Zul-aer Anzeiger
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Nr. 156 — 1930
Fulda, Montag, 7. Juli
7. Jahrgang
Zeppelin, Flugzeug «n» Freiballon begrüßen das freie Rheinland und feine treue Bevölkerung. Leider auch einige schwere Unfälle.
Whemlandfahrt Ses „Graf Zeppelm".
Landung in Köln.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" kam Sonntag vormittag kurz vor 7 Uhr von seinem Nachtflug ab Friedrichshafen über der Stadt Köln an und zog eine große Schleife. Fahrplanmäßig 7.15 Uhr landete das Luftschiff glatt auf dem Kölner Flugplatz und wechselte dort die Fahrgäste aus. Vom Boden aus begrüßte Oberbürgermeister Dr. Adenauer Dr. Eckener in der Führergondel mit Handschlag. Nachdem die Fahrgäste im Luftschiff Platz genommen hatten, begab sich der Zeppelin aus die Fahrt zum Rheinlandbefreiungsflug. An Bord waren über 30 Fahrgäste, so daß sämtliche Plätze besetzt waren.
Der Start des Luftschiffes „Graf Zeppelin" zur Fahrt nach Köln war auf Sonnabend 22 Uhr angesetzt. Die Fahrgäste waren bereits in der Luftschiffhalle in Friedrichshafen eingetroffen, aber infolge Gewittermeldungen mußte die Abfahrt um eine Stunde verschoben werden. Das Luftschiff stieg dann um 23.25 Uhr unter Führung von Dr. Eckener bei dunkler Nacht auf und verschwand in westlicher Richtung.
Auf seinem Rheinlandflug traf der „Graf Zeppelin" um 3.15 Uhr früh über Mannheim ein. Um 9.30 Uhr erschien das Luftschiff unerwartet über Bad Ems. Gegen %11 Uhr überflog der Zeppelin die Stadt Wiesbaden. Das Luftschiff wurde überall, wo es erschien, von der Bevölkerung mit ungeheurem Jubel begrüßt.
Ballonabstürze beèm Ahemianö- befreiungsflug.
Zahlreiche Personen verletzt.
57 Sportflugzeuge und eine Reihe von Freiballons nahmen an dem großen Rheinland-Befreiungs-Flug, der in Köln seinen Anfang nahm, teil. Leider ereigneten sich schon kurz nach dem Start mehrere schwere Unfälle.
Die Freiballons gerieten in einen schweren Gewitter- sturm und drei von ihnen stürzten ab: der Ballon „Köln" über dem Dorfe Poll, ein anderer Ballon über dem Dorfe Ensen und der Ballon „Gelsenkirchen-Buer" bei Eilei Bei den Abstürzen wurden mehrere Personen teils schwer, teils leicht verletzt. Der Führer des Ballons „Köln" erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Der Ballon war auf ein Dach gefallen, und zwar so heftig, daß zwei Gebäude schwer beschädigt wurden. Unter der Bevölkerung riefen die Abstürze große Erregung hervor.
Ueber drei Wochen in der Luft.
Rekordleistung von Mensch und Maschine.
Die Dauerflieger Hunter endlich gelandet.
Die Brüder Hunter sind nach einem Dauerflug von 554 Stunden in der Nacht zu Sonnabend in Chikago gelandet. Sie sahen sich zur Landung gezwungen, weil die Llvcntile und die Ölleitung ihres Flugzeuges verstopft waren. Insgesamt haben die Flieger eine Strecke von 66360 Kilometer zurückgelegt, wobei 223mal Verbin- ^uug mit dem Flugzeug, das sie mit Brennstoff versorgte, ausgenommen wurde. Die Danerflicger verbrauchten Während ihres Rekordfluges 30 520 Liter Gasolin und 1600 Liter Öl.
Was menschliche Energie zu leisten vermag — die beiden Brüder H unter aus Chikago haben es aller Welt gezeigt. Man mag einen solchen Rekordflug, der Lage dauert und bei dem immer nur ein eng umgrenztes Gebiet überflogen wird, für Wahnsinn halten, man mag die 23 Fluglage als einen großen Aufwand, der nutzlos vertan ward, ansehen — bewundern müssen wird man diese fast übermenschliche Leistung trotz alledem. In ihrem engen Flugzeug, der „Clip of Chicago", saßen John und Kenneth Hunter zwischen übereinandergcschich- teten Benzinkannen und hatten drei Wochen lang kaum die Möglichkeit, sich zu bewegen. Sie konnten weder richtig schlafen noch richtig essen und lebten in den letzten Tagen ihres Fluges fast nur noch von schwarzem Kaffee. Dazu kam noch, daß wahrend des Fluges allerlei Flugzeugreparaturen notwendig waren, Reparaturen, die der eine der beiden waghalsigen Brüder mit akrobatischer Geschicklichkeit und unter Lebensgefahr ausführte, indem er wiederholt auf die Tragflächen des Flugzeuges stieg.
Die Ausnahme von Betriebsstoff
aus dem Begleitflugzeug, das von Albert u n v Walter Hunter, zwei Brüdern der Dauerflieger, geführt wurde, war oft mit den größten Schwierigkeiten verbunden. Trotzdem wurde der Flug nicht abgebrochen, und wenn es allein itadj_bcm Ehrgeiz der Rckordflieger
Ueber den Absturz des Ballons „Köln" erfahren wir noch folgende» Einzelheiten: Der Freiballon „Köln" mußte infolge einer aufsteigenden Eewitterböe kurz nach dem Start in Köln-Boll eine Notlandung vornehmen. Der Druck von oben war so stark, daß Gefahr bestand, daß der Ballon auf das Dach eines Hauses abgetrieben würde. Obwohl zehn Sack Ballast abgeworfen wurden, konnte der Ballonführer Eeußgen (Köln) den Sturz nicht mehr verhindern. Eeußgen ist kürzlich aus dem internationalen Wettbewerb als Sieger hervorgegangen. Bei dem Sturz wurden der Führer und die beiden Mitfahrer Nabel-Krefeld und Schöster-Köln leicht verletzt. Der vierte Mitfahrer Justizrat Deußen-Krefeld erlitt innere Verletzungen und einen Bruch der Schädelbasis. Er ist im Laufe des Vormittags seinen Verletzungen erlegen. Zwei weitere Ballons, die an dem Wettbewerb teilnahmen, sind bereits gelandet. Ueber den Verbleib der übrigen drei ist noch nichts bekannt.
Ein zweites Todesopfer des Vallonabsturzes.
Der Führer des bei Köln abgestürzten Freiballons „Köln" Eeußgen hat, wie das „V. T." berichtet, bei dem Unfall einen Schädelbruch erlitten und ist inzwischen im Deutzer Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen.
Teilnehmer am Nheinland-Befreiungsflug in Wiesbaden.
Der Rheinland-Befreiungsflug, zu dem gestern vormittag in Köln 58 Flugzeuge aufgestiegen waren, hatte eine große Menschenmenge nach dem Flughafen gelockt. Ein besonderer Anziehungspunkt war die Landung des Junkers-Großflugzeuges „E. 38". Von lauten Hochrufen empfangen, erschien das Riesenflugzeug 10,55 Uhr über dem Platz. Nach mehreren Schleifen in niedriger Höhe vollzog sich die Landung glatt. Die der Kabine entsteigenden Fluggäste, darunter Ministerialdirektor Brandenburg, wurden durch Oberbürgermeister Krücke begrüßt. Während des Aufenthalts des Flugzeugs wurde dem begeisterten Publikum eine Erläuterung über diese Großtat deutscher Technik gegeben. Um 13,10 Uhr erfolgte der Start des metallenen Riesenvogels zum Weiterflug nach Kaiserslautern.
Die Flugzeuge in Trier.
Schon herrschte reges Leben auf dem Eurener Flugplatz, auf dem die Flugzeuge des Befreiungsfluges die Nacht verbracht hatten. Die ganze Bürgerschaft beobachtete den Abflug der Maschinen von ihren Wohnungen aus. Um 7 Uhr starteten die Maschinen in Abständen von je einer Minute, so daß um 7% Uhr sämtliche 48 Flugzeuge sich in der Luft befanden. Der Start ging im allgemeinen reibungslos vor sich.
gegangen wäre, wären sie einen ganzen Monat in der Luft geblieben. Aber der Mensch wurde schließlich von
Die vier Gebrüder Hunter.
der Maschine überwunden: sie wollte nicht mehr mitmachen und stellte den Betrieb ein. — Fragt man nach
dem praktischen Wert
derartiger Rekordslüge, so erklären die Flugkundigen, daß auch Fluge dieser Art der Weiterentwicklung des Flug- zeugwesons zugute kommen. Der Laie kann da glicht mit sprechen und dürfte von dem Nutzen solcher Flüge sich nicht so leicht überzeugen lassen. Etwas anderes freilich ist es mit den D a u e r f l ü g e n überhaupt. Wenn ein Flugzeug sich fast vier Wochen hintereinander in der Luft halten kann, so kann man das Fliegen heute schon als sicher bezeichnen, I "> die Zeit wird kommen, wo vor allem das Postflugzeug im Dauerflug über weite Land- und Wasserstrecken fliegen wird. Im übrigen sollen Tauerflugversuche von der Art des Fluges der Brüder Hunter in kurzem auch in Deutschland durchgeführt werden.
Der Abschluß des Rheinlandfluges.
Von den am morgen in Trier gestarteten 50 Teilnehmern am Rheinlandbefreiungsflug sind die 49, die in Düsseldorf zur letzten Etappe aufgestiegen waren, sämtlich in Köln eingètroffen. Damit hat der Rheinlandflug sein Ende erreicht. Eine Maschine hatte bei der planmäßigen Zwischenlandung in Aachen wegen Bruch des Fahrgestells den Weiterflug aufgeben müssen. Die übrigen Flieger haben die Etappe Aachen-Essen-Düsseldorf-Köln absolviert.
Absturz eines Flugzeuges bei Worms.
Der Bewerber bei dem Befreiungsfluge Karl Raddatz ist nach einer Mitteilung der Flughafenleitung Köln mit seinem Flugzeug bei Worms abgestürzt. Führer und Begleiter erlitten Verletzungen, anscheinend leichterer Art. Sie wurden ins Wormser Krankenhaus eingeliefert.
Ein weiterer Flugzeugabsturz bei Birkenfeld.
Gestern nachmittag zwischen 4 und 5 Uhr überflogen gegen 90 Flugzeuge auf dem Wege zur Trierer Befreiungsfeier die Stadt Birkenfeld und warfen dort zum Teil Postsäcke ab. Ein Zwischenfall ereignete sich dadurch, daß das Flugzeug D 1784, ein Sporteindecker, dabei einen Pfosten streifte. Die Maschine kam ins Trudeln stürzte ab. Das Fahrgestell wurde dabei vom Rumpf gerissen und der Propeller zertrümmrt. Die linke Tragfläche brach auseinander; der Führer blieb unverletzt.
Briand zu den Rheinlandiumulien.
Besch werde beim deutschen Botschafter.
Der französische Außenminister Briand hatte eine Zusammenkunft mit dem deutschen Botschafter von Hoesch. Anlaß war eine Besprechung über die Saarsragen. Diese allein blieben aber nicht Gegenstand der Besprechung. Briand hat die Gelegenheit benutzt, um seinem Bedauern über die Ausschreitungen gegen ehemalige Separatisten im befreiten Gebiet Ausdruck zu geben. Nach einer vom amtlichen Bureau, Havas verbreiteten Darstellung hat Briand darauf hingewiesen, daß diese Ausschreitungen im Gegensatz stândcn zu den Vereinbarungen, die die alliierten und deutschen Behörden getroffen hätten, um allen Repressalien gegen die Personen vorzubeugen, die zum Besatzungs- kvrps in Beziehungen gestanden hätten. Briand habe andererseits die Konsularbehörden angewiesen, ihn dringend und sehr genau über die von der französischen und deutschen Presse gemeldeten Tatsachen zu unterrichten.
Ein großer Teil der französischen Presse nimmt in scharfer Weise gegen die Vorkommnisse in den befreiten Gebieten Stellung und scheut sich nicht, den deutschen Sicherhcitsbehördcn eine Mitschuld anzudichten.
Oie Deutschen in Bolivien gefährdet.
Plünderungen befürchtet.
Nach übereinstimmenden Berichten aus Buenos Aires ist die Lage der in Bolivien lebenden Deutschen prekär. Infolge der Bewegung gegen den aus Deutschland stammenden General Kundt wendet sich die Volkswut gegen alle Deutschen. Die Mitglieder der deutschen Kolonie begaben sich ins Außenministerium und suchten um Schutz für ihre Privat- und Geschäftshäuser nach, da sie Plünderungen befürchten. Das Ministerium forderte eine Erklärung, daß die deutsche Kolonie von Kundt ab- rückc und sich nicht in bolivianische Verhältnisse einmische. Die Erklärung wurde zugestanden. Die Wohnung Kundts wurde von der wütenden Volksmenge geplündert und völlig ausgeräumt. Kundt hält sich weiterhin in der deutschen Gesandtschaft auf.
Amerika und Deutschland.
Rede des deutschen Botschafters.
Am Sonntagmittag hielt der deutsche Botschafter in Washington, Dr. von Prittwitz und Gafsron, eine Rundfunkrede über die deutsch-amerikanischen Beziehungen, die über ganz Amerika verbreitet wurde. In seiner Rede ging der Botschafter auf die sich immer mehr vertiefende Freundschaft zwischen Deutschland und Amerika ein. Diese sei in erster Linie durch die großen Fortschritte in der Technik bedingt, vor allem auf dem Gebiete des Rundfunkwesens, des Luftschiffbaues und der Flugzeugtechnik. Sodann dankte der Botschafter dem amerikanischen Volk für den freundlichen Empfang deutscher Touristen und Professoren, die zu Studienzwecken nach Amerika kämen. Nicht nur die Interessengemeinschaft, sondern auch die Jdeengemeinschaft verbänden die beiden Nationen. Hierbei erwähnte der Botschafter die großen Verdienste des Generals Steuben um den Sieg der Amerikaner int Unabhängigkeitskrieg sowie die Tätigkeit des Generals Baron von Kalb während der amerikanischen Rcvolutionskämvfe.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* In Kiel traf zum Besuch ein amerikanisches Geschwader ein. Die Schiffe sind die ersten fremden Großkampfschiffe, die seit dem Kriege deutsche Häfen anlausen.
* Die nationalsozialistischen Minister bleiben trotz des Mißtrauensvotums in der thüringischen Regierung.
* Beim Rheinlandbefreiungsflug find in der Nähe von Köln drei Freiballons infolge eines Eewittersturmes abgestiirzt. Mehrere Personen wurden schwer verletzt.