Zul-aer Anzeiger
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&.277 — 1929
Fulda, Dienstag, 26. November
v. Lahegang
ilmlliche; Ergebnis der Abstimmung.
4135000 Wähler für Volksbegehren
Erforderliche 10 Prozent überschritten.
Der Neichswahlausschntz hat in seiner Montagsitzung feftneftcnt, daß zum Volksbegehren „Freiheitsgesetz" im gesamten Eintragungsgebiet 4135 300 (gleich 10,02 Prozent) unzweifelhaft gültige Eintragungen erfolgt sind. , Damit ist die erforderliche Anzahl von Eintragungen, : m ndestens zehn vom Hundert der Stimmberechtigten, er- ; reicht. Im ganzen sind etwa 8000 Eintragungen über die ! notwendigen 10 Prozent der Gesamtwahlberechtigten vorhanden. Von 24 325 beanstandeten Eintragungen wurden 1119 für gültig und 21 207 für ungültig erklärt.
Es handelt sich bei den letzteren zumeist um Ein- ragungen außerhalb des Eintragungsraumes. Eintragun- ' a.n von fremder Hand, unvollständige Eintragungen, : Doppeleintragungen, Eintragungen unter Vorbehalt, Eintragungen von nichtberechtigten Personen und ähnliches. Lon den beanstandeten Stimmen entfielen 11 738 auf Ostpreußen, die sämtlich für ungültig bezeichnet werden mutzten.
*
Die 35 Aeichswahlkreise.
10,02 Prozent der Wähler für Volksbegehren.
Von den Wahlberechtigten hat sich in den nachstehend ausgesühnen 35 Neichswahlkreisen die beigefügte Zahl für das Volksbegehren eingetragen. Bei jedem Wahlkreise ist die Prozentzahl der Polksbegehrensfreunse von der Gesamtwählerschaft mitvermerkt. Im ganzen haben sich 4 135 000 Wähler für das Volksbegehren ausgesprochen, was einem Durchschnittsatz von 10,02 Prozent entspricht. Die zur Annahme des Volksbegehrens erforderliche Zahl betrug _10 Prozent der Wählerschaft.
1. Ostpreußen
319 000
23,79 Prozent
2. Berlin
95 646
6,21
ff
3. Potsdam II
130 649
10,16
ff
4. Potsdam I
190 583
15,00
ff
5. Frankfurt a. d. O.
201 232
19,05
*
6. Pommern
385 757
32,91
ff
7. Breslau
164 201
13,31
ff
8. Liegnitz
109 943
13,92
ff
9. Oppeln
61 991
7,53
ff
10. Magdeburg
181 437
16,56
ff
11. Merseburg
174 341
18,59
ff
12. Thüringen
241 378
1638
ff
13. Schleswig-Holstein
140 857
13,53
ff
14. Weser-Ems
112 045
11,71
ff
15. Osthannover
134 532
19,80
ff
16. Südhannover-Braunschw.
143 739
11,04
ff
17. Westfalen-Nord
59 881
3,85
ff
18. Westfalen-Süd
51 159
3,19
ff
19. Hessen-Nassau
89 670
5,45
ff
20. Köln-Aachen
18 881
1,31
ff
21. Koblenz-Trier
9 916
1,28
ff
22. Düsseldorf-Ost
29 370
2,01
ff
23. Düsseldorf-West
35 412
3,16
ff
24. Oberbayern-Schwaben
69 101
4,29
ff
25. Niederbayern
19 522
2,46
ff
26. Franken
215 070
13,27
ff
27. Pfalz
16 691
2,83
ff
28. Dresden-Bautzen
122 704
9,45
ff
29. Leipzig
82 397
8,98
ff
30. Chemnitz-Zwickau
198 449
15,90
ff
31. Württemberg
110 546
6,44
ff
32. Baden
33 098
2,21
ff
33. Hessen-Darmstadt
27 700
3,03
ff
34. Hamburg
35. Mecklenburg
35 650
122 752
4,02
20,86
ff ff
Die gestrige parlamentarische Besprechung beim Reichskanzler.
Ueber die gestrige Besprechung der Führer der Regierungsparteien beim Reichskanzler berichtet das „Berliner Tageblatt" noch: Ueber die Behandlung des sogenannten Freiheitsgesetzes im Reichstag herrschte völlige Uebereinstimmung unter den Regierungsparteien. Die von den Anhängern des Volksbegehrens geforderte Beratung in einem besonderen Reichstagsausschuß wird von den Regierungsparteien nicht zu- gestanden,' das parlamentarische Schicksal der Vorlage soll sich im Reichstag so schnell wie möglich entscheiden. Die Regierungsparteien wollen sich hierbei auf die Abgabe ganz kurzer Erklärungen beschränken. Uebrigens dürfte die Beratung nicht am Donnerstag, sondern erst am Freitag dieser Woche möglich werden, weil die Fristen für das erst gestern abend dem Reichstag zugeleitete Gesetz gewahrt werden müssen.
Laut „V o s s i s ch e Zeitung" sind sich die Regierungsparteien darüber einig, daß, solange die Verhandlungen über die neue Reparationsregelung nicht endgültig abgeschlossen sind, es ratsam ist, große Debatten über den Poungplan oder gar Beschlüsse, die die Reichsregierung irgendwie festlegen könnte, zu vermeiden.
'»tritt des belgischen Kabinetts.
Brüssel, 25. Nov. Heute nachmittag trat der belgische Ministerrat zu einer Besprechung über die Genter Universitätsfrage zusammen. Die Besprechung wurde um %7 Uhr unterbrochen. Beim Verlassen des Ministeriums gaben die Minister keinerlei Erklärungen über den Gang der Verhandlungen ab. Die Sitzung wurde um 9 Uhr abends wiederaufgenommen. Um 10 Uhr wurde die Besprechung damit abgeschlossen, daß das Kabinett seinen Rücktritt beschloß. Der Ministerpräsident Jaspar wird sich morgen vormittag zum König begeben.
Das belgische Kabinett ist deshalb zurückgetreten, weil die Zugeständnisse Jaspars an die französischsprechende Bevölkerung in der Frage der Flamisierung der Universität Gent die liberalen Minister nicht befriedigten und die Versuche, zu einer Einigung zu gelangen, vergeblich waren.
Die Explosionzkatastrophe in Essen.
Bisher 4 Tote, 15 Schwerverletzte.
Ueber die bereits gestern gemeldete Gasexplosion werden noch folgende Einzelheiten bekannt:
Die Ursache der Explosion.
Über die Ursache der Explosion ist Genaueres noch nicht bekannt. Augenzeugen berichten, daß sie im Augenblick der Explosion eine Stichflamme aus dem Keller des zerstörten Gebäudes hervorschießen sahen. Merkwürdigerweise ist jedoch von niemand ein Gasgeruch verspürt worden, so daß die erste Annahme, es habe sich um eine Leuchtgasexplosion gehandelt, vielfach Zweifeln begegnet. Verschiedentlich wurde angenommen, daß man es mit einer Kanalgasexplosion zu tun habe. Es sind aber auch wilde Gerüchte über ein A t t e n« tat und eine Dynamitexplosion im Umlauf.
Als großes Glück ist es anzusehen, daß sich die Kraft der Explosion nur nach einer Seite hin ausgewirkt hat, und zwar nach der Häuserfront. Wären die Steine und die anderen schweren Gegenstände nach der Marktseite hin geschleudert worden, so wären die Folgen unabsehbar gewesen, da sich dort Hunderte von Marktbesuchern befanden.
Essen, 25. Nov. Die Untersuchungen über das Unglück am Weber-Platz hatten bisher ein negatives Ergebnis. Als zweifellos feststehend darf angenommen werden, daß der Explo- fionsherd selbst in den Kellerräumen gewesen ist. Vermutlich hatte die dort später vorgefundene Tote die Absicht, in den Kellerräumen eine bisher noch ungeklärte Handlung vorzunehmen. Da bei den Toten und Verletzten keine Brandwunden,
Das Begräbnis Clemenceaus.
Clemenceau erklärte noch kurz vor seinem Ende, daß er kein Staatsbegräbnis wünsche, sondern in aufrechter Haltung neben seinem Vater in seiner Heimat beigesetzt werden möchte. Ferner hat er verlangt, daß man ihm die alte Soldatenmütze, die er seit dem Kriege ständig trug, seinen Stock, einige Feldblumen, die er im Kriege in vor- ^erster Linie gepflückt hatte, und ein Säckchen Erde vom Y«t Douaumont mit in den Sarg gebe. Die Leiche wurde der Nacht mittels Autos nach Mouchamps in der «nbée geschafft, wo Montag früh die Beisetzung stattfand. ». Das eröffnete Testament Clömenceaus enthält die Bestimmung: „Keine offizielle Zeremonie, nur meine An- ^hörigen sollen mich zu meiner letzten Ruhestätte ge- eiten/â Angesichts dieser Bestimmung des Testaments ’M sich die Regierung darauf beschränkt, anzuordnen, daß sämtliche öffentlichen Gebäude die Fahnen auf Halbmast etzen. Es sind außerdem zwei Kundgebungen im Par- Mment vorgesehen.
Einige Zeit weilten am Totenbette der Präsident bot Republik, die Präsidenten von Senat und Kammer, Äußenminister Briand, viele andere Minister, Parlamen- tarier sowie Vertreter von Wissenschaft und Kunst.
Das letzte Werk Clsmenceaus. das den Titel „Größe uud Elend eines Sieges" trägt, ist von ihm gerade noch mWestellt worden. Das Werk wird nicht gleich als ^sch erscheinen, sondern zunächst in der Wochenschrift
die eine übliche Erscheinung bei Gasexplosionen find, festgestellt wurden, rückt die Möglichkeit einer Gasexplosion in die Ferne. In Erwägung gezogen werden mutz, ob nicht in den Kellerräumen irgendwelche Explosivstoffe lagerten. Bemerkenswert ist, daß nach Zeugenberichten zwei Detonationen festgestellt wurden. Die, Feuerwehr hat nach Mittag die Aufräumungsarbeiten eingestellt, da mit der Auffindung von weiteren Toten nicht mehr zu rechnen ist.
Alle Feuerwehren Essens mit ihren Krankenwagen waren schon nach kurzer Zeit an Ort und Stelle. Das wichtigste war, festzustellen, ob die Explosion Menschenopfer gefordert habe. Aus den Trümmern wurden siebzehn Schwer- und sieben Leichtverletzte geborgen. EinerderSchwerverletztenistkur, nach der Einlieferung ins Krankenhaus g e st 0 r b e n. Bald darauf wurde festgestellt, daß eine Marktfrau
von einem schweren Stein getroffen und getötet worden war. Bei den Aufräumungsarbeitcn entdeckte man dann e i n e d r i t t e L e i ch e. Ob die Liste der Todesopfer hiermit erschöpft ist, steht noch dahin. Der Zustand einiger der Schwerverletzten muß alssehrbedenklrch bezeichnet werden.
3 Opfer einer Gasvergiftung.
Paris, 26. Nov. Wie das „Journal" aus Metz berichtet, find 2 Arbeiter und ein Ingenieur bei Reparaturarbeiten an einer undicht gewordenen Gasleitung im Keller eines Stahlwerkes trotz ihrer Gasmasken durch ausströmende Gase erstickt.
Lim die Reichsreform.
Ministerialdirektor Brecht berichtigt.
Der preußische Zentrumsführer Dr. Hetz hat in München erklärt, daß Ministerialdirektor Dr. Brecht, wenn er auf der Länderkonferenz für die
Zerschlagung Preußens
sich eingesetzt habe, nicht die Auffassung der Mehrheit des Preußischen Landtags hinter sich habe. Dr. Brecht hat darauf an Dr. Heß telegraphiert, daß die Herrn Hetz zugeaaugene Information, Brecht fei in den Unterausschüssen der Länder- konferenz für eine Zerschlagung Preußens eingetreten, voll- ständigunwahr sei; das Gegenteil treffe zu. Er werde Dr. Heß sogleich nach seiner Rückkehr persönlich informieren.
Keine Serabsetzung der Seamtengehâlter.
Haushaltsberatung im Preußischen StaatSra?
Bei der Beratung des Haushaltsplanes für 1930 im Preußischen Staatsrat erklärte Finanzminister Dr. Höpker- Aschoff, daß weitere Ersparnisse kaum möglich feiern Eine Verminderung der Personalkräste sei vor Zustandekommen der Reichsreform unmöglich. Weiterhin wies er daraus hin, daß eine Herabsetzung der Besoldung nicht in Frage komme, da bekanntlich die Bezüge der mittleren und höheren Beamten noch erheblich unter den Friedensgehältern lägen. Der vorliegende Haushalt zeige, daß di« Länder von sich aus kaum mehr in der Lage seren, daS Gleichgewicht zwischen Einnahmen Md Ausgaben herzußeLey,
Ser russische Vormarsch in China.
Innere Einigung?
Das Vordringen der Russen aus chinesischem Boden soll eine Wendung in den inneren Streitigkeiten herbei- geführt haben. In Tokio eingegangene Berichte aus Charbin sprechen davon, daß die Sowjettruppen Hailar eingenommen haben und daß die chinesischen Truppen sich weiter zurückziehen. Die Chinesen sollen bei den ichten Kämpfen nicht weniger als 12 000 Mann verloren haben. Weitere Berichte sprechen davon, daß Sowjetkavallcrie und Tanks bis hinter die chinesische Stellung bei Hailar vorgegangen sind und die rückwärtigen Verbindungen der Chinesen abgeschnitten haben. Schwere Kämpfe in diesem Frontabschnitt sind im Gange. Die Sowjetstreit- kräfte halten nun, wie mau glaubt, das ganze Gebiet westlich der Khinganberge.
Diese Ereignisse, verbunden mit schweren finanziellen Opfern der Nankingregierung, sollen nunmehr den aufständischen General Feng veranlaßt haben, seine Offensive gegen die Nankinger Regierung in Mittelchina einzustellen ?und die Truppen zurückzuziehen. Dadurch werden die Regierungstruppen entlastet, und eS sollen Versuche im Gange sein, alle Kräfte Chinas gegen die drohende Invasion durch Rußland zusammenzufassen.
Weiteres Vorstößen russischer Truppen.
Nach den letzten Meldungen aus Peking dauert db- sowjetrussische Offensive an. Die Rote Armee ist bis Tsagcn vorgestoßen, hat mehrere Bahnhöfe und zwei FlugzeugparkS mit sämtlichen Flugzeugen zerstört und 8000 Mann chinesischer Truppen entwaffnet. Bei den mandschurischen Truppen er- folgen zahlreiche Desertionen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Nach der amtlichen Endfeststellung find für das Volksbegehren im gesamten Reichsgebiet 4135 300 gültige Stimmen abgegeben worden, das find etwa 8000 Eintragungen über die erforderlichen 10 Prozent hinaus.
* Heute vormittag werden in Paris zwischen den beteiligten französischen Ministern Besprechungen stattfinden, die fich mit den auf der Seeabrüstungskonferenz in London zu behandelnden Fragen besassen werden.
* Das belgische Kabinett ist gestern zurückgetreten.
* In Lyon hielt der stellvertretende Sekretär der internationalen Vereinigung der Völkerbundsgesellschaften, Freiherr von Vodmann, einen Vortrag über die Weimarer Bersassung und die deutsche Politik.
* Infolge des Vordringens der russischen Truppen auf chinesischem Gebiet soll sich dort eine innere Einigung anbahnen, um alle Kräfte gegen die Sowjetarmee werfen zu können.
* Bei der Explosionskatastrophe wurden aus dem Weberplatz in Essen a. d. Ruhr vier Personen getötet, sechzehn verletzt.
* In der Nacht vom 38. November auf den 1. Dezember finden im Rheinland an mehreren Orten Besreiungsseiern statt, an denen sich mehrere preußische Minister beteiligen werde».