Zul-aer /Anzeiger
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Nr. 151 —1928
Fulda, Freitag, 29. Juni
5. Jahrgant
Das neue ^eichskabinett.
Mkler-Frankens Musterliste.
/ Dienstag wieder Reichstag.
Den langwierigen Bemühungen des Abgeordneten Müller-Franken ist es am Donnerstag tatsächlich gelungen, ein Reichskabinett zusammenzubringen. Abg. Müller- Franken hatte sich am Donnerstag vormittag zum Reichs- Präsideuten begeben, um ihm Bericht über seine mit Vertretern des Zentrums geführten weiteren Besprechungen in der Frage der Zusammensetzung der Reichsregierung zu erstatten. Diese Besprechungen hatten das Ergebnis, daß das Zentrum sich zur Entsendung nur eines Ministers in das neue Reichskabinett bereit erklärte, der als bloßer Verbindungsmann, aber ohne Bindung seiner Fraktion, das Verkehrsministerium und das Ministerium der besetzten Gebiete übernehmen soll.
■ Abg. Müller, der sich in den Abendstunden zum Reichspräsidenten begab, legte diesem folgende Ministerliste zur Krnennuna vor:
> Reichskanzler: Müller-Franken (Soz.).
Inneres: Severing (Soz.).
Finanzen: Dr. Hilferding (Soz.).
Reichsarbettsministerium: Wiffell (Soz.f.
Reichsministerium des Äußeren: Dr. Stresemann (D. Vp.).
Reichswirtschaftsministerium: Dr. Curtius (D. Vp.).
Reichsjustizministerium: Dr. Koch (Dem.)
Reichsernährungsministerium: Dietrich - Baden (Dem.).
Neichsverkehrsmimsterium und besetzte Gebiete: v. Guèrard (Ztr.).
Reichswehrministerium: Gröner (parteilos).
, Reichspostministerium: Schätzel (Bayer. Vp.s,
Diese Zusammensetzung des Reichskabinetts soll, wie es heißt, nur eine vorläufige sein. Im gerbst hofft man, die Große Koalition, die ja auch jetzt verschleiert in Tätigkeit tritt, mit einer Bindung der Fraktionen zustande bringen zu können, nachdem die Frage der Reaierunasum-
bildung auch in Preußen gelöst worden ist. Bei Schaffung der Großen Koalition dürfte dann das Zentrum noch einen oder zwei Minister in das Reichskabinett entsenden.
Reichskanzler Müller wird sein neues Kabinett am Dienstag, den 3. Juli, dem Reichstag mit einer Regie" rungserklärung vorstellen. Nach Entgegennahme dieser Erklärung wird sich der Reichstag dann auf Mittwoch vertagen, an dem die Aussprache über das Regierungs- Programm vor sich gehen wird. Die großen Ferien des Reichstages dürften nach dem bisherigen Programm spätestens am 11. Juli beainuem
VesLätigung der Minister durch Hindenburg.
Der Besuch des Abg. Müller-Franken bei Hindenburg hatte das Ergebnis, daß der Reichspräsident den Abg. Müller-Franken zum Reichskanzler und die von ihm in Vorschlag gebrachten Minister zu Reichsministern ernannte.
Ore neuen Minister.
Von den Ministern des neuen Reichskabinetts hatten folgende ihre Portefeuilles schon im vorigen Kabinett inne: Dr. Stresemann (D. Vp., Außeres), Dr. Curtius (D. Vp„ Wirtschaft), Gröner (parteilos, Reichswehr) und Schätzel (Bayr^ Vp., Post).
Die Sozialdemokraten erhalten vier Sitze: Hermann Müller (Reichskanzler), Severing (Inneres), Dr. Hilferding (Finanzen) und Wiffell (Arbeit). Hermann Müller wurde 1876 in Mannheim geboren. Ursprünglich kaufmännischer Angestellter, wurde er 1899 Redakteur der Görlitzer Volkszeitung; 1906 zum Mitglied des Vorstandes der S.P.D. in Berlin er- uannt, wurde er 1919 deffen Vorsitzender. Als Außenminister im Kabinett Bauer unterzeichnete er am 28. Juni 1919 das Friedensdiktal von Versailles. Vom März bis Juni 1920 war Müller Reichskanzler. — Karl Severing, geboren 1875 in Herford, erlernte das Schlofferhandwerk und wurde 1901 Ge- schäftsfüher der Verwaltungsstelle Bielefeld des Deutschen Metallarbeiterverbandes; 1912 übernahm er die Redaktion der Bielefelder Volkswacht. 1919 zum Reichskommiffar für Westfalen ernannt, war er vom März 1920 mit kurzen Unterbrechungen Dis Oktober 1926 preußischer Minister des Innern.
Dr. Rudolf Hilferding, geboren 1877 in Wien, Promo- vierte 1901 zum Doktor der Medizin und war von 1906 bis 1622 als Schriftsteller und Journalist tätig. 1923 wurde er un ersten Kabinett Stresemann Reichsflnanzminister. — Rudolf Wiffell, geboren 1869 in Göttingen, war bis 1900 als Ma- fchlnenbauer tätig. Darauf wurde er Arbeitersekretar tn Zubeck und 1908 Zentralarbeitersekretär in Berlin. Von Ende 1918 bis Februar 1919 Volksbeauftragter, war er bis Jul, 1919 Relchswirifchaftsminister und bis Ende 1924 Sekretär und Vorstandsmitglied des Allgemeinen Deutschen Gewcrkschafts- bundes. Seit 1. Januar 1924 ist Wiffell Schlichter für den Bezirk Groß-Berlin
Der Zemrumsabgeordnete v. GuLrard, der die Ministerien für den Verkehr und für die besetzten Gebiete über« uommen hat, wurde 1863 in Koblenz geboren. Nachdem er die Rechtswissenschaften studiert hatte, war er von 1898 bis 1905 -aridrat des Kreises Monschau und ist seitdem als Geheimer und Oberreaierungsrat im Obervräsidimn zu Koblenz tätig.
Die Demokraten erhalten zwei Sitze: Dr. Koch-Weser (Justiz) und Dietrich-Baden (Ernährung). Dr. Erich K o ch - Weser, Rechtsanwalt und Notar, wurde am 26. Februar 1875 in Bremerhaven geboren. Er war von 1901 bis 1909 Bürger^ meister in Delmenhorst, dann Stadtdirektor in Bremerhaven und von 1903 bis 1919 Oberbürgermeister in Kassel. Er war vor dem Kriege Mitglied des Oldenburgischen Landtags, später Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Von 1913 bis 1918 Mitglied des Preußischen Herrenhauses, gehörte er der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung an und ist Mitglied des Reichstages feit 1920. In den Jahren von 1919 bis 1921 bekleidete er in verschiedenen Ministerien das Amt des Reichsministers des Innern. — Der Ernährungsnnnister Hermann Robert Dietrich (Dem.), geboren in Ober- prechtal (Baden) 1879, war von 1905 bis 1908 Stadtrcchtsrat in Karlsruhe, darauf Bürgermeister in Kehl und ist feit 1914 Oberbürgermeister von Konstanz. Im November 1918 wurde er Mitglied der vorläufigen badischen Volksrcgierung und war von 1919 bis 1920 badischer Minister für Auswärtige Angelegenheiten.
Die erste Sitzung des NerchskabinetLs.
Das neue Kabinett wird sich am Freitag vormittag dem Reichspräsidenten vorstellen. Die erste Kaüinettssitzung ist auf 11 Uhr vormittags festgesetzt.
Die Berliner Presse zu dem neuen ReichsLadinett.
Zu der Bildung der neuen Reichsregierung schreibt die „Kreuzzeitung" : Es hat lange genug gedauert, bis die vertrustete Parteiwirtschaft auseinanderbrach. Die Sozialdemokraten haben ihre negative Aufgabe nunmehr zu erfüllen. Wir warten auf das Resultat. In der „Deutschen Tageszeitung" heißt es: Die programmatische Erklärung der Regierung wird Gelegenheit geben, die Bedeutung dieses hoffentlich nur kurzen Provisoriums zu würdigen. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" sagt : Das Uebergewichl der Sozialdemokratie ist klargestellt. Nun soll sie zeigen, was sie kann. Die „Tägliche Rundschau" spricht
von einer Notlösung, deren Unzulänglichkeit nicht zu bestreiten sei. Die endgültige Lösung könne nur dann gefunden werden, wenn in Preußen die berechtigten Forderungen der Deutschen Volkspartei erfüllt werden. Die „Germania" veröffentlicht eine Zuschrift aus Zentrumsfraktionskreisen, in der gesagt wird: Die Fraktion als solche ist an das Kabinett nicht gebunden. Zum ersten Male von schwerer Verantwortung entbunden, ist ihr die Freiheit gegeben, kritisch zu prüfen, was andere tun. Das „Berliner Tageblatt" fragt, ob die Regierung provisorisch sei und gibt darauf hje Antwort : Sie ist es gewiß, wenn man damit meint, daß einige Portefeuilles noch nicht den endgültigen Inhaber gefunden haben. Sie ist es nicht, wenn man an die Gesamtrichtung denkt, in der sie marschiert. Der „Vorwärts" erklärt: Im Großen und Ganzen hängt die Lebensfähigkeit des Kabinetts davon ab, daß die Zusammenarbeit der Führer in einer Zusammenarbeit der Parteien ihre Ergänzung findet. Die „Note Fahne" ruft auf zu Protestversammlungen gegen die Regierung der Trusts und den Klassenverrat der sozialdemokratischen Führer.
Wiener Pr^ssestimmen.
wtb. Wien, 29. Juni. Bisher nehmen nur einzelne Blätter zur Kabinettsbildung im Reiche Stellung. Dabei wird darauf hingewiefen, daß das Kabinett Müller nickt eine Regierung der großen Koalition ist, die aller Welt als die selbstverständliche Folge des Wahlergebnisses erscheint. Es ist die tragische Folge der Spaltung der deutschen Arbeiterklasse, so sagt die „Arbeiterzeitung", daß sie die industrie- i reiche Republik nicht allein zu regieren vermag. Das Blatt betont, die deutsche Sozialdemokratie habe die bedeutendsten Männer in diese Regierung entsandt, aber so stark und ' bedeutend auch die Partei in der neuen Regierung vertre- i ten ist so groß und schwer werden die Hindernisse sein, mit denen die Partei in dieser Regierung zu ringen haben wird.