Fuldaer Anzeiger
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Nr. 272 -^1929
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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
Zul-a- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt
Re-aktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ♦ Zernsprech-^nschluß Nr. 984
Nachdruck der mit * »ersehenen Betitel nor mit GpeUrvangobr.Znldaer fin-etger' -»statte«.
Fulda, Dienstag, 19. Noo mber
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6. Jahrgang
Der Ausfall der llommunalwahlen.
Sie neuen Provinziallandtage in Preußen.
Provinz Brandenburg.
Sozialdemokraten 31 (32 bei der vorigen Wahl), Kommunisten 8 (9), Wirtschaftspartei 6 (5), Block der Mitte 4 (6), Brandenburgische Heimatliste 27 (35), Deutsche Volkspartei 6 (6), Nationalsozialisten 5 (4, dabei 3 Völkische).
Provinz Pommern.
Es erhalten die Deutschnationalen 31 Sitze (37), die Sozialdemokraten 24 (20), Deutsche Volkspartei 4 (5), Kommunisten 5 (4), Demokraten 3 (3), Wirtschaftspartei 4 (3), Deutschvölkische 0 (3), Nationalsozialisten 4 (0).
Grenzmark Posen-Westpreutzen.
Zentrum 9 (9), S. P. D. 6 (5), Kommunisten 0 (0), Block der Mitte ( Dem., D. V. P. und Mittelstand) 4 (2), Nationaler Block 11 (13).
Provinz Ostpreußen.
Deutschnationale 27 (33), Deutsche Volkspartei 8 (7), Sozialdemokraten 23 (22), Zentrum 7 (6), Kommunisten 8 (6), Mittelstand 4 (4), Demokraten 3 (3), Nationalsozialist n 4 (0), Christlicher Volksbund 3 (0), Notgemeinschaft 6 (2).
Niederschlesie».
Sozialdemokraten 39 (41), Deutschnationale 25 (29), Zentrum 16 (17), Deutsche Volkspartei 7 (7), Demokraten 5 (5), Kommunisten 5 (4), Deutsche Bauern- und Wirtschaftspartei 7 (3 u. 4), Nationalzolialistische Deutsche Arbeiterpartei 6 (0).
Provinz Oberschlesien.
Zentrum 23 (26), Deutsche Volkspartei 10 (9), Kommunisten 5 (5), Sozialdemokraten 7 (5), Polnisch-Katholische Vereinigung 3 (4), Christlichnationale Bauern- und Landvolkpartei 3 (0), Oberschlesischer Bürger- und Bauernblock 3 (0).
Provinz Sachsen.
Sozialdemokraten 37 (35), Deutschnationale 18 (28), Kommunisten 16 (15), Deutsche Volkspartei 10 (11), Deutsche Demokratische Partei 3 (5), Deutschnationale Volkspartei und Landbund 3 (0), Wirtschaftspartei 8 (5), Zentrum 5 (4), Christlichnationale Bauern- und Landvolkpartei 4 (0), Nationalsozialisten 7 (8 völkisch-soziale Sparer und Rentner).
Provinz Hannover.
Sozialdemokraten 38 (37), Deutsch - Hannoversche Partei 12, Zentrum 10 (11), Demokraten 4 (5), Kommunisten 5 (5), Volksrechtpartei 0 (3), Deutschnationale 8, Deutsche Volkspartei 10, Christlichnationale Bauernpartei 4, Mittelstandsblock 10, Nationalsozialisten 8, Nationale Front 2.
Die Deutsch-Hannoversche Partei, die Deutsche Volkspartei, die Deutschnationale Volkspartei, die Deutsch- Völkische Freiheitsbewegung, Haus- und Grundbesitz und' Vereinigte Hannoversche Provinzialliste waren 1925 unter dem Gruppenkennwort „Stadt und Land" zusammengefaßt. Teilweise sind die Kandidaten der obenerwähnten Parteien bis einschließlich Haus- und Grundbesitz in einzelnen Wahlbezirken unter dem Kennwort „Vereinigte Hannoversche Landtagsliste" gewählt. Ein Vergleich mit dem Stimmenergebnis der Wahlen am 17. November 1929 und der Landtagswahlen 1925 ist also bei diesen Parteien nicht möglich.
Westfalen.
Sozialdemokraten 31, Deutschnationale 9, Zentrum 45, Deutsche Volkspartei 12, Kommunisten 13, Demokraten 4, Wirtschaftspartei 9, Nationalsozialisten 4, Christlichnationale Bauern- und Landvolkpartei 3, Christlichsoziale Reichspartei 2, Evangelischer Volksdienst 6.
Rheinprovinz.
Zentrum 65 (72), Sozialdemokraten 25 (23), Kommunisten 21 (21), Deutsche Volkspartei 13 (16), Deutschnationale Volkspartei 12 (16), Reichspartei des Deutschen Mittelstandes 11 (6), Deutsche Demokratische Partei 4 (4), Volksrechtspartei 0 (3), Christlichnationale Bauern- und Landvolkpartei 3 (0), Christlicher Volksdienst 3 (0), Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei 6 (0), Bauern- und Winzerpartei 0 (2).
Schleswig-Holstein.
Sozialdemokraten 20 (19), Kommunisten 5 (5), Demokraten 3 (4), Wirtschaftspartei 4 (0), Hausbesitz, Handwerk und Handel 0, Heimat und Wirtschaft 16, Linke Kommunisten 0, Rationale Volksgemeinschaft 0, Nationalsozialisten 7, Volkswohl 3 (30 Bürgerliche). Im Landtag sind noch drei Abgeordnete aus dem Herzogtum Lauenburg.
Die Wahlen in Berlin.
ken wurden 2 294 674 gültige . Der Wahlquotient
Berlin, 17. Nov. Die Mandate für die Berliner Stadtverordnetenversammlung verteilen sich wie folgt: Sozialdemo- rraten 65 (73), Deutschnationale 40 (47), Kommunisten 56 (43), Demokraten 14 (21), Deutsche Volkspartei 15 (14), Wirtschaftspartei 10 (10), Zentrum 8 (8), Christlicher Volksdienst 3 (2), âtlonalsozialisten 13 (—), zusammen 224 Mandate.
.3” 2 415 Abstimmungsbezirken mürber t”?J7 438 ungültige Stimmen abgegeben. ^sagt 10198. Die Wahlbeteiligung bei., d'e einzelnen Parteien folgen!
(604 686), Dinl. 404 756 (385 324), Komm. 565 595 ' Dem. 138 511 (171 954), D. Vp. 154 200 (111 447)., @d7 • & 289 (72 263), Zentrum 81114 (63 265), Disch - X (27 536). Chr. Volksd. 30 099 (17178), USP. 5 07 2 508), Nat.-Soz. 132 031
Die Wahlbeteiligung betrug 69,68 %. Es einzelnen Parteien folgende Stimmen: Soz.
Die Wahlbeteiligung war zeitweise sehr stark. In Berlin-Steglitz war in den Nachmiltagsstunden ein solcher Andrang in den Wahllokalen, daß sich die Wahlberechtigten in vielen Stellen anstellen mußten und teilweise bis aus die Straße hinaus standen. Zur schnelleren Abfertigung der Wahllustigcn mußten vielerorts Notzellen eingerichtet werden.
Reichspräsident von Hindenburg, der zum erstenmal an den Berliner Stadtverordnetenwahlen teilnahm, erschien schon um %10 Uhr an der Wahlurne in seinem Abstimmungslokal. Er wurde von einer großen Menschenmenge, die sich rasch angesammelt hatte, erkannt und bei
Der erste Burger Des Staates, Reichspräsident von Hindenburg, genügte schon am frühen Morgen seiner Wahlpflicht.
der Abfahrt ehrfurchtsvoll begrüßt. In dem gleichen Wahllokal kamen auch Reichskanzler Müller und der preußische Jnstizminister Schmidt ihrer Wahlpflicht nach Der Reichsaußenminister Dr. Curtius genügte seiner Wahlpflicht in dem zuständigen Wahllokal seiner Privatwohnung in Dahlem.
Wahlallerlei.
In Breslau ist ein Todesopfer des Wahlkampfes zu beklagen. Der Führer einer sozialdemokratischen Klebekolonne wurde von den Kommunisten überfallen und so schwer mißhandelt, daß er seinen Verletzungen im Krankenhaus erlag. Ein zweiter Mann wurde bei dem Überfall ebenfalls schwer verletzt; durch Bewerfen mit Kalk wurde ihm ein Auge ausgebrannt.
Bei den Wahlen rangen außer den großen politischen Parteien auch andere Gruppen um die Gunst der Wähler. So gab es eine Eisenbahnerliste, eine Liste der Baugenossenschaften der Staatsbediensteten, eine spezielle Frauenliste eine Liste völlig uneigennütziger und unbestechlicher Bürger, eine Liste ehemaliger Stadtverordneter und Listen, die lediglich die Sportinteressen ihrer Wähler vertreten wollten.
In einem Wahllokal im Norden Berlins fand man in Anspielung an die Sklarek-Affäre in einem Stinimumschlag eine 50 000-Zlotv-Rote mit dem Vermerk: „Pension für Oberbürgermeister Böß".
in Hessen
Sie
Oberhessen.
Sozialdemokraten 13 (12), Kommunisten 1 (1), Zentrum 2 (2), Evangelische Volksgemeinschaft 1 (1), Nationalsozialisten 1 (0), Hessischer Landbund 11 (15), Demokraten 1 (2), Deutsche Volkspartei 3 (2), Deutsch- nationale 1 (0), Mittelstandsvereinigung 1 (0). (Die Deutschnationalen haben bei der vorletzten Kommunalwahl mit dem Hessischen Landbund gestimmt.)
Rheinhessen.
Sozialdemokraten 11 (13), Zentrum 11 (11), Deutschnationale 1 (1), Christlichnationale Bauern 3 (4), Volks- rechtspartei 0 (0), Evangelische Volksgemeinschaft 2 (0), Kommunisten 2 (1), Demokraten 3 (4), Nationalsozialisten 2 (0), Deutsche Volkspartei 4 (5), Arbeitsgemeinschaft des Mittelstandes 1 (1), Lenin-Bund 0 (0).
Die hessischen Kreistagswahlen.
Darmstadt, 18. Nov. Nach den heute abend hier vorliegcu- den Ergebnissen der Kreistagswahlen in Hessen erhalten: Kommunisten 22 (19), Sozialdemokraten 157 (154), Demo- kraten 26 (34), Zentrum 78 (71), Deutsche Volkspartei 38 (49), Deutschnationale 6 (9), Landbund 33 (41), Gemeinschaftsliste D. V. P-, Deutschnatl. und Landbund 33 (19), Gemeinschaftsliste Deutschnatl. und Landbund 14 (30), Nationalsozialisten
16 (—), sonstige 36 (13), zusammen 459 Mandate.
Kommunallandtag Kassel.
Kassel: Arbeitsgemeinschaft 11 (15), Soz. 15 (15), Zen.
6 (7), Dem. 2 (3), Komm. 3 (3), Chr. Volksdienst -* (—), D.
V. P. 2 (Listenverbindung), Nat.-Soz. 3 (—), insgesamt 45,
Das Ergebnis.
Wenn man sagen sollte, was bei den Wahlen am Sonntag eigentlich nun „herausgekommen" sei, gerät man doch etwas in Verlegenheit. Denn wirklich fest steht nur das eine — und das ist etwas Erfreuliches —: D i e Wahlbeteiligung ist recht stark gewesen. Bedeutend stärker als bei den letzten Kommunal-usw- Wahlen. Aber die Massen, die im Mai 1928 zur Wahlurne gingen, um für den Reichstag zu wählen, konnten diesmal doch nicht wieder in vollem Umfang auf die Beine gebracht werden, obwohl es sich um Wahlen von gerade örtlicher, also „näherliegender" Bedeutung handelte, außerdem der größte Teil der deutschen Bevölkerung, nämlich der von Preußen, Hessen und Sachsen, für die Wahlen in Bewegung gesetzt wurde.
Da der Wahlkampf selbst in sehr weitgehendem Matze unter dem Zeichen der bekannten Berliner Vorkommnisse stand, ist es zweifellos nicht uninteressant, festzustellen, wie in Berlin selbst die Wählermassen reagierten. Auch hier zunächst in dem Sinne, daß die Wahlbeteiligung erheblich stärker war als bei den letzten Stadtverordnetenwahlen 1925. Und dasResultat? Weder Sozialdemokraten, Deutschnationale und Deutsche Volkspartei, selbst die Kommunisten nicht, haben ihre Wähler vom 20. Mai jetzt wieder restlos zur entsprechenden Stimmenabgabe veranlassen können; bei den Sozialdemokraten beträgt die Stimmeneinbuße gegen damals fast 170 000. Dagegen haben sie gegen 1925 einen leichten Stimmenzuwachs zu verzeichnen. Besonders stark, nämlich über 220 000 Stimmen, ist aber der Zuwachs, den gegenüber 1925 die Kommunisten erzielt haben; ebenso können die Nationalsozialisten eine Verdreifachung ihrer Stimmenzahl sogar gegen den 20. Mai 1928 verzeichnen. Recht erheblich ist auch der Zuwachs für die Wirtschaftspartei, während die Demokraten einen überaus scharfen Rückgang von 30 Prozent erlitten haben.
Vielleicht kann man — allerdings mit tausend Einschränkungen — diese Berliner Wahlergebnisse als ein Spiegelbild der Resultate auch in den preußischen Provinzen betrachten. Aber'— das sei nochmals unterstrichen! —: mir tausend Einschränkungen, weil vielerorts die Entwicklung „nach den beiden Flügeln hin" nicht stattgefunden hat, sondern die Parteien.ihren Besitzstand hielten oder sich eine Gesamtverschiebung hier nach rechts, dort nach links ergab. Und keineswegs überall haben z. B. die Kommunisten einen derartig großen Stimmenzuwachs verzeichnen können wie in Berlin: in Leipzig z. B. sind sie verhältnismäßig sehr stark zurückgegangen. Nur das, was eben über die Berliner Nationalsozialisten gesagt ist, gilt auch wohl ziemlich überall; auch in Sachsen, dessen Wahlkampf übrigens eine besondere Note dadurch erhalten hatte, daß dort die Parteien von den Deutschnationalen bis zu den Demokraten vielfach ihre Listen miteinander verbunden und eine gemeinsame Front gegen die Sozialdemokraten und Kommunisten gebildet hatten. In Leipzig wurde nicht zuletzt dadurch die bisherige sozialistisch-kommunistische Stadtverordnetenmehrheit besiegt, obwohl die Sozialdemokraten einen recht beträchtlichen Stimmenzuwachs erhielten. Ähnlich war das Resultat in Dresden und in Chemnitz.
Blickt man nach Westdeutschland, so fallen die Verluste auf, die dort die Deutschnationolen verzeichnen müssen: zweifellos haben davon die Nationalsozialisten und das Zentrum profitiert. Doch ist auch hier ein Anschwellen der kommunistischen Stimmen fcstzustellen und man geht wohl kaum darin fehl daß der Grund hierfür in der Stimmenabgabe der Fugend zu suchen ist, soweit sie ihr Wahlrecht zum erstenmal ausübte. Und gerade das Gegenteil trifft im Südosten Deutschlands zu: in Oberschlesien haben die Deutschnationalen nicht unerheblich gewonnen, auch in manchen Städten Niederschlesiens wie z. B. in Breslau und Liegnitz.
So ergibt sich aus diesen paar Strichen ein durchaus nicht deutliches Bild der Wahlresultate; die für die Provinziallandtage unterscheiden sich davon nur unwesentlich. Und vergessen werden darf dabei auch nicht, daß sich etwa ein Drittel der Wähler nicht haben entschließen können, den Gang zur Wahlurne zu tun. Hunderttausende von Stimmen gingen außerdem dadurch verloren, daß sie für „Parteien" abgegeben wurden, deren Aussichtslosigkeit von vornherein ziemlich feststand. Ein Berliner Wahlknriosum sei in diesem Zusammenhang erwähnt: die „Linksradikale Antikorruptionspartei" hat ganze — 13 Stimmen auf sich „vereinigen" können!
Unserm deutschen Wahlrecht fehlt — anders wie in England — das Ventil der Nachwahl, damit auch die Möglichkeit der objektiven Feststellung, ob die politischen Ansichten der Wähler sich ändern. Das jetzige Er- gebnis der Kommunalwahlen erleichtert nur sehr wenig den Versuch solcher Feststellungen. Eine Rückwirkung etwa auf die politische Haltung des Reichstages oder der Regierung dürfte daher nicht zu erwarten sein.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
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