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ijlr. 150 — 1928
Fulda, Donnerstag, 28. Zum
5. Jahrgang
Hochspannung im Reichstag.
Ser Kampf um die Atinifierfeffel.
Langwierige Beratungen der Parteien.
Abgeordneter Müller-Franken hatte auch am Mittwoch außerordentliche Schwierigkeiten, sein Kabinett Mandezubringen. Diese Schwierigkeiten lagen vor allem in Personalfragen, da das Zentrum von seinem Anspruch auf den Posten des Vizekanzlers nicht abgehen und der Abgeordnete Dr. Wirth sich nicht in ein unpolitisches Ministerium einfügen wollte. Ferner sprach man davon, daß das Zentrum auch gern das Reichsinnenministerium besetzt hätte, für das bereits der Sozialdemokrat Severing vorgesehen war. Dr. Brauns, der seit acht Jahren dem Reichsarbeitsministerium vorstcht, zog ebenfalls seine in Aussicht gestellte Mitarbeit zurück und war auch trotz persönlicher Bitte des Abgeordneten Müller-Franken nicht dazu zu bewegen, das Neichsarbeitsistinisterium im neuen Kabinett zu übernehmen. Ob es bei dieser Weigerung bleiben wird, stand am Mittwoch Abend noch nicht fest. Abgeordneter Müller-Franken begab sich in den Abendstunden des Mittwochs zum Reichspräsidenten, um ihm über die politisch-parlamentarische Lage Bericht zu er- statten. Von den weiteren Entscheidungen des Reichs- vrâsidenten wird cs abhängen, ob der Abgeordnete Müller-Franken sich weiter um das Zustandekommen der reuen Reicksregiernng bemühen wird.
Über die Vorgänge im Reichstag während des Mittwochs werden noch folgende Einzelheiten bekannt:
Die Fraktion der Deutschen Volkspartei hielt eine streng vertrauliche Sitzung ab, die etwa fünf Stunden, dauerte. In gut unterrichteten parlamentarischen Kreisen verbreitete man die Nachricht, daß der Fraktionsvorsitzende Dr. Scholz sehr verärgert sei und die Absicht habe, den Posten als Vorsitzender niederzulegen. Den Anlaß zu dieser Verärgerung sollte der Brief des Reichsaußen-- ministers Dr. Stresemann an den Abgeordneten Müller gegeben haben, in dem Dr. Stresemann sich für die Schäftung der Großen Koalition aussprach und seine Bereit- ü'illigkeit erklärte, in einem solchen Kabinett einen Ministerposten anzunehmen. Der Abgeordnete Dr. Scholz suhlte sich durch diesen Schritt Dr. Stresemanns über- dangen, da er von dem Brief seines Parteifreundes vorher nicht in Kenntnis gesetzt worden war. Auf diese Unstimmigkeiten in der Deutschen Volkspartei, die auch in den Parteikreisen zugegeben werden, läßt der Inhalt der Kommuniques schließen, die nach Beendigung der Fraktionssitzung von der Deutschen Volkspartei ausgegeben wurden.
In diesen Entschließungen spricht die Deutsche Volks- Partei dem Fraktionsvorsitzenden, Dr. Scholz, ihr uneingeschränktes Vertrauen aus, bittet ihre Fraktionsgenossen, in allen politischen Fragen ständige Fühlung zu halten und erklärt sich schließlich mit der Beteiligung der beiden bisherigen volksparteilichen Minister beim Reichskabinett ohne Bindung der Fraktion einverstanden.
Über die Personalschwierigkeiten beim Zentrum wurde bekannt, daß der Abgeordnete v. Gu^rard sich zur Übernahme des ^erkehrsministeriums bereiterklärt hatte, dagegen Dr. Wirth,
Abgeordnete Müller-Franken das Ministerium für die 'Hetzten Gebiete angeboten hatte, die Übernahme dieses davon abhängig machen wollte, duß dem Zentrum . bie Vizekanzlerschaft oder ein anderes politisches Ministerium zuaestanden wurde.
. Sozialdemokraten ermächtigten den Abgeordneten toeite^ Kießlich, seine bisherigen Verhandlungen Die Merredung Müller-Frankens mit Hindenburg.'
Die Unterredung, die der Abgeordnete Müller- âken mit dem Reichspräsidenten von Hindenburg am âtwoch abend hatte, dauerte etwa 20 Minuten. Über das Ergebnis wird bekannt, daß der Reichspräsident seine Bedenken neuen eine Bizelanzlerschaft aufrcchterhalt.
Nobile schwer erkrankt.
Geint Niirstellmz 00m Ende der „Stalin“, kebto?? ^finden des Generals Nobile hat sich.m den bedeutend verschlechtert. Er leidet nicht nur ^bem Bruch eines Schienbeines und der Sehnenzerrung, mÄ auch einen ernsthaften Nervcnzusammcn.
-n.) erlitten unb licat mit sehr hohem Fieber darnieder, empfangen. ....
^us den Darstellungen, die er zuletzt dem Kapitän ittadiMilan 0" über den Absturz der ^taüa gegeben hat, geht jedenfalls hervor, daß der
Mechaniker Vincent Pomalla aus der hinteren
^ld darauf starb. Er wurde mitten in Els und s„ ee von den Kameraden ehrenvoll bestattet. Das L Mu, wurde nach dem Verlust der Gondel, in der sich ar»? ^Md, abgetrieben. Man sah bald darauf eine »r°ße Rauchsäule anffteigen, die nach Ansicht öuführens bcn Brand der Benzin- oder Öltanks zu ruck
Es ist nicht ausgeschloffen, daß die ganze Luftschiff- hülle dabei verbrannt ist.
die Explosion nur zehn Kilometer weit von dem M?uugsort Nobiles ans dem Eise entfernt war, glaubt 10 doch, daß sich die verschollene Gruppe der Italia
Abgeordneter Müller-Franken begab'sich sofort wieder in den Reichstag und verständigte das Zentrum von dem Ergebnis seiner Verhandlungen mit dem Reichspräsidenten.
Das Zentrum besprach darauf sofort in einer neuen Fraktionssitzung die parlamentarische Lage und beschloß hierbei, unter Preisgabe des Reichsarbeitsministeriums auf den Vizekanzlcrposten und das Reichsernährungs- minifterium zu verzichten, forderte dabei aber unbedingt die Führerschaft für ein politisches Ministerium.
Abgeordneter Müller-Franken wird am Donnerstag nochmals vom Reichspräsidenten empfangen werden, um dann die endgültigen Entscheidungen über die innenpolitische Lage zu treffen.
Die kritische Zuspitzung der Regierungsbildung.
Der „Täglichen Rundschau" zufolge hat auch die gestern in später Abendstunde noch erfolgte Besprechung zwischen dem Abg. Hermann Müller-Franken und den Unterhändlern des Zentrums, den Abg. Ester und Stegerwald eine Veränderung der Lage nicht ergeben. Die „Germania" wirft einen ausführlichen Rückblick auf die letzte Phase der Bemühungen des Abg. Müller-Franken um die Regierungsbildung, worin sie erklärt: Die Sozialdemokratie weiß genau, daß die fachlichen Verhandlungen über die Kabinettsbildung mit den Unterhändlern des Zentrums außerordentlich gut verlaufen sind und daß die große Koalition in fraktioneller Gebundenheit an der Deutschen Volkspartei gescheitert ist. Sollte sie der Deutschen Volkspartei den Dank nunmehr dafür abstatten, daß sie den Einflüsterungen Stresemanns infolge der Vizekanzlerschaft Dr. Wirths Schwierigkeiten machte? Oder gibt es in der Sozialdemokratie selbst Politiker, die einen Eintritt von Dr. Wirth in das Reichskabinett nicht wünschen, weil sie glauben, daß dadurch ihre persönlichen Interessen gefährdet sind? Es war auffallend, daß in den Wanddlgängen des Reichstags, Informationen von einer Seite ausgegeben wurden, deren Tendenz stark gegen die Wünsche des Zentrums gerichtet waren. Es wäre reizvoll, über deren Sinn nachzufragen.
Bedauerlich ist es, daß Hermann Müller, den wir sehr schätzen, diesen Einflüssen unterlegen zu sein scheint. Den Mißerfolg seiner Verhandlungen hat er nicht uns, sondern diesen Umständen zu verdanken. In den Ausführungen des Berliner Zentrum-Organs befindet sich dann noch der bemerkenswerte Satz: Die Tore sind auch heute noch nicht gesperrt, obwohl wir nicht wissen, was für Fassungen nunmehr angestrebt werden sollen. Der „Vorwärts" schreibt: Wenn sich Hermann Müller im Einverständnis mit der Sozialdemokratischen Fraktion bereit erklärt hatte, seinen Widerspruch gegen Wirth als Vizekanzler aufzugeben — nährend die Volkspartei den ihren aufrecht erhält — wenn schließlich Hilferding sich bereit erklärte, auf das Finanzministerium zu verzichten, dann muß man schon sagen daß die Sozialdemokratie beinahe mehr als das mögliche getan hat, um mit Wirth und seiner Fraktion zu einer Verständigung zu gelangen. Es hat aber alles nichts genützt. Wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung" wissen will, rechnet man in politischen Kreisen damit, daß der Reichspräsident einen anderen Politiker mit der Führung aussichtsreicherer Verhandlungen für eine Koalition beauftragen werde, und zwar fei hierfür bereits eine Persönlichkeit in Aussicht genommen, die eher als MüllerFranken eine Chance für das Gelingen seiner schweren Ausgabe zu bieten vermag. ■ •
fünfzig Kilometer weit von dem jetzigen Standort der Nobile-Leute befinden kann, da das Eis täglich mehrere Kilometer weit treibt.
Der schwedische Flieger Lundborg funkte, daß sich das Eis mit dem Lager der Nobile-Leute in schneller Bewegung nach dem Osten befindet. Da sich im Eise Spalten gebildet haben, wären
die Landungsmöglichkeiten für Flugboote jetzt leichter. Trotz des Schneetreibens hat die Ausbesserung der Flugmaschine Lundborgs große Fortschritte gemacht und er hofft, mit einem der Lagerinsassen in zwei bis drei Tagen aufsteigen und zur „Citta di Milano" fliegen zu können.
Die Suche nach der Drei-Mann-Expedition der „Italia", die vor fünf Wochen den Weg über die Eiswüste angetreten hat, ist aufgegeben worden. Die drei Leute hatten für vierzig Tage Proviant mitgeführt und sind, wenn nicht gerade ein Wunder geschehen ist, im Polargebiet umgekommen.
G«nz Norwegen ist das Leben Amundsens jetzt am meisten am Herzen. Es ist eine Landessammlung eröffnet worden, um eine neue großzügige Hilfsexpedition für diesen großen Polarforscher auszurüsten. Man hat bei der russischen Regierung angefragt, ob einer von den russischen Eisbrechern nach Amundsen ausgesandt werden könnte.
Meine Zeitung für eilige Lese»
* Bei der Eröffnung der Genfer Sicherheitstagung sprach der deutsche Vertreter von Gunson über die deutschen Kriegsverhütungsvorschläge.
* In Schlesien richtete ein Unwetter schweren Schaden in der Gegend von Oberpeilau an. 90 Prozent der Ernte sind dort vernichtet.
* Bela Kun wurde in Wien wegen Geheimbündelei zu einem Arrest von drei Monaten verurteilt.
* General Nobile ist schwer erkrankt; er soll einen Nervenzusammenbruch erlitten haben und hat ständig hohes Fieber.
* In Houston wurde der Nationalkonvent der Demokratischen Partei der Vereinigten Staaten eröffnet.
Berufsheere oder Volksheere?
Wenn überall in der Welt den Beratungen des Völkerbundes und seiner verschiedenen Kommissionen und Unter- kommissionen nur ein „pflichtgemäßes", also gar kein Interesse entgegengebracht wird, so hat sich die Schuld dafür der Völkerbund in der Hauptsache selbst zuzuschreiben. Die Mit- und Umwelt ist nämlich nicht damit zufrieden, daß in Genf mehr oder weniger gute Reden gehalten, mehr oder weniger lange Entschließungen zutage gefördert werden, sondern immer wieder wird die ebenso neugierige wie berechtigte Frage gestellt: Was kommt denn nun eigentlich bei der ganzen Geschichte praktisch heraus? Was tut der Völkerbund, was geschieht in Genf — abgesehen von Reden und Entschließungen —, das dem 1918 so laut verkündeten Ideal, nämlich der Gesellschaft der Nationen, das „Völker Europas, vereinigt euchl" nicht in theoretischen, papierenen Lufterschütterungen, sondern in praktischen Schritten näher kommt?
Da ist — zum drittenmal tritt sie jetzt zusammen — die Sicherheitskommission, die, wohlgemerkt, nicht zu verwechseln ist mit der Abrüstungskommission und ihren Unterausschüssen. Auch hier nur Reden und Resolutionen, Gutachten von Sachverständigen oder solchen, die dafür gehalten werden, Vorschläge und dergleichen — aber keine klar umriffenen, vor allem mindestens zum Beschluß des Völkerbundes erhobenen Beschlüsse. Wie der Krieg verhindert, wenigstens sein Ausbruch möglichst erschwert, unter die Kontrolle des Völkerbundes gestellt werden soll — darüber gibt es schon genügsam Reden, Entschließungen, Gutachten. Mehr nicht. Denn sorgfältig bermeibet man es, die Dinge in ihrer rauhen Wirklichkeit anzupacken.
Ein Deutscher, der im Weltkrieg eine hervorragende Rolle spielte und der nach dem Kriege die kleine deutsche Wehrmacht durch ein Wirrsal bedrohlichster Klippen leitete, hat wie schon früher ein paarmal, so auch jetzt wieder die Haupt- und Kardiualfrage in den Vordergrund der Debatten gestellt: Welches ist Form, Aussehen und Gestalt des modernen Krieges? Generaloberst von S e e ck t hat in einem Münchener Vortrag darüber sich geäußert, hat gesprochen über diese Voraussetzung jeder Diskussion, die sich mit dem „Nie wieder Krieg!" überhaupt beschäftigt. Berufsheer oder Volkswehr? Die Beantwortung dieser Frage hängt nur davon ab, ob man sich klar darüber ist, daß nicht mehr wie 1914, der Krieg drei Wochen nach seiner Erklärung zu den ersten, mehr oder weniger entscheidenden Zusammenstößen führt, sondern diese Entscheidungen unmittelbar nach dem Kriegsausbruch fallen werden. Da ist's gar nicht Zeit mehr, ein Massenaufgebot an die Grenzen zu führen, sondern einen solchen Feindangrifs vermag nur ein modern ausgerüstetes Berufsheer abzuwehren. Eine wirkliche Entscheidung, so erklärte Seeckt, hat im Weltkrieg auch die „M a t e r i a l s ch l a ch t" nicht herbeigeführt; das wesentliche beim Kriege von morgen ist der Versuch, die Entscheidung durch Einsatz des Materials an den Grenzen und vor allem im Hinterland des Gegners schnellstens herbeizuführen. Die Abwehr dieses Angriffs hat nicht durch die Masse, durch ein Volksheer — im alten Sinne — zu erfolgen, sondern durch ein hochqualifiziertes Berufsheer, durch den „Wert", durch den Geist, ohne den ja das Material doch immer toter Stoff bleibt.
Aber die Frage ist überhaupt nicht so zu stellen: Berufs- oder Volksheer?, sondern beides hat sich zu ergänzen. Etwa so, wie das neue französische Rüstungsgesetz das Vorsicht: „Ein Volk muß vorbereitet sein, um im Kampf um sein Dasein seine ganze Kraft einzusetzen", die ganze Nation muß ohne jede Ausnahme zur Verteidigung herangezogen werden. Natürlich aber nur im Sinne der Verteidigung, ohne jeden aggressiven Charakter. Das gilt nicht bloß für den Menschen, sondern auch für das Material, also Wirtschaft und Industrie. Auf der einen Seite — neben dem aus Frei- willigen zusammengesetzten, auf langjähriger Dienstzeit beruhenden Berufsheer — die „allgemeine Wehrpflicht" im modernen Sinne einer Vorbereitung allseitiger Heimatsverteidigung und die militärische Jugenderziehung, auf der anderen Seite die Sicherstellung der Industrie für die sofortige Bereitstellung des Kriegsbedarfs. Denn nicht die Grenzen, sondern das ganze Land des Gegners kann zum Kriegsschauplatz und damit für die Verteidigung notwendig werden.
Daraus hat sich Frankreich eingestellt und parteipolitische Differenzen hat es dort hierüber nicht gegeben. Das sind die Voraussetzungen, von denen zunächst einmal jede Diskussion über Verhütung des Krieges überhaupt auszugehen hat, wenn sie nicht fruchtlos sehr bald steckenbleiben soll. Das alles sind schließlich aber auch nur Überlegungen und Wünsche, denen für Deutschland die Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Friedens ein Halt gesetzt haben. das boit