Zul-aer Anzeiger
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Nr. 304 — 1928
Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
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Fulda, Freitag, 28. Dezember
5. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Reichsaußenminister Dr. Stresemann betonte In einer Unterredung mit einem amerikanischen Pressevertreter das zweifellose Recht Deutschlands aus alsbaldige Rheinland- räumung.
* Die Gewerkschaften beabsichtigen, ein Eisenbewtrtschas- tungsgesetz ähnlich den Bestimmungen über die Kohlenwirt- schaft dem Reichstag vorzulegen.
* In den Weihnachtsfeiertagen ereignete sich eine Reihe schwerer Bluttaten, die mehrere Todesopfer forderten.
* Bei der Rettung ausländischer Frauen und Kinder aus Kabul durch englische Flugzeuge sind auch deutsche Frauen einbegriffen gewesen.
Dsuisches Leid im Osten.
Was v 0 r zehn Jahren verlorenging.
In den letzten Tagen des Dezembers 1918, also gerade vor zehn Jahren, ging die Provinz Posen Deutschland verloren, schwoll die Polenslüt immer höher an und schien den ganzen deutschen Osten verschlingen zu wollen. Ein wohlvorbereiteter Aufstand brach zuerst in der Pro- vinzialhauptstadt Posen los und trotz mannhaften Widerstandes kleiner deutscher Truppenteile waren die Haller- truppen und die Sokols rasch Herren der Stadt. Das von der Umwälzung durchzuckte Deutschland war nicht in der Hage, seinen Besitz zu schützen, ein Vertrag des damaligen Reichskommissars mit der neuen polnischen Regierung räumte die Provinz. Aber als die Fänge des Polenadlers immer weiter nach Norden und Westen griffen, vermochte der rasch gebildete deutsche Grenzschutz im Osten diesem Vordringen Einhalt zu bieten, ja die Polen wieder zurück- zudränoen.
Dieser deutsche Widerstand hat nichts genützt, der Versailler Vertrag nahm Deutschland nicht bloß Posen, sondern schuf das Unmöglichste, den Korridor. Seit den achtziger Jahren hatte in den polnisch bevölkerten Ge- b'eten .Deutschlands^ RuLlands ynd Österreichs, die Agita- tion zur Schaffung eines Polenstaates eingesetzt: der Sieg der Mittelmächte befreite dann den Hauptteil des beabsichtigten Staates vom russischen Joch und auf deutsche Veranlassung hin wurde schon 1916 die Unabhängigkeit Pc-lens von Rußland proklamiert — damit aber auch die Voraussetzung für das alles geschaffen, was nun am 27. Dezember 1918 in Posen losbrach. Gerade dies aber hat bi.- riefe Bitterkeit in das deutsch-polnische Verhältnis hin- einaebracht; dieser junge Staar war außerdem durchaus nicht auf dem Selbstbestimmungsrecht der Völker auj- gebaut. will aber zum reinen Nationalstaat werden mit allen Mitteln. Denn der neue Staat wird nur zu etwa 70 Prozent seiner Gesamtbevölkerung von Polen bewohnt, kmOrenb der Rest sich aus anderen Nationalitäten zu- sammensetzl, darunter aus weit über eine Million Deutscher.
In breiten Strömen hat sich ia während dieser zehn Jahre die deutsche Bevölkerung der von Polen an sich gerissenen Gebieie nach Deutschland ergossen und was zurückblieb. ist einem Martprium unterworfen. Übrigens geht es den Ukrainern im Osten und Südosten, den Weißrussen im Wilnagebiet nicht um ein Haar besser Nur ge- zwimger erkennt Polen die im Statut des Völkerbundes erklärten M i n d c r h e i t e u r e ch t e an; soeben erst aber hat ja der polnische Außenminister Zaleski in Lugano eine überaus scharfe Rede gegen dieses Minderheltenrecht gehalten. .
Dieser unbedingte Wille zur restlo,en Nationalisierung" Polens steht auch dann immer im Wege, wenn cs sich um die Regelung irgendwelcher Beziehungen mit den Nachbarstaaten handelt. Wie gespannt namentlich das polnisch-russische Verhältnis, dann das zu Litauen und schließlich nicht zuletzt zu Deutschland ist, weiß die Welt. Die Auseinandersetzungen mit Litauen stehen cbenio jedesmal auf der Tagesordnung der Volkerbundsitzungen in Genf wie die Klagen wegen Verletzung der Mmder- Heitenrechw. Als vorläufig «loch nicht überwundener Stein liegt dieser polnische Willen zur Polouislerung der Grenzgebiete auch auf dem Wege, den die denftch-polni- M)cu Handelsvcrtragsver H a n d l u M e n gehen sollen. Und außerdem hört man jenseits der Grenze, vom Wohlwollen der Warschauer Regierung getragen, immer wieder Reden und Forderungen herübertonen, die von den „noch unerlösten polnischen Brüdern tu -eutschlaur! sprechen, zu gleicher Zeit, als die Preußenreglerung den Minderheiten ein überaus liberales Schulrecht etnraum., So ist durch Polen alles getan, m der schweren Wunde herumzuwühlen, die vor zehn Zähreni dem <ct Deutschlands geschlagen wurde. ^aghc^ geschieht een Deutschen neues Leid auf einem Boden, dessen Kultur doch deutschen Ursprungs ist und von dem man doch diese deutschen Spuren niemals ganz verwischen wird.
Errichtung einer syrischen Monarchie?
wtb. London, 28. Dez. „Daily Expreß" meldet aus Paris, es verlaute, daß vorbehaltlich der Zustimmung der Mandatskommission des Völkerbundes die W0“}c Verfassung vielleicht geändert und das franzosyche Mandatsgebiet Syrien in eine Monarchie umgewandelt werden würde. Die endgültige Wahl für den syrischen Thron werde wahrscheinlich auf Prm§ Udit Ben Ayad fallen, dessen Kandidatur setzt rn emfülsp reichen Kreisen in Paris erörtert werde. Adil Ben Ayad ist ein Nachkomme der Omanaden Kalifen. Seine Frau ist eine Nichte des Königs Fuad vo Aegypthen. Er selbst ist französischer Burger lebt in Passy und steht im Alter von 45 Jahren,
Alischliißsiircht bei den Franzosen.
Frankreich will nicht!
Der gefürchtete Anschluß Österreichs,
Der sonst einigermaßen mit Schonung behandelte sozialdemokratische deutsche Reichskanzler Müller hat diesmal in Paris heftig angestoßen. Er hat in einem in Berlin erschienenen Artikel über die Aussichten für 1929 gesagt, die Behandlung Deutschlands als gleichberechtigte Nation gehörte zu den Sicherungen für einen europäischen Dauerfrieden, und Kanzler Müller hat ferner in der Wiener „Neuen Freien Presse" einen Weihnachtsgruß an die Deutschen in Österreich veröffentlicht, in dem er das unzerstörbare Zusammengehörigkeitsgefühl des deutschen Volkes im Reiche und in Österreich betont. Darob großer Entrüstungssturm in der französischen Presse, die sich gar nicht genug tun kann in Angriffen aus die jetzige deutsche Regierung und die Deutschen überhaupt, die sich herausnehmen, von dem Anschluß Österreichs so oft und so selbstverständlich r« reden
Das „Journal des Debüts" findet, daß es sehr bezeichnend sei, daß nach den Unterredungen in Lugano und vor dem
Sozialdemokratisches Wehrprogramm. ,
Die sozialdemokratische Kommission zur Prüfung ' des Wehrproblems veröffentlicht das Ergebnis ihrer Arbeit. Es heißt in dem Programm unter anderem: Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands verwirft den Krieg als Mittel der Politik. Als Mitglied der sozialistischen Arbeiter-Internationale kämpft die SPD für vollständige Abrüstung durch internationale Abkommen. Die Abrüstung wird nur dann dem ^rieben dienen, wenn sie nicht eine einseitige Verpflichtung ist, rote sie den Besiegten des Weltkrieges ourch die Sieger auferlegt würde. Eine Verpflichtung der deutschen Republik die ihr auferlegten Rüstungsbestimmungen ohne Rücksicht auf ihre politische und militärische Zweckmäßigkeit auszuschöpfen, erkennt die SPD nicht an. Die Wehrmacht kann ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie in ihrem Denken und Fühlen mit dem Volke verbunden ist und sich als dienendes Glied in die demokratische Republik einordnet. Um die Reichswehr in diesem Sinne umzugestalten, stellt die SPD insbesondere folgende Forderungen: Kontrolle des Reichstages über alle Verträge der Heeresverwaltung, keine Subvention an Privatfirmen, die mittelbar oder unmittelbar illegalen Rüstungen dient. Verbot der Bestrafung von Veröffentlichungen über illegale Rüstungen. Gesetzliche Bestimmungen zur Sicherung einer unparteiischen Rekrutierung, Beseitigung des Bildungsprivilegs für das Offizierkorps, Sicherung der staatsbürgerlichen Rechte der Soldaten, Schutz der Rechte der Soldaten durch eine von ihnen gewählte Personalvertretung. Demokratisierung des Disziplinarrechts und des Militärstrafrechts, republikanische Lehrkräfte und Lehrbücher beim Unterricht, Verbot der Verwendung militärischer Kräfte bei Konflikten zwischen Kapital und Arbeit. Die SPD fordert dann noch die Neufestigung des Völkerrechts im Sinne der Humanität. Insbesondere fordert sie Verbot des Gaskrieges und der Verwendung von Bakterien zur Kriegs- führung.
Croon D. Nuung, her besonnte amerikanisch- Finanzmann, der wahrscheinlich als Sachverständiger her Vereinigten Staaten an der neuen Rcparatwnskonfcrenz teilnehmen wird.
Erfolge der afghanischen Regierungstruppen.
wtb. Kabul, 28. Dez. Die Regierungstruppen drängten die Aufständischen 30 km von Kabul zurück. Das Hospital und eine Anzahl Dörfer bei Kabul wurden von den Aufständischen zerstört.
Zusammentritt her Sa^verftândlgenkonferenz her Reichskanzler öffentlich die Meinungen wieder aufnehme, die Stresemann bei Briand und Chamberlain nicht habe durchsetzen können. Nach her Ansicht des Reichskanzlers kompromittiere die Rhcinlandbesedung den europäischen Frieden; in Frankreich und anderwärts vertrete man eine vollkommen entgegengesetzte Ansicht Der Reichskanzler behaupte, daß dre Bereinigung Österreichs mit Deutschland jahrhundertealten Gefühlen entspreche. Das fei natürlich grundfalsch, die Deutschen wollten keinen wirklichen Frieden. — Der „Temps" tagt: Die Formel „Neujahrsgruß an die Deutschen in Österreich" bilde schon ein Programm Cs zeige, daß Deutschland aus seinen Anschlußwünschen beharre, in denen sich alle Parteien gleich seien. Sie sprächen von dem Recht auf die sofortige bedingungslose Rheinlandräumung und von der endgültiaen Regelung der Reparationen in einem Sinne, der nicht erfüllbar sei und im Gegensatze zu Frankreichs Interessen stände.
Die Franzosen finden nur eines berechtigt: den rücksichtslosen Egoismus für sich selbst und das Unterdrücken jeder berechtigten Forderung zugunsten der französischen Gewaltpolitik — wenn darüber auch die Befriedung Europas auf Ewigkeiten hinausgeschoben wird.
politische Rundschau.
Deutsches Mich-
Tas deutsche Eigentum in Amerika.
In diesen Tagen begeben sich der Geschäftsführer des „Deutsch - Amerikanischen Wirtschaftsverbandes", H. E. Müncks, und das geschäftsführende Vorstandsmitglied der Abteilung Amerika des „Bundes der Ausländsdeutschen", Botho Lilienthal, nach Washington, um dort Fragen der Freigabeabwicklung zu klären und zugleich als Leiter der „Interessenvertretung für Ansprüche deutscher Patentinhaber" Verhandlungen über die Entschädigungsansprüche für die während des Krieges an das Marinedepartement verkauften deutschen Patente zu führen.
Ein Eisenwirtschaftsgesetz?
Die gewerkschaftlichen Spitzenverbände sollen beabsichtigen, im Anschluß an den großen Arbeitskonflikt in der westlichen Eisenindustrie ein E i s e n w i r t - schaftsgesetz zu fordern. Die Gewerkschaften wollen diesen Plan besonders fördern aus die Nachricht hin, daß die eisenschaffende Industrie daran denke, gegebenenfalls den Eisenpreis zu erhöhen. Das Eisenwirtschaftsgesetz soll bewirken, daß ähnlich wie in der Kohlenwirtschaft auch die Preispolitik in der eisenerzeugenden Industrie öffentlich kontrolliert werden kann
Nordamerika.
Hoover bricht seine Reise ab.
Der kommende Präsident Hoover hat seine Reise durch Südamerika plötzlich unterbrochen und sich auf die Heimreise nach Washington begeben. Dieser Entschluß wird teilweise seinem Wunsche zugeschrieben, sich näher mit der Frage der Wahl der zwei amerikanischen Sachverständigen für den Reparationssachverständigenausschuß zu besassen. Parker Gilbert, der in einigen Tagen in Washington eintreffen soll, werde sicher dem künftigen Präsidenten, wie er es bisher gehalten habe, über seine Beobachtungen Bericht erstatten.
Aus In- und Ausland
Berlin. Der Preußische Landtag muß Freitag infolge eines kommunistischen Vorstoßes seine Weihnachtsferien unterbrechen. Das Haus tritt zur Beratung des von den Kommunisten eingebrachten Mißtrauensvotums gegen daS Staalsministcrium zusammen.
Weimar. In dem seit Jahren vor Gerichten und Rom« Missionen schwebenden Streit des früheren Staatsbankpräsi- henten Loeb mit dem Staat Thüringen ist ein außergerichtlicher Vergleich erzielt worden. Der Vergleich sieht für Loeb eine von der Staatsbank zu zahlende Entschädigung von 35 000 Mark vor, wogegen Loeb sich verpflichtet, seine Klage zurückzuziehen und die ganze Angelegenheit, auch politisch, als erledigt an« zusehcn.
Paris. Nach dem Ärztcbericht macht die Besserung im Gesundheitszustand des Staatsanwalts F a ch 0 t weitere Fortschritte. In der Untersuchung gegen den Attentäter sind auS dem Elsaß sehr genaue Angaben eingelaufen, die eine Unter« snchung des Täters auf seinen Geisteszustand erforderlich machen werden.
Paris. Die Irrenärzte, die den ehemaligen Finanzminister Klotz untersucht haben, haben dem Untersuchungsrichter einen Bericht übergeben, in dem erklärt wird, daß Klotz keine Anzeichen einer Geisteskrankheit zeige. Er sei für seine Taten voll verantwortlich zu machen.
London. In dem Befinden des Königs ist während her Weihnachtsfeiertagc keine wesentliche Änderung eingetreten. Der langsame Fortschritt hält an und das Fieber ist zurück- gegaugen.
Agrain. Der als politischer Spion verhaßte Polizeiagcnt Grauer fiel einem Attentat zum Opfer. In einem Caft schoß ein Unbekannter hinterrücks auf ihn. Zwei Schüsse aus dem Revolver verletzten Grauer schwer. Er wurde in bedenklichem Zustande ins Krankenhaus übergeführt.
Athen. Der Innenminister unterbreitete der Kammer beu Gesetzentwurf zur Bekämpfuttgder kommunistische» Propaganda. Danach werden kommunistische Agitatoren mit mindestens sechs Monaten Zuchthaus bestraft. Aufreizende Zeitungsartikel tragen dem Verfasser, Drucker, Chefredakteur und Zeitungsdircktor ebenfalls diese Mindeststraf- ein. Kommunistische Versammlungen sind von nun an verboten.
Peschawar. Britische Militärflugzeuge haben weitere 22 Frauen und Kinder von Kabul hierhergebracht. ES handelt sich um die Familien deutscher, italienischer, türkischer, indisches unb persischer Angestellten der afghanischen Regierung,