurückgelassen haben. Es ist also Zeitungspapier, das beim Anlaufen der Maschine absällt And als Makulatur verkauft wird. Man sticht nun die Druckmaschine, durch die das Papier gelaufen ist, zu ermitteln.
Wie der Mörder seine Opfer ins^aru lockte.
. Richt ganz unwichtig ersche'nt die Mitteilung, ddß die ?"usangestellte Maria Hahn mit der in Ober- r a l s e l ermordeten Angestellten Reuter bekannt ge«
eigentum bis zum 31. August 1929, an dem die Liquidation im Hinblick auf die schwebenden Verhandlungen mit der deutschen Regierung eingestellt worden sei. betrage nach der Rückstellung gewisser Reserven 55 750 000 Pfund Sterling. Von diesen Geldern seien 38 500 000 Pfund । Sterling zur Begleichung britischer Forderungen an die deutsche Regierung oder an deutsche Reichsangehörige verwendet worden. Es könne zugegeben werden, daß nur noch weitere 3 000 000 Pfund Sterling für diese Zwecke erforderlich seien. Die tatsächliche Höhe desjenigen, was i von England noch beansprucht würde, hänge aber von den Entscheidungen des gemischten Schiedsgerichts ab.
Mac phersons Freigebungsantrag.
Für den von dem Abgeordneten MacPherson vorbereiteten Antrag zur bedingungslosen Freigabe des nicht liquidierten deutschen Eigentums sind mindestens hundert Unterschriften von Unterhausabgeordneten gesammelt worden. Darunter befinden sich maßgebliche Persönlichkeiten aller drei Parteien. Die Zusammenstellung der Liste, die sich noch durch weitere Unterschriften verlängert. wird in aller Kürze erwartet. Dann soll sie veröffentlicht werden. Snowden hat sich mit einem Brief an den deutschen Botschafter in schroffen Gegensatz zu dem Antrag gestellt.
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Englische Matter über die Wirkung Der G Haruns Snowdens.
London, 16. Nov. „Daily Herald" und „Morning Post" berichten über die tiefe Verstimmung, die die Erklärung Snowdens über die Haltung Großbritanniens in der Frage des : liquidierten deutschen Eigentums in Berlin hervorgerufen hat. Während der Korrespondent des „Daily Herald" von der „feindseligen Entscheidung Snowdens"^.spricht, bemerkt der Korrespondent der „Morning Post" man weise darauf hin, daß die Verhandlungen weiter im Gange seien, und man erwarte nicht, daß sie nunmehr plötzlich zu Ende gehen werden. Beide Blätter führen Stimmen der deutschen Presse, besonders der Linkspresse an, in denen große Enttäuschung zum Ausdruck kommt, sowie die Mitteilungen der Blätter über die Abänderung der Haltung Snowdens, der noch vor wenigen Jahren die Beschlagnahme des deutschen Eigentums eine „skandalöse Verletzung des Völkerrechts" nannte.
wesen sein soll. Merkwürdig erscheint weiter, daß beide gesprächsweise mehrfach geäußert haben, daß sie eine guteStelleinHolland in Aussicht hätten. Wahrscheinlich hat der Täter den Mädchen versprochen, ihnen in Holland eine Stellung zu besorgen, um sie vertrauens- selig zu machen. Sollten sich diese Zusammenhänge bewahrheiten, so dürfte für diese beiden Morde ein und derselbe Täter in Frage kommen.
Eine Kartenskizze des Mörders, auf der von ihm der Ort eingetragen ist, an dem er eine Leiche vergraben bat. Die Skizze hat der Mörder an eine Düsseldorfer Zeitung gesandt.
Bon Kardorffzurdentsch-srllnzöMen AnnffherungspoütiN,
Parts, 16. Nov. Reichstagsabgcordncter v. Kardorfs erklärte einem Vertreter des „Excelsior" zur deutsch-französischen Annäherungspolitik: Ich bin der Ansicht, daß die Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen für den Frieden Europas und auch für die Welt notwendig ist. Im. gemeinsamen Interesse der Völker halte ich es für notwendig, nicht nur auf politischem, sondern auch auf finanziellem, wirtschaftlichem und auf dem Gebiete der Währung diese Verständigung fortzusetzen. Die Annäherung, für die ich eintrctc, wird heute fast einstimmig von der öffentlichen Meinung für notwendig erachtet. Wir wollen eine Politik der Zusammenarbeit der 4 europäischen Großmächte Deutschland, Frankreich, England und Italien schaffen, um jede Kriegsgefahr zu verhüten Da die große Mehrheit unserer Landsleute der Ansicht ist, daß die von Dr. Stresemann erzielten Ergebnisse eine Garantie für die Zunkunst bilden und daß die Räumung des Rheinlandes wahrscheinlich fristlos vertagt werden würde, wenn Deutschland seine Haltung änderte, werden wir — davon bin ich überzeugt — die gleichen Richtlinien weiter verfolgen.
Gute und schlechte Sitten.
Respekt vor dem Rathaus. — Von Haus und Hof vertrieben.
In den Sitzungssälen unserer Stadtverordnetenversammlungen ging es vielfach, unmittelbar vor den Neuwahlen zu den kommunalen Körperschaften, recht hoch her. Immer häufiger lösen sich alle Bande frommer Scheu, so daß die Versammlungsleiter sich nicht anders zu helfen wissen, als durch hurtige Flucht vor nicht zu bändigenden Stadtverordneten den Abbruch der Beratungen herbeizuführen. Die Polizei in solchen Fällen herbeizurufen, wie das ja im Reichstag schon das eine oder das andere Mal geschehen ist, dazu mögen sich die Vorsteher dieser parlamentarischen Gebilde doch nicht entschließen, weil es nun einmal zu den Überlieferungen des deutschen Bürgertums gehört, daß die bewaffnete Macht in den städtischen Ratsstuben nichts zu suchen habe. Die Verhältnisse, unter denen heute die sogenannten Stadtväter tagen und arbeiten müssen, haben sich freilich gegen früher von Grund aus geändert. Heute gehören bewußte und mit rücksichtsloser Entschlossenheit durchgeführte Störungen öffentlicher Verhandlungen leider schon zu den alltäglichsten Dingen während zu Großvaters Zeiten der allgemeine Respekt vor jeglicher Amtsausübung in den Rathäusern die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung auch in den Stadtverordneten- sitzungen ganz von selbst gewährleistete. Wie lange wird diese gute alte Tradition sich wohl noch behaupten lassen? Einzelne deutsche Parlamente sind schon zu mehr energischen Schutz- und Strafmaßnahmen gegen ungebärdige Abgeordnete übergegangen, weil anders sachliche Arbeit überhaupt nicht mehr zu leisten war. In den Rathäusern wird man wahrscheinlich auch bald in den gleichen sauren Apfel beißen müssen, weil ja schließlich die Unbotmäßigkeit gewisser Elemente doch einmal auf irgendeine Art und Weise gebrochen werden muß. Oder darf man sich etwa dem holden Wahn hingeben, daß wir nach den Neu- tvahlen von selbst wieder zu gesitteteren Zuständen kommen wcrsey?
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Aber freilich. Wie klein müssen uns diese Sorgen und Probleme erscheinen im Vergleich zu den Enthüllungen, die durch das plötzliche Auftauchen von zwölftausend bäuerlichen Sibirien-Deutschen vor den Toren der russischen Hauptstadt vor den Augen der Welt emporgestiegen sind! Unfaßbar für jedes menschliche Herz und Hirn, daß gerade der Staat, der neben Arbeitern und Soldaten als Dritten im Bunde die Bauern als die eigentliche, ja als die ausschließliche Grundlage seiner gepriesenen Sowjetgemeinschast verzeichnet, hier die ganze Brutalität seiner Verwaltung dazu aufbietet, um viele Tausende des besten Menschenmaterials über das er in seinen entlegenen Dörfern verfügt, von Haus und Hof zu vertreiben und sie mit verschränkten Armen der nackten Verzweiflung preiszugeben. Und so erlebt jetzt die Welt das schreckensvolle Schauspiel daß in Moskau selbst, wo doch schließlich die verantwortlichen Staatslenker der Räterepublik beisammen sind und wo noch am ehesten umfassende oder doch zum mindesten notdürftige Hilfsmaßnahmen für diese erbarmungswürdigen Menschen zu ermöglichen sein müßten, sich keine Hand, kein Finger rührt, sei es auch nur, um die Frauen und Kinder, die Greise und Kranken vor völligem Untergang zu bewahren. Während nun das wirklich arm genug gewordene Deutsche Reich sich zu einer großzügigen Hilfsaktion anschicken muß, weil schließlich, nach dem berühmten englischen Sprichwort, Blut doch dicker ist als Wasser Wir werden tun, was wir tun können. Wir müssen sogar damit rechnen, daß auf die Kunde von diesem Liebeswerk immer neue Scharen deutschstämmiger Bauern, die sich in nicht weniger schlimmer Lage befinden als ihre schon abgewanderten Brüder und Schwestern, diesen nachfolgen und mit den gleichen Erwartungen der deutschen Grenze zuströmen werden.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* In einem offiziellen Schreiben an den deutschen Botschafter in London lehnt der englische Schatzkanzler Snowden die Rückerstattung der Liquidationsüberschüsse aus dem beschlagnahmten deutschen Eigentum ab.
* In einer Rede betonte der Führer des Zentrums, Prälat Kaas, bei allem Willen zur Verständigung müsse jetzt die Grenze des deutschen Entgegenkommens gegen die Auslandssorderungen als erreicht betrachtet werden.
* Reichstagsabgeordneter von Karderff (DVPk) erklärte einem Vertreter des „Excelsior" zur deutsch-französischen Annäherungs-Politik: Wir wollen eine Politik der Zusammenarbeit der vier europäischen Großmächte Deutschland, Frankreich, England und Italien schaffen, um jede Kriegsgefahr zu verhindern.
* Zur Aufnahme der Saarverhandlungen bemerkt das „Journal", daß nach Beilegung der Regierungskrise kein Grund mehr vorhanden ist, die Angelegenheit weiter zu verschieben, und man kann annehmcn, daß die deutsche und französische Delegation ihre Arbeiten bereits in der kommenden Woche aufnehmen werden.
* In der Sklarek-Sachc hat der Verteidiger des Buchhalters Lehmann die Vernehmung des Oberbürgermeisters Böß, der von Lehmann von neuem bezichtigt worden ist, beantragt.
* In der Nähe von Düsseldorf fand man die Leiche einer ermorberten Frau an einem Orte, auf den der Mörder selbst in einem an eine Düsseldorfer Zeitung gerichteten Briefe hinae- wiesen hatte.
* Fast 6 Wochen früher als gewöhnlich hat der Winter in Frankreich seinen Einzug gehalten.