Luloaer Anzeiger
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55*238 -* 1928
Fulda, Dienstag, 9 Oktober
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5. Jahrgang
Der Ueberfall auf den Rundfunk
WWshrechll Schulz verprögeli. - 4 bisherige Ergebnis des kommunistischen Volksbegehrens.
V den Schwarzhörern im Rundfunk, die es hoffent- LS nicht allzu großer Zahl geben wird, ist jetzt in der l-d des kommunistischen Abgeordneten Schulz als L>t der Schwarzsprecher gekommen, der nach Über» ber zuständigen Rundfunkstelle im Radio einen Iwiinbabortrag für das kommunistische Volksbe- gegen den Bau von Panzerkreuzern hielt. Der keuche Landtagsabgeordnete Schulz glaubte, den fönnt für die kommunistische Panzerkreuzerpropa- ^ausnntzen zu müssen, da nach den bisher vorließen- iL Meldungen die Eintragungen für das kommunistische Iwwljrcn nur recht spärlich zu fließen scheinen. In ipNeichshauptstadt z. B. sind bis zum letzten Sonntag iMießlich nur 76 182 Eintragungen erfolgt, eine Zahl, B gering anzusehen ist, wenn man bedenkt, daß bei iMtcn Reichstagswahlen in Groß-Berlin etwa 600 000 «Mistische Stimmen abgegeben worden sind. Im Reich IM die Ergebnisse des Volksbegehrens noch ungünstiger HM
s Tie Politische Polizei ist im übrigen eifrig bemüht, ^MMlinisten, die sich an dem Handstreich gegen den Msigcn Sprecher, Redakteur Schwarz, beteiligt haben, iMdig zu machen. Bisher ist es lediglich gelungen, Irkümmmiistifchen Sprecher vor dem Sender festznsteüen, Idi! da preußische Landtagsabgcordnetc Schulz war.
Wz hat sich den Sonntag über im Reichstag aufge- Mipo er vor dem Zugriff der Polizei gesichert war. Mpi Heimwege ist er allerdings dann von Redak- imWf, einem Redaktionskollegen des entführten Re- lâK-chwarz, erkannt, gestellt und verprügelt worden. fÄcheordnete hat gegen Redakteur Schiff, der ihm 'ch ßaustschläge ins Gesicht versetzte, Strafantrag N' Mißhandlung und Sachbeschädigung gestellt, so daß ii linse Rundfunkkomödie nochmals vor Gericht auf-
gestellt, so daß
Gericht auf-
Ort werden wird.
*
Die Hadio-Köpenickiade
elaunt ist, ganz außerordenb
Dieser kuglige Körper, Erde benannt, produziert bis- drilen, wenn er gerade gut gi ' 7'
Ä gute Witze. Und was kein knirschend arbeitender Ver- S der Lustspieldichter sieht, das lehret in Einfalt des Buntheit, die im Gegensatz zu den meisten Lust- MN vom Reiz der Originalität umkleidet wird.
Schon kurz nach Erschaffung der Welt sollen ja Men- >â aus irgendwelchen Gründen gewaltsam entführt wor- " und vom Raub der Sabinerinnen bis zum Raub Dollarkronprinzen führt ein gerader Weg. Nun hat Ann Berlin einen Mann entführt, der im R a d i 0 reden Modern entführt natürlich, im Auto. Und seine M blich ungeredet, was für ihn wie für jeden Rede- bekanntlich eine furchtbare Eul Ansehung be- Besonders, da ein anderer vor den Sender trat, ■ J w hielt, freilich eine ganz andere, anders auch, IS vorher eingereichten Manuskript stand — und der Angestellte des Rundfunks bemerkte über- Ihm ging erst eine Jupiterlampe auf, als . ~ das Honorar anzunehmen sich weigerte, ^r Rede über „Friedenssicherung" eine solche Panzerkreuzerbau; an Stelle eines sozialdemo- U Redakteurs ein kommunistischer Landtagsabge- t lener Ärmste, auf einsamer Landstraße aus- fernen Lichtern zu, während der „Stellver- I ört seine Propagandarede hält.
Perlin lachte, Deutschland wird nicht minder N und vermutlich auch das Ausland. So oft M „/.Pen Sonntag wurde noch nie das Andenken an ■N. ; wann von Köpenick ausgewärmt. Weniger an- Mibm t^Ä.^ ma0 es dem Betroffenen gewesen sein, vlchlich ein paar Pistolen unter die Nase gehalten und im Haus des „Rundfunk" wird wohl auch — müssen. Da aber die Strafe be- Miikntâ^s dem Fuße folgt, wurde der unbefugte Radio- M Keinem anderen sozialdemokratischen Redak- Michi ^^e?!^^^ erkannt und „handgreiflicher" Beifall I Jetzt wenigstens zerbrechen sich die Köpfe über die Zwar die Entführer — wenn man sie erst ■Nerman U ^vgen Nötigung, Bedrohung und Frei- ■ Nu uns recht lange ins Gefängnis ivandern ■ "der Hoffnung auf Amnestie hegen » eine politische war. Aber der Ufur» .enber? Als Landtagsabgeordneter ist er ihn ?"udtag also erst ausgeliefert werden, l^bofttA., m ^vi nicht binnen 24 Stunden nach seinem Treten zu vacken vermochte. Vielleicht R^èstcn sl!'?! und Gehilfe bei der Entführung; zum I beniliuAllerweltsparagraph des „groben Un- M m werden — sicherlich aber wird diescs Lust- G11 ^uwn weiteren Akt anfweisen können. ■ n g kann aber bei vielen nicht so recht I SW Ä humoristische dieser Radio-Köpenickiade l^b.daz ^u."i. 'uemandem Unheil an Leib und Leben I > V^m ei,, SHRüe dieses politischen Streiches lslll??^cn "uslöst. Freilich wird er aber auch I nS-mbdt'. werdende Kritik stärken, die sich gegen WVeiler Geschäftsführung, gegen die Reden I i»??^ttb.^ ^"u lange erhoben hat, eine Kritik, ■ N uwl Berechtigtes bat und deren Gegen- *' bB Berliner „Rundfunk" ist. Der Gnmd-
satz, „partcivolitische" Vorträge ober Veranstaltungen nicht zuzulassen, ist nicht bloß längst durchbrochen, sondern deswegen einiach schwer ober gar nicht durchführbar, weil die meisten und gerade die interessantesten fragen der Gegenwart — und vor ihrer Behandlung kann sich der Rundfunk nicht verschließen — ja doch mehr ober weniger vartei- volitisch betrachtet und besprachen werden. Der Radio- Hörer selbst vermag ia nicht den geringsten Einfluß anszu- üben; ihm bleibt als einziges Zeichen des Protestes, den Hörer abzulegen oder den Lautsprecher auszuschalten. Und was „oben" beschlossen, bestimmt, getan ober verhindert wird. entbehrt ieber Kontrolle — vorher. Daß dies angesichts der weltumspannenden Bedeutung des Rundfunks Gcasnstand der Kritik geworden ist kann man durchaus verstehen. Und dann die enge Verbindung mit der Rerchsposi . . .!
Gewiß ist von der Leitung versprochen worden, daß künftighin derartig" ober ähnlich" Vorfälle ausgeschlossen sein sollen; solche Streiche, die sich auf das Gebiet des Strafrechtlichen begeben, wollen W'rin Deutschland denn doch nicht noch einmal erleben Gerade weil der Rundsimk eine halböffentliche Einrichtung ist und demgemäß eine besondere Stellung befiht, muß er vor jedem Mißbrauch nicht nur sich selbst bewahren, sondern, wo es not tun sollte, auch durch besondere Bestimmungen geschützt werden.
So darf man bei dem Lachen über diesen Streich doch nicht die ernsthafte, die üble SeUe vergessen, die diese politische Radio-Köpenickiade aufweist.
B55
Am Mittwoch nach Amerika
Eckeners letzte Reisevorbereitturgen.
„Los Angeles" erwartet den großen Bruder.
„Graf Zeppelin" hat die letzte Werkstättenfahrt vor seiner großen Amerikafahrt zurückgelegt. Nachdem er um 13.33 Uhr in Friedrichshafen aufgestiegen war, bewegte er sich über dem Bodenseegebiet. Die Fahrt diente hauptsächlich der Abstimmung des Peilgerätes und Ge- schwindigkeitsmesfungen und zog sich bis in die Abendstunden hin. Das Luftschiff fuhr etwa mit demselben Gewicht wie auf der Amerikafahrt. An Bord befanden sich wieder etwa 80 Personen, darunter der preußische Handelsminister Dr. Schreiber, Staatssekretär Dr. Seefeld, ferner als Vertreter des Reichsrats Exzellenz von Preger und Staatsrat Ahlhorn, als Vertreter des Reichstages die Abgeordneten Dr. Herz, Klöckner und Schulz- Bromberg. Die Fahrt ist zur vollen Zufriedenheit Dr. Eckeners ausgefallen, so daß er bei günstiger Wetterlage, wie sie nach den letzten Berichten vorhanden zu fein scheint, bestimmtamMittwoch nach Amerika zu starten gedenkt. Als eine Neuerung wird ein Apparat für Bildfunk mitgeführt werden, durch den die fertige Wetterkarte an Bord gefunkt werden kann.
Amerika in Erwartung.
In Lakehurst herrscht großer Andrang. Zahllose Besucher versuchen sich Eintrittskarten für den Zeppelin- cmpfana zu besoraen. müssen jedoch unverrichteter Sache
Kein ZWischensaLl in Wiener-NeustaöL
Ruhiger Ausklang der Kundgebungen.
T Wie während der Demonstrationen der Österreichischen Heimwehren und der Gegenkundgebungen des Schutzbundes und der Sozialdemokraten in Wiener-Neustadt sich kaum ein Ereignis vollzog, das zur Beunruhigung Anlaß gegeben hätte, sc ging auch der Ausklang der Veranstaltungen durchaus befriedigend vor sich.
Der Abtransport aller Formationen der Heimatwehr und des Schutzbundes von den Kundgebungen vollzog sich reibungslos. In Wien und in ganz Österreich verlief der 7. Oktober in voller Ruhe, ohne daß es zu Zwischenfällen kam. Alle Umzüge waren um vier Uhr nachmittags so gut wie beendet. Um diese Zeit rollte nicht nur ein Teil der Heimwehrzüge bereits ab, sondern auch die ersten Eiscnbahnzüge des Schutzbundes waren bereits abgefertigt.
Unter den gehaltenen sozialdemokratischen Reden ist diejenige des Führers des Republikanischen Schutzbundes, Dr. Julius Deutsch, bemerkenswert. Dr. Deutsch betonte, daß jeder weitere Schritt, der in die Nähe des Bürgerkrieges führe, unabwendbar mit einer Katastrophe für alle enden müsse.
Die von auswärts nach Wiener-Neustadt kommandierten Truppen rückten wieder in ihre Garnisonen ab.
Im Einklang mit einer Erklärung, die im Nationalrat 'abgegeben wurde, hat der Bundeskanzler die Obmänner der vier parlamentarischen Parteien zu einer Besprechung über die Sicherung des i n u e r c n F r i e d c n s für den Vormittag des 11. Oktober eingeladen. Die parlamentarischen Parteien haben sich mit dieser Besprechung einverstanden erklärt und ihr Erscheinen zugesichert.
Eine Auslassung des sNundfunkkommissars.
Vom Rundfunkkommissar des Reichspostministeriums wird eine Mitteilung verbreitet, in der es u a. heißt: „Dre Untersuchung der Vorgänge beim Kommunistenübersall auf die Berliner Funlstundc hat ergeben, daß die Vorkehrungen zur Überwachung der gehaltenen Vorträge an sich ausreichend sind. Ein in einem besonderen Raum sitzender Angestellter hat die Aufgabe, alle Vorträge am Lautsprecher zu kontrollieren und nötigenfalls durch Betätigung eines besonderen Ausschalters zu verhindern, daß die Worte des Redners über den Sender gehen. In dem vorliegenden Falle ist der Kontrollbeamte unmittelbar nach Beginn der Rede des Kommunisten Schulz, der sich zuerst an den Wortlaut des Manuskripts gehalten hat, anscheinend planmäßig von seinem Platz durch Tele- phonanrufe weggelockt worden. Er hat, statt auftragsgemäß den Vortrag anzuhören, den Lautsprecher abgestellt und T e l e p h 0 n g e s p r ä ch e a b g e w i ck e l t. Auf diese Weise ist es möglich geworden, daß- Herr Schulz seine Rede unkontrolliert hat zu Ende halten können. Der Angestellte ist sofort seiner Kontrolltätigkeit enthoben worden. t t
Die Redner waren der Funkstunde durch bte vor- herigen Verhandlungen stesis bekannt unb es konnte nicht angenommen werden, daß an Stelle eines entführten Redners ein anderer erscheinen könnte. Auch der angesetzte Redner, Herr Schwarz, war der Funkstunde und dem Kontrollbeamten bekannt und es ist unerklärlich, daß er trotzdem einen anderen an seiner Stelle zugelassen hat.
Das ganze Unternehmen war so geschickt angelegt, und der angebliche Herr Schwarz ist mit solcher Sicherheit aufgetreten, daß der Kontrollbeamte sich hat völlig täuschen lassen."
a
zurückkehren, da bereits über fast alle Plätze verfügt ist.
. Man rechnet bestimmt damit, daß der Marineminuter Wilbour mit seinem ganzen Stabe bei der Landung anwesend sein wird. Aus Kreisen der. Marmeleitung in Lakeburst wird sogar versichert, daß die Möglichkeit des persönlichen Erscheinens Coolidges Nicht ausgeschlossen sei.
„Los Angeles"
ist nach Texas aufqestiegen, wird aber noch rechtzeitig zu den Empfangsfeierlichkeiten des „Graf Zeppelin' zurück sein. Das Luftschiff soll sodann am Ankermast befestigt werden, während „Graf Zeppelin" allein m die Halle geschoben wird. Kommander Rosendahl Nichte in einem Telegramm bei der amerikanischen MarinelcAung nach, sämtlichen amerikanischen Schiffen Anweisung zu geben, den Zeppelin während seiner Überfahrt mit We.wrnaÄ- richten zu beliefern.
Zwei neue amerikanische Riesenluftschiffe.
Das amerikanische Marineministerium bat der Goodyear Corporation einen Auftrag für den Bau von zwei großen lenkbaren Luftschiffen erteilt. Beide grinst sollen größer werden als der „Graf Zeppelin . ~sl* eine wird 2 450 000 Dollar, das andere 5 375 000 Dollar kostem Die Pläne für die beiden Zeppelinluftschiffe leben die Aw- Dringung von fünf Aufklärungsflugzeugen innerhalb der Fluazeuabülle vor.
Preußische Mchiertasung in Stettin.
Abschluß der Arbei ^-n
Die Beratungen des Preußischen Richtervereins wurden durch ein eingehendes Referat des Amtsgerichtsrats Dr. Franke über die Arbeitsacrichtsbarkeit und den Arbeiw- gerichlsvcrRmd fortgesetzr. Die Ausführungen gipfelten in einer Entschließung, in der die Hoffnung ausgedruckt wird, daß das Arbeitsgericktsgesetz dazu beitragen möge, einen erträglichen Ausgleich zwischen Arbeitgebcrtum und Arbeitnebmèrtum 31t schaffen und dem Wirtschaftswieden zu dienen. Eine enge Verbiubung der Arbeitsgerichtsbarkeit mit der ordentlichen Rcchtsvflcae und das Hineinwachsen de..> Arbeitsrechts in das allgemeine Recht seien dringend notig.
Die Erörterungen waiibtcu sich dann der wichtigen Frage der Gerichts Hilfe zu. In einer Entschließung erachtet der Preußische Richtertaa die Einrichuma örtlicher Vermittlungsstellen (GerichtsbilfssteNen) mit amtlichem Charakter und einheitlich geregelter Geschäftsordnung in räumlicher Verbindung mit den Fustizbehördcn für zweckdienlich und geboten. Hieran schloß sich ein Referat des Oberftrasanstaltsdirektors Marks über die Reform im Strafvollzug.
Den Abschluß der Tagung bildete die Beratung einer Reihe interner Fragen.
15 Gefangene im Strafgesangnis von Ohio verdranni
London. Nach Meldungen aus Newpork sind infolge eines Brandes im Schlafsaal des staatlichen Strafgefângniffcs von Ohio 15 Gefangene verbrannt. Das Feuer brach plötzlich nachts aus und verbreitete sich mit großer Schnelligkeit, wodurch eine große Verwirrung entstand und zahlreiche G^» sangcnc zu entfliehen versuchten. In dem Schlafsaal waren 28 Gefangene untergcbrachl. Außer den Verbrannten haben acht weitere Gefangene so schwere Brandwunden erlitten, daß an ihrem Aufkommen gezweifelt wird.