Arl-aer /Anzeiger
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Nr. 298 — 1928
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Fulda, Mittwoch, 19. Dezember
5. Jahrgang
Sehweiten in ssnmelikli eiszestellt.
Bolivien nimmt VermitAng an.
Unter dem Druck der Nachbarn.
Die bolivianischen Truppen sind angewiesen worden, ihren Vormarsch aufzugeben und die Feindseligkeiten einstweilen einzustellen. Das geschah nun freilich nicht ganz freiwillig, sondern auf die aus den Nachbarstaaten Chile, Argentinien, Peru und Brasilien kommende Androhung hin, dem vom Meere abgeschnittenen Bolivien die Zufuhr zu sperren, wenn es weiter gegen Paraguay vor- gche und keine der angebotenen Vermittlungen annehme. Das schwächere Paraguay hatte von Anfang an sich einer Vermittlung zur Entfernung der Streitpunkte und Herstellung des Friedens nicht widersetzt.
Der bolivianische Kriegsminister Suarez veröffentlicht eine amtliche Erklärung, in der er bestreitet, daß die Truppen Boliviens die Forts Valois, Rivarola, General Genes angegriffen hätten. Von den vor dem Einstcllen der Kampfhandlungen erlassenen Sieges-- berichten von beiden Seiten braucht man nicht viel zu ballen, ebensowenig von der in den Hauptstädten angeblich herrschenden Kriegsbegeisterung. Das alles bewegt sich in dem üblichen Rahmen.
Bolivien an den Völkerbund.
Das Generalsekretariat des Völkerbundes veröffentlicht ein Dienstag morgen eingetroffenes Telegramm des bolivianischen Außenministers Thomas Manuel Elio an den Natspräsidcnten Briând
In dem Telegramm wird Bezug genommen auf das von Briand scn Lugano in s abgc sandte Telegramm, in dem er in seiner Eigenschaft als Ratspräsident die dringenden Empfehlungen zur Vermeidung neuer Zwischenfälle erneuert hat, durch die der Erfolg eines friedlichen Verfahrens in dem Streitfall zwischen Bolivien und Paraguay gefährdet werden könnte. In dem neuen Tele- ^ imm des bolivianischen Außenministers heißt es: /Meine Regierung gibt unter Annahme dieser Anregungen Eurer Exzellenz die Versicherung, daß sie dem Chef der Militärposten den Befehl erteilt hat, jedes Borrücken und jeden Angriff ihrerseits zu unterlassen und sich auf das Ergreifen von Defensivmatznahmen zu beschränken.
Die Fremden in Kabul bedroht.
Aman AM MM» verlangt.
Die Aufständischen in Kabul.
Obwohl amtlich aus Afghanistan die Nachricht von her Flucht des Königspaares dementiert wurde, hat sich die Lage offenbar zu Aman Uilahs Ungunften zugespitzt. Die AufstSnd-fchen haben Kabul erreicht. Es sollen dort heftige Kämpfe stattsinden. Die Funkverbindung ist unterbrochen, so daß jede genaue Nachricht fehlt. Der britische Luftdrenst in Judien trifft Vorberw ungen, um im Notfälle die britische Gesandtschaft in Kabul in Sicherheit zu bringen. Da sich frembenfehtMidje Tendenzen be- mcrtbar gemacht haben, sollen die europäischen Kolonien in ihren Botschaftsgebäuden, die aber nicht befestigt sind, Zuflucht genommen haben. . , .
Die englische Politik, die Afghanistan zum befreun- getcu Pufferstaat gegen Rußland ausbauen wollte, scheint ernste Gefahren heraufbeschworen zu haben.
Aman Ullahs Bedrängnis.
Das Königspaar soll sich in schwerster Bedrängnis befinden, weil der größte Teil der Armee, der Hof und die kriegerischen Bergstämme sich gegen den König erklärt haben und Aman Ullah sich nur aus einen kleinen Teil des Heeres unter dem Generalstabschef Omorkhan stutzen kann Das Heer verlangt die Verabschiedung aller Europäer, Thronverzicht Aman Ullahs zugunsten seines älteren Bruders und erhebliche Verlangsamung des Tempos der Europäisierung
Am Montag haben die Aufständischen das Fort, ru dem sich König Aman Ullah und die Königin »«fhallen, in der Nähe von Kabul, durch Flugzeuge beschossen Die Regierung hat einen Aufruf au bßv Volk erlassen, n bem sie verlangt, daß sich alle Männer zu den Waffen meld, und die Aufstandsbewegung bekämpfen sollen ^r m der letzten Woche in den Kämpfen bet Dschellalabad ein- getretene Waffenstillstand bezog sich anscheinend nur auf den Stamm der Mosmands. Die Negierungstruppen lei Dschellalabad sollen von den Aufständischenemseschlossen worden sein 20 führende mohammedanische Priester haben ein Manifest erlassen, in bem das Volk ausgefordert wird, seinem König Gehorsam zu leisten.
Die Reparationskonserenz soll bevorsiehen
Unterredung H o e s ch—P o i n c a r é.
Der deutsche Botschafter v. Hoesch hatte in Paris eine unter fistle Unterredung mit Ministerpräsident Polncarèdie sich mit den noch strittig geb' enen Fragen ^i Ginfe^ung der Sachverständigenkommission ^1° "gte I dieser Besprechung wurde eine Annäherung Dir Standpunkte erreicht. Über die Natur des m «ussichi 8- »ommenen Kompromisses, das nunmehr »ermutUch de deutschen Kabinett zur Entscheidung zugeleitei wird, werou Koch keine Angaben gemacht.
Ich setze gleichzeitig den Völkerbundrat davon tn Kenntnis, daß Paraguay die Mobilisation der Klassen im Al ter, VW Midien beschränkt sich auf die für seine Sicherheit unerläßlichen Vorsichtsma ßn a hmen."
In Paris konferierte Briând mit dem eingetroffenen Völkerbundsekretär Sir Eric Drummond. Man nimmt an, daß nunmehr die geplante Einberufung des Völker-- bundrates nach Paris möglicherweise unterbleibt.
Die noch strittigen drei Punkte, nämlich die Frage der Ernennung der Sachverständigen, die Frage der Ernennung der amerikanischen Sachverständigen und die Frage der Auftragserteilung seien in der Unterhaltung erörtert worden, wird in Paris behauptet, Es sei zu erwarten, daß die französische Antwort auf die deutsche Note vom 30 Oktober vom Ministerrat geprüft werde, in dem Briand über die Ergebnisse her Unterhaltungen zu dreien in Lugano berichten werde. Die offizielle Ernennung der Sachverständigen und die Ein- berufung der Konferenz werde etwa Mitte Januar erfolgen.
Die Verständigung über die Reparationssachverständigen.
wtb. Paris, 19. Dez. „Matin" teilt mit, daß die allgemeine Verständigung über die Reparationssachverständigen nunmehr endgültig besiegelt sei. Die französische Regierung habe jetzt noch ihre Alliierten über die letzten Verhandlungen mit Deutschland zu unterrichten. Das sei nur eine einfache Frage der Höflichkeit, da England und die anderen interessierten Mächte Frankreich volle Handlungsfreiheit gegeben hätten. Es fei wahrscheinlich, daß die verschiedenen Regierungen auf eine identische Antwort an Deutschland verzichteten und sich begnügen werden, der Presse in zwei oder drei Tagen in einer zur Zeit noch nicht genau festgelegten Form das Endergebnis der Besprechungen zur Kenntnis zu bringen. Es sei ferner wahrscheinlich, daß der englische Botschafter in Washington, Sir Esme Howard, in seiner Eigenschaft als Doyen des diplomatischen Corps — in diesem Falle natürlich beschränkt auf die sechs teilnehmenden Mächtebeauftragt werde, die Vereinigten Staaten aufzufordern, an den Sachverständigenarbeiten teilzunehmen.
Die Beratungen über die Bildung des Sachverjtändigcn- Ausschusses für die Reparationen.
wtb. Paris, 19. Dez. Nach dem Kommunique über den gestrigen Ministerrat ist eine Verständigung zwischen den an der Bildung des Sachverständigenausschusses zur Regelung der Reparationssrage hauptsächlich interessierten Staaten so gut wie erfolgt.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* 5k„ einer Unterredung zwischen dem deutschen Botschafter v Hoesch und dem französischen Ministerpräsidenten Poincare soll" sich eine bedeutende Annäherung in bezug aus die -sach- verständtaenkonferenz ergeben haben, so daß die Konserenz für Anfang Januar zu erwarten sei.
* Durch eine Explosion entstand in einer Zelluloidsabrtk in Berlin ein großer Brand. 32 Personen wurden verletzt, darunter 12 lebensgefährlich.
* Auf den überschwemmten Marschwiesen bei Hannover sind vier Skiläufer durch das Eis gebrochen. Drei von ihnen ertranken.
* Bolivien hat auf den Druck der Nachbarstaaten hin die Feindseligkeiten gegen Paraguay eingestellt uiib an den Völkerbundrat telegraphiert, daß es eine Vermittlung annehme.
* Die Lage in Afghanistan ist bedrohlich geworden, da das Heer zum großen Teil zu den Aufständischen übergegangen ist mW Aman Ullahs Abdankung verlangt wird.
Unterirdischer Krieg.
In fürchterlichster Erinnerung steht für Deutschland die Wirtschaftsblockade, die die übergewaltige Seemacht England während des Weltkrieges über uns verhängte. Nicht kriegerische Mittel, sondern dieser Wirtschaftsboykott ist es gewesen, der uns 1918 auf die Knie zwang. Wieder droht jetzt Kriegsgefahr, wenn es auch nur ein „Krieg im Urwald" sein sollte. Es ist zu Zusammenstößen zwischen Bolivien und Paraguay gekommen und, wie es in dieser Art von Kriegen üblich ist, es wurde die Partei „Sieger", die die schnellste Telegraphenverbin- duug besaß. Aber nun scheinen dort unten die Kriegsfackeln wieder ausgelöscht zu werden, weil das modernste Kriegsverhütungsmittel, nämlich der Wirtschaftsboykott, eingesetzt hat. Es heißt nämlich, daß Argentinien, Chile, Brasilien und Peru eine Vereinbarung getroffen haben, wonach sie im Kriegsfall unbedingt neutral bleiben und über die beiden streitenden Mächte eine Wirtschaftsblockade verhängen wollen.
Das ist eine Drohung, die ebenso Bolivien wie Paraguay sehr erheblich zu denken geben wird, denn beide Staaten sind rings umschlossen von jenen vier Mächten, die durchaus in der Lage sind, die beiden Streitenden von jeder wirtschaftlichen Verbindung mit der übrigen Welt ab- zuschließen. Das wird wie ein kalter Wasserstrahl wirken, um so mehr, weil die übrige Welt den ganzen Streitfall für außerordentlich geringfügig hält.
Auch in Vorderasien tobt der Krieg. Ein Bürgerkrieg sozusagen, und König Aman Ullah k ä m p f i um seine Krone. Soll man auch hier einen „unterirdischen Krieq" vermuten? Annehmen nämlich, daß der Nachbar im Osten, das englische Indien, nicht so ganz unbeteiligt an diesem Aufstand der Stämme Afghanistans ist? Noch nicht zehn Jahre ist es her, daß Aman Ullah, soeben König geworden, sich von der reichlich drückenden Last des englischen Einflusses befreite. Sein überstürzter Reformeifer bat ihm zweifellos viele Feinde geschaffen und nichts läge näher, als daß England „unterirdisch" diese llniiifriebenheit nährt und ausnutzt, um di? verlorene Position wiederzuerobern Piel muß der englischen Regierung daran gelegen sein, unmittelbar vor den Toren Indiens, dieser schönsten „Perle in der englischen Krone", die alte Machtstellung wieder einzunehmen. Auch hier ein Staat, den vom Weltverkehr abzuschneiden versucht werden kann Freilich hat Aman Ullah als Rückenstärkung die russische Hilfe und er wird nicht zögern, sie zu gebrauchen, wenn er es für notwendig hält.
Man braucht heute nicht mehr mit Geschützen, Flugzeugen und Tanks Krieg zu führen. Wirtschaftsblockade, finanzieller Boykott sind heimliche, aber vielleicht noch wirksamere Waffen. Ein Beispiel: England und das offizielle Amerika führen einen heimlichen, unterirdischen Krieg gegen Rußland der Kapitalismus kämpft gegen bett Kommunismus. Und nicht zuletzt daran liegt es, daß Rußlands Erperim-'niierwirtschakt von einer Krise in die andere taumelt. Wohltätig sind derartige Waffen, wenn man mit ihnen derart überflüssige Sttettiakeiten wie die in Südamerika unterdrücken kann Mit Worten ist es nicht zu machen — und es bebeutet keinen Ruhmestag für ben Völkerbund, daß man feine ernste Mahnung an die beiden streitenden Staaten dort einfach in den A k t e n s ch r a n k legte. Eine außerordentliche Tagung des Völkerbundraies war in Paris geplant und soll ja schon in den nächsten Tagen stattfinden Jetzt ist die Tagung vielleicht nicht mehr notwendig Aber der Völkerbund läuft Gefahr, zum Kinderspott zu werden, wenn es ihm nicht gelingt, kriegerische Auseinander- fehungen zwischen ben eigenen Mitgliedern zu ersticken.
Moderne Formen der Wirlschast.
Vornag Henri de Peverimhoffs im Reichstage.
Das Komitee für Internationale Aussprache veranstaltete seinen dritten Vortrag im Reichstage Als Redner war dies mal der französische Grotztndustrieue Henri de Peyerimbofs de Fontenelle, der Präsident des französischen Kohlen- svndikats, gewonnen Nach einer Begrüßung durch den Han- delskamnierpräsidenten Franz von Mendelssohn gab der Redner ein Bild von den modernen Formen der Wirtschaftsorganisation und ihren politischen und sozialen Zusammenhängen. Er entwickelte dabet die beiden Tvpenforme» bei modernen Kon- zentralioNsbewegung, die Konzerne vertikaler und horizontaler Struktur auf der einen, die Syndikate auf der anderen Sette und legte ihre Vorteile und Nachteile bar. Er bekannte sich zu einem wirtschaftlichen Individualismus, der bte persönliche Verantwortung und das unmittelbare Interesse jedes Beteiligten wach hält und die kollektive Leistung von diesen Eigenschaften abhängig macht, dem Staat aber nur Kontrollfunktionen Vorbehalt Der Redner gab im Verlause seiner Ausführungen eine Kritik der Auswüchse, die eine Folge der
Nachlriegscnttviülung und der Kricgszerstörunacn seien. Er schloß mit einem Ausblick auf die mögliche künftige Form der Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft und auf die Möglichkeiten einer zwischenstaatlichen wirtschaftliche!' Zusammenarbeit
Die Ausführungen de Peyerimhofss trugen ihm Anerkennung und Dank des zahlreichen Auditoriums ein. zu dessen Sprecher sich der Vorsitzende Franz von Mendelssohn machte. Unter den Anwesenden sah man u a. vom Auswärtigen Amt den stellvertretenden Staatssekretär Ministerialdirektor Dr. Köpke. Ministerialdirektor Dr Ritter. Geheimrat Dr. Eisen- lohr und Gras Bassenhcim. vom ReichswirtschaftsministeriUm Staatssekretär Dr Trendelenburg, den französischen Botschafter de Margerte mit den Herren seiner Botschaft, die früheren Reichsminister Exzellenz Dernburg, Hamm und Dr. Köhler, Generaloberst von Seeckt und den Gesandten von Hindenburg.
Schont die Zugtiere!