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Alr. 168 1928

Bleibt Calles Mexikos Präsident?

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Die Ermordung Obregons.

Durch ^ ünf Schüsse getötet.

Am späten Abend des Dienstag ist General Obregon aus eine,n Bankett in einem Restaurant nahe der Haupt­stadt Mexiko ermordet worden. Der Täter, der unter deF Borgeben, den General zeichnen zu wollen, sich dem Kankcttèsch näherte, gab auf den General fünf Revolver- schüsse ab, die sämtlich tödlich waren. Der Mörder selbst wurde von den Anwesenden festgenommen und der Polizei übergeben. Die Leiche des erschossenen Generals, der be­kanntlich zum künftigen Präsidenten gewählt war und sein Amt am 1. Dezember antreten sollte, wurde in seine Wshnung geschafft.

Natürlich herrscht in ganz Mexiko wegen des Atten­tats ungeheuerste Aufregung. In der Hauptstadt selbst wurde sofort stärkste militärische Sicherung durchgeführt und eine strenge Zensur verhindert das Hinausdringen übertriebener Nachrichten. Das Geschäftsleben steht still und die politischen Gegner des erschossenen Generals wer­den streng überwacht. Der Polizeipräsident sowie andere hohe Polizeibeamte wurden sofort nach dem Attentat auf Befehl des jetzigen Präsidenten Calles durch Freunde Nregons ersetzt. Wilde Gerüchte durcheilen die Haupt­stadt und wollen unter anderem wissen, daß der Arbeits- und Handelsminister Morones durch Anhänger Obre­gons getötet worden sei, weil er an der Ermordung des Generals irgendwie beteiligt sei.

Calles verhört den Mörder.

Der Präsident Calles hat den Mörder, dessen Name Juan Escapulario sein soll, selbst verhört, ohne aber von diesem zu erfahren, welche Beweggründe ibn zu der Tat veranlaßt haben. Selbstverständlich sind alle Thwtcr und Kinos geschloffen. Zurzeit forscht man eifrig banad), ob der Mord nur die Tat eines einzelnen ist oder ab hinter ihr eine politische Verschwörung ausgedehnterer Art steht. .

Die Amtszeit des jetzigen Präsidenten Calles läuft am 1. Dezember ab; da die mexikanische Verfassung das Amt eines Vizepräsidenten nicht vorsieht, sondern vielmehr be­stimmt, daß bei Verhinderung oder Tod des Staatspräsi­denten der Innenminister an seine Stelle tritt, so wird die spätestens am 1. September sich versammelnde Volksver­tretung eine Entscheidung darüber zu fällen haben, ob dieser Verfassungsbestimmung stattgegeben werden soll oder ob man einen anderen Weg etnschlagen will.

Gespannte Lage.

Da die Folge des Attentats selbstverständlich eine tiefgehende politische Unruhe ist, rechnet man damit, daß durch Verfassungsänderung die Amtszeit des jetzigen Präsidenten Calles so lange verlängert wird, bis unter ruhigeren Verhältnissen eine zweite Präsidentenwahl er­folgen kann. Man betrachtet dieses als den einzigen Weg, um zunächst aus den Schwierigkeiten herauszukommen, da iatsächlich Calles der einzige Mann ist, der über die not­wendige Autorität und die nicht minder notwendige starke Hand verfügt.

Der deutsche Gesandte in Mexiko hat unmittelbar nach ' Mkaiintwerden des Mordes dem Präsidenten Calles das âileid der deutschen Reichsrcgierung ausgesprochen. Auch w Regierungen vieler anderen Staaten drückten ihr Bei­leid aus.

Ueberführung der Leiche Obregons in seine Heimat.

Die Leiche des ermordeten Präsidenten Obregons war während der ganzen Nacht zum Dienstag im National- Palaft aufgebahrt. Gestern vormittag wurde der Sarg einem Sonderzug unter dem Schutze einer starken Mi­lstäreskorte nach Obregons Heimat Sonora überführt. Zu Zwischenfällen ist es nicht gekommen. Der Eigentümer ^5 Restaurants, in dem Obregon ermordet wurde, und ^ Angestellte wurden verhaftet.

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Eine Kundgebung des Präsidenten Calles.

. Präsident Calles hat eine Kinrdgebung erlassen, die be­lügt, der Mörder des Generals Obregon habe eingestanden, baß der Beweggrund feines Verbrechens religiöser Fana- l^muL gewesen sei. Präsident Calles versichert, das in den Händen der Regierung befindliche Beweismaterial zeige, M eineklerikale Aktion" in unmittelbarem Zusammen- ^ag mit der Tat stehe. Am Schluffe der Erklärung heißt

die Regierung werde auch weiter verfassungsmäßige -Rethoden befolgen. Dies wird dahin ausgelegt, Präsident Mies beabsichtigt nicht, eine weitere Amtspcriode Präsi- ^nt zu bleiben. Heute abend wurde gemeldet, daß die Polizei 5 Männer verhaftet hat, die im Verdacht stehen, an der Verschwörung gegen General Obregon beteiligt ge­llen zu sein und daß der Mörder jetzt seinen Rainen als â de Leon angibt. Die Polizei lehnt es ab, diese Be­ichte zu bestätigen oder zu dementieren.

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zrrlöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt Kedahfen und GesthästssteUe: Mühlenstraße 1 Zernfprech-flasthlaß Nr.-S-

Nach-ruck 4er «U * »ersehene« Artikel nur mit Qiueßtuungab« .ZulSaer findiger' gestattet.

Fulda, Donnerstag, 19. Juli

Römische Befürchtungen aus Anlaß der Ermordung Obregons.

Der Korrespondent derMorning Post" in Rom mel­det: Die Ermordung des Generals Obregon wird einen ernsten Rückschlag für die Bemühungen bedeuten, den re­ligiösen Frieden in Mexiko wiederherzustellen. Ich er­fahre, daß General Obregon versprochen hatte, die Haltung der mexikanischen Regierung zur katholischen Kirche unter Bedingungen, die vom Erzbischof Ruiz y Flores nach Rom überbracht worden waren, einer weitgehenden Revision zu unterziehen. Ich erfahre weiter, daß die Verhandlungen zu Ende geführt waren und daß ein sehr wichtiges Abkom­men erzielt wurde.

Präsident Obregon *h

Schnell tritt der Tod den Menschen an ..." und ganz besonders schnell dann, wenn man in den mittel­oder südamerikanischen Staaten sich mit Politik beschäf­tigt oder gar führender Staatsmann ist. Dort wird seit hundertfünfzig Jahren die politische Geschichte mit Blut geschrieben, sind politische Morde ebenso an der Tages­ordnung wie Revolutionen.

Nun ist in Mexiko wieder einmal eine Persönlichkeit von großem politischen Gewicht einem Attentat zum Opfer gefallen, der General Obregon, kurz nachdem er zum künftigen Präsidenten gewählt worden war. Damit hat sich die Reihe der hingemordetcn mexikanischen Staatsmänner wieder einmal um einen Mann vermehrt und gerade dort haben sich jetzt die polttischen Verhältnisse so zugespitzt, ist der innenpolitische Kampf man kann ihn auch ruhig Bürgerkrieg nennen zu einer solchen Siedehitze cmporgclodert, daß eigentlich als einzige poli­tische Waffe überhaupt nur noch Revolver, Gewehr oder Handgranate gelten. Längst sind die Zeiten eines Por­firio Dia z vorbei, der mehr als zwei Jahrzehnte hin­durch, allerdings oft mit eiserner Hand, für Ordnung in dem innerlich zerwühlten Lande sorgte, es einer wirt­schaftlichen Blüte cntaegenfübrtc, die ihm das Vertrauen der Welt erwarb. DieMexikaner" waren an den Börsen ein beliebtes Papier. Nach dem Weltkrieg aber, in dem Mexiko trotz allen nordamerikanischen Drängens neutral geblieben ist, haben unablässig Unruhen das Land zer­fleischt. Dazu kamen die wiederholten, sogar militäri­schen Eingriffe von feiten des großen Nachbarn im Nor­den, der den wertvollsten mexikanischen Besitz, nämlich die Rohölgruben, zu gern ebenso okkupiert hätte, wie er, auch durch eine Revolution, sich des ehemals zu Mexiko ge­hörenden Texas bemächtigte. Da ist es gerade O b r e g 0 n gewesen, der den amerikanischen Absichten einen bisher erfolgreichen Widerstand entgegengesetzt hat und immer der Träger dieses Widerstandes geblieben ist. Sern Freund Elias Calles wäre zu einem Entgegenkom­men eher bereit gewesen, aber Obregon genoß in Mexiko eine ganz außerordentlich große Popularität. Zahllos sind daher! die Versuche seiner innenpolitischen Gegner gewesen, den unbequemen Mann zu beseitigen; immer wieder erfolgten Attentate, immer wieder ver­suchte man, etwa den Eisenbahnzug, den er benutzte, ut die Luft zu sprengen, wurden Revolutionen, Perschwo- rungen unternommen, nicht bloß Calles, sondern auch Obregon zu stürzen. Bisher mißlang beides, bis letzt die Kugeln des Attentäters ihr Ziel trafen und damit dem etwas seltsamwilden" politischen Lebenslauf Obregon» ein Ende setzten. _ t

Noch läßt sich nicht bestimmt sagen, welches die Beweg­gründe des Mörders für seine Tat gewesen sind. Dre Innenpolitik des bisherigen Präsidenten Calles, dessen Amtszeit nun wohl einfach durch eine Verfassungsände­rung man kennt in Mexiko keine Vizepräsidenten- verlängert wird, bezweckt die Austeilung des Großgrund­besitzes zugunsten der Peons, also der unbemittelten Land­arbeiter weisen oder aemifebten Blutes. Das bat schließ­

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5. Jahrgang

lich zu einem Kulturkampf geführt, der bei den beiden Gegnern die Anwendung schärfster Mittel veranlaßt hat. Hinrichtungen von der einen, Gegenattacken von der an« deren Seite her waren und sind an der Tagesordnung, besonders da sich Calles durch seine wirtschaftlichen Pläne natürlich auch großer Popularität erfreut und auf un« bedingt fanatische Anhänger rechnen kann, die mit der südlichen Heißblütigkeit des Mexikaners vorgehen. Ob hier die Hintergründe zu der Tat des Mörders liegen, ist denkbar und würde im Hinblick auf alles das, was-bisher geschehen ist, auch nicht übermäßig auffallen.

Daß nun ein neues Schreckensregiment in Mexiko ein­setzen wird, ist ohne weiteres zu erwarten; zu bedauern ist aber, daß dieses reiche, durch unendlich große Natur­schätze ausgezeichnete Land nun schon seit Jahren durch die inneren Unruhen gehemmt, ja zurückgeworfen wird. Schließlich läßt sich der Terror nicht als einzige Regir­rungsmethode anwenden. Aber Calles und die Seinen, darunter nicht zuletzt Obregon, sind Fanatiker ihrer Ideen. Denn gewiß rechneten und rechnen sie immer damit, daß etwas Derartiges geschieht wie jetzt auf dem Bankett in der Kleinstadt S t. A n g e l, in der Nähe der Haupt­stadt, wo Obregon von seinen Anhängern gefeiert und von einem seiner Gegner erschaffen wurde. Gewiß ist eine eiserne Hand notwendig, um in diesem von politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leidenschaften durchtobten Lande Ordnung zu schaffen; aber dieses neue Attentat scheint zu beweisen, daß die Wogen schon zu hoch gestiegen sind, als daß in absehbarer Zeit politische Ruhe, kulturelle Versöhnung und wirtschaftlicher Frieden eintreten.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Reicbsautzenminister Dr. Stresemann wird in den nächsten Tagen einen mehrwöchigen Kuraufenthalt in Karlsbad be­ginnen.

* Der Reichsverkehrsminister hat sich mit dem General­direktor der Deutschen Reichsbahn ins Benehmen gesetzt, um über das schwere Eisenbahnunglück in München Aufklärung zu schaffen.

* Zum Sängerbundesfest sind in Wien an 150000 deutsche Sänger eingetroffen.

*' General Obregon, der neugewählte Präsident von Mexiko, ist ermordet worden.

* In Tongking ist durch einen Taifun schwerer Schaden an- gerichtet worden.

, Das Schicksal der Lohnsteuersenkuna.

Schwierigkeiten.

Das im Reichstag angenommene Gesetz über die Lohnsteuersenkung stößt auf neue Schwierigkeiten. Schon bei der Kommissionsberatung hatte der Vertreter Preu­ßens starke Bedenken geltend gemacht, weil die Länder darunter zu leiden haben wurden, da sie ja an den Er­gebnissen dieser Steuer bis zu 75 Prozent teilhaben und das Gesetz eine Mindereinnahme von 132 Millionen er­bringen würde. Außerdem seien die Länder vorher nicht gefragt worden.

Nun kommt das Gesetz vor den Reichsrat und dort werden eine ganze Reihe von Ländervertretern Süd­deutschland. Thüringen und Hessen Protest erheben. Lehnen auch die preußischen Provinzialvertreter mit ihren 10 Stimmen ab, dann sind das 29 Stimmen, die sich gegen das Gesetz einsetzen, dem zwar 32 gegenüberstehen, aber man weiß noch nicht, auf welche Seite sich Sach­sens 7 Stimmen stellen werden. Auch aus Sachsen hört man Worte des Protests, hieß cs, man werde im Reichs­rat das Gesetz ablehncn: aber jetzt verlautet, daß Sachsen zwar dringende Vorstellungen dagegen erheben, weil die Reichsregierung sich nicht vorher mit den Ländern in Ver­bindung gesetzt habe, aber bei der Abstimmung dann für das Gesetz eintreten werde. Geschieht dies wirklich, dann erst hat das Gesetz die parlamentarischen Klippen um­schifft und kann in Wirksamkeit treten. An und für sich ist ja der Protest der Länder zu verstehen, denn sie büßen 100 Millionen an Reichsüberweisungen ein und einen Ersatz dafür erhalten sie nicht. _

Der Beginn des Wiener Sängerfestes.

150 000 deutsche Sänger.

In Wien waren bis Mittwoch 48 Sonderzüge mit rund 150 000 deutschen Sängern eingetroffen. Alle Sänger wurden vor die auf den Bahnhöfen ausgestellten Begrüßungstribüneu geleitet und mit Fanfaren, Sänger- grus? und kurzen Ansprachen willkommen geheißen.

Sänger, Pfadfinder und Turner führten die Gäste in ihre Quartiere. Am Abend gaben einzelne österreichische Gesangvereine Konzerte und gastliche Empfänge. Überall auf den Straßen Wiens begegnet man mit ihren Ab­zeichen geschmückten Reichsdeutschen und überall hört man Heilrufe. mit denen die Sänger begrüßt werden. -

\ In der Sängerhalle sangen am Begrüßungsabend der Leipziger Männerchor, der Wiener Volksgesangvereiy, der Vereinigte Männergesangverein Hamburg-Altona und der Schleswig-Holsteinische Sängerbund. Die eigentliche offizielle Begrüßung findet Donnerstag in der Sänger­halle statt. Bundeskanzler Dr. Seipel, der Landes­hauptmann von Niedcröstcrrcich, Buresch, der Bür­germeister von Wien, Seitz, der Präsident des Öster­reichischen Nationalrats, M i k l a s, und, falls er noch rechtzeitig in Wien eintreffen sollte, der deutsche Reichs- tagspräsident Paul Löbe werden Ansprachen halten