Zulöaer /lnzeiger
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Ar. 75 — 1930
Fulda, Samstag, 29. März
7. Aahrgang
Vie Bildung des Kabinetts Brüning.
M Kein Ergebnis der Besprechungen.
Dr. Brüning hat sofort nach der Beauftragung durch den Reichspräsidenten die nötigen Schritte zur Regierungsbildung unternommen. Er hatte mit zahlreichen Abgeordneten längere Besprechungen. Sein Ziel scheint zu sein, ein Kabinett der Mitte zusammenzubringen. Besondere Aufmerksamkeit erregte es, daß Dr. Brüning sich mit dem Führer des Reichslandbnndes, Dr. Schiele, der der deutschnationalen Reichstagsfraktion angehört, sowie mit dem Abgeordneten Treviranus, der eine führende Rolle in der Volkskonservativen Vereinigung spielt, in Verbindung setzte. Wie es heißt, sollen beide Abgeordnete für einen Ministerposten gewonnen werden. Dr. Schiele soll das Reichsernährungsministerium erhalten, das er schon einmal längere Zeit geleitet hat. Selbstverständlich werden auch noch andere Ramen für die kommenden neuen Minister genannt; es ist indessen müßig, sie hier alle zu verzeichnen. Dr. Brüning ist entschlossen, sein Kabinett so schnell wie möglich zusammenzubringen, so daß die Öffentlichkeit bald Gelegenheit haben wird, die neue Reichsregierung in Augenschein zu nehmen. Wie es heißt, soll der Reichspräsident Dr. Brüning weitgehende Vollmachten in Aussicht gestellt haben, falls sich ihm bei der Durchfüh- ning seines Programms größere Schwierigkeiten in den Weg stellen sollten.
Der neue Reichskanzler.
Der vom Reichspräsidenten mit der Kabinettsbildung beauftragte Führer der Zentrumsfraktion des Reichstages, Dr. Heinrich Brüning, ist am 26. November 1885 in Münster (Westfalen) geboren. Er besuchte die Universitäten München, Straßburg und Bonn, wo er Geschichte, Philosophie und Staatswissenschaften studierte. Im Jahre 1911 machte er das Staatsexamen für das höhere Lehramt, 1915 das Doktorexamen. In den Jahren 1911/13 unternahm er Studienreisen in England und in Frankreich. Slm Kriege nahm er von 1915 bis 1918 teil. Dr. Brüning ist Inhaber des Eisernen Kreuzes 1. und 2. Klasse. 1919 trat er als Referent in das preußische Wohlfahrtsministerium ein. Seit 1921 ist er Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes. In den Reichstag wurde er 1924 als Vertreter des 7. Wahlkreises (Breslau) gewählt. Dr. Brüning gilt in Reichs- iagskreisen als ein kluger Kopf, der es versteht, in ruhiger, vornehmer Art den Weg auch in schwierigsten Situationen zu weisen. Daß ihn auch seine Fraktion besonders schätzt, ersieht man am besten daraus, baß sie ihn, der noch ein junges Mitglied in ihren Reihen ist, mit der Führung der Fraktionsgeschäfte betraute.
Dr. Brünings Bemühungen um die Kabinettsbildung.
Am Endender langen Reihe der Besprechungen die Dr. Brüning den ganzen Tag über mit Abgeordneten der Mittelparteien hatte, empfing er gegen ^21 Uhr noch einmal Herr Schiele. Man hatte angenommen, daß Schiele die Antwort auf die Frage mitbringen würde, ob er bereit sei, in das Kabinett einzutreten. Er hat seine grundsätzliche Bereitschaft erklärt, aber hinzugefügt, daß sie nur für seine eigene Person gelte. Damit sind die Hoffnungen der Mittelparteien auf einen starken Zuwachs aus den Reihen der Deutschnationalen nicht in Erfüllung gegangen. Aster- Angs nimmt man auch jetzt noch an, daß die Freunde des Herrn Schiele nicht gegen ihn stimmen würden. Außerdem hat Schiele zwei Garantien verlangt, 1. dafür, daß xr auch wirklich die Möglichkeit habe, sein Agrarprogramm durchzusetzen, und 2., daß das Kabinett Brüning sein Außenpolitisches Gesicht dem Osten zuwende. Auf diese Wie Forderung ist wohl das Gerücht zurückzuführen, Herr Schiele habe erklärt, er sei nicht in der Lage, mit Dr. ^urtius zusammenzuarbeiten. Er hat diese Behauptung Deutschen Volkspartei gegenüber entschieden bestritten. -'Aan kann nun annehmen, daß Dr. Brüning am Samstag- vormittag die sachlichen Unterlagen für die Agrar- und die Ostpolitik seines Kabinetts klären und daß namentlich die Ostpolitik zwischen Herrn Schiele und dem Reichsaußen- uunister Dr. Curtius besprochen werden wird.
Damit hat allerdings der erste Tag der Verhandlungen u r. Brünings noch nicht zu einem Abschluß geführt. Reben Hauptschwierigkeit, die mit dem Namen Schiele zusam- menhängt, scheinen auch im Zentrum noch Strömungen 6egen Dr. Curtius zu bestehen. Dr. Scholz hat Herrn âuning aber auf das bestimmteste erklärt,
daß die Deutsche Volkspartei an ihren beiden bisherigen Ministern festhalte,
rage der beiden
und zwar den Personen wie den Aemtern nach. Dr. Brü- uurg hat den Führer der Deutschen Volkspartei auch noch ben Posten des Vizekanzlers angeboten. Dr. Scholz hat sich leine Entscheidung vorbehalten, bis die Frage der beiden volksparteilichen Minister erledigt ist. Auf der anderen «eite bestehen in Kreisen der Deutschen Volkspartei offen- oar Hemmungen gegen ein Innenministerium Wirth. Dr. , ^rth gilt aber als der aussichtsreichste Kandidat für dieses Ministerium.
Auch im übrigen sind alle Fragen noch offen: Die Wirt- lwaftspartei hat sich nur unter der Bedingung bereit er- i « Assessor Bredt für den Posten des Iustizministers "^^Lerfügung zu stellen, daß Herr Schiele mitmacht- L ^Ur das Reichsarbeitsministerium galt in den Abend- üunben der bisherige Reichsminister Stegerwald als sicher. ?dater verlautete aber daß Herr Stegerwald abgelehnt )ave. Dr. Dietrich wiro dem neuen Kabinett aller Wahr
scheinlichkeit nach wieder angehören; man nennt ihn für das Verkehrs- und für das Reichswirtschaftsministerium. Ferner ist die Frage, in welcher Form die Christlich-nationale Arbeitsgemeinschaft im Kabinett vertreten sein wird, noch keineswegs beantwortet, wie überhaupt alle Minister-
listen, die in Form von Gerüchten im Reichstag herumgereicht werden, als Kombinationen zu werten sind.
Die Aussichten der Bemühungen Dr. Brünings werden auch weiterhin optimistisch beurteilt, wenn man auch am Ende des ersten Tages feststellen muß, datz sich mehr sachliche und personelle Schwierigkeiten gezeigt haben, als in politischen Kreisen gestern früh noch erwartet wurde.
Die Forderungen Schieles.
Ueber die Forderungen des Reichstagsabgeordneten Schiele, von deren Erfüllung er die Uebernahme des Reichsernährungsministeriums abhängig gemacht hat, berichtet die „D.A.Z.": Herr Schiele legt Wert darauf, daß die weiteren Hilfsmaßregeln für die Landwirtschaft ebenso wie die steuerpolitischen Maßregeln unter den eventuellen Schutz des Artikels 48 gestellt werden. Das verleiht seinen Wünschen ein besonderes Gepräge. Da Dr. Brüning ursprünglich geplant hatte, auf rein parlamentarischem Wege zu regieren, erfahren seine Absichten hier eine gewisse Abänderung.
Schiele will sein Mandat niederlegen.
Die „Deutsche Zeitung" meldet: Der Abg. Schiele hat — was angesichts der Haltung der Fraktion auch das einzig Mögliche ist — bereits zu erkennen gegeben, daß er im Falle seines Eintritts in das Kabinett sein Mandat als deutschnationaler Abgeordneter niederlegen würde. Unter dieser Voraussetzung hat Dr. Schiele sich in den Abendstunden schließlich grundsätzlich zum Eintritt in das Kabinett und zur Uebernahme des Reichsernährungsministerlums bereit erklärt.
Französische Presiestimmen zur Berufung Vrüninus.
Paris, 29. März. Die Presse beschäftigt sich bereits mit der Möglichkeit eines Kabinetts Brüning, dessen staatsmännische Befähigung vom Berliner Korrespondenten des „I o u r n a l" hervorgehoben wird. Das Ausland, so erklärt er, werde Brüning Vertrauen schenken. Dr. Brüning wisse, was er wolle, und verstehe auch, seine Veschlüsse- durchzusetzen. Es sei ein realdenkender Kopf, der jede Abenteuerpolitik ausschalten und sich bemühen werde, durch Handlungen zu beweisen, daß an der allgemeinen Linie, die bisher die Beziehungen Deutschlands zum Auslande bestimmt habe, sich nicht ändern werde.
Auch die radikale „Ere nouvelle" ist der Ueberzeugung, daß das neue Ministerium die Struktur der deutschen Außenpolitik nicht ändern werde. Deutschland könne sich eben nicht mehr von der Stresemann'schen Ideologie freimachen. Welcher Minister auch in die Wilhelmstraße einziehe, er werde nicht gegen Europa Stellung nehmen können angesichts der Tatsache, daß das durch die Haager Abkommen eingeführte System nicht französisch-deutsch, sondern international sei. Die Locarnopolitik werde fortgesetzt werden, weil sie in dem Gedankenkreislauf geworden sei, und der Youngplan werde arbeiten, weil er in den Kreislauf der Interessen eingefügt wurde.
Das Wirtschaftsorgan „Journöe industrielle" erklärt, man müsse wünschen, daß die augenblicklich auszuarbeitenden Finanzpläne baldigst herauskommen, denn eine stabile Regierung in Deutschland sei notwendig, und nach Verabschiedung deu neuen Finanzgesetze müsse dafür gesorgt werden, daß nicht durch eine demagogische oder unordentliche Staatsverwaltung ihre Wirkung zunichte gemacht werde. Die lebendigen Kräfte der deutschen Wirtschaft verlangten es, daß in einem Lande, das auf auswärtige Kredite angewiesen sei, keine Finanzanarchie eintrete.
Ein Zwischenspiel.
Unter der Ueberschrift „Merkwürdige Pläne Brünings" berichtet die „Voss. Ztg.", daß Dr. Brüning gestern die Absicht erwog, dem früheren deutschnationalen Abgeordneten Treviranus, der sich vor einigen Monaten von Hugenberg getrennt und an die Spitze der volkskonservativen Gruppe gestellt hat, das Portefeuille des Auswärtigen anzubieten, daß er davon anscheinend nur auf den Einspruch des Führers der Deutschen Volkspartei, Abg. Dr. Scholz, Abstand genommen, dafür aber Treviranus das Innere angeboten hat. Das Blatt bemerkt dazu: Das sind merkwürdige Pläne Dr. Brünings, die nicht nur bei den Demokraten höchstes Erstaunen hervorgerufen haben. Den Demokraten, die den Abg. Treviranus an der Spitze eines anderen nicht so ausgesprochen politischen Ministeriums ertragen hätten, würde damit eine Belastung zugemutet werden, die sie nicht hinnehmen können. Für die Sozialdemokraten würde die Ernennung von Treviranus zum Reichsinnenminister die offene Kriegserklärung bedeuten.
Ein Aufruf der Sozialdemokratischen Partei.
Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei veröffentlicht in der heutigen Morgenausgabe des „Vorwärts" seinen bereits angekündigten Aufruf „An das werktätige Volk". In dem Aufruf wird die Haltung der Sozialdemokratie in der Arbeitslosenversicherungsfrage, die zu dem Rücktritt des Kabinetts Hermann Müller deigetragen hat, gerechtfertigt und an den feierlichen Beschluß des Magdeburger Parteitages erinnert, an der Arbeitslosenversicherung nicht rütteln zu lassen. „Den Kampf, den die Sozialdemokratie in der Regierung geführt hat, heißt es zum Schluß des Aufrufes, „wird sie außerhalb der Regierung fortsetzen."
Das Kabinett Müller.
Seit dem 9. November 1918 hat das republikanisch gewordene Deutschland 19 Regierungen gesehen und davon hat das jetzt zurückgctretenc Kabinett Müller-Franken sich am längsten im Amt halten können. Während das erste Kabinett der „Großen Koalition" 1923 schon nach zwei Monaten ausem- anderbrach, hat das zweite dieser Art etwa 21 Monate, also fast zwei Jahre über eine wenn auch bisweilen recht unsichere Mehrheit von der Teutscheil Volkspartei bis zur Sozialdemokratie verfügen bürfen. Allerdings auch unter manchem Personalwechscl auf den Ministersesseln, unt^ manchen Umbildungen, wobei der offizielle Zutritt des Zentrums schließlich drei Minister dieser Partei - teilweise auf Kosten der Demokraten — in das Kabinett hineinbrachte. Einen Wechsel erzwangen auch der Tod Dr. Stresemanns und der 91 ücftritt Dr. Hilferdings, die durch Dr. Curtius bzw. Dr. Molden- Hauer ersetzt wurden. Am 27. März 1930, dem Tage der De- mission, bestand die Regierung Müller aus vier Sozialdemokraten, zwei Volksparteilern, ebensoviel Demokraten und vier Mitgliedern des Zentrums bzw. der Bayerischen Volks
Partei.
Die Ergebnisse der Reichstagswahleu 1928 halten die Schaffung der Großen Koalition ermöglicht, aber es dauerte viele Monate, ehe sich die hierfür in Frage kommenden Parteien auch offiziell dazu bekannten. Die latenten parteipolitischen Gegensätze stießen immer wieder durch, waren parlamentarischen Verhältnisse in Preußen wescnl- lußt und dadurch mußte die innenpolitische Betäti-
lich beeinflußt und dadurch mußte die innenpolitische Betäti gung des Kabinetts stets und ständig unter größter Zurückhaltung und Schonung „berechtigter Eigentümlichkeiten^ der hier zusammengefaßten Parteien erfolgen Mehr oder minder deutuche Krisen von bisweilen monatelanger Dauer waren die häufige Folge, — das eigentliche Band, das hier wirklich die oft Auseinanderstrebenden bis zur letzten Stunde zu sammcnhielt, war die gemeinsame außenpolitische Linie. Vom Auftreten des Reichskanzlers Im September 1928 in Genf bis zur Annahme des Young-Planes führte diese Linie und zwischen diesen beiden Punkten liegt die eigentliche Bedeutung des Kabinetts Müller.
Innen-, Wirtschafts-, sozialpolitisch sind Entscheidungen von schwerwiegendem Einfluß und Folgenschwere nicht erfolgt, — was von weiten Kreisen eben als die eigentliche Schwäche des Kabinetts Müller betrachtet wird. Es ist dabei oft nach stärkerer, energischerer Führung gerufen worden und sicherlich nicht ganz mit Unrecht. Aber andererseits ist Deutschland ja nicht nur außen-, sondern auch Wirtschafts- und sozialpolitisch durch stärkste Rücksichten auf das Ausland gefesselt. Und wird es bis auf weiteres bleiben.
Die „Europa" auf der Rückreise.
Rewyort, 29. März. Die „Europa" hat heute nacht das Brooklin-Dock verlassen. Das Publikum bekundet großes Interesse dafür, ob der Rekord der „Bremen" auch ostwärts geschlagen wird. Gegenüber den Behauptungen, das Ambrose-Kanalfeuerschiff befände sich jetzt mehr ostwärts, so daß die „Europa" den Rekord der „Bremen" eigentlich nicht geschlagen habe, wird seitens der Bundesbehörde erklärt, daß das Feuerschiff nicht ostwärts, sondern mehr südwärts gebracht worden sei, was die Strecke eher verlängert als verkürzt hätte.
Meine Zeitung für eilige Leser.
* Die Besprechungen des mit der Negierungsbildung beauftragten Zentrumsführers Dr. Brüning mit den Parteiführern hatten noch kein abschließendes Ergebnis.
* Die Gesamtzahl der Arbeitslosen im Deutschen Reich hat sich seit dem 28. Februar um rund 88 000 verringert.
* Im Preußischen Landtag wurde die Verlängerung der Realsteuern angenommen.
* Die deutsche Grönlandexpedition wird am 1. April von Kopenhagen nach Grönland abreisen.