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Nr. 110 1930

Fulda, Montag, 12. Mai

7. Jahrgang

Die Ratstagung in Genf.

Vötterbundarbetten.

Französisch-italienischer Gegensatz.

Mit Montag, dem 12. Mai, hat die diesmalige Tagung des Völkerbundrates in Genf begonnen. Ver­treten sind Deutschland durch seinen Außenminister Dr. Curtius, Frankreich durch Briand und England durch Henderson, andere Nationen ebenfalls durch ihre Außen­minister oder durch besondere Beauftragte. Im Gegensatz zur letzten Januartagung enthält das Programm der jetzigen Tagung Fragen, die cs sieben europäischen Außen­ministern erlauben, alle großen politischen und wirtschaft­lichen Völkerbundprobleme anzuschneiden.

Das Minderheitenproblem tritt in Form einiger oberschlesischer Minderheitenbeschwerden vor den Rat. Bei den W i r t s ch a f t s s r a g e n ist es vor allem die ' Berichterstattung über den Verlauf der Z 0 l l f r i e d e n s- konferenz und ihre Ergebnisse, die außergewöhnliches Interesse beansprucht.

polnisch-deutsche Zollfragen.

Es ist zu erwarten, daß der polnische Außenminister die Klage vorbringt, die von der Warschauer Regierung in Verbindung mit dem neuen Handelsabkommen beim Völkerbund erhoben wurde. Der Außenminister Dr. Curtius wird den deutschen. Standpunkt in dieser Be­ziehung klarstellen.

Das Gaarproblem wird Dr. Curtius gleichfalls zu behandeln haben, nämlich die Zurückziehung der Saarbahnschutztruppen. Diese Truppen sollen nach einem Völkerbundbeschluß von 1927 die rückwärtigen Verkehrswege der Besatzungsarmee sichern; ihre Aufgabe ist also mit der Rheinlandräumung erledigt. In gewissen französischen Kreisen besteht die Neigung, diese Truppen auch noch weiterhinzum Schutze des französischen Saargrubenbesitzes" an der Saar zu kasfett. Dlrgegcw"wird von deutscher Seite der schärfste Widerspruch erhoben, da ein solches Verbleiben der fremden Truppen allen bisherigen Abmachungen nicht entsprechen würde.

Briands Fragebogen zu seinen Ideen über die europäische Bereini- a u n a wird Zweifellys seine Schatten über die Verband-

40 Millionen Schaden in Vienenburg.

Weitere Bodensenkungen.

Der Sachschaden, der durch den Wassereinbruch in das Kalisalzbergwerk Vienenburg entstanden ist, wird von sachverständiger Seite auf mindestens 40 Millionen Mark geschätzt. Es steht jetzt fest, daß nicht nur Lauge in die Grubenbaue gelangt ist, sondern auch Flußwasser. Man rechnet daher damit, daß das gesamte Salz sich auflösen wird, und befürchtet, daß in diesem Falle auf dem ganzen Areal mit weiteren Bodensenkungen zu rechnen ist.

Was die Ursache des Unglücks betrifft, so läßt sich darüber noch nichts Bestimmtes sagen. Es müssen erst umfangreiche Untersuchungen des Bodens stattfinden, auf Grund deren sich sagen lassen wird, welche Richtung und welchen Umfang die Wasserader hatte, die dem Anschein nach von der Gegend der Zuckerfabrik nach den Schächten des Kalibergwerks herübergezogen wurde. Sachverständige sprechen davon, daß in dem Bergwerk die Abteufung zu hoch geführt worden sei und der Damm in­folgedessen nicht genügend Halt gehabt habe, so daß es zur Bildung des Trichters kommen mußte. Das Wasser soll sich in der über dem Kali lagernden Gipsschicht ange­sammelt haben und dann allmählich in die Tiefe der Schächte gedrungen sein.

Der preußische Handelsminister hat, wie mitgeteilt wird, einen Bericht der zuständige» Stellen über den Waffereinbruch angefordert.

Aus der Geschichte des Kalibergwerks Vienenburg.

Besitzer des Kalibergwerks Vienenburg ist die Preu­ßische Bergwerks- und Hütten-A.-G., die dem Preußischen Staat gehört. Das Werk Vienenburg gehört neben Salz- dethsurt und Bergmannssegen zu den wertvollsten Berg­werken der Provinz Hannover und wurde in der Vor- kriegszeit durch Preußen von der Sauergruppe für 30 Mil­lionen Mark alsGewerkschaft Hercynia" erworben. Der heutige Wert des Bergwerks dürste trotz der großen Jn- bestitionen für Erneuerungen etwa 30 Millionen Mark be­tragen. Von der 450 Mann starken Belegschaft der drei Schächte sind 100 Arbeiter sofort nach Bleicherode versetzt worden. Die anderen Arbeitskräfte werden zunächst mit Aufräumungsarbeiten und bei der Instandsetzung Beschäf- ttgung finden, so daß die Ortschaft Vienenburg nach allem Unglück nicht auch noch für 350 Arbeitslose zu sorgen hat.

Neuer Wassereinbruch.

Wie derMontag" aus Vienenburg berichtet, ist nach den neuesten Feststellungen das Wasser in Schacht II des itallbergwerkes wieder um etwa 80 cm gestiegen. Auch ist auf der großen Einbruchstelle am Schacht I ein Nachschub von etwa 100 ebm Erde erfolgt. Man hat begonnen, an aer Einbruchstelle das Erdreich durch Sprengschüsse zu lösen

lungen iversen, denn einerseits steht die kürzlich ziemlich resultatlos ausgegangene Londoner Flotten- a b r ü st u n g s k 0 n f e r e n z im Hintergründe, anderer­seits verharrt Italien streng bei seiner Ablehnung der französischen Hegemonie-Ansprüche.

In Genf kann über diesen Zwiespalt nicht geschwiegen werden, denn er beeinflußt in merklicher Weise das von Briand angestrebte Werden einesPan-Europa". Der französische Außenminister beabsichtigt, schon zu Anfang dieser Woche seinen Fragebogen an 26 europäische Staaten zu versenden. Man schätzt die Dauer der diesmaligen Ratstagung auf vier bis fünf Tage.

*

Times" wünscht Lösung der Saarfrage und Besserung der italienisch-französischen

Beziehungen.

Zn einem Artikel über die heute beginnende 59. Tagung des Dölkerbundsrates verweistTimes" besonders auf den Wert der privaten Besprechungen der Außenminister und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß zwischen Frankreich und Italien eine gemeinsame Grundlage für die bevorstehenden Flotten­verhandlungen gefunden werden möge. Times fährt fort: Es gibt noch eine andere Frage, die ebenfalls nicht auf der Tages­ordnung steht, und zwar muß eine Grundlage für die künftigen Erörterungen über die Saarsrage gefunden werden. Das Schicksal dieses Gebietes bildet

das einzige noch unerledigte Nachkriegsproblem zwischen Frankreich und Deutschland.

Aus Pariser und Berliner Meldungen geht hervor, daß die französische und die deutsche Delegation in ganz verschiedener Weise an dieses Problem herangehen, und zwar sind es für Deutschland Fragen politischer, für Frankreich wirtschaftlicher Art. Nur wenn zwischen Briand und Dr. Curtius in Genf eine Verständigung erreicht wird, scheint ein unmittelbarer Fort- schrittt möglich zu sein. Wenn die jetzige Zusammenkunft in Genf den Weg ebnen kann, so daß diese Schwierigkeit im Laufe des Jahres endgültig beseitigt wird, dann wird sie etwas wert­volles geleistet haben. Wenn sie außerdem noch zu einer Bes­serung der italienisch-französischen Beziehungen beitragen kann, wird sie bewiesen haben, welche Arbeit bei diesen regelmäßigen Zusammenkünften außerhalb der Routinearbeit des Völker­bundes noch immer geleistet werden kann.

und in die Tiefe zu senken, um festzustellen, ob weitere Sen­kungen erfolgen. Die Brunnen im ganzen Kreise Vienen­burg sind versiegt. Der Haupttrichter an der Schachtstraße hat sich nach unten geöffnet. Von dem hineingestürzten Kraftwagen ist nicht mehr viel zu sehen. AmFinkenherd" ist ein neuer Erdsturz erfolgt. Das östliche Gleis am Ran-

Wie eine Brücke hängen vie Eisenbahnschienen über der Tiefe des Trichters.

gierbahnhof hat sich gesenkt. Der gesamte Bahnverkehr über Vienenburg ist seit Sonntagnachmittag um 5 Uhr von der Reichsbahndirektion wieder freigegeben worden, mit Ausnahme der zerstörten Güterverkehrsstrecke Vienenburg- Grauhof.

Rm-erhettsbeschwerde gegen Polen.

Vor dem Völkerbund in Genf.

Die im August des vorigen Jahres eingereichte Be­schwerde der deutschen Minderheit in Polen über bie Handhabung der polnischen Agrargesetze wird auf der jetzigen Tagung des Völkerbundrates vor einem Dreier- ausschuß von neuem zur Verhandlung gelangen. Dieser Ausschuß besteht aus den Vertretern von England, Italien und Persien. . .

Die Beschwerde, vom deutschen Sesmabgeordneten Gräbe unterzeichnet, führt an Hand eines umfangreichen Materials den Nachweis, daß die polnischen Agrargesetze von der polnischen Negierung einseitig gegen die Lebens­interessen der deutschen Minderheit in Polen durchgefuhrt würden.

Sterbendes Volk.

Traurig, aber wahr: man hofft in Deutschland aus manchen wirtschaftlichen, wohnungspolitischen und son­stigen Schwierigkeiten dadurch herauszukommen, daß die Bevölkerungsvermehrung ins Stocken kommt oder gar in eine Bevölkerungsverminderung umschlägt. Und leider ist dieseErwartung" nur allzu fest auf Tatsachen auf­gebaut, die sich schon heute gar nicht mehr leugnen lassen. Daß die Geburtenzahl rapide sinkt und zwar gerade in Deutschland und Deutsch-Österreich am stärksten in Europa, schneller noch als selbst imLand des Zwei­kindersystems", in Frankreich, weiß man oder sollte es doch wenigstens wissen. Daß es der Kunst unserer Medi­ziner, Hygieniker, auch großen behördlichen Anstrengun­gen gelungen ist, das menschliche Leben zu i Gängern, ist auch wohl schon ziemlich bekannt; jetzt beträgt das Menschenalter", also die durchschnittliche Lebensdauer, in Deutschland etwa 57 bis 59 Jahre, wobei die Frauen besser abschneiden als die Männer. Infolgedessen ist die Zahl der Todesfälle gesunken im Verhältnis zur Geburten­ziffer, zumal die Säuglingssterblichkeit gegen früher auf etwa ein Drittel herabgedrückt worden ist, aber das deutsche Volk wirdalt",überaltert". Bis eines nicht mehr allzu fernen Tages diese Entwicklung sich zwangs­mäßig geltend macht, der scharfe Rückgang der Geburten­ziffer sich auswirkt, selbst unter die verminderte Zahl der Todesfälle heruntergeht. Heute merken wir es noch nicht so, weil erst ganz allmählich die schwere Wunde, die der Weltkrieg und die unmittelbare Nachkriegszeit unserer Volksvermehrung schlug, sich fühlbar macht. Selbst was das deutsche Volk an Vevölkerungsnachwuchs zur Erhal­tung seines heutigen Bestandes braucht nicht an der Zahl allein, sondern in einer natürlichen Mengenver­teilung der Altersklassen, wird nicht mehr ins Leben gesetzt; unaufhörlich verschiebt sich Jahr um Jahr die größte Breite derBevölkerungspyramide" mehr nach oben, in die mittleren und allmählich die älteren Jahr­gänge hinein, spitzt sich diesePyramide" nach be­sonders scharfer Einschnürung bei den heute etwa Zwölf­bis Fünfzehnjährigen nach unten wieder zu. Nur ganz vorübergehend hat die Nachkriegszeit zu einer Ver­mehrung der Geburten geführt.

Es genügt nicht mehr, daß dieses ProblemGegen­stand ernstester Sorge und eingehendster Erwägungen" bleibt. Denn auch der Jungborn unseres Volkes, der in der landwirtschaftlichen Bevölkerung sprudelte, beginnt zu versiegen. Nicht nur dadurch, daß die Geburtenziffer auf dem Lande selbst ständig und schnell im Sinken ist, sondern weil gerade in den deutschen Ostgebieten sich die Bevölkerungunnatürlich" vermindert durch überstarken Abfluß in die Städte. Es gibt in Ost­preußen eine ganze Reihe von Kreisen, in denen die Ein­wohnerzahlen infolge dieser Entwicklung immer geringer werden. Und jenseits der Grenze wächst die polnische Bevölkerung in altgewohnter Fruchtbarkeit, wie über­haupt nur noch der Osten Europas ein Wachstum seiner Volksmassen zeigt.

Nicht bloß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind es obwohl sie hierbei gewiß die erste Rolle spielen; die Lehre des Dr. Malthus enthält viel Richtiges!, die für die freiwillige oder absichtliche Beschränkung der Kinder­zahl entscheidend sind; denn gerade in densozial ge­hobenen", also wohlhabenderen Teilen der Bevölkerung leider dabei auch in den Beamtenkreisen nicht minder, eher mehr liegt die Geburtenziffer weit unter dem Durchschnitt. Diese wirtschaftlichen Schwierigkeiten stellen sich ja nicht nur der Kinderaufzucht, sonder« in noch höherem Maße ihrer Unterbringung im Erwerbsleben entgegen. Wenn heute an den deutschen Hochschulen 125 000 junge Menschen studieren, so ist letzten Endes diese Riesenzahl, für die es gar feilte Verwendung in ent­sprechenden Berufen geben kann, dadurch verursacht, daß die Universität ohne weiteres jedenzuläßt", Zahllosen aber der Übertritt ins sonstige praktische Leben nicht mög­lich war; aber die entscheidende Stunde kommt doch auch einmal für diese jungen Menschen und die Entscheidung heißt dann vielleicht: Versinken in das rasch anschwellende geistige Proletariat".

Zahllos wie die Seiten dieses Problems sind die Hilfsmittel, die man zu seiner Lösung vorschlägt. Steuer­liche Bevorzugung und Efternschaftsversicherung,Kinder­zulagen" und wirtschaftliche Bevorzugung der Verehe­lichten, Siedlungspolitik, auch umfassende sozialpolitische Maßnahmen dieser Art neben jenen wirtschaftspolitischen, aber sie treffen alle doch nicht ganz ins Schwarze. Denn auch der Wille zur Fortpflanzung ist im Schwinden aus ganz anderen als nur wirtschaftlichen Gründen

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die 59. Tagung des Völkerbundrates, bei der Außen­minister Dr. Curtius das Reich vertritt, wurde in Genf er­öffnet.

* Das Reichskabinctt lehnte die Forderung der Reichsbahn ab, die Wagenladungstarife und die Zeitkarten preise für den Personenverkehr zu erhöhen. Bei der angeregten organischen Erhöhung der Personentarife sollen weitere Prüsungsergeb- nisse abgewartet werden.

* Der Reichsminister für die besetzten Gebiete hat dem Staatssekretär Schmidt mitgeteilt, daß er seine Dienstgeschäfte wieder übernehmen soll. Schmidt wurde seinerzeit beurlaubt, weil er beim Volksbeghren gegen den Yuong-Plan eine Stel­lung eingenommen hatte, die von derjenigen der Rcichs- regrerung abwich.

* Auf 10 Millionen Mark schätzt man den Sachschaden. der durch Iw Muiserernbruch in das Kalisalzbergwerl Vienenburg entstanden ist.