Zul-aer Anzeiger
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M 53 - 1930
Futva, Dienstag, 4. März
7. Aahrgung
Fortdauer der Krise.
Uneinigfeit bei Regierung und Parteien.
Schwierigkeiten für eine Verständigung.
Auch der Montag hat keine Lösung bei dem im Reiche jede gedeihliche politische Weiterarbeit nun schon seit Wochen verhindernden Krisenzustand gebracht. Unter dem Vorsitz des Reichskanzlers versammelte sich das Kabmett abermals, um über die Deckung zum Reichshaushaltsplan 1930 zu beraten. Es kam aber kein Beschluß zustande und die Verhandlungen über die Steuergesetze und Steuersenkungsmaßnahmen sollen Dienstag fortgesetzt werden. Reichsautzenminister Dr. Curtius war an der Teilnahme verhindert, da er durch seine Erkrankung noch mehrere Tage an das Zimmer gebunden ist. Neben den Vorschlägen des Reichsfinanzministers wurden namentlich auch die durch die Beschlüffe der Volkspartei und der Demokraten umrissenen Forderungen erörtert. Das Kabinett hat die feste Absicht, noch einmal alle Möglichkeiten zu einer Einigung zu versuchen. Ein großes Hindernis bietet dabei die Entschließung der Deutschen Volkspartei, jedes Eingehen auf dâs vorgeschlagene Notopser, selbst nach der Stellungnahme des Reichspräsidenten dafür, abzulehnen.
Die Demokraten neigten bei ihrer Erklärung vom Sonntag eher dazu, ein solches Notopser zu akzeptieren, und zwar durch eine allgemeine Erfassung aller Leistungsfähigen, nicht allein der Festbesoldelen. Sie regten dabei an, eine Rückzahlung dieser einmaligen Leistung im Jahre 1931 in Betracht zu ziehen. Die Regierung will, wie gesagt, noch einmal versuchen, die ihr nahestehenden fünf Parteien auf ein gemeinsames Programm zu einigen, obwohl der Beschluß der Volkspartei rat Augenblick fast ein unübersteiabares Hindernis auf- zurichten scheint. Dabei drängt die Entscheidung über die Boung-Pläne me6r und mehr. Ihrer Verabschiedung steht aber auch der Wille des Zentrums entgegen, vor der Verabschiedung eine feste Basis zu sichern für die Ordnung der Reichsfinanzen. Ferner ist die Frage immer noch nicht beantwortet, ob sich eine Mehrheit im Reichstage findet zur gleichzeitigen Annahme der Haager Abmachungen und der Liquidationsabkommen, besonders desjenigen mit Polen. Die Regierung hält bis jetzt eine Trennung dieser beiden Materien für un- möglich. Einstweilen bleibt somit alles noch in- der Schwebe.
Die volksparteilichen Minister.
Nach dem das Notopfer ablehnenden Beschluß der Deutschen Volkspartei wird natürlich in erster Linie die Stellung der beiden volksparteilichen Minister im Kabinett, zunächst deS Rechsfinanzministers Dr. Moldenhauer, dann aber auch des Reichsautzenministers Dr. Curtius äußerst fraglich. Von dem bevorstehenden Rücktritt Dr. Moldenhauers wird bereits offen gesprochen. Geteilter ist die Meinung darüber, ob sein Fraktionsfreund Dr. Curtius gleichfalls keinen Boden mehr unter den Füßen fühlt.
Ob eine neue Konstellation für eine Regierungsmehrheit dann gefunden werden könnte, und zwar unter dem Zeichen der sogenannten „Weimarer Koalition* mit Sozialdemokraten, Zentrum und Demokraten, unterstützt
Frankreichs neues Kabinett.
Das nach dem Sturze Chautemps' abermals von Tardieu neugebildete französische Kabinett umfaßt nicht weniger als 34 Namen im ganzen und wird in der französischen Presse bereits heute als eine Riesenversammlung von Politikern verschiedenster Richtungen bezeichnet, die mit einem arbeitsfähigen Ministerium wenig Ähnlichkeit besitze. Das Außenministerium hat wieder Briand übernommen.
Tardieus Gefolgschaft
hat unverkennbar einen starken Zug nach der Rechten hin, zumal die Radikalsoziale Partei sich außer zwei ihrer Abgeordneten nicht beteiligt hat. Man spricht von dem bevorstehenden Ausschluß dieser Abgeordneten aus der Partei. Radikalsoziale und Sozialdemokraten kündigen Tardieu offenen Kampf an. Dennoch wird gerechnet auf eine Mehrheit für das Ministerium voü etwa 30 Stimmen in der Kammer.
Für Mittwoch ist die Regierungserklärung vor deni Parlament in Aussicht gestellt. Die Außenpolitik wird dabei in gleicher Weise wie beim ersten Kabinett Tardieu behandelt werden. In der I n n e n p 0 l i t i k werden keine wesentlichen Abweichungen von dem Programm des gestürzten Chautemps vorkommen. Breiten Raum soll die Finanzpolitik einnehmen. Eine Reform wird angekündigt werden. Veränderungen der Abrüstungsideen in bezug auf die Londoner Konferenz, auf die Saarverhandlungen und auf die Genfer Zollbesprechungen sind nicht zu erwarten.
Kommunistenverhaftungen in München.
München. Wie die kommunistische Neue Zeitung meldet, wurden die kommunistische Stadträtin Sarnecki und der kommunistische Landtagsabgeordnete Götz in ihren Woh- nungen von der Polizei verhaftet. Als Grund der Ver- M^ng wurde von der Polizcidirektion angegeben, daß die Verhafteten verdächtig sind, an dem Landfriedens- am vergangenen Mittwoch in der Münchener Vorstadt
V beteiligt gewesen zu sein. In der gleichen Angelegcn- rätin^v^he^ auch der Ehemann der kommunistischen Stadt-
von der Bayerischen Volkspartei und der Wirtschafts- Partei, steht noch dahin. Allerdings könnte eine solche Zusammenstellung auf eine, wenn auch nicht große Mehrheit im Reichstag rechnen, die aber einen schwankenden Charakter an sich tragen würde. Beim Versagen solcher Wahrscheinlichkeitsberechnungen wäre es keine Laien^ empfindung, wenn man ernsthaft entweder den Rück- tritt des ganzen Kabinetts Müller oder den Entschluß zur R e i ch s t a g s a u f l ö s u n g mit nachfolgenden Neuwahlen ins Auge faßte.
Oie Suche nach der „gemeinsamen Steuerplattform/'
In den Montagsbesprechungen des Reichskabinetts und in Besprechungen der Regierungsparteien untereinander wurde auch sehr eingehend über den bekannten Vermittlungsvorschlag der Demokraten verhandelt. Die Deutsche Volkspartei beharrt jedoch nach wie vor auf ihrem Standpunkt und lehnt alle Pläne ab, die in ihrer Wirkung einer Erhöhung der direkten Steuern gleichkommen, also auch die zur Erörterung gebrachte Zwangsanleihe.
Eine gemeinsame Steuerplattform, die nach Ansicht maßgebender Kreise nur durch unmittelbare Verständigung der Regierungsparteien gefunden werden kann, ist der einzige Weg zur Vermeidung einer Krise von unberechenbaren Ausmaßen.
In Zentrumskreisen hat der „Vorstoß" der Deutschen Volkspartei offenbar Verstimmung hervorgerufen, die in einem Artikel des führenden Zentrumsorgans Germania deutlich zum Ausdruck kommt.
Unter der Überschrift „Krise oder nicht Krise* wird u. a. gesagt, die Deutsche Volkspartei habe gerade in dem Augenblick ihre unbegreifliche Haltung eingenommen, in dem die Sozialdemokratie bereit sei und den Anlauf gemacht habe, steuerliche Maßnahmen mit den übrigen Parteien zu treffen, die H ö chst unpopulär seien. Wenn die Sozialdemokratie die nicht unbeträchtlichen Erhöhungen der indirekten Steuer n mit zu decken sich entschlossen habe, so sei es um so unverantwortlicher von der Deutschen Volkspartei, in diesem Augenblick vollständig zu versagen und sich auf den engen Parteistandpunkt zu stellen.
Festhalten der S. p. O. am Opfer der Besitzenden.
Der Vorstand der Sozialdemokratischen Reichstagsfraktion trat am Montag nachmittag zu einer Sitzung zu- samnren, an der sämtliche der Fraktion angehörenden Minister teilnahmen und in der über den gegenwärtigen Stand der Verhandlungen über die Regelung der finanziellen Fragen Bericht erstattet wurde. Es wurden keine Beschlüsse gefaßt, doch herrschte völlige Einmütigkeit darüber, daß die Verabschiedung der N 0 u n g- Gesetze nicht durch innenpolitische Streittgkeite« verzögert werden dürfe und daß für die schwebenden Finanzfragen eine Lösung gefunden werden müsse, die sowohl die Aufrechterhaltung der sozialen Leistungen, insbesondere der Arbeitslosenversicherung, in dem bisherigen Umfang gewährleiste als auch dem Gedanken eines Opfers der Besitzenden für die Sanierung der Finanzen Rechnung trage.
Der deutsche Osten.
Bei einer Ortskundgebung der deutschen Jungdemokraten in Frankfurt a. d. O. sprach der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft,Dietrich, über „Die europäischeZoll- Politik unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Ostens". Ausgehend von der Vorkriegs- lage, schilderte Reichsminister Dietrich die umwälzende Wirkung des Zerfalls der beiden großen Wirtschaftsgebiete, die damals an der deutschen Ostgrenze bestanden, und sagte u. a.: Furchtbare Folgen hatte die Deutschland in Versailles bis 1925 auf» gezwungene einseitige Meistbegünstigung. Seit 1925 hat nun aber der deutsche Handel mit den Oststaalen Europas trotz übertriebener Zollschranken einen starken Aufschwung genommen, der einer natürlichen Entwicklung entspricht. Die Bestrebungen, Deutschland zum reinen Industrieland zu machen, das mit seinen Produkten im Ausland die erforderlichen Agrarprodukte eintauscht, werden der Lage Deutschlands und seiner Industrie inmitten der Weltwirtschaft nicht gerecht
Unheilvoll war für die deutsche Landwirtschaft der schwedische Handelsvertrag, den ich erst mühevoll habe ändern müssen. Aber nicht in allen Fällen kann mit Zollerhöhungen geholfen werden, wie überhaupt bezüglich der Zölle in der Landwirtschaft geradezu ein Aberglaube herrscht. Die Lösung der Agrarfrage entscheidet über die
nationale Behauptung des deutschen Ostens.
Zum Schluß äußerte sich Reichsminister Dietrich zu den aktuellen Fragen der Politik und sagte u. a.t Ich bade versucht, einen Ausweg zu finden Die strittigen lOO Millionen dürfen — das ist offenbar auch die Meinung des Herrn Reichspräsidenten — keine Regierungskrise hervorrufen Es ist zurzeit keine andere Koalition möglich als die heutige, meu die Deutschnationalen seit den: Volksbegehren nicht regierungsfähig sind. Ich habe lediglich zur Erwägung anheimgegeben, die strittigen 100 Millionen direkter Steuern in irgendeiner Forni zu schlucken, wenn die Sicherheit besteht, daß der nächste Etat 450 Millionen in der Endsumme niedriger und dieser Betraa zur Steuerscnkuna verwendet wird.
Oberstudienrat Siefert wieder im Amt.
Der Oberstudiendirektor Siefert ist durch Verfügung des Thüringischen Volksbildungsministeriums in seine Rechte als Direktor des Wilhelm-Ernst-Gymnasiums in Weimar wieder eingesetzt worden. Das von ihm selbst beantragte Disziplinarverfahren nimmt jedoch seinen Fortaana.
politische Nundschav
Deutsches Reich
Ersparnisse am Justizetat.
Der Hauplausschuß des Preußischen Landtages begann die Vorberatung des Haushalts der Justizverwaltung. Justizminister Dr. Schmidt sprach über die ungünstige Finanzlage. Alle wesentlichen Mittel für Ersparnisse seien von Preußen vorgeschlagen: die Erhöhung der Zuständigkeit des Amtsgerichts in Zivilsachen auf 1000 Mark und die Erhöhung der Berufungssumme in Zivilsachen auf 200 Mark. Die Gesamtausgaben für Armenanwaltsgebühren betragen für 1929 mehr als 20 Millionen Mark. . Als bedenklich bezeichnete der Minister das starke Anwachsen des Zustroms zum höheren Justizdienst. Die Zahl der Studenten der Rechtswissenschaft sei im Winter 1928/29 mehr als doppelt so groß tote vor zehn Jahren. Das Zusammenwirken von Justiz und Presse sei enger und verständnisvoller geworden, ebenso die Verbundenheit der Beamten mit der Republik.
Hellpachs Rückzug aus der Politik.
Professor Dr. Hellpach, der frühere badische Unter- richtsminister und Staatspräsident, hat in einem Schreiben an den geschäftsführenden Vorsitzenden der Demokratischen Partei mitgeteilt, daß er sein Reichstagsmandat niederlegt und gleichzeitig aus der Leitung der Deutschen Demokratischen Partei ausscheidet. Das Schreiben erklärt, daß Hellpach zu diesem Schritt nicht durch persönliche Verstimmungen, sondern durch den Wunsch veranlaßt worden sei. Bindungen abzustreifen, welche feine Meinungsäußerung oder Entschlußfassung zu den großen innenpolitischen Problemen der Zeit beschränken müßten. Professor Dr. Hellpach kandidierte bekanntlich nach Eberts Tod auch für das Reichspräsidentenamt. Für den Professor Dr. Hellpach wird der frühere Abgeordnete Bartschat (Ostpreußen) in die demokratische Reichstagsfraktion eintreten und das Reichstagsmandat erhalten.
Italien.
Merry del Vals Testament.
Der verstorbene Kardinal Merry del Val hat $itm Erben seines gesamten Vermögens die Gesellschaft für die Verbreitung des Glaubens eingesetzt mit dem Wunsche, daß sie die bedürftigen Missionen unterstütze. Von den Legaten, die der Kardinal hinterließ, erhielt Papst Pius XI. ein Brustkreu;. das dem Kardinal von Papst Lea XIII. geschenkt wurde. Was die Beerdigung anbelangt, hat der Kardinal in seinem Testament den Wunsch ausgesprochen, falls es möglich wäre, seinen Leib neben der Gruft des Papstes Pius X.. dessen Staatssekretär er war, beizusetzen. Papst Pius XI. hat verfügt, daß dem Wunsche stattgegeben wird.
Aus In- und Ausland
Berlin. Zu den deutsch-rumänischen Handelsvertrags- Verhandlungen wird mitgeteilt, daß der Hauptteil der rumänischen Abgeordneten nach Bukarest zurückgekehn ist Dèr Führer der Abordnung und einige andere Herren sind jedoch in Berlin geblieben und führen die Verhandlungen fort
Berlin. Kommunistische Zeitungen verbretten unter Angabe von Einzelheiten die Behauptung, daß der Reich s - anwalt Jörns wieder Dienst tue Die Behauptung ist in vollem Umfang frei erfunden. Retchsanwali Zorns ist nach wie vor beurlaubt und nach wie vor in keiner Form, weder mittelbar noch unmittelbar, mit Dienstgeschäften besaßt
Hamburg. Die Beteiligung des deutschen Dampfers „Falke" an dem letzten Putsch in Venezuela hat jetzt zur Anklageerhebung gegen die Hamburger Reeder Prenzlau und Kramarski geführt Außerdem ist auch der Kapitän des Dampfers „Falke", Ziplitt, angeklagt
London. Die kanadische Regierung hat im Parlament eine Vorlage eingebrachi, durch die bestimmt wird daß in Zukunft den Alkoholsendungen nach den- Vereinigten Staaten keine Ausfuhrbeschcintgung mehr gegeben wird Die Vorlage ist eine Folge der Verhandlungen zwischen der kanadischen und der amerikanischen Regierung.
Deutscher Veamtenbund gegen Notopfer.
Der Geschäftsführende Vorstand des Deutschen Beamtenbundes hat sich eingehend mit der augenblicklichen Lage, vor allem aber mit dem angeregten Neichsnot- opfer befaßt und einstimmig die bisherige Haltung der Bundesleitung gebilligt. Der Vorstand des Deutschen Beamtenbundes erkannte die schwierige Lage an, in der pch Reich und Volkswirtschaft befänden, war aber einmütig der Auffassung, daß jede Sonderbelastung der Beamten- schast vermieden werden müsse, diesen außergewöhnlichen Verhältnissen vielmehr am gerechtesten nur durch Heran- ziehung aller leistungsfähigen Volksschichten Rechnung getragen werden könne.
S^^WS^^
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die abermaligen Besprechungen des Reichskabinetts über die schwierige innere Lage haben auch am Montag noch zu keiner Lösung geführt und sind auf Dienstag verschoben worden.
* Reichsernährungsminister Dr. Dietrich bezeichnete in Frankfurt a. d. O. dre Lösung der Agrarfrage entscheidend für die nationale Behauptung des deutschen Ostens.
* Professor Dr. Hellpach, ehemaliger badischer Unterrichts- minister und Staatspräsident, einstmals demokratischer Kandidat bei der Reichspräsidentenwahl, hat sein Reichstagsmandat niedergelegt und ist aus der Leitung der Demokratischen Partei ausgeschieden.
* Der wiedergekehrte französische Ministerpräsident Tardieu will am Mittwoch mit seinem Kabinett und einem Regierungsprogramm vor die Kammer treten.
* Durch große Ueberschwemmungen in Südfrankreich sind zahlreiche Menschen ums Leben gekommen.