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Nr. 212 - 1928
Fulda, Samstag, 8. September
5. Jahrgang
1608
Deutsche Anklagen in Genf.
Wer-Franken fordert Abröstung.
Große Rede vor dem Völkerbund.
«eit Höhepunkt der diesmaligen Völkerbundversamm- bildete, unzweifelhaft, das Auftreten des Reichs- 3h Müller, der am Freitag nachmittag vor der Merbundversammlung das Wort zu einer groß angeleg- s Aede ergriff, in der er sich mit den aktuellen Problemen ' Abrüstung befaßte. Wie jedesmal, wenn die deutschen Dcleaierten zu Wort kommen sollen, waren auch am -lttiieq das Haus und die Tribünen bis auf den letzten Mali besetzt. Die Versammlung folgte mit großem Jn- teresse und gespanntester Aufmerksamkeit den Ausführungen des deutschen Reichskanzlers, die dieser vom Manu- ^'MchManzler Müller führte u. a. aus: Die Welt sucht heute nach neuen Formen des internationalen Lebens, weil sie sieht, daß wir die Dinge nicht mehr allein mit W Methoden zu meistern vermögen, auf deren Anwendung die frühere Politik im wesentlichen beruhte. So erwarten den Staatsmann auch aus dem Pakte zur Ächtung des Krieges von selbst neue Aufgaben. Ist es ms ernst mit dem Verzicht auf eine gewaltsame Lösung von Gegensätzen zwischen den Staaten, so sind wir auch Wwungen, immer mehr darauf Bedacht zu nehmen, die Mittel für einen anderweitigen friedlichen Ausgleich solcher Gegensätze zu finden. Ist es uns ernst mit dem Arzicht mH ^n Krieg so kann das auch auf unsere Auf- Wmg über die militärischen Machtmittel, die für den Ama bestimm, sind, nicht ohne entscheidenden Einfluß rin. Ich mache kein Hehl daraus, daß mich der
Stand der Abrüstungsfrage mit ernster
Gorge erfüllt.
Mr stehen vor der unleugbaren Tatsache, daß die langen Nnulungen bisher zu keinem positiven Ergebnis geführt haben.
Zeit nahezu drei Jahren tagt immer wieder die Vor- brrcitende Abrüstungskommission. Es ist aber dabei nicht gc- lungen, die der Kommission überwiesenen Arbeiten ernsthaft in Angriff zu nehmen, geschweige denn zu erledigen Wir waren nach den wichtigen Beschlüssen der vorjähriaen Tagung zu der Erwartung berechtigt, daß sie endlich den Weg für die alsbaldige Erzielung praktischer Ergebnisse frei machen würden. Ar ein lange umstrittenes Problem, das Verhältnis der Ächerheit zur Abrüstung, war eine Lösung gefunden, die zwischen zwei entgegengesetzten Thesen einen Ausgleich schafft und so die Gewähr für die Erzielung praktischer Resultate zu Wien schien Auch diese Erwartung ist wieder enttäuscht worden. Was das überclnfommen zwischen Großbritannien und Frankreich angebt, so werde ich es begrüßen, wenn es sich als ein geeignetes Mittel zur Förderung des Abrüstunas- Problems erweist. Aber die Bundesversammlung darf sich acute nich, mit der Konstatierung bloßer Hoffnungen zufrieden- Wn. Ich halte es für ihre drinaendste Aufgabe, diejenigen «Wusse zu fassen, die geeignet sind, derartige Hoffnungen «Mrwirklichen. Wir haben gestern unmittelbar nacheinander Mei sehr bedeutsame Reden gehört, die in der Frage der Ab- uuung einen Kontrast der Auffassungen zurage treten ließen, ° "schärfer kaum gedacht werden kann.
.ich gestehe, daß es mich doch tief betroffen hat, von « tuten Seite in ergreifenden, unmittelbar aus dein ^" genommenen Worten die
Eichen und Gefahren einer ungehemmten
Mstungöpolitik
Hilders zu hören und von der anderen Seite, wenn ich U ^"standen habe, den Standpunkt vertreten zu sehen, Abrüstungsproblem vielfach eine übertriebene
"0. beigemessen werde, daß es also sozusagen eine bar ^i^eiten Ranges sei, daß es verfrüht wäre, unmittel- iiini. .» V1!^ Resultate herbeiführen zu wollen und daß
suchen Resultaten erst rechnen dürfe, wenn die Sj C1! Saaten das ihnen noch fehlende Gefühl der Tonnen 1 gewonnen hätten. Ich hoffe, annehmen zu bic VP^ dwser letzte Standpunkt im Völkerbund nicht ohne hi» boni> gewinnt Das würde nicht möglich sein, Icchon ^"^en Beschlüsse der Bundesversammlungen der als Bo»«?.. lu verleugnen. Jedenfalls halte ich mich eine? tni*ct Deutschlands für berechtigt und verpflichtet, ^encL»^ ^“^“ffunfl mit der gleichen Offenheit die das hnsHnot "vf der Hand, daß ein Land wie Deutschland, erfolg hor q-^waffnet worden ist, den bisherigen Miß- Sie Emm«?! ustungsdebatten besonders stark empfindet, nlâ ber oi«!^^^ Deutschlands darf nicht länger dastehen üi die ssstih« l®e ®* der den Siegern des Weltkrieges
E fr 9e6ebcnen Gewalt. Es muß endlich zur kommen k”8 ^ vertraglichen Versprechens ?^uistunn n^^^vtwaffnung Deutschlands die allgemeine der Satzung 5"°^ solle. Es muß endlich der Artikel. ^"sprechenDurchführring gelangen, in dem dieses "wcht worden Grundprinzip des Völkerbundes gc- ^eifeln kann' < verstehe nicht, wie man daran ^ Abrüstnno'âk» " oin Versagen des Völkerbundes in lmngsfrage geradezu
^ben Müßte, bedrohliche Folgen
D« Äentt»^ wie gewiß jedem von uns, bet- N". Denn d/?Ä«/? den Bereich der Möglichkeit zu ->>be nicht scheiß Verbund darf einfach an dieser L bP die B™; Esdars einfach nicht dazu fom- Lck? ^dit, wo nimt","^ der Völker auf das Herannaheu Ä ” entscheidend?^ ^"ionette und Kanonen für ihr ?keL den^TM' enttäuscht wird, daß der große -^cuschhett tn der ErriLtuna des Völker
bundes begonnen hat, sich in einen Abstieg verwandelt, der uns sicher auf ein tieferes Niveau des internationalen Lebens führen würde, als es vorher bestand, weil das einmal verlorengegangene Vertrauen kaum jemals wieder zu beleben sein würde.
Ich kann nicht den Einwand gelten lasten, daß ein Problem von solcher Tragweite und Schwierigkeit nicht in Kürze gelöst werden könnte. Von der Tatsache, daß man von den Besiegten des Weltkrieges gegenüber die sofortige Entwaffnung nicht für unmöglich gehalten hat, will ich dabei ganz abschen. Dagegen müßte ich betonen, daß Deutschland niemals das Bestreben gehabt hat, unerfüllbare Maximalforderungen auszustellen. Es hat sich von vornherein mit dem Gedanken der graduellen und
etappenweisen Lösung
einverstanden erklärt.
In der ersten Etappe kann und muß erreicht werden, daß eine fühlbare Herabsetzung des gegenwärtigen Rüstungs- standes eintritt, daß diese Herabsetzung sich auf alle Faktoren der Rüstung zu Lande, zur See und in der Luft bezieht und daß die volle Publizität aller Rüstungselemente gewährleistet wird. Ich richte demgemäß an die Bundesversammlung das dringende Ersuchen, sich endgültig über die
Einberufung einer ersten Entwaffnungskonferenz schlüssig zu werden und Vorsorge dafür zu treffen, daß die technischen Arbeiten der Vorbereitenden Abrüstungskommission nunmehr unverzüglich zum Abschluß gebracht werden Die Anregungen, die einer unserer Kollegen hinsichtlich des Verfahrens bei der Behandlung von Petitionen der Minderheiten gegeben hat, verdienen meines Erachtens unsere volle Aufmerksamkeit, und ich würde es begrüßen, wenn sie weiter verfolgt würden, denn ich halte die
Fürsorge für die Minoritäten, hie dem Völkerbund durch die bestehenden Verträge anvertraut worden ist, für eine wichtige Aufgabe. Lassen Sie mich noch ein kurzes Wort über die in der Debatte gleichfalls schon mehrfach berührten wirtschaftlichen Fragen hinzufügen Die im Juli dieses Jahres in Gens von zahlreichen Staaten gezeichneten Kollektivabkoinmen bildeten den Beweis, daß durch internationale Konferenzen von Sachverständigen vieler Stgaten selbst auf so schwierigen Gebieten wie denen der Zolltarife Vereinbarungen erzielt werden können.
Die deutsche Regierung begrüßt die erzielten Erfolge auf das lebhafteste und wird auch in Zukunft an der weiteren Förderung dieser Bestrebungen des Völkerbundes nach besten Kräften arbeiten. Sie bat bereits die nötigen Vorbereitungen getroffen, um die Ratifizierung der erwähnten Abkommen in die Wege zu leiten, und gibt der aufrichtiaen Hoffnung Ausdruck, daß nicht nur diese Abkommen durch Ratifizierung in einer genügend großen Zahl von Staaten in Kraft treten, sondern daß auch weitere wesentliche Fortschritte aus dem Wege
internationaler wirtschaftlicher Verständigung
in den nächsten Jahren erreicht werden.
Wenn man die gesamte Tätigkeit des Völkerbundes überblickt und wenn man sich nun ernsthaft Rechenschaft darüber zu geben sucht, was wir von ihm erhoffen können, so wird man immer wieder auf ein und denselben Punkt zurückgeführt, das ist die
Notwendigkeit des gegenseitigen Vertrauens.
Das gegenseitige Vertrauen darf nicht erst das in Zukunft anzustrebende Ergebnis unserer Arbeit sein, es ist vielmehr von vornherein die wichtigste Voraussetzung für die Erzielung glücklicher Erfolge.
Wie kann der vielfach in der Lffentlichkeit laut werdenden Skepsis begegnet werden, wenn die Regierungen selbst in der Handhabung ihrer Politik so verfahren, als ob alle jene Friedensgarantien nicht beständen oder doch ohne praktische Bedeutung wären! Der Mann aus dem Volke denkt einfach und denkt deshalb richtig. Er liest, daß die Regierungen sich feierlich aus die Erhaltung des Friedens verpflichten und er sieht andererseits, daß diese Regierungen gleichwohl an ihren alten Machtpositionen fefthalten und neue zu gewinnen suchen. Er liest, daß bei internationalen Verhandlungen in beredten Worten das gegenseitige Vertrauen der Staaten zueinander proklamiert und die gegenseitige Verständigung der Völker als Ereignis gefeiert wird und er sieht andererseits, daß in der Praxis die Dinge beim alten bleiben, daß es nicht einmal gelungen ist, die aus dem Weltkrieg hcrrührendcn Schranken völlig zu beseitigen So ist es nicht verwtlnder- lich, wenn er schließlich dazu kommt,
ein doppeltes Gesicht der internationalen Politik zu konstatieren. In der Tat, es ist unmöglich, in der Politik aus beiden Wegen zugleich zu wandeln.
Die Regierungen müssen es über sich gewinnen, sich für einen der Wege zu entscheiden und es kann nicht zweifelhaft sein, auf welchen die Wahl fallen muß, wenn die Menschheit und ihre Kultur glücklich fortschreiten sollen. Das ist keine leere Ideologie, es ist Realpolitik im besten (Sinne des Wortes.
*
Die Aufnahme der Rede.
Die Rede des Reichskanzlers Müller wurde von der Vollversammlung des Völkerbundes an verschiedenen Stellen, insbesondere von den Delegierten der skandinavischen Länder, mit lebhaftem Beifall unterbrochen und fand auch am Schluß starken Beifall auf allen Plätzen. Die Erklärung des Reichskanzlers zu der Abrüstungsfrage rief zweifellos überall starken Eindruck hervor, da noch bisher niemals von einem Delegierten diese Frage mit solcher Klarheit vorgebracht worden war. Besonders der Hinweis, daß bisher noch kein positives Ergebnis in der Abrüstungsfrage erzielt worden sei, und der Appell an die Völkerbundversammlung, sich über die Einberufung der nächsten Abrüstungskonferenz schlüssig zu werden, rief einen nachhaltigen Eindruck hervor. Die Erklärungen des Reichskanzlers, daß es bei den Regierungen selbst an beut nötigen Vertrauen in die Wirksamkeit der tptcx-
alliterten Verpflichtungen fehle, wurde allgemein als ein deutlicher Hinweis auf die Notwendigkeit der Rhein- landräum ung aufgefaßt.
Am Schluß der Rede begrüßte der griechische Delegierte Politis den Reichskanzler Muller auf das herzlichste und be- gli'ckwünschte ihn zu seiner Rede Briand gab der Meinung Ausdruck, daß sich die maßvolle und sachliche Rede des Reichskanzlers durchaus im Rahmen des Erwarteten gehalten habe.
Die Berliner Presse zur Genfer Kanzlerrede.
Abgesehen von den deutschnationalen Blättern, die es bedauern, daß wieder eine Gelegenheit versäumt worden sei, für die Lösung der Rheinlandfrage im deutschen Sinne zu werben und die unwürdige heutige Lage zu geißeln, kann man wohl von einer allgemeinen Zustimmung der Berliner Presse zu der Genfer Rede des Reichskanzlers Hermann Müller sprechen. Die „Deutsche Tageszeitung" sagt: Das war eine deutsche Rede, , aber eben auch nur eine Rede. Viel wichtiger ist das deutsche Handeln. Im „Lokalanzeiger" heißt es: Für die zarten Ohren der Genfer Delegierten hat der deutsche Reichskanzler viel mehr gesagt, als man dort gewohnt ist. Er hat rücksichtslos das Scheitern der Abrüstungsverhandlungen festgestellt. Das wird ihm nicht vergessen werden. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" erklärt: Mit großer Ruhe und Entschiedenheit wurden Gedanken vorgetragen, die von dem Vertreter eines anderen Staates wohl an dieser Stelle noch niemals mit solcher Kraft vernommen worden sind. Die „Germania" schreibt: Die Unzweideutigkeit, mit der der Kanzler Deutschlands Lebensforderungen formulierte, bestärkten unsere Hoffnung, daß der Reichskanzler gegenüber den Besatzungsmächten fest bleibt, und keine Zugeständnisse macht. Die „Vosiische Zeitung" sagt: Alles in allem genommen, wirkte die Rede ausgezeichnet und insbesondere die Schlußsätze, in denen der Wille zum Frieden nachdrücklich betont wurde, fanden Widerhall in der ganzen Versammlung. Das „Berliner Tageblatt" betont: Es war eine Rede, die nicht auf Wirkungen ausging und bewußt auf alle oratorischen Künste verzichtete. Eine Rede, die man lediglich um ihres Inhalts willen aufmerksam anhörte, und deren Feststellungen, maßvoll in der Form, entschieden in der Sache, namentlich da, wo sie die Mißerfolge der Abrüstungsarbeiten und die Zwiespältigkeit der Politik gewisser Regierungen kritisierte, sehr zum Nachdenken zwangen. Der „Vorwärts" urteilt: Es war eine der stärksten und kühnsten Reden, die bisher überhaupt in Genf vernommen wurden. Die Worte, die Reichskanzler Müller fand, um die skandalöse Hinausschiebung der Abrüstungskonferenz zu verurteilen, ließen an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig. Von besonderer Schärfe war seine Zurückweisung der gestrigen Rede des Belgiers Hymans. Freilich nannte Müller keine Namen, aber jeder verstand sofort, gegen wen sich diese Polemik richtete. Am stärksten aber war der Schlußteil von Müllers Rede, der eine unzweideutige Anspielung auf die fortdauernde Besetzung deutschen Bodens bildete. Er gebrauchte dabei den in diesem Saal sehr gewagten Ausdruck von dem „doppelten Gesicht" der internationalen Politik. Diese Dinge mußten einmal in Genf gesagt werden. Es war das erste Mal, daß ein Deutscher sie aussprach, und dieser Deutsche konnte nur ein Sozialdemokrat sein.
Wiener Pressestimmen.
wtb. Wien, 8. September. Die Genfer Rede des Reichskanzlers Hermann Müller, besonders seine Erklärungen über die Abrüstungsfrage und die Forderung nach Einberufung einer ersten Entwaffnungskonferenz finden in der hiesigen Preffe volle Zustimmung. Die Blätter unterstreichen auch als sehr bemerkenswert die Worte des Reichskanzlers über das doppelte Gesicht der internationalen Politik. Die „Reichspost" schreibt: Die Rede Hermann Müllers zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß aus ihr deutlich, offen und eindrucksvoll rückhaltlose Ehrlichkeit spricht. Seine Worte zur Abrüstungsfrage kann jeder ehrliche Friedensfreund nur mit Beifall aufnehmen. Eindrucksvoll waren auch die Sätze, in denen der Reichskanzler in diesem Zusammenhang über die Mission des Völkerbundes sprach. Besonders wertvoll macht sie der Umstand, daß sich ein sozialdemokratischer Reichskanzler in ihnen in einer Weise zum Völkerbund bekannte und den Glauben an dessen Zukunft zum Ausdruck brachte, wie es kein Bürgerlicher jemals stärker getan hat.
In ähnlicher Weise äußern sich die „Wiener Neuesten Nachrichten" und die „Neue Freie Preße". Die „Arbeiterzeitung" enthält sich eines Kommentars.
Was die französische Presse sagt.
wtb. Paris, 8. September. Zu der gestrigen Rede Hermann Müllers in Genf schreibt der Berichterstatter des „Matin", die Rede sei gut aufgebaut aber die Dinge seien nicht so einfach und so leicht wie der Mann des Volkes sich das einbilde. Es werde Zeit nötig sein, um die Maßen in den anderen Ländern davon zu überzeugen, daß Deutschland wirklich entwaffnet fei, obwohl es eine Berufsheer besitze, eine ungeheure Industriemacht, Millionen von Menschen, die den Krieg mitgemacht hätten, eine in der physischen Kultur und Disziplin erzogene Jugend. Nur etappenweise könne ein materiell und moralisch so ausgerüstetes Volk die anderen davon überzeugen, daß sie abrüsten könnten.
Der Sonderberichterstatter des „Petit Parisien" schreibt, wenn Hermann Müller den Wunsch geäußert, daß das Abrüstungsproblem so schnell wie möglich eine den Willen der Völker ausdrückende Lösung finden möge, nehme er hier die These auf, die die französischen Wortführer so oft verfochten hätten. Nur in einem Punkte scheine Müller über das Maß hinauszugehen, nämlich wenn er behaupte, daß Deutschlain, alle möglichen Sicherheitsgarantien gegeben habe und wenn er so tut, als ob er die berechtigte Beunruhigung, die der Vertreter Belgiens zum Ausdruck gebracht habe, nicht begreife.