Iulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhöa und Vogelsberg Zulüa- und Haunetal.Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 8 — 1928
Fulda, Dienstag, 10. Januar
5. Jahrgang
Meine Zeitung für eilige Leser.
* Der argentinische Außenminister Tr. Gallardo ist bei seinem Aufenthalt in Bonn zum Ehrendoktor bei der Universität Bonn ernannt worden.
* Ser bei dem Bochumer Verein bestehende Konflikt über die Durchführung des Arbeitszeitschiedsspruches ist beigelegt. Die Direktion erklärte sich bereit, die im Schiedsspruch festgelegte Arbeitszettregelung zur Durchführung zu bringen.
* Woldcmaras, der litauische Präsident, erklärte einem polnischen Pressevertreter, daß von einem Verzicht Litauens auf Wilna nicht die Rede sein könne.
Takt.
Bismarck hat einmal gesagt, die Völker müßten die Fensterscheiben bezahlen, die von ihren Zeitrulgen ein geschlagen würden. Nun braucht man ja Herrn Blun, dem Berliner Vertreter des Pariser „Journal", nicht gleich eine große Rechnung zu präsentieren, weil er die Berliner nicht bloß schlecht gemacht hat, sondern ihre Frauenwelt geradezu verleumdete. Man braucht darin auch nicht einmal eine bewußte Absicht zu sehen, braucht nicht zu glauben, daß der an sich recht unbeträchtliche Herr Blun die deutschen Frauen gewollt beschimpfte, — aber die Wirkung ist doch eine gewollte, beabsichtigte und recht große. Senn das Pariser „Journal" ist wohl das größte Boulevardblatt, und es kommt hierbei auf die geistige Einstellung der Zeitung selbst und ihres Mitarbeiters an. Aus Herrn Blun sprach eben ein Vertreter der Nation, Lie sich selbst sozusagen als K r 0 n e de r S ch ö p f u n g betrachtet und von den Deutschen im Hintergrund des Denkens immer noch glaubt, sie seien durchaus minderwertiger Natur, noch durchaus die „Sauerkrautfresser", wie ein altes französisches Schimpfwort lautet. Herr Blun ist aber Journalist, also Vertreter der öffentlichen Meinung seines Landes, und daher mehr als nur eine Einzelperson, über deren Meinungsäußerung man achsel- zuäend zur Tagesordnung übergehen könnte. Er formt die öffentliche Meinung seines Landes, müßte darum seine Arbeit mit besonderer Vorsicht, vor allem mit besonderem
Er ist außer deut — .ode r .vielmehr, war cs^ Vorsitzender des Berliner Vereins ausländischer Pressevertreter, und Zwar eines solchen, der nur ausländische Journalisten aufnimmt. Seine lèttdenlahme Er-- llärung hat nicht viel von dem zurückgenommen, was er gesagt hat, und die berechtigte Empörung, die in Deutschland durch seinen Artikel ausgelöst morden ist, wird durch die paar entschuldigenden Zeilen nicht gemildert.
DieLMtzweigeworfenen Fensterscheiben werden sich doch nicht so leicht und schnell wieder reparieren lassen, wie das zu wünschen wäre. Schon einmal hat der deutsche Außenminister, Dr. Stresemann, Veranlassung nehmen müssen, gegen böswillige Tendenzmeldungen französischer Zeitungsvettreter in Berlin Protest zu erheben. Gerade angesichts des ganzen deutsch-französischen Verhältnisses, das noch sehr stark den Charakter der Mimosenhaftigkeit an sich trägt, muß man auch verlangen können, daß die Vertreter der französischen Zeitungen in Deutschland mit besonderem Takt arbeiten. Gewiß sind wir Deutsche auch nur Menschen mit allen Fehlern und Übeln, — aber man soll nicht hinzudichten, was nicht vorhanden ist. Man soll nicht Einzelerscheinungen und Einzelvorkommnisse unberechtigt verallgemeinern. Gewiß ist der fremdländische Journalist nicht gerade als Gast des Landes 311 betrachten, in dem er arbeitet. Aber das natürliche Taktgefühl sollte bon ihm Vorsicht und Nachsicht in dem verlangen, was sein Arbeitsgebiet ist: den Lesern seiner Zeitung das Ge- Ichehen und das Leben des anderen Volkes mitzuteilen, "cht darf hier, um ein bekanntes Wort Onkel Bräsigs W gebrauchen, die Fixigkeit vor der Richtig- k e i t bevorzugt werden.
Der Ausspruch von der Großmacht Presse ist heute vielleicht noch bedeutungsvoller, als er es damals war, als wnn ihn erfand, weil in allen Ländern die öffentliche s e l n u n g zu einem durchweg a u s s ch l a g g e b e n - ö e 11 Faktor geworden ist. Und sie wird gebildet und geformt durch die Presse. Nur wenigen ist es beschieden, aus eigener Anschauung heraus das Denken und Treiben anderer Völker kennenzulernen; inan ist genötigt, als ^ahrcheit hinzunehmen, was diese wenigen berichten, -re haben darum eine besonders verantw 0 r - 1 ungsvlle Aufgabe, müssten immer an jenes Wort Zismarcks deuten. Noch immer bluten die Wunden, die anen Völkern der Weltkrieg schlug: verdammenswert ist larum, wer in diese Wunden noch Pfeffer hineinstreut. ZJl lange Jahre nach dem Kriege konnte beispielsweise crreicht werden, daß deutsche Journalisten auf die Presse- nlvune der Pariser Deputiertenkammer zugelassen wur- ,0"'"la wurde von französischer Seite eine Silage darüber
deutsche Pressevertreter in Paris die selbstver- mdllche Pflicht des politischen Taktes hätten vermissen wäre erfreulich, wenn gerade von französischer ^w schwere Entgleisung des Herrn Blun eine Kor- r erfahren, daß also die Fensterscheiben,- die er ein "Uä. von Paris her renoviert würden.
Wann verschwindet die
IZHemlandbesatzung?
Erwägungen i n Fra n k r e i ch.
Das Pariser Blatt „Volontü" fordert baldige Verhandlungen mit Deutschland über die Räumung der bellen Gebiete. Das Blatt fragt: Sollen wir im Xi he tu and bleiben ? Es antwortet mit N e i n , denn das Rhein land nebe Frankreich nur eine künstliche Sicherheit und
Sie AWkMen in JeMlliiid Mi in Englmd.
Wolkenbruchartige Regengüsse.
In Mitteldeutschland sind die überschwemmungs- Ichäden noch nicht behoben. Über Nordhausen und die Umgebung sind schwere Gewitter und Wolkenbruch- Zrtige Regengüsse niedergegangen. Mehrere Ortschaften, sind von den Wassermasscu überschwemmt. In Klein- Werther mußte das Vieh aus den Ställen geholt Wer»
den. Gärten und Scheunen stèheu unter Wasser. Bei der W e h n V e r Warte schlug der Blitz in der Nähe von drei Arbeitern ein, die Fernsp »erhebe! legten, ohne jedoch Schaden anzurichten. Auch im .Kreise Sanger h a u f c u führen die Bäche infolge der Wolkenbrüche überall H 0 ch- Wasser.
verhindere die dstttsch-sranDsiW, Verständigung, das sicherste Pfand für den Frieden. Das Rheinland freiwillig zu räumen? Rein, das würde hèißeu, zu ausschließlich aus das Anwachsen eines problematischen pazifistischen Geistes in Deutschland rechnen. Was notwendig sei, seien Verhandlungen, und zwar noch in diesem Jahr. Das Rheinland sei ein Pfand. Man müsse es zurückgeben im Austausch gegen Pfände-', die von längerer Dauer fein mürben, nämlich Errichtung einer ständigen internationalen Kontrolle in der entmilitarisierten Zone und Bemühungen Deutschlands um Mobilisierung der Obligationen des Dawes-Planes und damit Liquidierung des Finanzpassivums Frankreichs and dem Kriege.
Der Vorsitzende des Internationalen Arbeitsamtes in Genf, A l b e r t T b 0 m a s , hielt in Bordeaux eine Rede, worin er auf die Rheinlandräumung zu sprechen kam. Er erklärte, der Friedensgedankc und die republikanische Überzeugung hätten in Deutschland wesentliche Fortschritte gemacht. Das schwerste Hindernis für eine weitere Entwicklung sei aber die Fortdauer der Rheinlaudbesetzung. Nach dem Dawes-Plan und nach Locarno habe Deutschland mit vollem Recht auf eine baldige Befreiung seines Gebietes hoffen dürfen. Allerdings habe Frankreich die Garantie der Rheinlandsiesetzung nicht ohne Gegenleistung aufgeben können, doch hätte man sich in den Verhandlungen darüber in c h r M ü h c geben müssen.
Woldemaras hält an Wilna fest.
K e i n V e r z i ch t L i t a u e n s.
Der litauische Ministerpräsident Woldemaras erklärte in Kowno aeaenüber einem Vertreter der polnischen Tele- araphenaaentur, daß er bereit sei. Verhandlunaen über die Wiederaufnahme der postalischen und der Handelsbe- ziehunaen zwischen Polen rind Litauen aufzu- nehmen, sofern davon Wilna n t w i der ü h r t mtrb. Sie Befördern«a von Briefen aus Litauen nach Wilna sèi aleichbedcutend mit der Anerkeununa des Beschlusses der Botschafterkonfereuz. der Wilna weaen der nun em- mal qeschaffeuen Tatsaclien Polen zuerkeunt.
Woldemaras behielt sick in seiner Unterreduna u. a. vor, im Verlauf der Verhandlunaen für die durch den Verlust des Wilnaqebietes entstandenen nmtericilen Schäden eine Entschädiauna zu verlannen. Alles das aber ändere nichts daran, das: Litauen bereit sei, fneb liche Beziehunaen zu Polen zu unterhalten. Solanae aber Wilna zu Polen aehörc. sei cs unmöaliüi. offizielle dipko- matische Bcziehunae» aufzunehmen. Er sei jedoch gern bereit, einen polnischen Gesandten, aber nur in WUna, zu empfanacn. ,
In Polen ist man nach dieser Erklärung übereinstimmend der Meinuna. daß Anknüpfung von Verhand- luuqen zwecklos.sei. Da Polen ebenso aus seiner tatfad).' lieben und daUerudeu Herrschaft über Wilna bestehen müsse, könnten iraendwelche förderlichen Eraebnisse von Verdaudluuaeu nicht erwartet werden.
Die Überschwemmungskatastrophe in London, der 17 Menschen 3um Opfer fielen, hat in ganz England große Bestürzung hervorgerufen. Zweifellos wäre die Zahl de^. Ertrunkenen ohne den von der Polizei in letzter Minute, gegebenen Alarm noch wesentlich größer gewesen. Der durch die reißenden Fluten angerichtete Materialschaden
ist außerordentlich hoch. Hunderte von WühumiÄ« ae> --ravender ärmeren Bevölkerungsschichten f i n ö v o ll'i i 5 er Hort morden. Die Gefahr ist aber noch nicht vorüber. Die neu eintommeube Flut war wieder derartig start und hoch, daß sie an einzelnen Stellen die aus Sand- jaden errichtetest Wälle durchbrach uns leergepumpte Woh- nunüen neu überschwemmte.
Cm Lahr Barmai-Prozeß.
Bisher 230 000 Mark Kosten. 2800 Seiten Protokolle.
Am 11. Januar 1928 ist ein Jahr seit dem Beginn der Hauptverhandlung im Barmat-Prozeß vergangen. Bis- ■ her ist au 157 Tagen verhandelt worden. Die Akten sind . bis jetzt aus 70 Hauptbände und 1000 Nebenbände ange- schwollen. Die Anklage allein umfaßt 648 Druckseiten. Bisher sind 59'schriftliche Gutachten von Sachverständigen erstattet worden. Die Protokolle der Hauptverhandlung allein füllen sieben Aktenbände mit 2800 Seiten. Die . Kosten pes' gesamten nunmehr stark drei Jahre dauernden- Strasverfahreus, also einschließlich des staatsanwaltschaft- lichen Ermittel-ungsverfahrens der Voruntersuchung und der bisherigen Hauptverharidlung, betragen etwa 230 000 Mark. ,
Ehrungen für Dr. Gallardo.
Ehrendoktor der Universität B 0 n n.
Der argentinische Außenminister Dr. Gallardo hat der Universität Bonn einen Besuch abgestattet, die ihn zum Ehrendoktor ernannte. Das dem Minister überreichte Diplom besagt, daß in Anerkennung der Verdienste, die er sich als Forscher und Förderer der Zoologie in den Ländern spanischer Zunge erworben habe, in Anerkennung ferner seiner verdienstvollen Bestrebungen, die freundschaftlichen Beziehungen zur deutschen Wissenschaft zu fördern und zu festigen, die Philosophische Fakultät ihn: die Würoe eines Ehrendoktors verleiht.
In deutscher Sprache dankte hierauf Minister Dr. Gallardo für die Verleihung des Diploms eines Ehrendoktor seitens der hervorragenden Universität Bonn, die in der ganzen Welt berühmt sei wegen ihres Einflusses auf deutsche Kultur und Weltwissenschaft. Es sei dies die höchste der ihm im Leben zuteil gewordenen Ehrungen. Er betrachte diese Kundgebung als hauptsächlich an sein Vaterland gerichtet, sie fei besonders bedeutungsvoll dadurch, daß er zurzeit an der Regierung seines Vaterlandes teilnehme. Das Doktordiplom sei für ihn eine leuchtende Krönung der vielen und herzlichen Kundgebungen, die ihm in Deutschland zuteil geworden seien und die für ihn immer in dankbarer Erinnerung fortleben würden.
Dr. Gallardo hat Deutschland bereits verlassen und hat sich nach P a ris begeben.
Festsitzung der ReWbahngesellschast.
Zu Ehren Dr. von Ureinmbachs und Dr. von der Levens.
Für eine Festsitzung zu Ehren des früheren langjährigen Leiters der Preußiseden SiaalSbahuen, Exzellenz Dr. von Breitenbach, und des Herausgebers des Archivs für Eisen- babnwesen, -Ex zollevz Professor Dr. von der Leyen, hatte das Gebäude der HaupErwaltnüg der KefchSbahngcsellfchaft in Berlin festlichen,'Schmuct aggeltgt. Hüter den Gästen bemerkte man Heben dem preußischen Miuisterprüsidcmcn Braun zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens. Üm Femaa! war die Büste Dr. von
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