Zul-aer Anzeiger
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Nr. 293 — 1928
Fulda, Donnerstag, 13. Dezember
5. Jahrgang
Amerika in Unruhe
Kriegsgefahr und Berschwörungs- geruchie.
Hoovers Zug bedroht.
Zu dem drohenden bewaffneten Konflikt zwischen ben südamerikanischen Republiken Bolivien und Paraguay ist ein neues Moment der Beunruhigung getreten. Aus Der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires wird gemeldet, die argentinische Polizei habe ein weitverzweigtes Komplott gegen Hoover, der soeben von Chile nach Buenos Aires nbgercift ist, aufgebciit. Im Zusammenhang mit den zu ergreifenden Gegenmaßnahmen hat sich der Chef der argentinischen Polizei, Graneros, mit der argentinischen Regierung in Verbindung gesetzt. Um unnötige Aufregungen zu vermeiden, hat man bislang davon
Abstand genommen, Einzelheiten über das beabsichtig Komplott zu veröffentlichen. Zahlreiche Verdächtige
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wurden verhaftet. Die Regierung in Washington wurde verständigt. 1500 Mann der Garde in Buenos Aires sind abtvmmandicrt, um einen besonderen Dienst zur Sicherheit Hoovers auszuüben.
Der argentinische Präsident Irigoyen veröffentlichte eine Erklärung, in der es heißt, geheime Nachforschungen der Polizei hätten in einem Hause in der Estombastraße zur Auffindung von vier Handgranaten, zwei zylindrischen Bomben, einer viereckigen Bombe und ferner einer Menge von Dynamit. Revolvern, automatischen Pistolen und Munition gesührt. Die Polizei gibt an. sie hätte bei dieser Haussuchung ferner einen ausgearbeiteten Plan der Eisenbahnlinien gesunden und glaube, die Verschwörer hätten geplant, unmittelbar vor der Ankunft Hoovers, die am Donnerstag nachmittag zu erwarten ist, Bomben auf den Schienenweg zu legen.
Es muß zugegeben werden, daß in den lateinischen Maaten Amerikas die Verbitterung gegen den großen Müder im Mrden sehr grog iL. Dix Mirren rabiU* , tm' Elemente hassen ihn bis aufs Blut seit der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti und die übrigen Bürger betrachten ihn mit äußerstem Mißtrauen, weil sie fürchten, in absehbarer Zeit von ihm verschluckt zu werden. Sein Vorgehen in Nikaragua ist in keiner Weise dazu angetan gewesen, dieses Mißtrauen zu besänftigen.
Dunkle Mächte.
Zu den Seltenheiten in der Geschichte der neueren Zeit gehören Revolutionen und Kriege in Mittel- und Südamerika gerade nicht und die übrige Welt pflegte sich im allgemeinen nicht sehr darüber aufzuregen, wenn es dort drunten irgendwo brannte. Diese Aufregung ist auch heute, da sich der Konflikt zwischen Bolivien und dem kleinenParaguay sehr scharf zugespitzt hat, die Gewehre schon losgegangen sein sollen, nicht gerade größer geworden, aber — da betrachtet es der Völkerbund, ungern genug, als seine Pflicht, mit dem Feucreimer herbeizueilen, um zu löschen, dem, beide Staaten, die sich einander kriegerisch gegenüberstehen, sind ja Mitglieder des Völkerbundes.
Man macht's allerdings recht vorsichtig, „zweifelt nicht" daran, daß die beiden Staaten, die ja allen Schleds- gerichtsbestimmungen des Völkerbundes zugestimmt haben, nun auch demgemäß handeln und auf friedlichem Wege die Lösung der zwischen ihnen entstandenen Streitfragen versuchen werden usw. Hoffentlich tun dies die Streitenden, — aber eigentlich kennen sie die entsprechenden Bestimmungen schon seit langem, sind trotzdem zum Abbruch der gegenseitigen Beziehungen geschritten und r ü st e n eifrig z u m Krieg. Was man, altem guten Brauch gemäß, natürlich nur als „unerläßliche Vorsichtsmaßregeln" bezeichnet. Und dies alles in einem Zeitpunkt, da der künftige Präsident der Vereinigten Staaten auf seiner südamerikaniscken Reise auch Bolivien besucht bat.
Rat zu drei in Lugano
Die Besprechungen zwischen Stresemann, Chamberlain, Briand.
Für Mittwoch nachmittag war eine Besprcchung Zwischen den drei Außenministern Chamberlain, Brian und Stresemann ungesagt. Gerüchte von ei"er ^ Erkrankung des deutschen Neichsauyenm.n.sters sind volUg hinfällig. Der Minister war zwar Dienstag etwas ab gespannt, es liegt aber keinerlei Anlass zu Besorg H vor. Die Beschleunigung der Besprechung sollmit je infolge der Krankheit des englischen Kvmgszucrwa^ heu Möglichkeit der Abreise Chamberlains zusammen hangen. Dienstag abend konferierte Stresemann mit dem italienischen Vertreter Grandi. Die Unterredung über eine Stunde.
Besprechungen zwischen Dr. Stresemann und Briand.
Ein französischer Korrespondent des ,'Daily Teegraph me det aus Lugano: Während der gestligen^zwechundlgen Besprechungen zwischen Briand und <r. '
LCr französische Außenminister ein wichtiges Zug I gemacht, das dahin geht, daß die Verhandlungen 3
Da sich neben dem Völkerbund auch noch einige andere Staaten eifrigst um eine Vermittlung bemühen, dürfte der Krieg wohl als — unvermeidlich zu betrachten sein, da erfahrungsgemäß gerade in solchen Dingen allzuviel Köche den Brei zu verderben pflegen. Als letzte Hoffnung bleibt nur noch das Bemühen übrig, den Kriegsbrand zu lokalisieren. Theoretisch und praktisch kompliziert sich für den Völkerbund die ganze Sache noch dadurch, daß an irgendein Eingreifen außenamerikanischer Mächte zwecks Exekution eines etwaigen Völkerbundspruches gar nicht zu denken ist — wegen der Monroedoktrin nämlich, deren Vater und aufmerksam-eifersüchtiger Behüter gerade die Vereinigten Staaten sind. Und die wieder sind nicht Mitglied des Völkerbundes! Die Genfer Versammlung oder, wie jetzt, der Völkerbundrat in Lugano, hat ihnen gar nichts zu sagen, vielmehr dürfte jedes Eingreifen des Völkerbundes in diesen Streit der beiden südamerikanischen Staaten — auch wenn es bei jenem Mahnungstelegramm bleibt — in Washington eine recht erhebliche Verstimmung Hervorrufen. Das weiß man in Lugano.
Nicht aber weiß man wie weit bei diesem ganzen Streit um das Gran-Chaco Gebiet gewisse dunkle Mächte im Spiel sind, die schon manches Feuer in Mittel- und Südamerika augezündet haben. Angeblich sollen dort nämlich sehr erhebliche Petrolcumvorkommen festgestellt sein oder zum mindesten vermutet werden und das wäre für die amerikanischen Petroleumkönige Grund genug, entsprechende Züge zu tun, auch wenn es darob zum Kriege kommt. Mit Riesenschritten bringt ja das nordamerikanische Trustkapital auf dem südlichen Teil des Kontinents vor und gerade das Petroleum spielt hierbei die Hauptrolle. Außerdem drängt Bolivien, das ringsum von nicht gerade befreundeten Staaten umschlossen ist, energisch zum Meer. Nach Westen ist ihm der Zugang durch Chile und Peru anscheinend endgültig versperrt aber im Osten gibt es in dein kleinen Paragnav einen Punkt i geringeren Widerstandes. Erwähnt mag übrigens noch . itbiz»bap bue koH-P^y ni LA e Heer schon vor dem ! Kriege, aber auch hernach durch deutsche Instruktionsoffiziere ausgebildet wurde und daß bis vor einigen Jahren bolivianischer Kriegsminister niemand anders war als der — letzte Kommandeur des preußischen Kaiser-Alerander-Gardegrenadierregiments.
Bolivien und Paraguay.
Fieberhafte Stimmung.
In den beiden wegen Grenzstreitigkeiten aneinander- geratenen Staaten herrscht fieberhafte Stimmung. Freiwillige melden sich massenhaft bei den Truppenkörpern, es werden Massenversammlungen abgehalten und vorläufig stellt man sich taub gegen das von der augenblicklich in Washington tagenden panamerikanischen Konferenz vorgeschlagene Schiedsgericht. In Washington lief eine Mitteilung der bolivianischen Regierung ein, daß sie gezwungen sei, „unerläßliche Vorsichtsmaßregeln" zu ergreifen. In Washington besteht die Befürchtung, diese Maßregeln könnten über kurz oder lang zu weiteren Zusammenstößen führen, namentlich, da bekannte Kolititer Boliviens, wie Erpräsident Villazon, offen in Reden zum Kampf auffordern. , _ ,
Bei dem Grenzgebiet, das den Anlaß zum Streit gab, soll es sich um den nördlichen Teil des Gran Chaco, einer 300 000 Quadratkilometer großen Fläche, die sehr reich an Naturschätzen ist, handeln. Boliviens Ansprüche stutzen sich auf ein Abkommen, laut welchem pch dre meisten Staaten Südamerikas nach der Abschüttelung der spanischen Herrschaft dahin einigten, ihre Grenzen so zu lasten, wie sie während der spanischen Kolonialzelt gewesen waren. Die Ansprüche Paraguays gründe,, sich au, eine Landkarte, die im Jahre 1843 von einem jranjofueben Ingenieur im Auftrage Boliviens angefertigt Chaco-Boreal als zn Paraguay gehörig bezeichnet sein soß In Wirklichkeit stehen natürlich ans beiden Seiten spekulative Absichten auf Ausnutzung der Bodenschätze hinter dem Zwist.
Räumung des Rheinlandes gleichzeitig mit den Reparationsbesprechungen geführt werden sollen. Das bedeutet, daß, wenn einmal die Anempfehlungen der Finanziachver- ständigen zu der notwendigen Vereinbarung zwischen den Regierungen geführt haben, Frankreich nicht darauf bestehen wird daß die deutsche Schuld fundiert wird, bevor es seine Truppen zurückzieht. Chamberlain hatte es abgelehnt an der Sitzung teilzunehmen. Man glaubt allgemein' daß er wünscht, so weit wie möglich im Hintergrund zu bleiben und nur im Notfalle als Vermittler emzugrei- fen. Tatsächlich wurde er nicht herbeigerufen, aber Briand gab ihm nach der Unterredung mit Dr. Stresemann eine kurze Schilderung des Vorgefallenen mit dem Bemerken, daß weitere Verhandlungen folgen werden.
Von italienischer Seite wird erklärt, daß Grandi in seiner Unterredung mit Dr. Stresemann eingehend den Standpunkt der italienischen Regierung in den Reparationsfragen auseinandergesetzt habe. Ebenso sei auch in ben Unterredungen Grandis mit Chamberlain und Briand die Reparationsfrage eingehend erörtert worden. Die italienische Regierung stimme hinsichtlich der rechtlichen Auslegung des Artikels 431, auf den der deutiche Rau-
Meine Zeitung für eilige Leser
* In Lugano war für Mittwoch abend eine gemeinsame Besprechung zwischen Dr. Stresemann, Chamberlain und Briand über die Reparationslonserenz vorgesehen.
* Der preußische ^tnanziuintster Dr Höpker Aschoff brachte im Preußischen Landtag den Etat für das Jahr 1929 mit einer längeren Rede ein.
* Nach den letzten Nachrichten von Mittwoch hatte sich bai Befinden König Georgs von England etwas gebessert.
* Der neuaewählte Präsident der Vereinigten Staaten, Hoover, der sich zurzeit auf einer Rundreise durch Südamerika befindet, soll in Buenos Aires von einem noch rechtzeitig entdeckten Attentat bedroht gewesen sein.
mungsünspruch aufgebaut ist, mit dem Standpunkt der englischen und der französischen Regierung überein.
pariser Ergänzungen.
In Paris hatte Ministerpräsident Poincarè den deutschen Botschafter von Hoesch um einen Besuch gebeten, um mit ihm die Besprechung über die Einsetzung deS SachvcrstândigcnausschttffcS für die Reparationsfrage fort^ufeben. An der Unterredung wurden die noch ausstehenden Fragen nochmals einer eingehenden Prüfung unterzogen. Ein Schriftstück wurde dem Botschafter nicht übergeben, so daß man annimmt, daß die Besprechungen noch kortaesetN werden.
Frankreich, England, Italien und die übrigen Beteiligten sollen sich außer Deutschland aber in folgenden Punkten einig sein: „Die Sachverständigen sollen nnab dängig sein Die Kommission wird sich ausschließlich aut führenden Finanzfachleuten zusammen setzen. Die alliierten Sachverständigen werden von den Regierungen bezeichnet und von der Reparationskommission ernannt. Die deutsche Regierung ernennt ihre Sachverständigen selbst, fei es direkt oder durch Vermittlung der Kriegslastenkommission. Die Vereinigten Staaten werden zur Teilnahme eingeladen, und zwar durch die Reparationskommission. Die amerikanischen Sachverständigen werden jedoch kein offi* ziclles Mandat haben. Die Kommission tritt in Paris zusammen und bestimmt hier den endgültigen Sitz der Konferenz, der voraussichtlich Paris sein wird. Es soll ihr freigestellt bleiben, ihren Sitz vorübergehend nadb Berlin zu verlegen."
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Ueber polen—Litauen
unterhielt man sich in der öffentlichen Mittwochsitzung in Lugano sehr lange Zeit. Woldemaras legte nochmals den grundsätzlichen litauischen Standpunkt in dem Streitfall dar. Er hob hervor, daß der Streit zwischen Polen und Litauen Jahrhunderte alt sei, und kritisierte in ungewöhnlich scharfen Ausdrücken die Haltung der polnischen Delegation in Königsberg. Litauen sei Gewalt angetan worden. Mit großem Nachdruck erklärte Woldcinaras dann, heute gebe es nur eines, entweder erhalte Litauen Wilna zurück und bleibe ein unabhängiger Staat oder es werde alles verlieren. Eine andere Wahl gebe es jetzt nicht mehr. Polens Vertreter, Zaleski, erklärte, er sei der Ansicht, die Königsberger Konferenz sei deshalb ein Mißerfolg, weil die litauischen Vertreter ernsthaft nicht die Absicht gehabt hätten, den Empfehlungen des Rates Folge zu leisten. Die Sitzung wurde schließlich vertagt.
Die Antwort Boliviens auf den Schritt des Völkerbundrates.
In einem Telegramm des bolivianischen Gesandten in Paris an den Generalsekretär des Völkerbundes wird Paraguay als Angreifer bezeichnet und darauf hingewiesen, datz die bolivianische Regierung keine andere Vermittlung annehmen könne, da sie bereits durch die schiedsgerichtliche Vermittlung Argentiniens gebunden sei.
König Georgs Krankheit.
Der Prinz von Wales in London.
Man glaubte Mittwoch, über eine leichte Besserung im Befinden Georgs V. berichten zu können. Gegen Mittag wurde folgendes Bulletin ausgcgcben: Der König hat während der Nacht einige Stunden geschlafen. Die leichte Besserung, die festgestellt würbe, hat aiigchaltc». Die Temperatur ist etwas niedriger und das Allgemeinbefinden leicht ^^^"r' Prinz von Wales traf nach fast beispielloser Rekord- fahr, von Ostafrika nach England im Londoner Buckingham, palast ein, wo er zunächst eine Rücksprache _ mit einem bei Ärzte hatte und im Anschluß daran seinen Vater sah. Amt- lich wurde zu bem Besuch erklärt, daß der König fernen ) i sofort erkannte und begrüßte
Das kommende Weingesetz.
In einer Mainzer Fachzeitnng war kürzlich der angebliche Entwurf für das geplante neue Weingesetz veröffentlicht worden. An die Veröffentlichung halten sicy zahlreiche Kritiken geknüpft. Wie jetzt von zuständiger Seite erklärt wird, handelt es sich um einen im Reichs- ministerium des Innern ausgestellten vorläufigen Entwurf, der in keiner Weise für die Öffentlichkeit bestimmt war. Im übrigen wurde der Entwurf fehlerhaft wieder- gegeben; er ist schon längst überholt. Die an den Entwurf geknüpften Betrachtungen sind zum Teil völlig unzutreffend. Im Laufe des Monats Dezember finden im Reichsministerium des Innern mit Vertretern des Obft^ weingewerbes Beratungen über einige Bestimmungen des Weingesetzes statt. Nach Abschluß dieser Beratungen wird der Entwurf den Spitzenverbänden des Weinbaues, des Weinhandels, des Obstwein-, Schaumwein- und Weinbrandgewerbes bekanntgegeben werden.