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Nr. 161 1930

Fulda, Samstag, 12. Juli

7. Jahrgang

Das Massengrab im Bergwerk.

Aus dem Unglücksschacht der Wenzeslausgrube bei Neurode sind inzwischen einige weitere Tote geborgen worden. Die Gesamtzahl der zu Tage geförderten Opfer steht nicht genau fest. Immerhin ist noch ein großer Teil der Bergleute eingeschlossen. Man glaubt nicht, sie im Laufe des heutigen Tages alle bergen zu können.

Bei den Toten von Neurode.

Schwierige Bergungsarbeiten.

Die Bergungsarbeiten auf dem Kurtschacht bei Neu­rode sind immer noch schwierig und machen keine großen Fortschritte. Im ganzen sind an 100 Tote geborgen worden; mehr als 60 Bergknappen sind noch eingeschlossen und müssen als verloren gelten. Einem der toten Berg­leute, die geborgen werden konnten, waren durch den ungeheurem Druck

die Kleider buchstäblich vom Leibe gerissen.

Er wurde völlig nackt ausgesunden. Als die Bergungs- mannschaften noch etwa 5 Meter vom Hauptpseiler ent­fernt waren, konnten sie 14 bis 15 Leichen sehen, an die sie jedoch nicht herankommen konnten. Nur schrittweise konnte man weiter, und die Mannschaften waren immer schon nach 15 Minuten so ermattet, daß sie abgelöst werden mußten. Von der Beschaffenheit des Hauptpfeilers wird es abhängen, wie sich die weiteren Bergungsarbeiten ge­stalten. Dann wird man auch den Herd der Katastrophe, der vielleicht aus der Strecke hinter dem Hauptpseiler liegt, feststeven können. Die Beisetzung der Opfer soll am Sonntag auf dem Hausdorfer Friedhof erfolgen, und zwar in mehreren gemeinsamen Gräbern.

Wie das Unglück geschah,

läßt sich immer noch nicht mit Sicherheit angeben. Man gibt, -ie schuld zunächst der Sch r qm ma sch ine, die arbeitete, als der Kohlensäureausbruch erfolgte. Diese Maschine, die einen Keil in den Flöz hineinfrüst, wird dort angewandt, wo die Kohlensäure nicht so stark ist, daß mit dem Schießverfahren gearbeitet werden müßte. Es kann natürlich geschehen, daß ein plötzlicher Niß ent- steht und daß durch diesen Riß Kohlensäuremassen aus­brechen. Ob einer der Verunglückten selbst etwa mit der Hacke gearbeitet hat, wird sich wohl niemals feststellen lassen, da die Beteiligten sämtlich tot sind.

Kundgebungen der Anteilnahme.

Zu den bereits gemeldeten Beileidskundgebungen und Hilfsspenden kamen noch folgende Kundgebungen der Anteilnahme: Der Reichskanzler hat zur Linderung der ersten Not für die von der Katastrophe betroffenen Bergarbeiterfamilien 5000 Mark überwiesen. Der Ham­burger Senat richtete an die Belegschaft der Wenzes- lausgrube ein Beileidstelegramm und beschloß, beim Bürgerausschuß einen Betrag von 10 000 Mark für die Hinterbliebenen der verunglückten Bergleute einzufordern.

Tas schwere Grubenunglück hat auch in der französischen Öffentlichkeit eine rege Anteil­nahme erweckt. Die Pariser Presse brinat ausführliche Berichte über die Rettungsarbeiten und gibt allgemein ihrem Bedauern über den tragischen Unglücksfall Aus­druck. Der französische Minister für die öffent­lichen Arbeiten, Pernot, hat sofort nach Bekanut- werden des Unglücks der Reichsregierung telegraphisch das Bedauern und die Anteilnahme der französischen Regierung znm Ausdruck gebracht.

Klaggen auf halbmast.

DaS preußische Staatsministerium hat angeordnet, daß am 13. Juli aus Anlaß der Trauerfeier, die für die verunglückten Bergleute in Neurode veran staltet werden Wil, in ganz Preußen die öffentlichen Gebäude halbmast zu flaggen haben.

Hilfsmaßnahmen für die Hinterbliebenen.

Das Grubenunglück vor dem Reichstag.

(197. Sitzung., 00. Berlin, 11. Juli.

_ Die Tagesordnung des Reichstages nannte an erste» Liesse die Beratungen über die Anträge zur Hilfeleistung an­läßlich der Katastrophe im Neuroder Kohlen gebiet. Am Rcgicrungsttsch sitzen bei Eröffnung der Sitzung Reichs- kanzler Dr. B r u n l n g, Reichsfinanzminister Dr. D i c trich. Reichsarbertsimmster Dr Stegerwald und Rcichsjustiz- mmistcr Dr. Bredt Das Wort nimmt zunächst Reichs- arbeitsmimster Dr. Stegerwald. Er ipricht den Verletzten und Hinterbliebenen bei dem Bergwerksunglück

sein wärmstes Mitgefühl

aus. Es solle alles geschehen was möglich sei um die Not zu lindern. Die Reichsregierung sei bereit, über die bereite vom Reichspräsidenten und vom Preußischen Staat bewilligten Mittel hinaus das zur Verfügung zu stellen, was erforderlich sei, um den Familien der Verunglückten über die gegenwärtige Not hinwcgzuhelsen und sie

vor weiterer Verelendung zu schützen.

Gleichfalls haben die Reichsknappschast und die Knappschast- liche Berussgenossenschaft mit Hilfsmaßnahmen eingesetzt. Schleunigst sollen die Bezüge der Witwen und Waisen fest­gesetzt werden. Sie werden Renten erhalten die mindestens ein Fünftel des Jahresarbcilsvcrdieustcs ihrer Väter be­

Heist den Hinterbliebenen!

Die Reichsgeschäftsstelle der Deutschen Nothilfe, Ber­lin W. 8, Wilhelmstraße 62, nimmt im Einvernehmen mit den zuständigen Behörden für die Hinterbliebenen der ums Leben gekommenen Bergleute und für die Verletzten Geldspenden entgegen. Die Einzahlung von Spenden wird erbeten auf das Postscheckkonto Berlin 156 000 oder auf KontoDeutsche Nothilfe, Grubenunglück Neuroder Steinkohlenbezirk" bei der Zentrale der Teutschen Bank und Disconto-Gesellschaft in Berlin.

Am Unglücksschachl warten die Angehörigen der verunglückten Bergleute.

Anerlemnmg für die RkttvnssmannsNast.

Die Feststellungen des Grnbensicherheitsausfchufses.

Der amtliche Bericht des Unfallausschusses Nieder­schlesien der Grubensicherhcitskommission, der auf der Kurt-Schachtanlage tagte, stellt unter anderem fest, daß durch den schweren Kohlensäureausbruch, der am 9. Juli gegen 16 Uhr erfolgte, 151 Mann tödlich verunglückt sind. 69 Mann haben noch Nicht geborgen werden können. Die Rettungs- und Bergungsarbeiten seien unverzüglich ein­geleitet und ununterbrochen durchgeführt worden.

Nur dadurch, daß die Rettungsmannschaften, die von allen niederschlcsischcn Gruben herbeigceilt waren, zur Beschleunigung des Rcttungswcrkes ohne Gasschuügcräte unter Lebensgefahr vorgingen, fei der seltene Erfolg möglich gewesen, aus den vergasten Betrieben noch 49 Mann, die meist bereits bewußtlos waren, lebend zu bergen. Nm an die in der 17. Abteilung befindlichen Ver­unglückten gelangen zu können, sei noch die Beseitigung von Kohlensäure sowie die Ausräumung ausgeworfener Massen erforderlich.

Fürsorgemaßnahmen für die Hinterbliebenen.

Für ^ie Hinterbliebenen der Grubenopfer sind um­fassende Fürsorgemaßnahmen eingeleitet worden, ^ie Hinterbliebenen der Ledigen werden 60 Mark, die der Ver­heirateten 80 Mark, außerdem pro Kind 20 Mark erhalten. Den in den Krankenhäusern liegenden Verletzten wird eine / monatliche Zahlungsbeihilfe von 10 Mark und 3 Mark iir jedes Kind zur Verfügung gestellt. Die Bergleute, die vegen des Unglücks zum Feiern gezwungen sind, werden o behandelt, daß ihnen die Erwerbslosenunterstützung mit der vollen Zulage zugebilligt wird.

tragen. Dazu treten die Bezüge aus der Knappscyans- und «us der Invalidenversicherung---Älintster Stegerwald fügt die Erklärung hinzu, die Reichsregierung werde alle Schritte unternehmen, um

die Ursachen des Unglücks aufzuklüren und die Wiederholung solcher Ereignisse zu verhindern, so- tveit es im Menschenvermögen steht \

Ministerialrat Rother, Leiter des Preußischen Gruben- sicherheitsamtes, gibt einen Überblick über den Stand der Rettungsarbeiten. In der Wenzeslausgrube sei man beinahe an die Ausbruchstelle herangekommen, habe sie aber bis jetzt noch nicht erreicht. Es seien 83 Getötete geborgen worden, aber leider bestehe keine Hoffnung, die noch in der Grube befindlichen 68 Bergleute am Leben anzutreffen. 19 Bergleute befinden sich im Lazarett: für sie bestehe keine Lebensgefahr.

Die Katastrophe steht einzig da

in der Geschichte des deutschen und des ausländischen Berg­baues Bisher hatte man den Glauben es seien alle not­wendigen Sicherungen gesunden, um eine Gefährdung von Menschenleben durch Kohrensäureausbrüche zu verhindern. Das bat sich leider nicht bestätigt. Die Grubenkatastrophe wird für den Ausschuß zur Erforschung der Kohlensäureausbruche Anlaß geben, vermehrte und bessere Sicherungen gegen die Gefahren au finden

Sann beginnt die Aussprache. Zunächst betont Abgeord­neter Wcndemuth (Soz.), der Reichstag und die Reichs­regierung müssen durch diese Katastrophe veranlaßt werden, dem Waldenburger Elendsgebiet endlich die Hilfe zu bringen, die von allen Kennern der Verhältnisse und auch vom Reichs­präsidenten selbst bei feinem Besuch des Reviers als not­wendig anerkannt worden ist.

Abg. Dr. Perlitius (3tr.) spricht sich gleichfalls für schnelle Hilfe aus. Er hebt besonders

die elende Lage der niederschlcsischcn Bergarbeiter hervor, die im ganzen für eine Tagesschicht nach Abzug der Versicherungsbeiträge höchstens 5,50 Mark Lohn erhalten.

Abg. Florin (Komm.): Die kapitalistischen Ausbeutungs- unb Rationalisierungsmethodcn tragen Schuld an diesem wie an den früheren Bergwerksunglücken. Ter Redner ergeht sich in starken Ausfällen gegen Regierung und Unternehmer

Abg. Lcjeunc-Jung (Christlichnat.) schließt sich den Aus- führungen des Dr. Perlitius vom Zentrum an und bittet, sämtliche vorliegenden Anträge dem Haushaltsausschuß zu Überwerfen.

Abg. Leopold (Dtn.): Die Angriffe der Kommunisten gegen die Bergwerksbesitzer sind zurückzuweisen. Gemeinsam mit den Belegschaften und den Grubenbeamten tun die Unter­nehmer alles für die Sicherheit im Bergbau Mögliche

Abg. Husemann (Soz ): Im Gegensatz zu dem kommu­nistischen Redner betont er, daß von den Bergarbeiterver- bänden alles getan werde, um der Ursache her Katastrophe auf die Spur zu kommen.

Unter dem Widerspruch und Pfuirufen der Kommunisten beschließt das Haus sodann, die vorliegenden drei Anträge einschließlich des kommunistischen dem H a u s h a l t s a n s - schuß zu über weisen

Es folgt die zweite Beratung des Gesetzentwurfes uver du Fälligkeit und Verzinsung der A u f w e r t u n g s h y p o- th e k e n in Verbindung mit dem Gesetzentwurf über die Be­reinigung der Grundbücher. Ter Ausschuß beantragt eine Entschließung, nach der eine Erhöhung der gesetzlichen Mieten wegen der Zinsfußerhöhung nicht erfolgen soll. Die durch das Gesetz eintretenbe Erhöhung der gesetzlichen Zinsen durch eine Senkung der H a u s z i n s st e u e r soll ausgeglichen werden.

Abg. Dr. Marum <Soz.) bezeichnet den Grundgedanken des Gesetzes als richtig. Eine plötzliche Erschütterung des Geld­marktes solle verhindert werden.

Abg. Dr. Rademacher (Din.) meint, das Gesetz liegt im Interesse der Gläubiger, aber es müsse bezweifelt werden, daß die Landwirtschaft den auf sie entfallenden Teil der Mehr­belastung tragen könne. Ter Redner beantragt, für die land­wirtschaftlichen Hypotheken den bisherigen Zinssatz bis zur Tilgung zu belassen.

Abg. Dr. Schumann-Leipzig (Komm.) erhebt Protest gegen das Gesetz.

Abg. Dr. Schetter (Ztr.) nennt das Gesetz den Schlußstein der Aufwertungsgesetzgebung.

Abg. Dingelden (D. Vp.> verwirft eine andere Regelung der landwirtschaftlichen Hypotheken. Hier solle eine grund­sätzliche Lösung der Aufwertungsfrage borgenommen werden.

Rcichsjustizminiftcr Dr. Bredt wendet sich gegen den deutschnationalen Antrag. Annehmbar sei dagegen die Forderung, daß für die Tilgungshypotheken der öffentlich-rechtlichen Kreditanstalten und Sparkassen ein ge­ringerer Zinssatz eintritt.

Abg. Hetzel (Wirtschaftspartei) erklärt, Der Hausbesitzer sähe mit Bangen dem Zeitpunkt entgegen, an dem er die Hypotheken zurückzahlen müsse.

Abg. Dr. Ehlermann (Dem.) protestiert gegen stärkere Be­schränkungen der Hypothekengläubiger. Der Antrag auf all­gemeine Zahlungssristgewährnng müsse abgelehnt werden.

Abg. Mönke (Christlichna't. Bauernpartei) glaubt, die Zinserhöhung komnic nur Großbanken und Spekulanten zugute.

Abg. Emminger (Bayer. Pp.) schützt die fällig werdenden Privathypotheken allein auf 6 bis 12 Milliarden.

Abg. Dr. Best (Volksrechtspartei) lehnt das Gesetz ab.

Damit schließt die Aussprache. Als Präsident Löbe nun­mehr die Abstimmung vornehmen will, beantragt Abg. Dr. Rademacher (Dtn.) Vertagung. Viele seiner Freunde hätten bereits das Haus verlassen. Vizepräsident von Kardorsf hätte ihm versichert, die Abstimmungen würden heute nicht mehr erfolgen.

Reichsjustizminister Dr. Bredt erwidert, Dr. Rademacher hätte richtiger getan, wenn er nicht den Vizepräsidenten von Kardorsf, sondern ihn, den Justizminister, gefragt hätte. (Große Heiterkeit im Hause.) Die Regierung lege Wert auf die heutige Vornahme der Abstimmungen.

Der Vertagungsantrag wird abgelehnt, die Vorlage im großen ganzen in der Ausschutzfassung angenommen, des­gleichen der Gesetzentwurf über die Bereinigung der Grund­bücher.

Tas Haus vertagt sich auf Sonnabend.

Treue Kameradfchast.

Hilfsaktion des Kyffhäuserbundes für seine Kameraden.

Der deutsche ReichskriegerbundKyffhäuser" stellte für die durch die Aussperrung bei der M a n s f e l d e r Gewerkschaft betroffenen und in Not geratenen Krieger­vereinsmitglieder des Mansfelder Gebirgskreises und deS Kreiskriegerverbandes Sangerhausen den Betrag von 12 000 Mark zur Verfügung, die durch den Regierungs- bezirks-Kricgerverband Merseburg bereits unter die be­troffenen Verbände zur Verteilung gelangt sind.

* Die Feiern der zehnjährigen Wiederkehr des Abstim­mungstages in Ost- und Wcstprcußen fanden in Stuhm unter außerordentlich starker Beteiligung statt.

* Der Preis eines ganzen Loses der Preußisch-Süddeutschen Klasienlotterie wird vom Oktober ab von 120 auf 200 Mark erhöht.

* Die Bergungsarbeiten in Neurode gestalteten sich sehr schwierig, so daß immer noch nicht alle Todesopfer geborgen werden konnten.

* General der Kavallerie a. D. Freiherr Friedrich von Bernhardi ist im Alter von 83 Jahren gestorben.