Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 276 - 1929 ******"“•*"*■■*
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v Iahrgung
Fulda, Montag, 25. November
Clemenceau f.
Die letzten Stunden des „Tigers".
Der ehemalige französische Ministerpräsident Georges Clömenceau ist seiner Krankheit erlegen. Noch kurz vor dem Tode hatte man versucht, das Leben des „Tigers" durch Einatmen von Sauerstoff künstlich zu erhalten. Die Herztätigkeit wurde aber immer schwächer und die Nieren arbeiteten nicht mehr.
Am Sterbelager Clömenceaus waren die Mitglieder seiner Familie versammelt, die dem Ministerpräsidenten Tardieu die Trauerbotschaft übermittelten Dieser fuhr sofort nach dem Sterbehnus. Beim Verlassen des Halises erklärte Tardieu, es werde gemäß dem letzten Willen des Verstorbenen keine offizielle Trauerfeier statt» finden und keine nationale Beisetzung erfolgen. Es werden die Vorkehrungen für seine Überführung nach der Vendèe, seiner Heimat, getroffen werden, wo er an der Seite seines Vaters beigesetzt werden soll.
Die Ueberführung der Le'che Clèmenceaus nach der Vendëe.
Paris, 25. Nov. Um 2 Uhr nachts hat das Automobil mit der Leiche Clemenceaus Paris verlassen, um nach der Vendëe zu fahren. In Autos hatten die Familienangehörigen und andere Persönlichkeiten Platz genommen, die an der Beerdigung teilnehmen werden.
Morgen Beisetzung Clömenceans.
Paris, 24. Nov. (WB.) Ministerpräsident Tardieu hat heute abend der Einsargung Clömenceaus beigewohnt. Die Beisetzung findet nicht, wie ursprünglich vorgesehen, in Mouilleron- en-Parads statt, sondern in einem kleinen 32 Kilometer von La Roche-sur-Foron entfernten Wäldchen. Als Grabstein wird ein dem ehemaligen Ministerpräsidenten von griechischen Freunden gewidmeter und bereits feit Jahren an Ort und Stelle befindlicher Gedenkstein dienen. Die französische Regierung hat angeordnet, daß morgen vormittag zur Stunde der Beisetzung in allen Städten Frankreichs Artillerie-Mrensalven abgefeuert werden.
Testament Clèmenceaus.
Nach der Zeitung „Comèdia" soll in dem Testament Clè- menceaus die Bestimmung enthalten sein, daß man von einem feierlichen Leichenbegängnis und einer Grabrede absehen solle. Man möge in aller Stille bei Tagesanbruch seine Leiche nach dem Wald seiner Heimat Vendèe tragen, um sie dort neben dem Sarg seines Vaters ebenso w'e diesen aufrecht stehend beisetzen. Selbst im Tode wolle er aufrecht bleiben.
Französische Blätter zum Tode Clèmenceaus.
Paris, 24. Nov. (WB.) Die Morgenpresse feiert Georges Clemenceau in der Hauptsache als den Ministerpräsidenten, unter dessen Regierung der Krieg zu Ende geführt wurde. Sie feiert ihn als „Vater des Sieges", als Parlamentarier und als Journalist. Von seiner politischen Vergangenheit hebt sie insbesondere seinen Kampf gegen die Boulangisten und seine Kämpfe für Dreyfus hervor. Nur wenige Blätter erwähnen die Zeit, die ihn zwang, sich aus dem öffentlichen politischen Leben zurückzuziehen. Was seine Tätigkeit nach dem Kriege betrifft, so sagt der radikale „Quotidien": Dieser Vater des Sieges war kein Diplomat des Friedens. Die Anpassung dieses großen Politikers an eine neue Welt war nicht menschenmöglich, und sie hat sich nicht vollzogen. — „Matin" führt aus: In den Tagen des Krieges gereichte es dem Vaterlande zum Heil, daß Clemenceau am Ruder war. In den Tagen des Friedensvertrags aber erforderte das Wohl des Vaterlandes, daß man nicht einem Mann allein die Verantwortung für die Unterschrift anvertraute. — „Figaro" schreibt unter Hinweis auf die Ereignisse nach Austausch der Ratifikationsurkunden: Clemenceau war weniger ein Mensch des Verhandelns als des Handelns, Was er in den Stunden der Gefahr an Autorität und Starrköpfigkeit war, erschien nach dem Waffenstillstand als Autoritarismus und Leichtfertigkeit.
Clemenceau.
Für Deutschland ist Georges Clemenceau der Mann von Versailles. Was vas besagt, brauch! wohl nicht erst erläutert zu werden. Der „Tiger" schlug uns unheilbare Wunden inli seinen Pranken und wäre es nach ihm gegangen, Vann hätte er dem Opfer ganz den Rest gegeben.
In längst vergangene Zeiten schweiß Die Erinnerung iuriict Aus der Vendee stammt Der junge Arzt, Der sich in f!ans eine Praxis suchl Aus der Vendee — jener franzö- Wcben Landschaft, Deren Name einst so berühmt wurde durch den erbitterten Widerstand, den sie — streng roualistisch ge» sinnt — Den Truppen des Konvents 1793 entgegensetzte, «endee — das ist Oppositionsgeist Und Clemenceau, der sich alsbald der Politik in Die Arme wirst, ist sofort Oppositioneller, ^vgen das Kalsbrlum Napoleons III
Unter den Wassen Deutschlands bricht das Kaiserreich zu- lammen. Schon ist Clèmenceau eine politisch Derart prägnante Persönlichkeit, daß er zum Bürgermeister des Pariser Stadtviertels Montmarire, des radikalsten Bezirkes, gewählt wird. , er als Mitglied der in Bordeaux tagenden Naiionalver- lammlung stimmt er gegen Den deutsch-sranzösi» Lvn Friedensschluß, weil dieser die Abtrennung Lothringens von Frankreich brachte. Das Schicksal
n dazu bestimmen, diesen Frieden 48 Jahre später zerschlagen zu können. Und so sein bekanntes Wort: „Dou- J rs y peuser, jajnais en parier", „immer daran beitlcn.
niemals davon sprechen" aus Dem „denken" in einen Erfolg von nie geahntem Ausmaße enden zu lassen.
Seit 1876 immer deputierter, schieb: er sich langsam in den Vordergrund der französischen Jnnenpoltnk. Immer als Oppositioneller. Bald gefürchtet, feit er 1885 zum erstenmal durch eine vernichtende Rede ein Ministerium zur Strecke
: bringt Wegen einer französischen Niederlage in Tongktng, , denn immer wieder loben in entscheidenden Stunden das i unter der Asche glimmende heiße Nationalgefühl dieses , Mannes hoch, trotz allem politischen Radikaltsmus. Aber er i ist gegen den antideutschen Kriegslärmer Boulanger. Noch j ist es nicht Zeit, noch gilt es nur, „daran zu denken".
Aber nach ein peur Jahren sieht er, Senator geworden, die Stunde, „den Tag" näher rücken. In sein Leben tritt ein Mann, in dem er den Helfer steht, den Feind Deutschlands:
Die Bombenanschläge aufgeklärt.
Feststellung derSprengstoffattentäter
Die Aktionen in Schleswig-Holstein und Hannover.
Der die Untersuchung führende Landgerichtsdirektor Dr. Masur führte in einer öffentlichen Erklärung zu Altona aus, die Nachforschungen hätten nunmehr zu neuen wesentlichen Erfolgen geführt, so daß die Anschläge, soweit sie sich auf Schleswig-Holstein und Hannover erstreckten, als nahezu vollständig ausgehellt erscheinen könnten. Aus eine Anfrage, ob bereits Feststellungen hinsichtlich des Anschlags in Berlin und ferner auch bezüglich der Finanzierung der Unternehmungen gemacht worden seien, und ob in diesem Zu- sammenhang auch Spuren nach Berlin führten, äußerte sich Dr. Masur sehr zurückhaltend dahin, daß er den Ausdruck „Spuren" zwar bestätigen könne, daß nähere Dar- legungc. jedoch im Augenblick zu diesen Fragen nicht gemacht werden könnten.
Nach den Darlegungen Dr. Masurs ist während der Nachforschungen die Aufdeckung bisher noch zweifelhafter Fälle gelungen. Es handelt sich dabei vornehmlich um das Attentat auf das Finanzamt in Winsen am 27. November 1928. Die Idee zu diesem Anschlag ging von Herbert Volck aus. Die Attentäter — es kommen dabei in Frage der Gemeindevorsteher Amandus Vick (Rönne), der Landwirt Franz Luhmann (Clues) und John Johnsen (Husum) sowie Herbert Volck — mußten von ihrer ursprünglichen Absicht auf Lüneburg ablassen und wandten sich nach Winsen. Das Winsener Attentat wurde mit dem hochexplosiven Sprengstoff Trinitrotoluol ausgeführt, den Herbert Volck beschafft hatte.
Oie drei Anschläge in Lüneburg
in der Nacht zum 1. August und in der Nacht zum 6. September (auf die Villa des Rechtsanwalts Doktor Strauß und die Landkrankenkasse am 1. August und auf das Regierungsgebäude am 6. September) wurden auf. geklärt. Die Täter waren hier wiederum Amandus Vick und Franz Luhmann. Außerdem waren an diesen Anschlägen beteiligt der Landwirt Ernst Becker aus Rottorf (Kreis Winsen) und der Hilfsweichensteller Hermann Manecke, gleichfalls aus Rottorf. Bei dem Doppelattentat am 1. August waren beteiligt Vick, Luhmann und Becker. Das nächste Attentat in der Nacht vom 5. zum 6. September auf das Regierungsgebäude führten Vick, Becker und Manecke durch. Luhmânn war verhindert.
Sämtliche vier Personen haben ein umfasiendes Geständnis vor dem Landgerichtsdirektor Dr. Masur abgelegt. Es wurde gegen sic auf Grund der Paragraphen 5, 6 und 7 des Sprengstoffgcseücs Haftbefehl erlassen. Aus Grund dieser Paragraphen dürften die an den Anschlägen Beteiligten eine Mindeststrafe von fünf Jahren Zuchthaus zu gewärtigen haben.
Der Handgranatenanschlag in Wesselburen ist dahin aufgeklärt, daß Klaus Heim nachts mit zwei weiteren Personen nach Wesselburen fuhr, um diesen An
König Eduard V11. Der mag in dem „Tiger" den heißen antideutschen Haß gespürt haben; der sorgt dafür, daß er Minister wird Gerade, als Die Algeciraskonserenz tagte. Die ^rti einer schweren Niederlage Deutschlands abschloß Nach -in paar Wochen schon ist er Ministerpräsident Und die Drei Jahre 1906 bis 1909 brachten den Ausbau der französisch- russischen Freundschaft, ließen die Beziehungen Frankreichs zu England, zu Eduard vn immer intimer werden. Der .Tiger" setzte zum Sprunge an. Innenpolitische Zwistigkeiten stürzen ihn. können aber an seiner Die Masse weit überragenden parlamentarisch-politischen Bedeutung nichts än- dern Die Präsidentenwahlen 1912, bei Denen Pomeard tan- Ndiene, lassen ihm das Wort entschlüpfen „Poincare, e’est la juerre!*, „Poincarè, das ist der Krieg'" Aber schon ist er 1913 für die dreijährige Dienstzeit, das Werk Poincarös
Der Kriegsausbruch vertreibt in ihm die letzten Reste des Radikalismus Ein drittes Wort von diesem Mann, das bezeichnendste: „La guerre jusqu'an baut", „Der Krieg bis zuM Ende!" Zum siegreichen Ende. — und Diesem Ziel ist alles, aber auch alles unlerzuordnen Nur an Diese Aufgabe ist letzt „immer zu denken", entsprechend zu handeln Das Jahr 1917 bringt dieses „Ende" nicht; an der Somme, in Flandern war nichts Entscheidendes erreicht, für das Früh- lahr 1918 droht der deutsche Großangriff Da kam des schon 76jährigen entscheidende Stunde: er wird Ministerpräsident. Er setzt noch rechtzeitig Die Unterordnung Der englischen Truppen unter den französischen Oberbefehl durch; er schlägt im Innern >edes Denken und Flüstern von Nachgeben nieder, läßt Caillaux, der den Friedensgedanken propagiert, verhaften, rafft mit wilder Energie Frankreichs Widerstandswillen zusammen Und erlebt ein Jahr später, tm November 1918, die Stunde, da Die Deutschen um Frieden bittend tm Wald von Compiègne erscheinen.
Dann diktiert er den „Frieden", seinen Frieden An Energie, Zielbewußtsein, Geschicklichkeit Den anderen, Lloyd George, Wilson, Sonntrto, turmhoch überlegen. Diktiert den „Tiger"srieden Nicht alles erreicht er, nicht die Zerschlagung Deutschlands, nicht das linke Rheinufer Aber er, der während des Krieges die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Der Mann in Ketten" nannte, konnte doch Deutschland in feste Ketten schmieden. Der Traum seines Lebens war erfüllt, sein 48jähriges politisches Denken und Handeln hatten das Ziel erreicht.
1920 tritt der bald 86jährige von der Bühne ab Vergräbt sich in die Einsamkeit. Und jetzt — hat Frankreich seinen größten Sohn verloren.
schlag durchzuführen. Der eine der Mitsabrenden war Herbert Schmidt, der andere ist noch nicht zweifelsfrei fest- gestellt, doch besteht der dringende Verdacht, daß es Nickels war. Geständig ist Herbert Schmidt. Kapphengst hat für Lüneburg Bomben beschafft.
Das Dombenlager.
Besonders bemerkenswert ist die geglückte Feststellung des Bombenlagers. Den wochenlangen Ermittlungen ist es gelungen, dieses Lager in Karlumseld im Kreise Niebüll, und zwar in dem einsamen Bauerngehöft von Peter Holländer, das etwa 60 Kilometer nördlich von Husum hart an der dänischen Grenze liegt, festzustellcn. Die Sprengstoffe wurden Ende Januar mit einem Auto von Nickels bis in die Gegend dicht vor Husum gebracht, wo sie von einem zweiten Wagen von John Johnsen itn1' Herbert Volck übernommen wurden.
Das Versteck für das Sprengstofflager ist außerordentlich raffiniert gewählt worden. Sprengmaterial wurde bei Holländer nicht mehr vorgefunden, das Verbleiben des gesamten Materials ist noch nicht einwandfrei aufgeklärt. Es ist aber mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß der weitaus größte Teil der Sprengstoffe, wenn nicht überhaupt alle, einmal zu den Attentaten selbst, weiter aber zu den umfangreichen Vorversuchen aufgebraucht worden ist.
Zu den Meldungen über mehrere neue Verhaftungen erklärte Dr. Masur, daß es sich dabei vorwiegend um polizeiliche Festnahmen handele. Die festgenommenen Personen waren dem Untersuchungsrichter noch nicht vorgeführt worden.
Ein neuer Anschlag auf den Orient-Expreh.
Angora, 24. Nov. Nach einer Meldung der Anatolischen Tclcgraphenagentur ist auf den Orientexprèß in der 3kähe der Stadt Prograde auf bulgarischem Gebiet ein neuer Anschlag von Banditen, die, nach den Berichten der Reisenden, mit Bomben und Gewehren bewaffnet waren, verübt worden. Nur der Geistesgegenwart des Lokomotivführers, der den Zug auf höchste Geschwindigkeit brachte, war es zu verdanken, daß der Expreß den Angriffen der Banditen entging. Eine Untersuchung ist eingeleitet worden, derzufolge der Orientexpreß in Stamdul mit 5 Stunden Verspätung einlief.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Georges Clemenceau ist in der Nacht von Samstag aus Sonntag im Alter von 88 Jahren um 1.45 Uhr gestorben.
* Nach Mitteilung des die Untersuchung führenden Richters sind die Sprengstoffanschläac, soweit sie Hannover und Schleswig-Holstein betreffen, vollständig aufgeklärt und die Täter ermittelt.
* Der des Fememordes angeschuldigte Schriftsteller Lampel ist nebst den mit ihm verhafteten Personen aus der Haft entlassen worden.
* Zwischen Deutschland und Belgien ist eine Vereinbarung zur wesentlichen Vereinfachung des gegenseitigen Einreisevcr- kehrs abgeschlossen worden.
* In Ostpreußen werden voraussichtlich etwa 9000 bis 11000 für das Volksbegehren abgegebene Stimmen als ungültig erklärt werden.