Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr.St8» — 1930
Fulda, Montag, 21. Juli
7. Jahrgang
M
Reichspräsident v. Hindenburg am befreiten Rhein.
Des Reichspräsidenten Dank für die rheinische Treue.
Lubel am Mein.
Hindenburgs Fahrt durch befreites Lan d'.
Auf der Fahrt in die befreite Pfalz traf der Reichspräsident in Bruchsal ein. Auf dem Bahnsteig hatten, sich die Militärvereine mit Fahnenabordnungen aufgestellt, die gemeinsam mit
Tausenden von Schulkindern
dem Reichspräsidenten zujubelten. Ein kleines Mädchen überreichte ihm einen Blumenstrauß in den badischen Farben. Sichtlich gerührt bedankte sich der Reichspräsident, der einen sehr frischen und gesunden Eindruck macht. Unter dem Jubel einer großen Menschenmenge fuhr dann der Zug nach Speyer weiter. Auch in Germersheim wurde dem Reichspräsidenten ein festlicher Empfang zuteil. Hindenburg dankte der Bürgerschaft insbesondere für ihr tapferes Ausharren während der Besetzungszxit. Nach der Vorstellung von
drei Kriegsvcteranen von 1870/71 setzte sich der Zug unter lebhaften Hochrufen wieder in Bewegung.
In Speyer hatte sich eine ungeheure Menschenmenge zur Begrüßung des Reichsoberhauptes am Bahnhof eingefunden. Der Bahnsteig prangte in herrlichem Festschmuck. Unter den Klängen des bayerischen Defiliermarsches wurde Hindenburg im Zuge vom bayerischen Ministerpräsidenten begrüßt.
Brausender Jubel
erschallte, als der Reichspräsident vor dem Bahnhof den Kraftwagen bestieg. Auf dem Wege begleiteten fortgesetzt Hochruse und der Gesang des Deutschlandliedes das Staatsoberhaupt.
Aus seiner Fahrt durch das befreite Rheinland ergriff Reichspräsident von Hindenburg bei den Feierlichkeiten im SpeyererRathausdas Wort zu einem Dank für die freundliche Begrüßung und fuhr so- Dann fon:
. , "^sist mir eine besondere Genugtuung, daß ich heute unter Ihnen weilen darf, um mich mit Ihnen der
wiedererlangten Freiheit der Pfalz
3“ freuen. Aufrecht und stolz dürfen Sie, dürfen alle Deutschen am Rhein nach den langen dunklen Jahren fremder Besetzung die Tage der Freiheit begrüßen. Besonders schwer und hart war der Druck, der vom ersten Tage der Besetzung an auf der Pfalz gelastet hat, besonders stark waren hier auch die
Bestrebungen schlechter Elemente, welche die Losreißung deutschen Gebietes versuchten und sich in Verblendung an dem heiligen Boden unseres Vaterlandes vergriffen. Mit Würde und Festigkeit, mit nie versagender Treue und nie wankendem Mut hat die Bevölkerung der Pfalz in all diesen Gefahren ihrD«utschtum Hehauplet; in einmütigem ' Zusammenstehen aller Schichten und Berufsstände hat die Pfalz durch diese lange Notzeit hindurch das Banner des Reiches wie die heimatliche Fahne des bayerischen Landes in die Freiheit hin- übergerettet.
Das Heimatgefühl der Verbundenheit mit dem Boden der Väter, die Liebe zum Vaterlande, der großen Gemeinschaft deutscher Nation, haben Sie befähigt, fremder Gewalt und Verlockung zu widerstehen und verräterische Anschläge auf deutsches Land in aufrechtem Mannesmut und Freiheilswillen zunichte zu machen. Bewegten Herzens danke ich Ihnen, danke ich allen Männern und Frauen der Pfalz für diese unerschütterliche vaterländische Treue und für Ihr tapferes Dulden.
Es ist mir weiter eine Freude, die Vertreter Badens heute hier zu sehen und auch ihnen mit herz- ^chen Grüßen an das Hanauerland und die Stadt Kehl f"r ihre während der langen Besetzungszeit bewiesene treudeutsche Haltung namens des Reiches Lob und dankbare Anerkennung aussprechen zu können.
In tiefer Trauer senken wir das Haupt in Erinnerung an alle,
die Leben und Gesundheit gaben
für Heimat und Freiheit; mit Stolz grüßen wir heute die vielen, die ihre Treue zu Vaterland und beschworener Pflicht trotz Gefängnisstrafen und trotz Verbannung von Haus und Heimat unerschütterlich gehalten haben.
Ihnen allen, die ein Beispiel mannhaften Deutschtums für alle Zeiten gaben, gebührt Deutschlands unauslöschlicher Dank! Ihr Vorbild soll uns mahnen, das hohe Gut des Vaterlandes über alle persönlichen Interessen und Anschauungen zu stellen und alles Trennende zu über- 'riicken durch die Treue zu Heimat und deutschem Volke. Diesem Ziele zu dienen geloben wir, indem wir rufen: Deutschland, unser geliebtes Vaterland, es lebe hoch!"
Der Reichspräsident begab sich mit den übrigen Herren sodann auf den Balkon des Rathauses und begrüßte die zahlreiche Volksmenge mit den Worten: „Meinem Dank für die Treue der Pfalz habe ich in der Festsitzung im Rathause soeben Ausdruck gegeben. Sie alle bitte ich, stets eingedenk zu sein dieses Beispiels vaterländischer Bürgerpflicht und über allen Streit des Tages das Vaterland zu stellen. Dann wird es mit uns vorwärts- und aufwärtsgehen. Mit diesem Wunsche rufen wir:
Unser geliebtes Vaterland, unser Deutschland, lebe bock!"
Reichsaußenminister Dr. Curtius übermittelte den Anwesenden Grüße und Dank der Reichsregierung. Er würdigte das Ende der mehr als elfjährigen Besetzungszeit als ein großes Ereignis der deutschen Geschichte, ja als ein w e l 1 g e s ch i ch t l i ch e s E r e i g n i s. Schwer lastet auf unserem gesamten Vaterlande noch die allgemeine wirtschaftliche Not und die politische Verwirrung des Augenblicks. Aber wir haben ein Recht darauf, heute die Sorgen des Alltags zurückzustellen und uns der stolzen Freude hinzugeben, daß es keine Trennungslinie zwischen besetztem und unbesetztem Deutschland mehr gibt; um so mehr. als wir fest entschlossen sind, alle aufbau-
Hindcnburg beim Verlassen des Domes in Speyer, neben ihm Oberstleutnant von Hindenburg und Staatssekretär Dr. Meißner — auf der anderen Seite Reichsaußenminister Dr. Curtius und der bayerische Ministerpräsident Dr. Hel d.
bereiten und staatsbewußten Kräfte einzusetzen, um politische und sinanziell-wirtschaftliche Ordnung zu schaffen.
Mit besonderem Stolz kann die Pfalz auf die vergangenen Jahre zurücksehen. Sie hat in selbstverständlichem
Bewußtsein unlöslicher Verbundenheit
auch in schwerster Stunde zum angestammten Vaterlande gehalten. Dies erhebende Bild fester und treuer Geschlossenheit der Männer und Frauen in der Pfalz und am Rhein wollen wir uns auch nicht trüben lassen durch den Gedanken an solche Personen, die nicht mit der Bevölkerung in Reih und Glied gestanden haben, als das Vaterland in Gefahr war. Die Würde Deutschlands, die stolze Gesinnung der Bevölkerung in der Pfalz und am Rhein fordert, daß wir über sie stillschweigend zur Tagesordnung übergehen und sie nicht Gegenstand zügelloser Gewalttaten werden lassen, die nur unserem Ansehen schaden könnten. Der Minister gedachte dann in dieser Stunde seines Vorgängers Stresemann. Wie ost hat man in früheren Jahren die auS verzweifeltem Herzen kommenden Worte gehört, die Besetzungstruppen würden das Rheinland nie wieder verlassen. Diejenigen haben recht behalten, die solchem Pessimismus den Ruf entgegensetzten:
Niemals verzweifeln!
Noch sind wir nicht am Ende des Weges. Das zeigt uns schon der Blick auf die
Waffenverbot in Preußen.
Bekanntmachung bevorstehend.
Das preußische Staatsministerium beschloß in seiner «letzten Sitzung eine Notverordnung über den Gebrauch von Hieb- und Stichwaffen. Die Verordnung, die besonders auf die Wahlzeit zugeschnitten sein soll, wird sich nach der Ansicht des Staatsministeriums zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit als notwendig erweisen. Sie wird gemäß Artikel 55 der preußischen Verfassung in Übereinstimmung mit dem Ständigen Ausschuß des Landtages mit Gesetzeskraft erlassen werden. Dem Ständigen Ausschuß des Landtages geht die Verordnung alsbald zu. Es besteht kein Zweifel, daß der Ständige Ausschuß dem Vorschläge des Staatsministeriums zustimmt. Durch die Verordnung wird die Führung von Hieb- und Stichwaffen stark eingeschränkt. Wer nicht beruflich genötigt ist, Hieb- oder Stichwaffen bei sich führen, darf sie überhaupt nicht tragen. Aber auch diese beruflich dazu berechtigten Personen, wie z. B. Schlächter, Schuster u. a., dürfen die Waffen auch nur auf ihren Arbeitswegen bei sich haben. Zu den verbotenen Waffen gehören: Schlagringe, Dolche, Gummiknüppel und eine bestimmte Sorte feststellbarer Messer. Für den kommenden Wahlkampf ist es von Bedeutung, daß der Besuch politischer Versammlungen nur o h n e Schuß-, Hieb- und Stichwaffen gestatte, ist. Für Zuwiderhandlungen ist eine Mindeststrafe von drei Monalen Gefängnis vorgesehen.
Saarpfalz und die ganze Saar.
Gerade heute muß es uns mit Schmerz erfüllen, daß ihre Wiedervereinigung mit dem Vaterlande noch nicht gelungen ist. Unerschütterlich steht die Bevölkerung an der Saar zu ihrem Deutschtum und zum Reich, so daß wir mit voller Ruhe dem Jahre 1935 entgegensehen können. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, daß es auch ix dieser Frage gelingen wird, die Lösung schon früher zu finden.
Auf seiner Weiterfahrt durch die Pfalz traf Hindenburg Sonnabend nachmittag in Neustadt a. d. H. ein, jubelnd begrüßt von der Bevölkerung. Nach dem Dank des Reichspräsidenten ging es nach Deidesheim, Forst, Wartenheim, Deiksheim, Ludwigshafen. überall wurden dem Reichspräsidenten stürmische Ovationen dargebracht. Beim Anlegeplatz des Dampfers „Hindenburg" in Worms stand Hindenburg auf der Schiffsbrücke und winkte. Der Dampfer setzte die Fahrt nach Oppenheim und Mainz fort.
In Mainz.
Das Schiff mit dem Reichspräsidenten von Hindenburg an Bord legte kurz nach 7 Uhr am Landungssteg der Köln-Düsseldorfer Dampfschiffahrtsgesellschaft in Mainz an. Von einer ungeheuren Menschenmenge *ubelnb begrüßt, hielt Hindenburg seinen Einzug in das festlich geschmückte Mainz. Der hessische Staatspräsident Dr. e. h. Adelung und der Oberbürgermeister Dr. Külb begrüßte das Reichsoberhaupt.
Reichspräsident von Hindenburg bestieg das Auto und fuhr in Begleitung des Staatspräsidenten Dr. Adelung, des Reichskanzlers a. D. Hermann Müller, Reichs- anßenministers Dr. Curtius, Reichsinnenministers Dr. Wirth, des bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Held, des badischen Staatspräsidenten Dr. Schmitt und der übrigen Vertreter der Regierungen und Behörden zum Palais, wo er Wohnung nahm. Auf der Fahrt ins Palais wird er vom Volke wiederum stürmisch begrüßt.
Hindenburg feiert Stresemann.
In einer Ansprache an die Festversammlung in der Mainzer Stadthalle sprach Reichspräsident von Hindenburg dem hessischen Staatspräsidenten, dem Oberbürgermeister von Mainz und der hessischen Bevölkerung, die so schwer unter der Last der Besatzung gelitten habe, für die herzlichen Willkommengrüße seinen Dank aus. Nur einige Geschlossenheit aller Schichten der Bevölkerung habe die Versuche, durch Lostrennung vom Mutterlande Erleichterung des eigenen Schicksals zu erlangen, abwehren können. Der Reichspräsident führte u. a. weiter aus:
„Mit Ihnen allen bedauere ich, daß der Mann, mit dessen Namen sich das Bemühen, unter Opfern und durch Verständigung die Befreiung rheinischen Gebietes zu erlangen, unlösbar verknüpft, daß Gustav S1 rese - m a n n heute nicht mehr unter dèn Lebenden weilt, die ihm hier den Zoll ihres Dankes entgegengebracht hätten. Wir gedenken in dieser Stunde seiner als eines Mannes, der in vaterländischer Pflichterfüllung seiner selbst gestellten Ausgabe der Befreiung der Rheinlande treu bis zum letzten Atemzuge gedient hat und als Opfer dieses Dienstes von uns gegangen ist."
Der Reichspräsident gedachte des noch immer nicht freien Saarlandes und schloß: „Möge sich zur Freiheit am Rhein im ganzen deutschen Vaterlande endlich auch die Einiakeit aesellen!"
Hindenburg an Brüning.
Die neuen Notverordnungen.
Der Reichspräsident hat nach amtlicher Mitteilung die Verordnung, durch die die beiden Notverordnungen wieder außer Kraft gesetzt werden, mit folgendem an den Reichskanzler gerichteten Schreiben übersandt: Sehr geehrter Herr Reichskanzler! Anbei übersende ich Ihnen die Verordnung, welche meine auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung erlassenen beiden Verordnungen vom 16. Juli d. I. dem Beschlusse des Reichstages entsprechend wieder aufhebt. Ich ersuche nunmehr die Reichsvegierung, mir alsbald Vorschläge für den Erlaß von Verordnungen zu unterbreiten, die im Rahmen des Artikels 48 der Neichsverfassung die Sanierung der öffentlichen Finanzen und damit die Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung sicherstellen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der Reichspräsident wurde auf seiner Fahrt durch das befreite Rheinland mit ungeheurem Jubel von der Bevölkerung begrüßt.
* Die preußische Negierung beschloß ein verschärftes Waffcn- verbot mit Rücksicht auf die begonnene Wahlkampfzeit.
* In der Berufungsverhandlung des Stinnesprozesses wurden Hugo Stinnes und zwei andere Angeklagte wieder freigesprochen. Waldow und Bela Groß erhielten statt der in Ler ersten Instanz verhängten Gefangn, sstrasen nur Geldstrafen.
* In Lübeck wurden drei beamtete Aerzte, denen die Schuld an bet Söngling^atastrophe beigemessen wird, ihrer Aemter enthoben.